Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officieüe Ausstellungs-Nachrichten. 13
schlossen, dieselbe auf einen späteren, noch näher zu bestimmenden
Termin zu verlegen.
V
Die Festbeleuchtung! Wie und wo wird sie ge
schaffen? Als Entschädigung für dieses heute leider unmögliche
Lichtfest wollen wir unseren Lesern wenigstens verrathen,
wie es entsteht. Wir wollen den Vorhang lüften, der eine
der interessantesten Werkstätten des Ausstellungsgeländes ver
hüllt und unseren Lesern im Voraus erzählen, wie es gemacht
wird. Weit hinter der Ausstellung für Feuerbestattung, weit
hinter dem Wagenpark der elektrischen Kundbahn schlängelt
sich ein enger, vielgewundener Waldplad durch dichtes Grün.
Kein Fremdling darf sich hier ''des schönen Schattens der
alten Bäume erfreuen, und wer es gar versucht, über
den Zaun hineinzukommen, den nimmt der Gendarm oder
der Ausstellungswächter unfehlbar beim Kragen. Am Ende
dieses Waldpfades erhebt sich auf einer Lichtung ein Blockhaus,
das sich Paul Demuth, der vielbewanderte, für die Zwecke
seiner Beleuchtungs - Veranstaltungen eigens hier gebaut hat.
Aber wie sieht es vor und in diesem Laboratorium aus?
Den Platz hegen grünbestrichene, tragbare hölzerne Böcke
ein; sie haben die Form der Bogen, an denen um den
Neuen See herum die Opalgläser' hängen und dienen den
Leuten für die Füllung und Reinigung der Lampen. Hat man
diese Barrikade passirt, so stolpert der Fuss über Kisten
und Kasten, aus denen noch der Zubereitung harrende Glaslampen
in allen Farben neugierig zum Himmel aufblicken. Man watet durch
Berge von Stroh, man verfängt sich in Drahtschlingen und fürchtet,
auf Schritt und Tritt in einen kleinen Ocean präparirter Glaskörper zu
fallen. Hier werden ihnen Drahtschlingen um den Hals gelegt; hier
trägt man riesige Geflechtkörbe von dannen, um erstere an Ort und
Stelle aufzuhängen; dort putzen flinke weibliche Hände unter der
Aufsicht der unermüdlichen Gattin des Herrn Demuth die mit dem
Leuchtmaterial — dessen Zusammensetzung ein patentirtes Ge-
heimniss ist — in Verbindung stehenden Döchtlcin sauber; dort —
nein, alles wird nicht erzählt, um nicht die abendliche Wirkung
der Beleuchtung vorweg zu nehmen. Auf diese Weise, im Labora
torium und draussen im Park arbeiten nicht weniger als 75 Per
sonen an dem pünktlichen und glücklichen Zustandekommen der
ersten Beleuchtung, auch des Nachts beim schwachen Scheine
der Talgkerzen. Und da sieh das Publikum gern an Zahlen hält, so
wollen wir zum Schluss noch erzählen, dass der für die Beleuchtung
verwendete Zinkdraht, in die Länge gezogen, gut und gern fünf
zehn deutsche Meilen lang sein würde! Das Gewicht der eisernen
Tr äger, Bogen und Pyramiden beträgt 480 Centner, das der Wachs-
eompositionslichter 75 Centner!
-S
Im Theater Alt - Berlin geht heute endlich dasjenige
Stück in Scene, mit welchem der historische Cyklus »Alt- und
Neu-Berlinv beginnen sollte: Carl Bleibtreu’s »Wendentaufe«.
Im letzten Augenblick noch hat sich die Direction entschlossen
müssen, eine Pantomime fallen zu lassen und zwar wegen der
Schwierigkeiten der Lichtbeschaffung. Ferner geht neu in Scene
das einaktige Drama von Conrad Albert!: die Büsserin. Zum
Schluss wiederholt man das mit so grossem Beifall aufgenommene
Märkische Ringelstechen. In den Novitäten sind die Damen Salta,
Sobieska, Hachmann-Zipser und Saalmann, sowie die Herren
Schady, Ricss, Kirsch u. A. in. in grösseren Rollen beschäftigt.
Die Inscenirung hat Herr Director Fritz' Witte-Wild besorgt.
e
Auf dem Wasserthurm des grossen Haupt-
Restaurants. Am heutigen Sonnabend dürfte dem Publikum
voraussichtlich zum ersten Male gestattet werden, zu der luftigen
Höhe, zu der eine bequeme Treppe führt, emporzuklimmen. Der
hydraulische Fahrstuhl,- der später die Besucher hinauftragen soll,
ist noch nicht fertig und wird wohl erst Ende nächster Woche
in Betrieb treten. Vorläufig ist der Aufstieg noch mit
einigen Fährlichkeiten verknüpft. Man ist durchaus nicht
sicher davor, dass man ein Kopfstück von einem Kalkklumpen oder
ein Douchebad aus einem der an Stricken auf- und abgezogenen
Wassereimer erhält. Wer sich aber durch derlei kleine Unannehm
lichkeiten, durch einen weissbefleckten Rock und durch etwas Kalkstaub
nicht abschrecken lässt, dem wird ein hoher Genuss geboten durch das
Panorama, welches der Rundblick aus der Höhe von etwa 7 OMetem gewährt.
Im Norden erblickt man die Spree mit ihrer von Schiffen und
Kalmen belebten Wasserfläche, jenseits treten bis hart an das Ufer
gelände heran Stralau und Rummelsburg. Etwas mehr nordöstlich
werden die Miiggelberge und Coepenick, das Waschfass Berlins,
sichtbar; (liessest des Ufers breitet sich der grosse Steinstätteplatz
aus, nicht weit davon werden das Kaiserschiff, die Fischerei-Ausstellung
und die Alpenwiese sichtbar. Im Osten fällt der Blick in weiter Ferne
auf Niederschön weide, im näheren Umkreis auf die Bauten des Ver
gnügungsparkes und der Kolonial-Ausstellung, und unten am Fuss
des Thurmes grösst uns die Warte von Alt-Berlin, der Spandauer
Thurm. Südlich ragen die Mauern von Britz und Rixdorf empor,
dicht unten nach Westen zu aber dehnt sich Berlin aus, aus dessem
Häuserchaos sich die Thürme einzelner Kirchen, sowie die Rath
hausspitze und die Siegessäule deutlich abheben.
Der Thurm trägt in seinem Kuppelbau ein riesiges Wasser
hassin, das zur Wasserleitung für die Ausstellung dient. Auf einer
Leiter kann man zum Rand des eisernen Behälters klettern und
einen Blick in den ziemlich grossen Raum werfen. Beim Hinab
steigen vom Thurm verlohnt es sich, von Zeit zu Zeit durch die
Thurmluken zu schauen. Ein jeder Durchblick gewährt ein neues,
fesselndes Bild.
«
Das nasse Viereck, diese Idylle in der Ausstellung,
trug gestern (Freitag) seinen Namen mit Recht. In Strömen ging
der Regen nieder, allerorten bildeten sich tiefe Lachen, mit einem
Worte — es war trostlos. Und wenn man so nicht weiss, wohin
sich vor der unerwünschten himmlischen Fluth retten, wenn man
von einer sicheren, aber nichsdestoweniger ob all dieser endlosen Nässe
unbehaglichen Ecke hinausblickt in die von der bösen Laune der Wetter
fee zerstörten, sonst so unmuthig schönen Umgebung — dann steigen
wohl aus der Erinnerung ähnliche Bilder auf, wie sie der gegen
wärtige Ausblick bietet. Und wo wohl sonst wären solche Er
innerungen angebrachter als hier, wo alles an so manchen verregneten
Tag hoch im Gebirge gedenken macht? Gran wallt es auf über
dem Bett der Spree, das ebenso gut in der Einbildungskraft der
Wasserspiegel eines Gebirgssees sein kann. Höher und höher
steigen die zerrissenen Nebel, sie umflattern die Schluchten
der Bergriesen des Zillerthales, so dass nur noch die mit
ewigem Eise bedeckten Firnen aufragen über all dem grauen
Dunst. Von einem Augenblick zum anderen glaubt man
die Glocke des Dorfkirchleins ertönen zu hören, welche den
auf den Beredn verstreuten Hirten und Häuern Hochfluth
verkündet. Der Dorfplatz ist verödet. Von den Tannen
tropft es melancholisch hernieder, die Fahnen haben ihre vom Regen
schweren Falten schlaff gesenkt; wann auch sollten sie vergnügt
flattern! Alles Leben scheint sich in das Innere der Holzhäuser um hell
flackerndes Feuer geflüchtet zu haben. Ab und zu huscht eine vermummte
Persönlichkeit, den Mantel über den Kopf geschlagen, über den
Platz. Ist es ein Einheimischer, ein flinkes, dralles Mädchen aus
dem Dorf oder ein von einem verregneten Ausfluge fröstelnd
heimkehrender Fremdling? Man sitzt und stand, man trinkt, raucht
und denkt. Die Glocke eines ankommenden Dampfscliiffes schlägt
dumpf an. Man stellt sich die Mannschaft in ihren triefenden Gummi
mänteln vor, fluchend und frierend; die wenigen Passagiere
flüchten in das nächste behagliche Wirthshaus. Und der Zug der
regenschweren Wolken will kein Ende nehmen, ebensowenig wie das
Schwenken der Serviette seitens eines ebenfalls gelangweilten Kellner-
menschen. Die übrige civilisirte Welt ist versunken dort hinter
den ragenden Felsen. Giebt es überhaupt noch eine andere Welt,
noch andere unglücklichere Menschen als wir, die wir gerade in
solch Ungemach hineingerathen mussten, in dieses Chaos von
Regenwolken, deren rasende Flucht kein Ende nehmen will? —
Das sind Stimmungen, das sind Tage, die Jeder von uns erlebt
und durchfochten hat auf sommerlichen Ferien und Fusswanderungen
durch das Hochgebirge. Und siehe da! Wir erlebten und fühlten
dasselbe gestern während des abscheulichen Wetters inmitten des
Nassen Vierecks der Berliner Gewerbe-Ausstellung, welches wir
wahrhaftig nie von dieser Seite kennen zu lernen wünschten. Wie
stimmungsvoll aber ist doch dieser Platz, dass er uns so weit hin
wegtragen konnte von Raum und Wirklichkeit! Wir sassen an
den Ufern der Spree und glaubten, zu den Füssen der Zillerthaler
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