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Volume Nr. 19, 6. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
• * 8,*. 
Der Wassersport auf der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt ! 
Im Mitteltheil der Sporthalle hat der Wassersport seinen Platz 
gefunden, hier einen wohl abgestimmten Uebergang von den übrigen 
Sportarten zur Fischerei bildend. Sofort beim Eintritt in die 
prächtige Halle fällt dem Beschauer das in dem geschlossenen Baume 
doppelt mächtig wirkende Segel einer mittelgrossen Schwertyacht 
auf. Das Boot ist nach dem Entwurf eines in Berlin ansässigen 
geschickten Constructeurs auf einer Berliner Werft entstanden und 
ist aus Ledern- und Eichenholz erbaut. Die Länge über Deck beträgt 
7 Vs m, die grösste Breite 2 '/ 2 m, der Tiefgang ca. 1 m. Der Mast ragt 
10 m hoch, fast bis an die Deckbalken heran und die Fläche der drei 
Segel (Grosssegel, Fock und Topsegel) beträgt 20 qm. Das Boot 
misst somit 2 8 /io Segeleinheiten (Maass des Deutschen Segler-Ver 
bandes) und hat 1 '/z Register Tons (ä 20 Ctr.) Rauminhalt. Es 
ist ein sogenanntes Schwertboot, d. h. durch seinen Kiel kann eine 
Senkflosse aus Eisen herabgelassen werden; am hinteren Ende des 
Kieles sind in Form eines Schuhes zehn Centner Blei angebolzt, 
um den hochragenden Segeln das nöthige Gegengewicht zu bieten. 
Das Totalgewicht des ganzen Bootes beträgt 23 Centner. Es ist 
oben platt gedeckt und hat ein offenes Cockpit (Sitzraum) also keine 
Cajiite, wodurch es sofort seine Bestimmung als Rennboot verräth. 
Der Preis des eigens für die Ausstellung angefertigten und von 
dieser bereits zur Verloosung angekauften Bootes beträgt nur 2500 Mk. 
Alle Beschläge sind aus Nickel und Messing gemacht, überhaupt ist nur 
bestes Material verwendet und man kann sagen, dass der Berliner 
Bootbau durch diese eine Yacht würdig vertreten ist. 
Dicht neben der Segelyacht ist ein Motorboot von demselben Er 
bauer aufgestellt. Auch dieses ist von Eichen und Ledern gebaut, 
bat 7'/ 2 m Länge und 2 m Breite. Kostenpunkt 4200 Mark. Die 
Maschine ist ein Daimler-Motor, für Petroleum und Benzin eingerichtet. 
An dieses Motorboot reihen sich ein Touren-Ruderboot, ebenfalls 
möglichst stark eingedeckt und mit 2 Masten und Segeln versehen 
und ein Touren-Canoe oder Paddelboot an. Beide Boote sind sehr 
sauber gearbeitet, auch sie sind aus Eichen und Ledern gebaut und 
finden viele Anerkennung. Auf der anderen Seite schliesst sich an 
das Segelboot eine Sonder-Ausstellung von Modellen hervorragender 
Berliner Yachten, die auf derselben Werft entstanden sind wie das 
grosse Boot. Wir finden da in kleinerem Maassstabe getreu wieder 
gegeben den Wulstkieler »Lita«, der am 19. August 1894 auf dem 
Müggelsee den Kaiserpreis des Berliner Yacht-Club einheimste, 
die »Dora« (Schwertboot), die am 6. October 1895 den 
gleichen Preis auf gleichem Wasser davontrug und die Yacht 
»Irrlicht«, welche am 25. August 1895 den Kaiserpreis des Berliner 
Regatta - Vereins auf dem Müggelsee erkämpfte. Neben diesen 
interessanten Modellen lagern zwei Ruderboote übereinander, 
ein Einskuller und ein Doppelskuller. Beides sind Boote, 
wie sie am liebsten zu Vergnügungsfahrten mit Damen am 
Steuer benutzt werden. Sie sind demnach höchst elegant, theils mit 
vernickelten Beschlägen, Teppichen, Kissen etc. ausgestattet und 
rufen in dem Herzen mancher jungen Dame gewiss den Wunsch 
wach, doch auch einmal den verlockenden Sitz einnehmen zu können 
und sich von den kräftigen Armen des Verehrers in schnellem 
Tempo über den glatten Spiegel der Spree und Dahme dahinführen 
zu lassen. Der Einskuller ist ebenfalls schon zur Verloosung an 
gekauft. Weiter folgen dann zwei Dampfermodelle, das eine, 
Originalmodell Sr. Majestät Dampfyacht »Alexandria«, fordert 
durch die peinlich saubere und exactc Ausführung den Beifall 
der Beschauer heraus, das andere, ein Lloyddampfer, von einem 
Laien gefertigt, zeigt weniger die richtige Form als vielmehr die 
mit grosser Liebe und Sorgfalt ausgeführte innere Ausstattung. 
Wie man hört, soll dasselbe demnächst noch innen elektrisch be 
leuchtet werden, um sich so besser dem Auge des Beschauers dar 
zubieten. In den Seitenkojen der Halle sind Schränke mit allen 
zum Ruder- und Segelbootbau erforderlichen Beschlägen und Aus 
rüstungsgegenständen untergebracht, auch befinden sich dort sowie 
in einem grossen Glaspavillon in der Haupthalle alle für Ruderer 
und Segler erforderlichen Tricots, Beinkleider, Mützen u. s. w. 
In der ersten Koje zur linken Hand haben Schneeschuhe, Renn 
wölfe, Schlitten u. s. w, kurz alle Gegenstände, die beim Wintersport 
verwendet werden, Aufnahme gefunden. Die ganze Untergruppe 
»Wassersport« wird von den anderen in der Haupthalle unterge 
brachten Sportgruppen durch einen quergestellten grossen Kasten 
abgeschlossen, an dem Kundige Ausleger und Dollen (Rudergabeln) etc. 
bemerken, also Ausrüstungsstücke, die sonst nur Ruderboote tragen. 
Der 6 m lange und ca. 1 m breite, schwere viereckige Kasten er 
regt im höchsten Grade das Erstaunen der meisten Besucher und 
die seltsamsten Betrachtungen werden laut: »Na, so’n Kasten kann 
doch nicht schnell fahren!« oder: »An dem vorderen flachen Ende 
staut sich ja das ganze Wasser!« u. s. w. 
Des Räthsels Lösung ist jedoch eine sehr einfache. Zur Vor 
wärtsbewegung dient der Kasten überhaupt nicht, sondern er wird 
.mittels Ketten in einem Winterschwimmbassin festgelegt und soll 
lediglich während der Wintermonate den Ruderern das Heben im 
Wasser ermöglichen. Er ist eine Erfindung des Herrn Ober-Baurath 
Rettig und fast alle Berliner Rudervereine besitzen einen solchen 
Kasten, der denn auch recht fleissig von ihren Mitgliedern benutzt 
wird und schon viele gute Dienste zur Einübung der Neulinge und 
zur Ausbildung der älteren Ruderer geleistet hat. In dem Kasten 
liegen die Ruder (Riemen), deren Blatt statt aus Holz aus einem 
Drahtgeflecht besteht, das natürlich Wasser durchlässt und so das 
Durchziehen der Ruder im stehenden Wasser des Bassins erleichtert, 
während sonst beim Festliegen des Fahrzeuges der Widerstand des 
stehenden Wassers ein so hoher sein würde, dass kein Mensch im 
Stande wäre, das Ruder in der erforderlichen Zeit durch das Wasser 
durchzuziehen. Neben dem Kasten steht ein Obelisk, der auf seinen 
vier Seitenflächen Constructionszeichnungen von Segelbooten zeigt und 
von einem Bootsmodell gekrönt wird. Jenseit des Ruderkastens, also in 
mitten der Haupthalle, befindet sich die Ausstellung Sr. Majestät selbst. 
Diese Ausstellung ist dem Reit- und Fahrsport gewidmet, wird aber 
von vier hohen Postamenten flankirt, welche wassersportliche Preise 
tragen. Da ist zunächst ein in Silber getriebenes Modell Sr. Majestät 
Rennyacht »Meteor« sehr sauber ausgeführt, dann der grosse 
silberne Preis in Form einer Urne mit zwei Henkeln, welchen 
der Kaiser s. Z. für hervorragende Leistungen der Schiffsartillerie 
gestiftet hat, ferner der silberne Ehrenschild, ebenfalls gestiftet vom 
Kaiser für die Regatta der Royal Yacht Squadron in Cowes (Eng 
land) und von dem Prinzen von Wales mit seiner Yacht »Britannia« 
im Jahre 1895 gewonnen. Der vierte Sockel endlich trägt den 
grossen silbernen Pokal, gestiftet vom Commercienrath Krupp-Essen, 
welchen der Kaiser selbst auf der Regatta des Kaiserlichen Yacht 
clubs in Kiel 1894 gewann. 
Zu dieser reichhaltigen und wirklich sehenswerthen Ausstellung 
muss man noch die Decoration der Halle mit den Flaggen der 
Berliner Ruder- und Segel-Vereine hinzurechnen, und man wird 
zugeben, dass der Wassersport auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung 
wirklich recht würdig vertreten ist. Nur schade, dass Renn 
Ruderboote nicht ausgestellt sind, ein Mangel, der wohl seinen Grund 
darin hat, dass die Clubs ihr Rennmaterial jetzt zur Rennzeit nicht 
gut entbehren können, während die Berliner Bootbauer anderweit 
zu stark beschäftigt waren, als dass sie für die Ausstellung direct 
Boote hätten herstellen können. G . . s. 
Ein schwindelhaftes Extrablatt von unglaublicher 
Frechheit wurde am Freitag Nachmittag in den Strassen Berlins 
ausgebrüllt und leider wieder in Hunderten von Exemplaren ge 
kauft. Das elende Machwerk wusste von einer furchtbaren 
Kessel-Explosion in der Ausstellung zu erzählen, von 
»einem Unglück, wie es seit langen Jahren in Berlin nicht vor 
gekommen ist und schrecklicher nicht gedacht werden kann«. Mer 
Personen sollten schwer verbrüht, eine fünfte todt sein. An der 
ganzen, im Stil eines Colportage-Romans ausgemalten Schauer 
geschichte ist nur das Eine wahr, dass am Donnerstag Morgen, 
wie bereits von uns gemeldet, im Freien ein Rohr gesprungen war und 
einen Arbeiter schwer verletzt hatte. Welche Aufregung dieser Extra 
blatt-Schwindel wieder hervorrief, erhellt aus der Thatsache, dass nicht
	        
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