Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Äusstellungs- Nachrichten.
langen Pfeife zwischen den Zähnen zuschauen. Ein etwa neunjähriges
Mädchen ist auf einem Steine sanft eingeschlummert; da neben ihr
eine halb geleerte Weisse steht, so kann der Vater nicht weit sein!
Richtig, nach ein paar Schritten finden wir ihn hinter einem Strauche
ebenfalls der Ruhe pflegend. Radfahrer strampeln auf der Krug-
Allee, aus dem dortigen Amtsbureau kommen in lautem Gespräch
drei Beduinen mit einem Dolmetscher und einem Gendarm, alles
Volk bleibt stehen, um ihnen nachzuschauen. Vor den Treptower
Erfrischungs-Anstalten und Erholungsstätten stehen Kremser und
Droschken mit schlafenden Kutschern, Passagieren und Pferden, die
alle bei einem plötzlichen Geräusch aufschrecken, um bald wieder
die Köpfe hängen zu lassen. Ein blauer Himmel lacht über Park
und Strassen und die warme Sonne bescheint gleich liebevoll Gerechte
und Ungerechte rund um die Ausstellung.
V
Emil May.
Ein „Verein geschulter Fremdenführer“ hat sich
soeben in Berlin gebildet, dessen Mitglieder durch sachgemässe
Vorbildung die Berlin und seine Gewerbe-Ausstellung besuchenden
Fremden in geschickter und befriedigender Weise zu führen in der
Lage sind. Der Vorstand dieses Vereins meldet uns: »Auch in
Bezug auf Moral und Unbescholtenheit können wir für unsere Mit
glieder volle Garantie übernehmen, da nur solche Herren von uns
zur Führung gestellt werden, deren Mitgliedskarten vom Königl.
Polizei-Präsidium (laut Verfügung des Herrn Polizei-Präsidenten
vom 15. April er.) unterstempelt worden sind, und deren
Bildung und Umgangsformen dem Vorstande, der in diesem Sinne
hohe Ansprüche zu stellen sich zur Pflicht gemacht hat, genügend
erscheinen. Unser von uns aufgestellter Tarif ist folgender.
A. Bei Einzelführungen: 1) pro Stunde 1,50 Mk., 2) pro
Vr Tag (5 Stunden) 6 Mk., 3) pro '/, Tag (10 Stunden) 10 Mk.,
B. Bei Gruppenführungen: (5 Personen und mehr.) 1) pro
Kopf und Stunde 0,50 Mk., 2) pro Kopf und */* Tag (5 Stunden)
1,75 Mk, 3) pro Kopf und ’/i Tag (10 Stunden) 3 Mk. Die
Geschäftsstelle des Vereins befindet sich Alexanderstrasse 30, Tele
phon-Amt VII, 637.
V
Ein neuer Fuhrwerk-Standplatz ist am gestrigen
Mittwoch in unmittelbarer Nähe der Ausstellung eröffnet worden.
Derselbe befindet sich südlich von der Coepenicker Landstrasse,
gegenüber der Kolonial-Ausstellung, ist 12 Morgen gross und bietet
600 Stände für Equipagen und Droschken. Der Platz ist von dem
bekannten Fuhrunternehmer Herrn Carl Nauck auf eigene Kosten
eingerichtet und mit gedeckten Hallen, Trinkstätten, Heumagazin,
einer Fahrradhalle und einem Kutscher-Restaurant versehen worden.
An Standgeld wird entrichtet: für Equipagen in den bedeckten
Ständen 1 Mark, in den offenen Ständen 50 Pf. Droschken zahlen
in den offenen Ständen 30 Pf. Die Anlage besitzt Telephon-
Verbindung, so dass. von den Restaurants der. Ausstellung aus
Equipagen und Droschken von dem Standplatz herbeigerufen werden
können.
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Unser Pavillon war am gestrigen Feiertag wieder ausser
ordentlich vom Publikum besucht. Unter den zahlreichen Gästen
sind besonders zu nennen : Prinzess Carolath-Beuthen, der Abge
ordnete und Frau von Koscielski, Professor Weigels, der Abgeord
nete Eugen Richter.
V
Europa und Asien. Ein Glasschrank in dem Haupt
gebäude zieht die Aufmerksamkeit der Ausstellungs-Besucher jeden
Standes und jeden Alters in hohem Maasse auf sich. In diesem
Schrank befindet sich eine Automatengruppe, deren Mittelpunkt
eine junge Dame in schneidigem, hellem Costüm bildet. Sie bewegt
Kopf und Augen in scheinbar ungezwungenster Weise, handhabt
dabei tadellos. ihre Lorgnette und dreht ihren hellen , Sonnenschirm
leicht vor und rückwärts, ihr zur Rechten steht ein ent
zückendes Mädchen, welches lächelnd Kusshändchen ins
Publikum wirft, so nett und graziös, dass man seine Freude
daran haben muss und ihr nur zu gern in das lachende, helle
Auge schaut. Zur Linken sitzt ein alter Araber, dessen runzel
volles, braunes Antlitz aus dem weissen faltigen Burnus schaut,
er raucht eine Cigarette und macht dabei sehr natürliche, ausdrucks
volle Kopf-, Augen- und Lippenbewegungen. — »Ach«, seufzt ein
leidenschaftlicher Raucher, »der Mann darf im Hauptgebäude
rauchen und die Cigarette geht ihm den ganzen Tag nicht
aus!« greift prüfend an die Brusttasche, um sich zu über
zeugen , dass noch Rauchmaterial vorhanden ist, nickt dann be
friedigt und eilt hinaus, um seinen geliebten Glimmstengel
anzustecken. — »Du« sagt eine Berlinerin zu ihrem Gatten, »det
is een Mensch!« »Nanu? wie soll’s denn der den janzen lieben
Dag in dem dunstigen Kasten aushalten? det is ne Puppe!« »Papa,«
sagt sein Sprössling, »et wird wohl doch een Mensch sind, er
klappert ja mit die Ogen!« »Schon jut, kommt man weiter.«
In einem andern Schauschrank liegt auf schwellendem Divan eine
reizende Odaliske in verführerischer Stellung, führt ab und zu die
Cigarette zwischen die leicht geöffneten rothen Lippen und schaut
mit herrlichen dunklen Augen die Menschen an. Hier ist viel
Herrenpublikum. »So bleib doch nicht bei jedem Schranke
stehen, komm!« mahnt energisch eine junge Frau den
weilenden Gemahl. »Hast Du Deinen Araber, will ich meine
Odaliske!« bemerkt dieser. »Das ist ganz was Anderes, der Araber
ist ein alter Mann, und übrigens ein Kunstwerk!« »Ach so!«
»Na, dann sollst Du Deinen Willen haben!« Er geht mit, aber
sein Entschluss steht fest, hierher geht er einmal allein, um das
Kunstwerk zu studiren. Noch einen Blick wirft er auf das reizende
kleine, nackte Fässchen, welches aus dem rothen Pantöffelchen
schaut, mit einem zweiten Blick sucht er den Fuss seiner Gemahlin
und geht »gefasst« ab.
V
Ein schwerer Unfall ereignete sich am Donnerstag in
früher Morgenstunde auf dem Terrain dicht hinter der Sanitäts-
wache. Ein Arbeiter war eben an einem der Dampfrohre, die zum
Betrieb der grossen Fontaine gehören, damit beschäftigt, einige
Schrauben anzuziehen, als das Rohr mit lautem Krach platzte und
den Unglücklichen, der etwa zehn Schritte fortgeschleudert wurde,
schwer verletzte. Auf der Sanitätswache wurde an ihm ein Bruch
beider Beine, sowie eine starke Verbrühung durch den ausströmenden
Dampf festgestellt, worauf er, nachdem ihm die erste Hilfe geleistet
war, von der Unfallstation aus nach dem Krankenhaus im Friedrichs
hain geschafft wurde.
V
In der Sanitätswache gelangten gestern 14 Fälle zur
Behandlung. Unter den Patienten befand sich ein Ausstellungs
besucher, der einen eigenthümlichen Unfall erlitt. Als er vom
Verdeck eines Pferdebahn Wagens absteigen wollte, wurde er von
einem Balken des Arbeitswägens der elektrischen Bahn am Hinter
kopf getroffen. Der Schlag war so heftig, dass der Mann sofort
bewusstlos zusammenstürzte. Nach der ersten Hilfe auf der
Sanitätswache erholte er sich bald, und nur eine starke Beule am
Kopf blieb als einzige Folge dieses gefährlichen Unfalls zurück.
Die Unfall-Station behandelte 13 Personen, darunter
einen Ausstellungsbesucher, dem auf der Ringbahn drei Finger
spitzen durch Zuschlagen der Thüre zerquetscht wurden.
Die Vorträge in der Ausstellung.
Volksbäder.
[Abdruck untersagt.)
Die Vorträge in der Ausstellung schöpfen in reicher Ab
wechselung aus allen Gebieten der Wissenschaft und des öffent
lichen Lebens. Das Thema, welches Prof. Dr. med. Lassar, der
bekannte Docent für Hautkrankheiten an der Berliner Universität,
am Mittwoch vor einem kleinen, doch ausgewählten Zuhörerkreise
behandelte, bewegte sich auf dem jetzt so viel bepflügten Felde der
Socialhygiene: es betraf die wichtige Frage der Volksbäder.
Auf dem Gelände der Ausstellung erhebt sich in unmittelbarer
Nähe des Hauptbahnhofs ein schmuckes Gebäude: das vom Berliner
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