Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs - Nachrichten.
• * 8,*.
Der Wassersport auf der Ausstellung.
[Abdruck untersagt !
Im Mitteltheil der Sporthalle hat der Wassersport seinen Platz
gefunden, hier einen wohl abgestimmten Uebergang von den übrigen
Sportarten zur Fischerei bildend. Sofort beim Eintritt in die
prächtige Halle fällt dem Beschauer das in dem geschlossenen Baume
doppelt mächtig wirkende Segel einer mittelgrossen Schwertyacht
auf. Das Boot ist nach dem Entwurf eines in Berlin ansässigen
geschickten Constructeurs auf einer Berliner Werft entstanden und
ist aus Ledern- und Eichenholz erbaut. Die Länge über Deck beträgt
7 Vs m, die grösste Breite 2 '/ 2 m, der Tiefgang ca. 1 m. Der Mast ragt
10 m hoch, fast bis an die Deckbalken heran und die Fläche der drei
Segel (Grosssegel, Fock und Topsegel) beträgt 20 qm. Das Boot
misst somit 2 8 /io Segeleinheiten (Maass des Deutschen Segler-Ver
bandes) und hat 1 '/z Register Tons (ä 20 Ctr.) Rauminhalt. Es
ist ein sogenanntes Schwertboot, d. h. durch seinen Kiel kann eine
Senkflosse aus Eisen herabgelassen werden; am hinteren Ende des
Kieles sind in Form eines Schuhes zehn Centner Blei angebolzt,
um den hochragenden Segeln das nöthige Gegengewicht zu bieten.
Das Totalgewicht des ganzen Bootes beträgt 23 Centner. Es ist
oben platt gedeckt und hat ein offenes Cockpit (Sitzraum) also keine
Cajiite, wodurch es sofort seine Bestimmung als Rennboot verräth.
Der Preis des eigens für die Ausstellung angefertigten und von
dieser bereits zur Verloosung angekauften Bootes beträgt nur 2500 Mk.
Alle Beschläge sind aus Nickel und Messing gemacht, überhaupt ist nur
bestes Material verwendet und man kann sagen, dass der Berliner
Bootbau durch diese eine Yacht würdig vertreten ist.
Dicht neben der Segelyacht ist ein Motorboot von demselben Er
bauer aufgestellt. Auch dieses ist von Eichen und Ledern gebaut,
bat 7'/ 2 m Länge und 2 m Breite. Kostenpunkt 4200 Mark. Die
Maschine ist ein Daimler-Motor, für Petroleum und Benzin eingerichtet.
An dieses Motorboot reihen sich ein Touren-Ruderboot, ebenfalls
möglichst stark eingedeckt und mit 2 Masten und Segeln versehen
und ein Touren-Canoe oder Paddelboot an. Beide Boote sind sehr
sauber gearbeitet, auch sie sind aus Eichen und Ledern gebaut und
finden viele Anerkennung. Auf der anderen Seite schliesst sich an
das Segelboot eine Sonder-Ausstellung von Modellen hervorragender
Berliner Yachten, die auf derselben Werft entstanden sind wie das
grosse Boot. Wir finden da in kleinerem Maassstabe getreu wieder
gegeben den Wulstkieler »Lita«, der am 19. August 1894 auf dem
Müggelsee den Kaiserpreis des Berliner Yacht-Club einheimste,
die »Dora« (Schwertboot), die am 6. October 1895 den
gleichen Preis auf gleichem Wasser davontrug und die Yacht
»Irrlicht«, welche am 25. August 1895 den Kaiserpreis des Berliner
Regatta - Vereins auf dem Müggelsee erkämpfte. Neben diesen
interessanten Modellen lagern zwei Ruderboote übereinander,
ein Einskuller und ein Doppelskuller. Beides sind Boote,
wie sie am liebsten zu Vergnügungsfahrten mit Damen am
Steuer benutzt werden. Sie sind demnach höchst elegant, theils mit
vernickelten Beschlägen, Teppichen, Kissen etc. ausgestattet und
rufen in dem Herzen mancher jungen Dame gewiss den Wunsch
wach, doch auch einmal den verlockenden Sitz einnehmen zu können
und sich von den kräftigen Armen des Verehrers in schnellem
Tempo über den glatten Spiegel der Spree und Dahme dahinführen
zu lassen. Der Einskuller ist ebenfalls schon zur Verloosung an
gekauft. Weiter folgen dann zwei Dampfermodelle, das eine,
Originalmodell Sr. Majestät Dampfyacht »Alexandria«, fordert
durch die peinlich saubere und exactc Ausführung den Beifall
der Beschauer heraus, das andere, ein Lloyddampfer, von einem
Laien gefertigt, zeigt weniger die richtige Form als vielmehr die
mit grosser Liebe und Sorgfalt ausgeführte innere Ausstattung.
Wie man hört, soll dasselbe demnächst noch innen elektrisch be
leuchtet werden, um sich so besser dem Auge des Beschauers dar
zubieten. In den Seitenkojen der Halle sind Schränke mit allen
zum Ruder- und Segelbootbau erforderlichen Beschlägen und Aus
rüstungsgegenständen untergebracht, auch befinden sich dort sowie
in einem grossen Glaspavillon in der Haupthalle alle für Ruderer
und Segler erforderlichen Tricots, Beinkleider, Mützen u. s. w.
In der ersten Koje zur linken Hand haben Schneeschuhe, Renn
wölfe, Schlitten u. s. w, kurz alle Gegenstände, die beim Wintersport
verwendet werden, Aufnahme gefunden. Die ganze Untergruppe
»Wassersport« wird von den anderen in der Haupthalle unterge
brachten Sportgruppen durch einen quergestellten grossen Kasten
abgeschlossen, an dem Kundige Ausleger und Dollen (Rudergabeln) etc.
bemerken, also Ausrüstungsstücke, die sonst nur Ruderboote tragen.
Der 6 m lange und ca. 1 m breite, schwere viereckige Kasten er
regt im höchsten Grade das Erstaunen der meisten Besucher und
die seltsamsten Betrachtungen werden laut: »Na, so’n Kasten kann
doch nicht schnell fahren!« oder: »An dem vorderen flachen Ende
staut sich ja das ganze Wasser!« u. s. w.
Des Räthsels Lösung ist jedoch eine sehr einfache. Zur Vor
wärtsbewegung dient der Kasten überhaupt nicht, sondern er wird
.mittels Ketten in einem Winterschwimmbassin festgelegt und soll
lediglich während der Wintermonate den Ruderern das Heben im
Wasser ermöglichen. Er ist eine Erfindung des Herrn Ober-Baurath
Rettig und fast alle Berliner Rudervereine besitzen einen solchen
Kasten, der denn auch recht fleissig von ihren Mitgliedern benutzt
wird und schon viele gute Dienste zur Einübung der Neulinge und
zur Ausbildung der älteren Ruderer geleistet hat. In dem Kasten
liegen die Ruder (Riemen), deren Blatt statt aus Holz aus einem
Drahtgeflecht besteht, das natürlich Wasser durchlässt und so das
Durchziehen der Ruder im stehenden Wasser des Bassins erleichtert,
während sonst beim Festliegen des Fahrzeuges der Widerstand des
stehenden Wassers ein so hoher sein würde, dass kein Mensch im
Stande wäre, das Ruder in der erforderlichen Zeit durch das Wasser
durchzuziehen. Neben dem Kasten steht ein Obelisk, der auf seinen
vier Seitenflächen Constructionszeichnungen von Segelbooten zeigt und
von einem Bootsmodell gekrönt wird. Jenseit des Ruderkastens, also in
mitten der Haupthalle, befindet sich die Ausstellung Sr. Majestät selbst.
Diese Ausstellung ist dem Reit- und Fahrsport gewidmet, wird aber
von vier hohen Postamenten flankirt, welche wassersportliche Preise
tragen. Da ist zunächst ein in Silber getriebenes Modell Sr. Majestät
Rennyacht »Meteor« sehr sauber ausgeführt, dann der grosse
silberne Preis in Form einer Urne mit zwei Henkeln, welchen
der Kaiser s. Z. für hervorragende Leistungen der Schiffsartillerie
gestiftet hat, ferner der silberne Ehrenschild, ebenfalls gestiftet vom
Kaiser für die Regatta der Royal Yacht Squadron in Cowes (Eng
land) und von dem Prinzen von Wales mit seiner Yacht »Britannia«
im Jahre 1895 gewonnen. Der vierte Sockel endlich trägt den
grossen silbernen Pokal, gestiftet vom Commercienrath Krupp-Essen,
welchen der Kaiser selbst auf der Regatta des Kaiserlichen Yacht
clubs in Kiel 1894 gewann.
Zu dieser reichhaltigen und wirklich sehenswerthen Ausstellung
muss man noch die Decoration der Halle mit den Flaggen der
Berliner Ruder- und Segel-Vereine hinzurechnen, und man wird
zugeben, dass der Wassersport auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung
wirklich recht würdig vertreten ist. Nur schade, dass Renn
Ruderboote nicht ausgestellt sind, ein Mangel, der wohl seinen Grund
darin hat, dass die Clubs ihr Rennmaterial jetzt zur Rennzeit nicht
gut entbehren können, während die Berliner Bootbauer anderweit
zu stark beschäftigt waren, als dass sie für die Ausstellung direct
Boote hätten herstellen können. G . . s.
Ein schwindelhaftes Extrablatt von unglaublicher
Frechheit wurde am Freitag Nachmittag in den Strassen Berlins
ausgebrüllt und leider wieder in Hunderten von Exemplaren ge
kauft. Das elende Machwerk wusste von einer furchtbaren
Kessel-Explosion in der Ausstellung zu erzählen, von
»einem Unglück, wie es seit langen Jahren in Berlin nicht vor
gekommen ist und schrecklicher nicht gedacht werden kann«. Mer
Personen sollten schwer verbrüht, eine fünfte todt sein. An der
ganzen, im Stil eines Colportage-Romans ausgemalten Schauer
geschichte ist nur das Eine wahr, dass am Donnerstag Morgen,
wie bereits von uns gemeldet, im Freien ein Rohr gesprungen war und
einen Arbeiter schwer verletzt hatte. Welche Aufregung dieser Extra
blatt-Schwindel wieder hervorrief, erhellt aus der Thatsache, dass nicht
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