Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

12
Officielle AussteHungs- Nachrichten.
Verein für Yolksbäder errichtete Volksbrausebad. Besucher
früherer Ausstellungen werden sich wohl ähnlicher Veranstaltungen
erinnern. Der bahnbrechende Anstoss war auf der Hygiene-Aus
stellung des Jahres 1883 gegeben worden; dort bewies ein kleines,
aus Wellblech gefertigtes Badehaus, dass es wohl möglich sei, mit
geringen Mitteln Anstalten zu schaffen, in denen wohlfeile Bäder
für das Volk verabreicht werden könnten. Wohl 10 000 Personen
benutzten damals während der Ausstellung diese kleine Badeanstalt,
welche später in eine Fabrik in Neusalz übergeführt wurde, wo sie
noch heute als Arbeiterbad gesundheitlichen Zwecken dient.
Das war der erste Schritt auf einem langen und, dank rastloser
Arbeit, von Erfolgen gekrönten Wege. Handelte es sich ja auch um nichts
Geringeres, als einem körperlichen Bedürfniss entgegenzukommen:
der Neigung, Reinlichkeit zu pflegen, der Vorbedingung eines ge
sunden Lebens. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, das ganze
Denken und Fühlen bewegt von dem Bewusstsein, der menschlichen
Wohlfahrtspflege neue Bahnen zu eröffnen, trat damals eine Reihe
von Männern aus allen Ständen zu einem Verein für Volksbäder
zusammen, der, anfänglich klein und wenig beachtet, allmählich
durch den Ernst seines Strebens an Boden und Beachtung gewann,
stets dafür kämpfend, dass die unter so günstigen Auspuffen eröffnete
humane Bewegung an Ausdehnung und Einfluss gewinne, derselbe
Verein, dessen Thätigkeit auf dieser Ausstellung in dem Volks
brausebade verkörpert ist.
Der Wahlspruch des Vereines ist kurz und klar. Er lautet:
Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad! Die Ausführung
desselben würde thatsächlich eine nationale Errungenschaft in ihrer
Art darstellen.
Denn was nutzen breite, saubere Strassen anlagen, was luftige
und helle Wohnräume und Kasernen, was nach allen Regeln der
Gesundheitslehre erbaute Schulpaläste, was bedeuten alle Vorschriften
in Zeiten einer Epidemie, wenn der Mensch nicht lernt, dass
Reinlichkeit für seine eigene Person die Hauptbedingung für
sein Wohlbefinden sei! Heute benutzt nur ein verschwindend
kleiner Theil der civilisirten Menschheit die Badegelegenheit.
Die meisten Menschen baden nie. Damit sei durchaus
nicht gesagt, dass sie unreinlich seien. Viele suchen durch
Waschungen das Baden zu ersetzen. Allein wer weiss,
welche Hindernisse sich in den engen Wohnräumen, auf welche
die unteren Schichten unserer Stadtbevölkerung doch angewiesen
sind, in denen Personen beiderlei Geschlechts denselben Raum so
oft theilen müssen, sich einer gründlichen Reinigung entgegenstellen,
der wird von der Unentbehrlichkeit öffentlicher Badeanstalten
überzeugt sein.
Das erste greifbare Ergebniss der Propaganda des Berliner
Vereins für Volksbäder war die Errichtung der beiden Volksbade
anstalten in den Stadttheilen Alt-Kölln und Oranienburger Vorstadt.
Die Eröffnung derselben geschah ganz in der Stille, in jenen
traurigen Märztagen des Jahres 1888. Aber diese Stille war
nicht von langer Dauer. Bald strömte die Bevölkerung der
benachbarten und weiter entfernt, gelegenen Stadttheile in Sehaaren
herbei. Kaum war es möglich, den gestellten Anforderungen zu
entsprechen. An Sonnabenden und am Vorabend der Festtage
musste geradezu bis nach Mitternacht gearbeitet werden; ein
Zeichen, dass nur ein leiser Impuls die Schaffung einer billigen
Gelegenheit für die Geltendmachung des Reinlichkeitstriebes der
Berliner Bevölkerung gefehlt hatte.
Jetzt sind seitdem acht Jahre vergangen. Jene Anstalten
bestehen mit fortwährend wachsender Anziehungskraft fort und
deutlicher als alle platonischen Versicherungen spricht für das
Existenzbedürfniss dieser Einrichtung die Thatsache, dass sie sich
nicht nur rentiren, sondern dass es sogar möglich ist, trotz des
beispiellos billigen Preises von 25 Pfennigen für ein Vollbad nebst
Seife und Wäsche jährlich eine nicht unbedeutende Summe zu
Gunsten der Weiterführung dieser hygienischen Bestrebungen zurück
zulegen.
Lauter und lauter erscholl der Wunsch in der Bevölkerung
der Reichshauptstadt, mehr und mehr Einwohner auch anderer
Stadttheile an den Segnungen der öffentlichen Bäder theilnehmen
zu lassen. Da nahm die Stadt Berlin die Angelegenheit in ihre
eigene machtvolle Hand und gründete unter Aufwendung sehr be
trächtlicher Mittel zunächst die beiden grossartigen Bade-Anstalten
an der Schillingsbrücke und im kleinen Thiergarten. Eine dritte
derartige Anstalt ist auf dem Bennewitz-Platz geplant. Man kann
über die Zweckmässigkeit dieser Anstalten, in denen Bassin- und
Wannenbäder, die an Wasser und Heizmaterial sehr bedeutende
Unkosten verursachen, verabreicht werden, verschiedener Ansicht
sein. Die meisten Fachmänner geben heutzutage wohl den sehr
billig zu beschaffenden Brausebädern den Vorzug, lediglich aus
Opportunitätsgründen. Die beiden städtischen Bade-Anstalten haben
zusammen die enorme Summe von 1 '/ 2 Millionen Mark Anlagecapital
erfordert, und auch die Herstellungskosten für die etwas kleinere An
stalt am Dennewitz-Platz sind auf 1 / 2 Million veranschlagt. Für diese
Summe könnte man 75 grosse Volksbrausebäder in allen Theilen
der Stadt errichten, vorausgesetzt, dass eine Anzahl dieser Anstalten
in bereits vorhandenen Gebäuden untergebracht würde. Dann wäre
mit einem Male dass grosse Ziel erreicht: eine Versorgung der ge
summten Berliner Bevölkerung mit Badegelegenheit.
Das Beispiel Berlins würde vorbildlich sein für ganz Preussen,
das, nach der letzten, allerdings 10 Jahre alten Statistik, noch
100 Kreisstädte ohne Badeanstalt zählte.
Deutschland ist in dieser Bewegung, wie in so vielen anderen,
vorangegangen. Allerorten wird sein Beispiel nachgeahmt. Jenes
kleine. Wellblechhäusdien auf der Hygiene-Ausstellung, es hat
seitdem als Muster für viele derartige Betriebe in aller Herren
Ländern gedient.
Einer zuerst von Herrn Schuldirector Dr. Merkel in
Göttingen gegebenen Anregung folgend wird heute in den grösseren
Städten der Monarchie keine Gemeindeschule mehr ohne Sch ul bad
errichtet.
Um das Werk zu krönen, wird im Anschluss an die Gewerbe-
Ausstellung noch in diesem Jahre ein Deutscher Verein für
Volksbäder, das ganze Reich umfassend, sich zu segensreichem
Wirken Zusammenschlüssen. Süssmann.
N
Das lustige Treiben in der Ausstellung wurde
am Himmelfahrtstage durch das regnerische Wetter eher gefördert,
als gehemmt. Die Massen concentrirten sich, sie hockten, nachdem
sie an den Schätzen der Haupthalle sich satt gesehen hatten, in
den einzelnen Restaurants und Vergnügungslokalen. Je unfreund
licher die Stimmung draussen schien, desto fröhlicher ging es in
den vor Wind und Wetter geschützten Stätten zu, und, je
dunkler die Wolken vom Horizont herunterhingen, desto heller
war die Freude der in den behaglich warmen und vollen Räumen sich
amusirenden Besucher. Am Himmelfahrtstage muss der Berliner
seinen Ausflug machen, und wenn es, was bisher im Uebrigen
noch niemals der Fall war, Steine vom Himmel regnen sollte. Das
bischen trüber Himmel konnte natürlich die alte Gewohnheit nicht
verregnen lassen, und so machten denn die Berliner bereits vom
frühen Morgen an ihre Partie nach Treptow. An Stelle von
Wannsee und Schlachtensee wurden die Wasserwege des Neuen
See's und des Karpfenteichs hingenommen, für die Hasenhaide
boten die Wunder des Vergnügungsparks Ersatz, anstatt in die
»Neue Welt« zog man nach »Alt - Berlin«, die zahmen
und die wilden Thiere des zoologischen Gartens wurden mit
denen von Hagenbeck’s zoologischem Cirkus vertauscht, für den
Morgen- oder Nachmittagskaffee in den Zelten entschädigte man
sich durch das arabische Gebräu in den Zelten von Kairo, und die
sonst in den Picheisbergen gesuchte Höhenluft athmete mau im
unmuthigen Zillerthal ein. Der Treptower Park ersetzte gestern die
natürlichen Reize und die volkstümlichen Belustigungen, die der
Berliner im Thiergarten, Grunewald u. s. w. zu suchen und zu finden
pflegt. Das Leben in der Ausstellung war am Himmelfahrtstage ein mehr
nach innen gekehrtes, aussen unfreundlich und öde, aber innen
behaglich und lebendig. Das glänzende Relief, die architektonischen
Wunder und die grossartige äussere Gestaltung und Anlage der
Ausstellung fallen ja sofort in die Augen, aber die intimen Reize
der Stätte, welche der Freude, der Annehmlichkeit, sowie dem viel- -
geschmähten, aber nicht ganz unentbehrlichen und im Grunde ge
nommen auch seinen Schmähern nicht ganz verachteten, sogenannten
materiellen Genuss dienen, dürfen ein eingehendes Studium' bean
spruchen. — Und dieses haben sie gestern bei Tausenden angeregt,
dem Regen sei es gedankt, der in massigen und bescheidenen Quanten
selbst einer Ausstellung und ihren inneren Vorzügen dienlich sein
kann. Der gestrige Regentag hat gelehrt, dass der Berliner mit
seiner Ausstellung bereits die rechte Fühlung gewonnen hat, dass
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