Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Gfficielie Ausstellungs-Nachrichten. 3
Die in Berlin weniger vertretene» Gewerbe sollen hier
mir der Vollständigkeit wegen kurz genannt werden. Es ge
hören in Berlin znr Land- und Forstwirthschaft etwa 1000
Erwerbende, znr Gärtnerei 2400, Fischerei 57, Industrie der
Steine nnd Erden 4500, chemische Industrie 2000, Industrie
der Heiz- und Leuchtstoffe 800.
Von großen Gewerbegrnppen haben wir jetzt vor allen noch
zwei zu betrachten, die vorwiegend einen lokalen Charakter tragen,
d. h. den Bedürfnissen der Stadt Berlin dienen: die Industrie der
Nahrnngs- und Gcnnszniittel und der Baugewerbe.
Ungefähr 24 000 Menschen sind beschäftigt, für Speise und
Trank der Berliner zu sorgen. Fast 9000 Bäcker und Conditorcn
und fast 8000 Fleischer und Schlächter sind dazu nöthig.
350 Leute stellen außerdem noch Chocolade und Conserven,
600 Butter und Käse, sowie gesalzene Fische her. Um die Bc-
kümpsnng des Durstes bemühen sich 2000 Brauer und 1000
Brenner (Destillateure). 130 Gewerbetreibende fabriciren Mincral-
wasser und Eis. Sehr schlechte Erfahrungen müssen die Herren
Statistiker mit dem Wein gcmachr haben, da sie als eine nicht
zu trennende Berufsgruppe die Herstellung von Wein und Essig
zusammengefaßt haben, mit der sich 300 Leute in Berlin befassen.
Jeden Rancher endlich wird cs erfreuen, daß die Berliner Statistik zu
Speise und Trank als ebenbürtiges „Nahrnngs- und Gennßmittel"
den Tabak gesetzt hat. 2600 Arbeiter bereiten das Berliner Kraut.
Ebenfalls besonders für Berlin sind die 35 000 Erwerb-
thätigcn beschäftigt, welche zu den 13 Arten des Ber-
ffncr Baugewerbes gehören. Darunter sind nicht weniger als
3611 Baumeister und Bauunternehmer, eine Zahl, die vieles
Ungesunde in der Berliner Bauspcculation erklärt. 13 500
Maurer, 6500 Zimmerer, 7300 Maler und 1100 Glaser bilden
den Häuptbestandtheil der Banhandwerkcr. Als neuestes und
specifisch großstädtisches Gewerbe, welches es in Berlin schon zu
einer eigenen Innung gebracht hat, sind die Gas- und Wasser
anleger, 712 an Zahl, zu nennen.
An Zahl nicht zu den größten Gruppen gehörend, aber
doch für das gcsammte geistige und gewerbliche Leben
Berlins von ungeheurer Wichtigkeit sind die fast 10 000
Buchdrucker. Auch das Kunstgcwerbe ist in Berlin
wlirdig und zahlreich vertreten. 1000 Photographen legen Zeug
niß davon ab, daß die Bewohner und namentlich die Bewoh
nerinnen der Ncichshanptstadt mit ihrem Aussehen und ihrem
Angesicht wohl zufrieden sind und es oft und gern verewigt
sehen. 1650 Ciseleure und Graveure, 1100 Zeichner und Glas
maler sind ein Zeichen für die hohe Entwickelung der Berliner Kunst-
industrie. 275 Arbeiter der Gipsfigurenfabrikation leben von
dem Schönheitssinn der Berliner. >
Das ist in ganz großen allgemeinen Zügen das Bild
des Berliner Gewerbes. Alle die vielen Tausende, die in
jedem Beruf hier genannt sind, werden mit den Früchten ihrer
besten Kraft, mit den glänzendsten Prodncten ihrer Arbeitsleistung
auf der Ausstellung vertreten sein. Was dort ansgestellt wird,
.sind größtcntheils allerdings nur Sachen, die in der einen Stadt
Berlin gearbeitet sind. Aber es sind gleichzeitig auch Waaren,
die in der ganzen weiten Welt gebraucht und gern
gekauft werden. Jeder Gewerbetreibende aus dem In- und
Ausland findet dort Fabrikate, an denen er lernen, jeder Kaufmann
Waaren, die er in seiner Heimath vertreiben kann.
Und nun zum Schluß noch eine Bemerkung, bei der es
allerdings wieder nicht ganz ohne Zahlen abgeht. Aber wer
von den Lesern nnd insonderheit verehrten Leserinnen mir bis
hierher durch die Hunderttansendc von Gewerbetreibenden gefolgt
ist, der wird mir auch die paar Zahlen am Schluffe verzeihen.
Der Fremde, der zu der Ausstellung nach Berlin fahren will und
hier nur von den unendlichen Schaaren der Gewerbetreibenden
liest, der meint vielleicht, er fünde in Berlin sonst überhaupt
Niemand. Keine Furcht! Ueber 3000 Berliner machen sich ein
besonderes Gewerbe daraus, ihn zu beherbergen, 14000, ihn zu
erquicken und zu bewirthen. Will er Handelsgeschäfte treiben, so
stehen ihm die 87000 Menschen, die im Handel ihren Erwerb finden,
zur Verfügung. Will er mit den eingekauften Schützen heimkehren,
12500Leutesind im Verkehrsgewerbe thätig. Sollte er—unberufen—
krank werden, so hat er ein Heilpersonal von fast 6000 Menschen
zur Verfüpuna.
Dem Interesse für die Kunst kommen 437 Bildhauer,
755 Maler, 3910 Musiker und 1433 Schauspieler entgegen.
Der öffentlichen Ordnung und Sicherheit dienen 11000 Ver-
waltungSbeamte des Staats und Reiches und 3500 Beamte der
Stadt, und, wenn es ’ noththütc, stände eine Armee von 20 000
Mann zu ihrer Verfügung. Aber bei dem friedlichen Sinn der
Berliner kommt die preußische Garde für den fremden Besucher
mehr unter Kunstgenüssen (bei der Wachtparade und der Heer
schau ans dem Tempelhvfer Felde) in Betracht.
Es ist ein in allen Stücken riesig großes und ein reich ge
gliedertes Gemeinwesen, das Berlin dem Beschauer bietet, schon
für sich allein ein sehenswerthes Ansstellungsobject. Wenn nun
die ganze Berliner Industrie sich bemüht, dem Beschauer sich von
der besten Seite zu zeigen und ein vollständiges Bild ihrer
Leistungen zn geben, dann mag sie mit Fug und Recht aus
nah und fern, ans dem In- und Auslande den Reiselustigen
ihr „Strömt herbei, ihr Völkerschaaren" zurufen. Dann darf
Berlin alle deutschen Stämme und die Völker der ganzen gebil
deten Welt zu sich entbieten, und wir alle wünschen ihm dazu
von Herzen einen guten Erfolg.
Auf dem Bauplatz der Berliner Gewerbe-Ausstellung in
Treptow arbeiten jetzt noch gegen 3000 Arbeiter, meist Zimmer-
leute und „Draht-Putzer".
*
Das „Atelier der Architekten" im Treptower Park
wird geleitet von drei Baumeistern (Hoffacker, Griesebach, Schmitz).
Zwanzig Architekten und Techniker besorgen die Bureau- und
Zeichcnarbcitcn und führen die Aufsicht auf den Bauplätzen. Die
Arbeiten sind an 19 Unternehmer vergeben. An diese hat das
Atelier der Architekten bisher rund 1200 000 Mark bezahlt.
Das Abkommen mit den Unternehmern lautet so, daß während
der Arbeiten je nach ihrem Fortschreiten und nach den Positionen
des Anschlags ratenweise 8 /io der ansbedungenen Summe gezahlt
werden, y 10 wird gezahlt nach Vollendung der Arbeit, y 10 erst
nach Schluß der Ausstellung.
s
Auf dem Banplatze „Alt-Berlin" (Architekt Hoffacker) ist jetzt
auch das Georgen-Thor „gerichtet". Damit ist die Umwalluiig
des altcrthümlichen Stadttheils zu Ende geführt.
’ V
K. Die Gruppe X! (wissenschaftliche Instrumente) kann sich
rühmen, für 1896 eine Ausstellung zusammengebracht zu haben, wie
sie in solcher Großartigkeit selbst auf den letzten Weltausstellungen
nicht vorhanden war. Deutschland steht allerdings unbestritten an der
Spitze derjenigen Länder, welche wissenschaftliche Instrumente produ-
ciren, und außer Frankreich und England hat es überhaupt auf dem
Weltmarkt kaum eine nennenswerthe Concurrenz. .Es kommt hinzu,
daß die „Deutsche Gesellschaft für Mechanik und Optik" die Aus
stellung der Untergruppe 1 (wissenschaftliche Apparate) in die Hand ge
nommen hat, und daß sich in dieser Untergruppe nicht nur Berliner,
sondern auch deutsche Fabrikanten betheiligen. Man braucht nur
Namen wie Steinheil (München), Zeiß (Jena), Schott u. Gen. (Jena)
zu nennen, die in der ganzen Welt berühmt sind, um zu wissen,
welche Leistungen in der Gruppe XI zu erwarten sind. Es
sind nur Selbstfabrikanten zugelassen, und man hat streng darauf
gehalten, daß nicht Händler, die sich Fabrikanten nennen, sich
unter die Aussteller drängten. Um dem Ganzen zu dienen und
alle Streitigkeiten zu vermeiden, ist ausdrücklich erklärt worden,
daß die Aussteller der Untergruppe 1 vollständig außer Preisbewerbung
treten; es fallen also aller Neid und alle Concurrenzrücksichten fort.
Die Gruppe hat auch noch den Vorzug, daß an ihrer Spitze im Aus
stellungswesen sehr erfahrene Männer stehen, die in den letzten Jahr
zehnten bei allen großen Ausstellungen betheiligt waren, nnd von Venen
wir nur den ersten Vorsitzenden C o m m e r c i e n r a t h D ö r f f e l
zu nennen brauchen. — Als Ausstellungsplatz ist der Gruppe XI in dem
Gebäude für Chemie, Optik und Mechanik der Mitteltheil zugewiesen
worden, so daß sich die Gruppe zwischen der Chemie und Photographie
befindet. Zu diesen beiden Gruppen steht die Optik und Mechanik auch
in Beziehung. Es vollzieht sich daher in diesem Gebäude der lleber-
qang von einer Gruppe zur anderen ganz allmählich. Zwischen
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