Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
meiner Mutter, meiner Grossmutter, ja meiner Urgrossmutter
in den Trachten und mit den uns so befremdlichen Manieren
ihrer Zeit. Aber das Befremdliche beruhte auf Gegen
seitigkeit. Denn jedesmal, wenn sie an mich herantraten,
•— und es geschah das stets mit der »Grossen Reverenz«, ein
Processionssehritt, zwei vor und einer zurück, mit—schleifendem
Fuss, verbindlichem Lächeln und tiefer Verbeugung — blickten
sie erstaunt auf meinen modernen Gehrock und noch erstaunter
auf meine Beinkleider, deren Schnitt sie ganz besonders zu
interessiern schien. Und dann wandten sie sich ab und tuschelten
miteinander oder sie umstanden mich und starrten mich durch
ihre Lorgnetten an. Kurz es schien mir so, als ob sie sich
revanchiren wollten dafür, dass man sie den ganzen Tag über
umstanden und angestaunt hatte.
Ein moderner Berliner — und ick bin eener! — kennt das
Gruseln nicht.
»Nun,« fragte ich, »warum reisst Ihr die Augen auf? 0, ich
kenne Euch! Ihr seid ja die Bacher’schen Puppen aus der histo
rischen Trachten-Ausstellung und Ihr habt bekanntlich die historische
Tracht Prügel bekommen, damals 1796, und später bei Jena und
Auerstädt. Hei, was seid Ihr gelaufen vor den Sansculotten! Und
nachher! Habt Ihr hübschen Fratzen mit den Wachsgesichtem
und den Werner’schen Papiermache-Büsten nicht sieben Jahre lang
mit den Franzosen geliebäugelt ? Ihr hattet eben nur eine Schneider-
seele all’ euer Leben lang, von denen Dreizehn auf’s Dutzend gehen,
und es geschieht Euch ganz recht, dass Ihr nun ausgestellt werdet,
unter Glas in Vitrinen, als Puppen in Gruppen —! Ihr wäret
Euer ganzes Leben lang nicht viel etwas besseres!«
Da trat aber Einer an mich heran, der hatte eine halbe
Elle Rückgrat zu viel im Leibe und putzte sich die Glasaugen
mit einem seidenen Tuch, dass sie elektrische Funken sprühten.
Er hatte einen bis auf die Knöchel reichenden Paletot an und an
seinem Arm führte er eine der »katholischen Bräute«, deren
schönes Haupt mit Orangeblüthen geschmückt war und deren langer
Schleier über ihren Nacken herabwallte.
»Sohn des elektrischen Zeitalters«, so redete er mich an,
»der Dn mit Krupp’scheh Kanonen auf Spatzen schiessest und mit
Glühlichtkronleuchtern die leeren Scheuern beleuchtest, was ficht
Dich an, was fällt Dir bei? Wie kannst Du diejenigen schmähen,
die Dir das Leben gaben und auf deren Schultern Du stehst?«
»Leider nicht allzu fest,« meinte ich trocken. »Mein Herr,
ich kenne Euch. Euer Gnaden waren dabei, als meine Grossmutter
dem französischen Fischmeister-Gouverneur in Stettin ein Absehieds-
cssen gab, als er nach der Leipziger Schlacht die Stadt räumte
und noch einen Scheffel guter Groschen contribuirte, denn Thaler
hatte man keine mehr. Man speiste mit Blechlöffeln. Die silbernen
waren längst eingeschmolzen worden, um das grosse Heer auszu
rüsten, das der wahnwitzige Empereur nach Russland hineinsandte,
wo es gestorben und verdorben ist. Es war Euer Gnaden, der den
Toast ausbrachte, welcher mit den Worten endete: Auf Wieder
sehen, Excellenz!«
Der Herr mit dem langen Redingote lächelte ingrimmig.
»Ja wohl!« rief er und fügte halblaut hinzu: »In Paris!
Siehst Du, mein Sohn, wir, die Du schmähst, haben schlimme
Zeiten durchgemacht, Wir mussten uns mit wenig Stoff auskömmlich
kleiden. Daher fehlt es oben und unten, und die Blossen deckten
wir mit langen Staubröcken za; aber wirf einen Blick auf unsere
Gruppe XIV. Was siebst Du? Zwei Soldaten, mein Sohn. Unser
Civil mag salopp sein und unsere Röcke dreimal gewendet, aber
auf unser Heer lassen wir nichts kommen, denn ohne diese Braven
wären wir nicht mehr. Ihre Tschakos sind kleiner, sehr
viel kleiner geworden als die der Reissausarmee von Jena
und Auerstädt, denn das Rindvieh, siehst Du, mein Sohn,
obgleich es niemals alle wird, war stark gelichtet und
das Leder war ein rarer Artikel. Schliesslich hat jeder Ochse
nicht mehr als ein Fell, und wenn man ihm das bei lebendigem
Leibe über die Ohren ziehen will, wird er unangenehm, wie unsere
Enkel dies auf Tivoli bekundeten.«
Er lachte. Es war ein heiseres Lachen, etwa als wenn man
Erbsen in einer Pappschachtel schüttelt. Ich stiess ihn sanft in
die Seite, um ihm anzudeuten, dass ich seine Anspielung ver
standen hatte; da knickte er zusammen und bat mich um Schonung.
»Auch der Puder war uns damals zu theuer, lieber Sohn,«
fuhr er fort, »deshalb musste der Zopf fallen, sonst hättet ihr ihn wohl
heute noch. Wir hatten anno dazumal keine Zeit, um die Gamasehen-
knöpte alle complet zu erhalten. Man musste aufpassen wie ein
Schiesshund, so oft sprang einer ab. Also fort mit den Gamaschen.
So lehrt die Noth beten, mein Sohn, und ist die Mutter des Fort
schritts. Glaubst Du heute, bei Euch trotz aller Wunder, die wir
hier mit unseren Glasaugen anschauen, sei es anders! Ich wollte
Dir mit meinem dummen Papiermache-Verstände eine Geschichte
erzählen —«
Ich fiel ihm in’s Wort und hat ihn, über diese Frage hinweg
zugehen, weil nämlich sonst die »Officiellen Ausstellungs-Nach
richten« meinen Bericht über dies nächtliche Rencontre unmöglich
zum Abdruck bringen könnten.
»Aha —siehst Du, wie Du bist!« kicherte er. »Tout comme
chez nous!«
Dann stellte er mich einigen »fussfreien« Damen vor, welche
reizende seidene Kreuzbänderchen um die Knöchel trugen; es waren
eine Wienerin, eine Pariserin, eine Londonerin und last not least eine
Berlinerin mit glattem Kleid, die eine tief, sehr tief ausgeschnitten, aber
sie hatte es ja dazu! Dazu einen Spencer und einen grossen Hut,
hinter dem man wenigstens das Gesicht — verstecken konnte,
wenn es nöthig war. Und es soll in jener Zeit oft, sehr oft
nöthig gewesen sein. Die Welt war entvölkert. Eine Million
zweihunderttausend Menschen, solche, wie man sie in Gruppe I
und II sieht, waren von den Jacobinern guillotinirt und füsilirt
worden, oder sie waren den Noyaden in Brest, Nantes und Toulon
zum Opfer gefallen, wo die wahnwitzigen Carriers und Co. hausten,
die in jeder vernünftigen Welt in’s Irrenhaus gesperrt worden
wären. Nun aber war man frei von diesem Gelichter. Man freite
und dachte an nichts weiter. Alles, was nach Volks
beglückung roch, wanderte in die Festungen. Das sind die
Gruppen XVIII, XIX, XX. Ich muss sagen, als diese
Philister mit den breiten Cylindern und den bis unter’s Kinn
zugeknöpften Röcken an mich heran traten, um meine weisse
Wäsche anzustaunen, deren sie gänzlich ermangelten, wandte ich
mich entrüstet ab. Thränen traten mir in die Augen, als ich bei
ihrem grauenvollen Anblick an Fritz Reuter dachte, den dreizehn
Jahre lang begrabenen. Was wollte aber der feine Herr, der Affe
Talleyrand unter ihnen mit kurzem Frack, enganliegenden halb
langen Unaussprechlichen und Strümpfen! Nein, diese Strümpfe:
von Seide, gestickt und durchbrochen! Wahrlich, es war das Zeit
alter weibischer Koketterie, die selbst die Männer angesteckt hatte.
Er posirt in Gruppe XVIII, als das bischen englische Mode, welches
nach Waterloo bei uns Eingang fand, schon wieder verblasste.
»Nun,« fragte ich, »was willst Du von mir? Willst Du mich
Deinen Handlangern von der Justiz übergeben den Schmalz und
Gonsorten. Witterst Du modernes Leben? Gefällt Dir die Faust nicht,
die aus der Erde wächst und das Emblem unserer Ausstellung ist?«
Er erblasste und trat zehn Schritt zurück. Er merkte es
wohl, dass seine Rolle ausgespielt sei, obwohl seine Enkel noch
heute als Gigerl unter uns wanken und dicke Stöcke tragen, die
innen hohl sind.
Trotzdem, auch jene Tage der blinden Reaction zeitigten
Früchte zum Anheissen; die Hofdame aus Gruppe XV hatte es
mir au gethan. Sic war eine Wienerin, offenbar, als sie noch auf
Erden wandelte. »Schaun’s«, sagte sie, »das ist eine trockene
Beschäftigung. Nachher möcht man halt zum Adlon gehn und a
Flaschen Champagner trinken«.
Ich bot ihr meinen Arm, und dabei passirte es, dass meine
Schultern ihre schraubenfacherartig aultoupirten Locken berülirten,
welche zu bauen fast mehr Zeit gekostet hatten als der grosse
Hauptpavillon selber. Sie hatte dazu acht Tage auf einem Stuhl
gesessen und war nicht zu Bett gegangen. Nun stiess sie einen
gellen Schrei aus und rief: »Jesses! Mein Toupe!«
Ich wachte auf. Es war heller lichter Tag, und ich sass in
einer Gondel mitten auf dem Karpfenteich. Ein Traum war’s
gewesen, und Träume sind Schäume. 0. Beta.
V
Oie für heute (Sonnabend) geplante erste fest
liche Illumination, für die bereits alle Vorbereitungen in um
fassendster Weise getroffen waren, findet nicht statt. Die Fest-
Commission hat sich angesichts der zweifelhaften Witterung ent*
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