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Volume Nr. 30, 17. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Officielle Äussteilungs - Nachrichten. 
lernen Raum bietet; an dieses schließt sich das 650 Sitzplätze ent 
haltende Parkett an. Das Theater hat nur einen oberen Rang, 
der 500 Sitzplätze, sowie ein Stehparterre für ebenfalls 350 
Personen enthält; rechts und links befinden sich je sechs Logen, 
von denen jede mit einem besonderen Eingang versehen ist. Der obere 
Rang erstreckt sich weit in den Znschanerrainn, aber er hebt sich 
hoch und frei über das Parkett ab; hierdurch erhält das Innere 
des Theaters einen intimen, aber keineswegs gedrückten Charakter. 
Wie das Vestibüle wird auch der Zuschanerraum, dessen Plafond 
prächtige, eigenartig verschlungene Velarien bedecken, in heraldischer 
Weise geschmückt werden. Der Hauptvorhang, der den Zuschauer- 
raum von der Bühne trennt, besteht ans einem unverbreonlichen 
Asbestgewebe; die auf ihm hervortretenden malerischen Motive 
werden sich dein Charakter des Hauses anpassen und von dem 
bekannten Portrait- und Decorationsmaler Fürst ausgeführte 
Episoden aus der Geschichte Berlins behandeln. 
Das vom Maler Gustav Fürst entworfene Kunstwerk wird 
von der Firma Müller und Schaffer ausgeführt. 
Das allegorische Bild, das der kolossale Vorhang, umrahmt 
von einer imposanten Purpur-Plüschdraperie, darstellt, bezieht sich 
in erster Reihe auf die Entwickelungsgeschichte Berlins! Man 
sieht aus einer sonnigen Vogelperspeetive auf die in Morgen- 
dämmerung ruhende Hauptstadt. Goldig glänzen die Siegesgöttin 
des Königsplatzes und die imposante Kuppel des Reichstages; 
das gewaltige Viereck des Rathhausthurmes ragt in ferne Mvrgeu- 
nebel, und die schlanken Kirchthürmc recken sich dem hervor 
brechenden Licht entgegen! Durch die wallenden Nebel, die 
über der Hauptstadt lagern, leuchtet die Morgenröthe, grüßt der 
erste Strahl des Himmelsgestirnes die ferne schimmernde 
Feste der Hohenzollern, ihrer Väter Stammsitz, die Burg 
Nürnbergs! Eine Schaar Heroen scheint ihr entstiegen zu sein! 
Von Thorald an, dem Stammherrn der Hohenzollern, der noch 
die zottige Bärenhaut um die trotzige Stirn geschlungen trügt 
und den vielspitzigen Speer in der Faust, bis auf die trauten 
Figuren der preußischen Könige sind sie alle auf den Wolken 
hügeln zu Füßen ihrer Ahnburg versammelt; sie scheinen 
die Stadt ihrer Städte zu grüßen, die unter ihren 
Füßen sich ausbreitet. Links zur Mitte des Vorhanges, auf 
dem natürlich auch die - Gcnieen der Arbeit, des Fleißes, der 
Dichtkunst, der Musik und der darstellenden Kunst vertreten sind, 
ist eine moderne Künstlergruppe sichtbar, die halb über die Fuß- 
verzierung, eine prachtvolle Balustrade, herüberragt und im freudig 
erregten Gespräch über ein Project zu sein scheint. Das Ganze 
wird in milden Farben gehalten sein, einen lebendigen, lebens 
vollen Eindruck machen und in gewissem Sinne die glückliche 
Idee, auf einem Bühnenvorhang, neben einer Kunstallegorie auch 
das Historische zu behandeln, in charakteristischer Weise ver 
anschaulichen. 
Die höchsten Fortschritte der modernen Theatertechnik sind 
bei der Einrichtung der in riesenhaften Dimensionen gehaltenen 
Bühne — sie ist 25 Meter tief und 25 Meter breit — in An 
wendung gebracht worden. Die Wunder des Wassers und des 
Feuers, das Leben und Treiben der Nixen, sowie die Flammen 
meere, die Städte und Paläste verschlingen, die magischen 
Beleuchtungen des nassen und die blendenden Lichteffecte 
des feurigen Elements werden hier in raffinirtester Weise ver 
anschaulicht werden. Mit Hilfe von Versenkungen, von denen 
die mittlere 8 Meter tief und 8 l / 2 Meter breit ist, werden vor 
den Augen des Zuschauers glänzende Bilder, bnutbewegte 
Gruppen entstehen und vergehen, werden die Wasser ihre 
Strahlen emporsenden und die Flammen sich aufwärts 
züngeln. Die Ausdehnung der Bühne, deren Installation der 
in seinem Fache bedeutende Theateringenieur Kortüm übernimmt, 
gestattet einen Effect, der mit dem Theater resp. der Kunst zwar 
wenig gemein hat, aber ein eguestrisches, von 40 Pferden belebtes 
Schauspiel in einer derartig naturgetreuen Weise zur Geltung 
bringen wird, wie dieses bisher vielleicht noch an keiner Bühne 
der Fall gewesen ist. Das Orchester ist tief gelegt und wird für 
den Zuschauer unsichtbar sein; seine Mitglieder haben unten eigene 
Räume, während die für das Bühnenpersonal bestimmten, 
frei und licht gehaltenen Garderobeuzimmer im ersten, zweiten und 
dritten Stock sich befinden. In liebenswürdigem, leichtem Stil 
gehaltene venetiauische Decorationen werden in künstlerischer Form 
die hintere Fayade des Hauses bedecken, das in seiner aus 
geprägten architektonischen Eigenart, in seiner originellen Aus 
schmückung und praktischen Einrichtung sich zu einem glänzenden 
Beleg für die große Bedeutung der Berliner Baukunst gestalten 
dürfte. 
d. Die Bergfahrt im Zillerthal zur Berliner Hütte 
wird eine der eigenartigsten Veranstaltungen auf der Ausstellung 
bilden. Hier soll die Kunst zur Natur werden und ein Stück 
Gebirgsland hervorzaubern, dessen Echtheit selbst unseren enra- 
girtesten Gebirgsfexen imponiren dürfte. Das, was wir hier mit 
theilen, ist keine Phantasie, sondern ein Zukunftsbild, das dereinst 
in allen seinen Theilen verwirklicht werden soll. Majestätisch und 
ansprechend zugleich erhebt sich das Gebirge hinter dem Tiroler 
Schloßbau, umrahmt von herrlichen Baumgrnppen auf einer Wiest 
des Treptower Parks, und es erscheint geradezu wunderbar, wie 
natürlich und echt diese Berge und Felsen, diese Almen 
und Wälder von des Künstlers Hand gestaltet wurden. 
Langsam und stark ansteigend führt die elektrische Bahn in 
stolzem Bogen durch das weite, liebliche Thal, Dörfer reihen 
sich an Dörfer, liebliche Almen grüßen zu Thäte, und von 
weitester Ferne winken die ersten schneeigen Zinnen des Hoch 
gebirges. Der Zillerbach wird überschritten, man setzt über eine 
Klamm mit rauschendem Wasser, und der Zug hält im Tunnel. Ein 
Aufzug befördert zu der der Sectio« Berlin des deutschen und 
österreichischen Alpen-Vereins, der Protectvrin des klnternehmens, 
zugehörigen Schwarzensteinalm. Ringsherum breitet sich die ge 
wattige Natur der Firnenwelt aus, ein Bild von erhabener 
Macht und Schönheit. Tosend stürzt der Gletscherbach zu Thäte, 
Alpenrosenhecken und Legföhren breiten sich aus und bilden im 
Gegensatz zur ernsten, fernen Gletscherwelt den lieblichsten Vorder 
grund, in welchem sich das Berghaus der Berliner Alpenvereius- 
section, „Die Berliner Hütte", erhebt. Das naturgetreue Gebirgs- 
bild, das die „Bergfahrt" entfaltet, beansprucht 3000 gm Felsen- 
bauten und 2500 gm Leinwand, die durch deu bekannten Land 
schaftsmaler Joseph Rummelspacher mit Gemälden bedeckt werden. 
Der Bau wird von dem Architekten Gustav Hochgürtel geleitet 
li. Dr. Oscar Blumenth al wird bekanntlich der Bühnen 
leiter sein, der zuerst Theater und Ausstellung in Verbindung 
bringt. Das Lessing - Theater wird gleich bei Beginn der Aus 
stellung die große „Ättraetion" bringen: die erste Aufführung der 
neuen Strauß'schen Operette „ Waldmeister". Wie wir erfahren, 
ist nunmehr das Abkommen perfect geworden, nach dem 
Johann Strauß die ersten drei Vorstellungen seines Werkes 
in Berlin persönlich leitet. —- Mit Rücksicht auf die am 
1. Mai stattfindende Eröffnung der Ausstellung wird die 
Premiere von „Waldmeister", deren spätere Aufführungen 
voraussichtlich von dem bekannten Compouisteu Dellinger 
geleitet werden, erst am 2. Mai stattfinden. Eine neue 
Operette von Strauß, gesungen und gespielt von hervor 
ragenden, in Berlin zum großen Theil unbekannten Operetteu- 
kräften, ist ein theatralisches Ereigniß, das nicht nur auf die 
Ausstelluugsbesucher sondern auch auf die in rebus theatralibus 
etwas verwöhnten Berliner seine Anziehungskraft ausüben dürfte. 
Wie man uns fernerhin mittheilt, wird Director Blumeuthal 
während der „Waldmeister"-Aufführungen die im Lessiug-Theater 
üblichen Eintrittspreise beibehalten. 
5? 
Von Schreibtisch und Werkstatt, jenes Werk, das ein 
Ehrendenkmal der Berliner Ausstellung, ein Spiegel der Würdigung 
werden soll, die Handel, Gewerbe und Industrie im Geiste des 
schaffenden Berlin findet, erregt die Theilnahme der verschiedensten 
Kreise. Das auf eine durchaus volksthümliche Grundlage ge 
stellte literarische Werk, das von Philipp Stein redigirt wird und 
unter dem Protectorat des Arbeits-Ausschusses steht, hat bereits 
vom Handelsminister von Berlepsch, sowie von den bedeutendsten 
Vertretern der Diplomatie, der Gelehrten- und der Künstlerwelt
	        
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