Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielfe Ausstellungs* Nachrichten. 7
In der Tembe.
[Abdruck untersagt ]
Wir hatten die Kolonial-Halle und den Pavillon des Auswärtigen
Amtes auf der kolonial-Ausstellung besichtigt und beschlossen, durch
das viele Sehen ermüdet, für heute auf diesen Theil zu verzichten
und dem ostafrikanischen Dorfe einen Besuch abzustatten. Durch
eine Thüre in dem Drahtzaun, der die Negerdörfer von der Land
strasse trennt, betraten wir den Park und waren zunächst angenehm
überrascht durch das liebliche, landschaftliche Bild, welches die wie
kleine Villen zwischen den Bäumen aufgebauten Einzelwohnungen
für Europäer in den Tropen der Firma Goldschmidt und
Genossen darboten. Freilich comfortable Speisesale etc. darf
man hier nicht erwarten. Was sollten dieselben aber auch in den
uncultivirten Gegenden unserer äquatorialen Kolonieen ? Dort genügt
vollständig ein luftiger, trockener Raum, geschützt gegen das Ein
dringen grosser und auch kleiner Thiere; denn die letzteren, wir
denken dabei besonders an die zahlreichen Ameisenarten, sind nicht
weniger gefährlich und unangenehm, als die ersteren. Diese drei
fache Aufgabe leisten die Goldschmidt’schen Baracken unbedingt und
die ausgestellten Modelle mit ihrer gedeckten, um das Haus her
umlaufenden Veranda, das Ganze auf zahlreichen eisernen Säulen
ruhend, welche in der Mitte ihrer Höhe Gefässe zum Termitenfange
tragen, machen einen ebenso gefälligen wie zweckentsprechenden
Eindruck. Ein Herr der Firma, der sich uns freiwillig zum Führer
erboten hatte, theilte uns noch mit, dass diese Häuschen in kürzester
Zeit abgebrochen und in wenigen Stunden an jedem beliebigen
anderem Orte wieder aufgebaut werden können, da sie sehr leicht
zerlegbar sind und jeder ihrer Theile sowohl an Raum als Schwere
genau einer Trägerlast entspricht.
Indessen zu lange durfte nicht gezögert werden, da der Nach
mittag bereits vorgerückt war, und so mussten wir es uns ver
sagen, das Innere der Baracke zu besichtigen. Wir schritten weiter
und sahen auch bald aus luftiger Höhe auf Pfählen die zahlreichen,
weissen Todtenschädel uns entgegen leuchten, welche die aus Lehm
ausgeführte, circa 3 Meter hohe Einfriedigung des Negerdorfes
zieren. Ein gewisses Gruseln überläuft bei so ungewohntem Anblick
leicht den Beschauer und, wenn man durch die schmale Pforte in der
Mauer hineintritt in das unbekannte Reich, wo so ganz andere Sitten
und Gewohnheiten herrschen, so mag dem friedlichen Bürger eine
leichte Gänsehaut gern gestattet sein in Erinnerung an den kriege
rischen Schmuck, welchen er von aussen soeben wahrgenommen.
Doch les extremes se touchent ist ja nur zu bewährt, und ein gar
friedliches Völkchen herrscht in diesen Mauern, freundlich und ge
fällig, wenigstens bis jetzt, wo unkluge Besucher noch nicht durch
Trinkgeld und übertriebenes Anstaunen und Bewundern den be
scheidenen, kindlichen Sinn dieser schwarzen Gäste aus dem
heissen Afrika europäischen Culturempfindungen näher gerückt
haben. Denn wie sie auf der Kinderstufe in ihrer geistigen Ent
wicklung stehen, so sind sie auch Kinder in ihren Asketen und
Gefühlen geblieben, und keineswegs ist es so ohne Weiteres als
falsch zu bezeichnen, wenn wir behaupten, dass in hervorragender
Weise die weissen Colonisatoren mit dazu beigetragen haben, jene
Fehler im Charakter der Neger gross zu ziehen, über welche wir
heute klagen.
Obgleich die Tembe das ostafrikanische Dorf heisst, so finden
wir doch hier neben den Wasuaheli und Massai auch heute nur
Kamerun und Togo, äusserlich alle für den oberflächlichen Beobachter
ziemlich gleich mit ihren Wollköpfen, den aufgeworfenen Lippen,
den hervorstehenden Backenknochen und der niedrigen Stirne,
bei sorgfältigem Vergleich aber zahlreiche Unterschiede darbietend.
Besondere die Massai, jener kriegerische Stamm in den weiten Steppen
süd- und ostwärts vom Kilima-Ndscharo, fallen sehr bald durch
ihren höheren Wuchs und edlere Gestalt auf und sind auch wohl
in ihren Charaktereigenschaften unter den hier weilenden Negern
zweifellos als die besten zu bezeichnen. Ein unbändiger
Freiheitsdrang und stark ausgeprägter Stolz zeichnet sie aus, und
wenn man sich nicht daran gewöhnt hat, in jedem Schwarzen nur
ein Thier zu sehen, so wird man ihnen eine gewisse Achtung und,
Anerkennung nicht versagen dürfen. Die mannbare Wehr, die sie
mit sich führen, spricht zur Genüge für die hohe Entwickelung,
welche bei ihnen das Kriegshandwerk genommen, und ein Massai
in seinem Kriegsschmuck mit dem Kopfputz, dem Lendenschurz, dem
schweren, ledernen Schild und der gewaltigen Lanze ist ein schöner
Anblick, trotz der grotesken Sprünge, welche ihren Kriegstanz vor
stellen sollen. Dabei sind sie thatsächlich weit bescheidener und
anspruchsloser als ihre anderen Landsleute, und auch die Wasuaheli
zeichnen sich in dieser Beziehung vortheilhaft von Afrikanern aus. Diesen letzteren merkt man es an, dass sie schon seit
Jahrhunderten mit Europäern in Berührung sind und ihr Prototyp der
Dualla ist. King Bell, des alten Aufrührers Bell Sohn, welcher in
europäischer Kleidung und mit steifem Hute in der Ausstellung
herumstolzirt und möglichst den gebildeten Gentleman herauszu
kehren sucht, ist ein Tagedieb comme il saut. In würdiger Weise
secundirt ihm in diesem edlen Geschäfte ein engerer Landsmann
aus Togo mit schwarzem Bart, der im Dorf dem Publikum gegen
über sich als der Führer seiner Truppe aufzuspielen beliebt, und
zu diesem Zwecke in Ermangelung eines steifen Hutes wie King
Bell eine gute, alte deutsche Zipfelmütze trägt und unter diesem
Wahrzeichen der Faulheit sich sehr energisch jeder
Arbeit enthält. Die Frauen müssen eben waschen und
kochen, Holz spalten und die ' Wohnungen reinigen, und die
Herren Grandseigneurs aus Kamerun und Togo lagern, in abenteuer
lichen europäischen Gewändern mit Zipfelmützen und turbanartig
arrangirten Tüchern um den Kopf um ein Feuer oder treiben
sich unter den Besuchern des Dorfes, auch ihrerseits die Fremden
bewundernd und anstaunend, umher.
Auch bei den Ost-Afrikanern fällt die Hauptarbeit der Frau
zu, aber der Mann greift doch ebenfalls oft hilfreich ein, und ein
Suaheli trug kein Bedenken, sogar seine Wäsche selbst zu waschen.
Mit fröhlichem Grinsen erwiderte er unsern Gruss, sein »Dombo<
klang heiter und zufrieden, und es fiel ihm des fremden Mannes
wegen garnicht ein, seine Beschäftigung zu unterbrechen. Dauerhafte
Stoffe gehören freilich zu einer Negerwäsche, und das abwechselnde
Stucken und Schlagen des zu reinigenden Stückes auf einen Stein oder
ein Brett würde manche deutsche Hausfrau, die auf ihren gefüllten
Wäscheschrank stolz ist, mit Entsetzen erfüllen. Bei der Wäsche
sass ein Weib und zerrieb unter monotonem Gesang zwischen
zwei Mühlsteinen Reiss zu Mehl, während nebenan auf einer
Kitenda, so nennen sie ihre mit Bast überfloehtenen Bettgestelle,
ein Mädchen lag, welchem zwei andere ganz ungenirt sehr sorg
fältig den Kopf untersuchten. Ein auf dem Boden sitzendes
Aeffehen beschäftigte sich als passendes Pendant allein in ähnlicher
Weise.
Es mögen etwa 50—60 Neger im Ganzen in der Tembe ver
sammelt sein, welche in ihren wirthschaftlichen und sonstigen
Beschäftigungen kennen zu lernen der Besucher reichliche Gelegen
heit hat. Auch ist es sehr leicht, den Westafrikaner vom Ost
afrikaner zu unterscheiden, und wer der Rasse selbst nicht die
nöthigen Kenntnisse entgegenbringt, möge sich des ostafrikanischen
Begrüssungswortes: Jambo — Wie geht es? bedienen, auf welches
der Westafrikaner, der der Suahelisprache fremd ist, keine Antwort
giebt, während die Massai und Wasuaheli ebenfalls mit Jambo oder
Jambo sana erwidern. Der Schreiber dieser Zeilen, welcher von
einem kurzen Aufenthalt in Ostafrika noch einige Brocken ihrer
Sprache in seinem Gedächtniss behalten hatte, erlaubte sich in dem
eitelen Drange, mit seinem Können zu prahlen, auch die Frage,
wie es den Dörflern in Deutschland und Berlin gefalle, und erhielt die
schmeichelhafteste Antwort. Sie konnten nicht genug Uleia, d. h.
Deutschland rühmen, waren aber auch des Lobes voll über die
Aufnahme und Verpflegung, welche sie hier gefunden. Und in der
•That, der Ausschuss der Gruppe XXIII, an dessen Spitze Herr
Graf von Schweinitz steht, hat in einer Weise für seine Schutz
befohlenen gesorgt, wie es kaum besser zu denken ist, und es mag
auch oft ihrem eigenen Empfinden und Wünschen entsprechen,
wenn sie zum Reigentanz antreten und unter den nerven
erschütternden Klängen der Homa bald in Reihen, bald einzeln auf
einander zugehen unter Bewegungen und Zuckungen des Unter
körpers, wie sie bei den Bauchtänzerinnen in Kairo ihren Höhepunkt
erreichen.
Wohl sind in der Tembe ganz vorzügliche Nachahmungen der
Hütten vorhanden, welche die Neger in ihrer Heimath bewohnen.
In diesen, mit Bakati gedeckten Rundhütten wohnen sie aber
keineswegs, sondern man hat für sie langgestreckte Baracken,
ähnlich den Kasernen der Askari in Afrika errichtet, nur bedeutend
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