Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielfe Ausstellungs ° Nachrichten
13
er zu ihr halten wird, auch wenn ihr Himmel und Menschen
manchmal das freundliche Licht versagen sollten.
AIs am Vorabend die Sonne wiederum einmal durchdrang,
da konnte sie die Folgen des Hegentages, der sein Hecht schon
vom frühen Morgen an geltend gemacht hatte, nicht mehr beseitigen.
Aus den Stätten, in denen man nur von innen und nicht von
aussen nass werden konnte, war die Fröhlichkeit nicht heraus
zubekommen, die Menschenmassen sassen dort fest und nahmen
lustigen Antheil an dem lebhaften, bunten, festtäglichem Treiben,
das während der trockenen Zeit auch im Hark und in den Pro
menaden sich entwickelte. A. II—ck.
V
Alt-Berlin, so schreibt ein alter Urberliner, ruft Erinne
rungen wach an Al t-H erlin er-Originale, die in dem Welt-
getriebe des neuen Berlin nicht gedeihen konnten und gleich auf
fremden Boden verpflanzten, welk gewordenen Gewächsen eingehen
mussten. Im »Alt-Berlin« der Ausstellung sehen wir die Ruppiner
Herberge in der Spandauerstrasse. Da gab es solch’ ein Berliner
Original. Morgens gegen 8 Uhr kam noch zu Ende der sechsziger
Jahre der Omnibus aus Huppin vor jener Herberge an Vor dem
Thorweg stand, die Peitsche in der Hand, eine grosse starke
Person in merkwürdigem Aufzug: sie trug über Männerstiefeln
einen Frauenrock, aber fast nie eine Frauenjacke, sondern Weste und
Jacke, wie ein Mann. In dem groben starkknochigen Gesicht
blitzten ein paar schwarze leuchtende Augen, und das schwarze
glänzende Haar war glatt über die Stirn gekämmt und am Hinter
kopf in Zöpfen aufgesteckt.
Als Schmuck dienten grosse goldene Ringe in den Ohren.
Wie sie hiess, habe ich nie erfahren können, trotzdem ich sehr
neugierig darauf war; ich erfuhr, dass sie die Besitzerin der
Herberge oder des Wagens sei. Dass sie ihn kutschirte, ist gewiss.
Als der Ruppiner Omnibus einging, war auch die merkwürdige
Frau verschwunden und heut erinnert nur noch der Name des
neuen Hauses: »Stadt Huppin« an die alte Herberge.
Ein anderes Berliner Original war die dicke Museumsfrau.
Das war eine dicke, gewöhnlich aussehende Frau, die am
alten Museum in einer Planbude Früchte und Kuchen feilbot;
später wurde eine niedliche Holzbude dafür aufgebaut, aber die
Verkäuferin sass draussen, da sie zu dick war, durch die kleine
zierliche Thür ins Innere zu gelangen. Merkwürdige Dinge sagte
man von der »Museumsfrau«, denn unter einem anderen Namen
kannte sie Niemand. Gewiss ist, dass ihre Mutter die letzte Person
war, die in Berlin durch das Rad gerichtet worden war; die Alte
hatte ihren eigenen Mann ermordet, die dicke Hökerin, zu der Zeit
ein Kind, hatte, so sagte man, der Mutter zu der grausigen That
geleuchtet, darum hatte sie auch der Hinrichtung beiwohnen müssen.
Auch erzählte man, dass die Hökerin der Mutter Leichnam für
25 Thaler an die Anatomie verkauft habe, um mit dem Gelde den
Handel anzufangen, jedenfalls riefen Studenten ihr oft »25 zu,
was ihnen dann eine Flutli von Schimpfreden der Alten eintrug.
In derselben Gegend gab es auch die »Porzellanfee«, ein
altes verschrumpftes Weib in Lumpen, stets eine alte Pferdedecke
umgehängt, die auch Nachts ihr Lager bildete, mit einem ent
stellten, hässlichen Gesicht und rothen, blöden Augen, am Gürtel
hing an einem Bande ein kleines Trinkgefiiss von Porzellan. Das
sollte ein reiches vornehmes Fräulein gewesen sein, welches sich in
einen Mann untergeordneten Standes verliebt hatte. Da ihre stolze
Familie eine Ehe zwischen den Beiden nicht wollte, so hiess es,
habe sie sich ihr Gesicht durch ätzende Sachen entstellt, ihr Geld
vergeudet, um zum Acrger ihrer Familie bettelnd in den Strassen
herumzuziehen. Ihr einziger Luxus war das Trinkbecherehen von
Porzellan, aus dem sie Wasser zu ihrem Brote trank, später soll
es ein irdenes ersetzt haben, aber sic hiess dennoch im Volks
munde unentwegt: > Porzellanfee *. Mitte der 70er Jahre ist sie im
städtischen Obdach gestorben.
Ein Gegensatz zu ihr war die »polnische Gräfin«, die in
schrecklich zusammengesuchtem Flitter- und Lumpenstaat auftrat,
mit fliegenden Locken und wehenden Schleiern und in den Apo
theken die Herrn »Medicinalapotheker« um Pfeffermünzplätzchen
ansprach, die ihr meist freundlich verabfolgt wurden.
Die Apotheken machte auch ein männliches Original unsicher,
der sogenannte »Aetherdoctor«. Ein gesehenster, kluger Mensch,
sollte er als Student angefangen haben, sich durch Aethcrgeruch
wach zu erhalten, was schliesslich zu einer Krankheit und Leiden
schaft, gleich der Morphiumsucht ausgeartet war. Verkommen und
krank, schlich er durch die Strassen, gefolgt von der Strassenjugend,
ein rothbaumwollenes, äthergetränktes Taschentuch vor Nase und
Mund. Sobald er einer Apotheke ansichtig wurde, ging er hinein
und bestürmte die Herren dort mit flehentlichen Bitten um Aether.
Gossen sie ihm dann einen Tropfen Eau de Gelegne in sein Tuch,
so zog er dankend weiter. Woher er sich noch immer Aether
verschaffte, war räthselhaft. Ein ganz merkwürdiges Original aber
existirte in den dreissiger Jahren hier, eine Haus-Eigenthümerin in
der Wilhelmstrasse in der Nähe des Halleschen Thores. Ihre
Miether mussten sich beim Einziehen schriftlich und contractlieh
verpflichten, bei einem eventuellen Todesfälle die Bestattung in
einem gelben und nicht in einem schwarzen Sarge zu bewirken.
Kam dann wirklich ein Todesfall in ihrem Hause vor, so musste
der Sarg, ehe er fortgefahren wurde, auf dem Hausflur aufgestellt
werden, wo die kleine alte Hauswirthin ihrem Miether eine Leichen
rede hielt.
V
Die Tauchervorstellungen im Kaisersohiff. Um
eine überaus interessante Neuigkeit ist die Ausstellung bereichert.
Es ist das die Taucher-vorstellung, die im Kaiserschiff des
Norddeutschen Lloyd von jetzt ab jeden Tag stattfindet.
Ein Taucher in voller Ausrüstung steigt dort in ein vier Meter-
tiefes Bassin hinab und verrichtet unter dem Wasser allerlei Ar
beiten. Seine Ausrüstung ist die der Berufstaucher und besteht
im Wesentlichen aus dem Helm, der Luftkammer, dem wasserdichten
Anzug und den Bleischuhen.
Der Helm ist aus Kupfer angefertigt und mit Glasscheiben
versehen, so dass der Taucher unter Wasser nach allen Seiten hin
freien Ausblick hat. In den Helm mündet ein Schlauch, durch
den dem Taucher stetig frische Luft zugeführt wird. Bei der
Arbeit muss der Taucher diesen Schlauch stets im Munde haben,
ein Athmen durch die Nase ist für ihn unmöglich. Die Luft wird
ihm mittels einer Luftpumpe zugeführt, die zunächst die Luft
kammer, die der Taucher als eine Art Tornister auf dem Rücken
trägt, füllt. Aus diesem Luftreservoir holt sich dann der Taucher
mit jedem Athemzuge so viel Lust, wie er braucht. Die
verbrauchte Luft wird durch ein einfach und sinnreich angebrachtes
Ventil ausgestossen. Das Kleid des Tauchers ist aus besonders
präparirtem Stoff gefertigt — zwei Schichten Leinewand, zwischen
denen eine Schicht Gummistoff liegt, und vollkommen wasserdicht.
Seine Schuhe sind mit dicken Bleisohlen versehen, damit er bei
dem Wasserdrücke aufrecht stehen kann; sie wiegen zusammen
50 Pfund. Ausser der Luftkammer, die 65 Pfund wiegt, trägt
der Taucher noch ein Rückenblei und ein Herzblei. Es sind das
Bleiplatten, die je nach der Tiefe, bis in welche der Taucher
hinabsteigen soll, verschieden schwer gewählt sind, um die Gegen
wirkung des Wasserdrucks mit dem specifischen Gewicht des
Tauchers zu paralysiren Die Gesammtausrüstung eines Tauchers,
der in einer Tiefe von 10—20 Metern arbeiten soll,
wiegt über 200 Pfund, soll er bis zu 20 Metern, der grössten
Tiefe, in der ein Taucher überhaupt sich aufhalten kann, ohne vom
Wasserdruck erstickt oder erdrückt zu werden, hinabsteigen, so
hängt er sich noch besondere Bleiplatten, bis zu 100 Pfund
wiegend, um.
Ausser dieser Ausrüstung, die ihn gegen die Gefahren des
Wassers schützt, führt der Taucher noch ein haarscharfes Dolclimesser
bei sich, dass eingeschoben in eine Metallscheibe an seinem Leib
gurt hängt. Er braucht es, um bei Arbeiten an gesunkenen
Schiffen Taue zu kappen und in südlichen Gewässern, um sich
gegen grosse Raubfische zu schützen. Die Signalleine giebt ihm
die Möglichkeit, rieh in Nothfällen mit der Oberwelt, das heisst mit
seinem Tauchermeister zu verständigen.
Das sind so ziemlich die Hilfsgegenstände, die Wissenschaft
und Erfahrung dem Taucher an die Hand geben, aber mit diesen
allein ist es nicht gethan. Es gehören zu einem Taucher vor
allen Dingen eine äusserst kräftige Lunge und starker Muskel-
und Gliederbau, dazu ein unerschrockener Muth und eine Kalt
blütigkeit, die in den schwierigsten leigen sich zu helfen weiss.
Wohl bewegt sich der Taucher trotz der schweren Rüstung im
Wasser ebenso frei, wie ohne die Rüstung an Land, aber die
Schläuche, die ihm die Luft zuführen und die Signalleine sind
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