Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officieüe Ausstellungs - Nachrichten.
die da schreibt: »Am Donnerstag hab’ ich vergebens gelauert,
bist Du heute um 4 1 / 2 Uhr nicht im Lokal - Anzeiger,
so sind wir geschiedene Leute!« — Ein Musensohn ladet
seine Commilitonen ein, zum Frühschoppen in’s Tücher - Bräu
zu kommen. Ein Geschäftsmann erwartet einen Kunden in der
Maschinenhalle und eine Künstlerin bittet eine Freundin, zu der
und der Stunde im maurischen Labyrinth — im Harem zu sein.
-— So geht es fort. Die Eintragenden sind alphabetisch nach dem
Anfangsbuchstaben ihres Namens geordnet, so dass der Suchende,
der nichts für das Nachschlagen zu zahlen hat, ohne Schwierigkeit
die ihm verwandte Seele findet.
V
In Leder. Der Ausstellungs-Pavillon der Kunstgewerblichen
Werkstatt für Lederarbeiten von Georg Hulbe ist Gegenstand grosser
Aufmerksamkeit des kunstsinnigen Publikums; die ganze Ausführung
des Pavillon ist eine eigenartige und geschmackvolle, er ist erbaut
aus reich in Leder geschnittenen und gepunzten Gegenständen, wie
grossen braunen und farbigen Ofenschirmen, Lederbänken, die dem
Publikum zur Verfügung stehen. Eine ausserordentlich feine
Ausarbeitung zeigen die über den Bänken angebrachten
Füllungen, welche die Künste des Lederschnitts, der Malerei, Architektur
und der Baukunst darstellen. Ein Glasschrank enthält eine Fülle
kleinerer, reich decorirter Kunstwerke in Lederschnitt aus Rinds
leder, aus Saffian etc. Auf den Spinden finden wir schöne
Kaminschirme. Etwa 100 Papierkörbe in Vasenform bilden die
Galerie dieses Bauwerkes, sie bestehen aus Rindsleder mit ern-
geschnittenen Blumen. Als Abschluss dienen vier Bücher
ständer. Ueber dem Ganzen schwebt eine prächtig ausgeführte
altdeutsche Zipfelfahne, welche den Namen der Firma
auf Goldgrund trägt. Im Pavillon befinden sich Muster von Leder
stühlen in verschiedenen Genres und verschiedenen Stils, ein in Leder
geschnittener Fries mit alter Vergoldung ziert die Wand. Pracht-
Albums liegen auf den Schautischen. Die schwierige Kunst des
Lederschnitts selbst kann das Publikum im Hause No. 83 in Alt- !
Berlin sehen, wenn es sich die Mühe nehmen will, eine dort in j
Betrieb befindliche Werkstatt aufzusuchen.
Geflügel in der Ausstellung. Der Cavalier des Dünger
haufens hat nun ebenfalls seinen Einzug in unsere Ausstellung ge
halten, wohlverstanden der lebendige Cavalier, nicht der todte Brat-
yögel, von dem gewiss ganze Hekatomben bereits dem Heisshunger
der Ausstellungsbesucher zum Opfer gefallen sind. Und wenn es
der lebendige Hahn mit seinem weiblichen Gefolge ist, der sich an
der früheren Treptower Chaussee dicht neben der eisernen Welt
von .Schienensträngen, Weichen und Wellblechhütten eingefunden
hat, so muss es wohl schon ein ganz besonderer Cavalier
sein, denn für gewöhnliche Subjecte seiner Art hat die Aus
stellung keinen Raum und der Ausstellungsbesucher keine Zeit übrig.
Herr Heyden von der wohlbekannten Bierfirma Heyden und Kutzner
hat es sich seit einigen Jahren ganz besonders angelegen sein
lassen, unsere Geflügelarten zu vermehren und zu veredeln. Deutsche
Staaten und Städte haben dieses Verdienst durch Verleihung
höchster Auszeichnungen zu würdigen gewusst; trotzdem hat
Herr Heyden das Neueste und Beste auf diesem Gebiete für die
Berliner Gewerbe - Ausstellung vorbehalten. Die meisten Insassen
des geschmackvollen, in grau gehaltenen, mit farbigen Ornamenten
verzierten Geflügelhauses, welch :s die Firma Carl Leim und Ge
brüder Ludwig für die Herren Heyden und Kutzner angefertigt
hat, stellen sich also den Berlinern bei dieser Gelegenheit zum
ersten Male vor, und die hier bereits bekannten Hühner- und Tauben
sorten, die zur Ausstellung gebracht worden sind, wie zum Beispiel
die lxbhubnfarbigen Cochins (Cochinchina-Hühner) mit ihren putzigen
Federhosen, sind in solchen Prachtexemplaren vorhanden, dass man'
ihnen am liebsten den Garaus machen möchte, um sich einen der
artigen Fett- und Feiertagsbraten nicht entgehen zu lassen. Die seltenste
der Arten, welche die genannte Firma neu nach Deutschland gebracht
hat, ist der amerikanische Puff Plymouth, ein gar gewaltiger
Geselle. Mehr noch, man hat bisher überhaupt noch nicht ein so
vollständiges Sortiment von Puff Plymouth beisammengesehen, wie
in diesem Falle. Dieses Sortiment besteht aus Thieren in den
Farben weiss, gelb, schwarz und gesperbert. Mit einem dieser
Puff Plymouth - Hähne hatte sich während unseres Besuches einer
der männlichen Vertreter einer zweiten hier für den Hausgebrauch
fast unbekannten Gattung, nämlich der Chamois - Paduaner ein
gelassen. Die beiden Thiere hatten sich die Thür zwischen
ihren Abtheilungen zu öffnen gewusst und gingen nun
auf einander los, dass die Federn stoben. Sie liessen
sich auch weder durch Sandregen noch kalte Wasserstrahlen
in ihrem Vergnügen stören. Nun ist der Chamois-Paduaner mit
einem allerliebsten Schöpflein versehen, welches ihm tief in die
Augen dringt und ihn fast blind macht. Ein guter Geflügelzüchter
muss daher den Chamois - Paduanern regelmässig den Schopf
stutzen, sie recht und schlecht frisiren, sonst müssen sie geradezu
wie die Rabies zu Bett getragen werden! Nichtsdestoweniger
siegte diesmal der Hahn aus Padua und Herr Plymouth aus
Amerika zog sich beleidigt in das Innere seiner Koje zurück. Ob
sich beide genannten Arten in rationeller Weise bei uns ein
bürgern werden, darüber schweigt noch die Erfahrung. Einen
weiteren interessanten Landsmann des Puff Plymouth begrüssen wir
in dem Bronzeputhahn nebst Gemahlin, Bratvögel, die sehr stolz
auf ihren Geschmacks werth sein sollen. Und wiederum ist es Amerika,
welches uns die Gold-Wyantdokes nach Berlin gesandt hat. Von den
Hühnern gehen wir zur herrlichen Cayuga-Ente über, der einzigen Haus
ente, welche schwarzes, in das Dunkelgrün spielendes Gefieder besitzt.
Auch die Peking-Ente, die acht bis neun Pfund schwer wird und
damit das non plus ultra des Körpergewichts im Entenreiche
erreicht hat, ist im Geflügelhause von Heyden und Kutzner ver
treten. Von den vielen Taubensorten schliesslich heben wir noch
die englische Brieftaube, Dragon genannt, hervor. Sie zeigt sich
uns blau und gehämmert mit einem allerliebsten, vielgefalteten
rosa Kräusle!n auf dem Schnabel und um die Augen. Das laute,
lustige Leben, das in diesem Muster-Geflügelhause herrscht, schallt
hell durch die Anlagen der Gartenbau-Ausstellung und lockt Jung
und Alt in Schaaren herbei. Man sage daher nicht, dass »nach so
etwas kein Hahn kräht«!
Der Arbeite-Ausschuss beabsichtigt die regelmässige
Reinigung der officiellen Gebäude und ebenso die Abfuhr von Midi
aus dem Ausstellungspark an eine leistungsfähige Firma zu vergeben.
Offerten werden im Verwaltungsgebäude bis zum 18. d. Mts. ent
gegengenommen.
V
Ein Betrüger macht die Gewerbe - Ausstellung unsicher,
der sich bis jetzt hauptsächlich Alt-Berlin zum Schauplatz seiner
Thätigkeit ausersehen hat. Er führt grosses Geld bei sich und lässt
überall wechseln, wobei er grössere ihm ausgezählte Stücke mit
kleineren auf sehr geschickte Weise vertauscht. Bei seiner Fest
nahme fand man über 500 Mark in Baar bei ihm vor, musste ihn
aber laufen lassen, weil Beweise nicht direct zu erbringen waren
S
In der Unfall-Station wurden gestern, den 15. d. M.,
in der Sanitätswache zehn leichtere Fälle behandelt.
a) In der Ausstellung.
Eine Nacht in der historischen Trachten-
Ausstellung.
[Abdruck untersagt.]
Wie es kam, lässt sich nicht sagen; aber wie »ein in Gedanken
stehen gebliebener Regenschirm« fand ich mich plötzlich in ver
dunkelter Halle, der Haupthalle natürlich; ich nehme an, dass ich
beim Borsig’schen Dampfhammer eingeschlafen war, wie es denn in
den Zeiten der Inquisition nachweislich Leute gegeben hat, die auf
der Folter einschliefen, wenn ihnen das Gerecke und Glieder
verrenken zu viel wurde. Zum Glück ging der Mond auf oder
trat ebenso plötzlich hinter Wolken hervor, und ich konnte deutlich
die Finger meiner Hand erkennen; es waren deren fünf. Auch
war die Halle nicht entvölkert. Sonderbar! Von Zeit zu Zeit
traten Gestalten an mich heran, die ich zu kennen glaubte, Freunde
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