Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

io Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
in kritischen Fällen benimmt. Ich möchte den schwarzen Schirm
nicht zum Verehrer,« murmelte ich.
Zwei Tage später sass ich im Cafe Bauer. Mir gegenüber eine
junge Dame, die mir bekannt vorkam. An ihrem Stuhle lehnt ein
grüner Schirm mit einem goldenen Griffe. Sie ist im lebhaften
Gespräche mit einem jungen Mann, den ich auch schon irgend
wann und wo gesehen habe. »Mein Gott! Wie ist mir denn?«
Der Grünseidene stimmt genau. — Und der Schwarze? — Da ist
er auch. — Sie sind’s! — Also ist es doch zu einem Austausch
der Schirme gekommen?«
Sic sehen mich Beide nicht. Und wenn sie mich auch sehen,
sie haben sich so viel zu erzählen, dass sie mich gar nicht be
achten würden.
0 weh! Der Himmel umzieht sich. Doch das stört die
Beiden nicht. Als sie aufbrechen, tröpfelt es winzig wenig.
Da spannt Anatole sein Schutzdach auf, reicht Margot seinen
Arm und sie ihm den Grünseidenen, den er ausser Cur» setzt und
Beide wandern dem Bahnhof Kairo zu. Dort steigen sie in ein
Coupee zweiter Klasse. Sie sitzen mutterseelenallein; denn es ist
schon spät am Abend. Und Margot lässt sich vom Bahnhof
Bellevue aus willig unter den grossen Schirm nehmen und hat bis
an das Portal ihres Hauses ihre Freiheit ganz verloren.
Den grünen Schirm sehe ich täglich zur bestimmten Stunde
am »Neuen See«. —
Armer, kleiner Schirm!
Carlotta Griselli.
Der Besuch der Ausstellung war am gestrigen
Himmelfahrtstage trotz der kühlen Witterung (8 Grad Reaumur
gegen Mittag), trotz Regen und Wind schon in den Vormittagen
ein sehr guter.
V
Rund um die Ausstellung. Vor den Kassenschaltern
des Hauptportals und am Verwaltungsgebäude stehen fast zu allen
Stunden des Tages Gruppen von Männern, die es sich angelegen
sein lassen, den Verkehr zu beobachten. Oft macht auch der
Eine oder der Andere den Versuch, unter irgend einem Vorwände
Eintritt zu erlangen. Aber der Versuch bleibt erfolglos. Sie
müssen sich schon begnügen, von hier aus die durch das Draht
gitter sichtbaren Herrlichkeiten der Ausstellung zu betrachten. An
dem neuen Halteplatz für Wagen am Verwaltungsgebäude bat sich
eine Weissbierhalle ctablirt. Zuweilen ist dort der Andrang so
gross, dass es an genügenden Sitzplätzen fehlt. An vielen Stellen
der Umzäumung sind einzelne Felder herausgenommen, um Last
wagen ein- oder auszulassen. An den meisten Reelametafeln stehen
Menschengruppen die Placatc eifrig lesend, während der Raum vor der
Berliner’schen Bierhalle den Schauplatz häufiger und heftiger Aus
einandersetzungen zwischen den Ausstellungs- und den Zaungästen
abgiebt. Gendarme eilen im Dienstschritt den verschiedenen
Bureaux zu, in den Händen blaue Couverts mit wichtigen Dienst
geheimnissen. Am grossen Droschkenhalteplatz, jenseits der Coepenicker
Chaussee haben sich neue Kneipen aufgethan, so das »Heidelberger
Fass« und der »Nordstern« — Lokale, in denen fast ausschliesslich
kleinere Leute verkehren. Hier an der Ringbahn beginnt auch das
Reich der Berliner Schutzmannschaft. Auf der Coepenicker
Chaussee ist immer sehr lebhafter Verkehr, so dass die Beamten
der elektrischen Bahn Mühe haben, das Geleise frei zu halten.
Lustwandelnde und Liebespärchen freilich lenken ihre Schritte
meist, nachdem sie sich auf den Bänken der Anlagen au der
Ringbahn ausgeruht haben, nach Kairo oder dem Vergnügungspark
iiin, wo es immer etwas zu seilen giebt. Hier aut der Coepenicker Land-
strasse entstehen gleichfalls immer neue Verkaufsstäude, Buden etc.,
eine alte Scheune trägt die stolze Aufschrift »Altdeutsche Würstel-
halle« — sie ist hauptsächlich für den Sonntagsverkehr eingerichtet.
GegeniiberdieserWürstelbudesindeinigejungeBurschenmitanerkenneus-
werthem Eifer bemüht, die Placate der Millenniums-Ausstellung und
der Kieler Ausstellung von den Plaeattafeln zu reissen. Nur werden
sie plötzlich in ihren lokalpatriotischem Thun gestört, denn eine
rauhe Hand fasst einen der Jungen beim Ohr, während es dem
anderen gelingt zu flüchten, indem er über die neu errichtete Schutz
barriere der elektrischen Bahn setzt. Auf der Südseite
werden Nothbuffets für den Sonntags-Verkehr eingerichtet. Die
Bezeichnung »Nothbuffets« verdienen sie auch schon deswegen,
weil man nach dem Genuss der dort verabreichten Biere
mitunter die schwere Noth kriegt. — An den Mauern Kairos sieht
es bald aus wie im Betgraben Jerusalems, nur dass die Leute sieb
nicht mit ihrem Schöpfer beschäftigen, sondern in langen Reihen
durch Risse und Astlöcher die Geheimnisse des Orients zu erspähen
suchen. Vor dem Hauptthöre stehen Fleisch-, Bäcker-, Fisch-,
Eis-, Gemüse-, Bier-, Mineralwasser-, Möbel-, Mehl- und Kohlen
wagen, berlinwärts zieht eine Colonne Spindlcr’scher Wagen, von
Zeit zu Zeit erklingt das ängstliche Tuten der Mailcoachs, was
manchen lebhafte Erinnerungen an das Feuerhorn des heimathlichen
Nachtwächters wach ruft. Hinter der Einzäunung machen zuweilen
Arbeiter der Ausstellung ziemlich ungenirt Toilette. Flaggenmasten
lagern in bestimmten Abständen, und liier stehen oft kluge
Pennbrüder, die unerbetene Rathschläge ertheilen und von Zeit zu
Zeit den Stand der labenden Flüssigkeit ihrer geliebten Pulle prüfen.
In den Veranden des Nordpol-Restaurants, des Cafe Union und auf
dem Baleon der Gebirgsschenke lassen die Gäste alles Volk an sich
vorüber ziehen, Jedermann kritisirend, eine geistige Arbeit, bei der
sich die schmucken G'ebirgskellnerinnen eifrig betheiligen, so dass
dieser Theil der Coepenicker Landstrasse gawissermaassen eine Art
Lästerallee vorstellt. An der Zahnradbahn und bei der elektrischen
Schlittenfahrt stehen zahlreiche Neugierige und sehen der Her
stellung der Berliner Felsen aus Drahtgewebe, Scheuerlappen und
Gips zu, andere wieder staunen die fertigen Grotten oder die schimmern
den Eisberge an. Auf der Wiese vor dem Bahnhof' der elektrischen
Bahn sind Carrousels angefahren, die Gondeln und Pferde, sind noch zu
gedeckt, aber Jung - Berlin ist bemüht, die verbergenden Hüllen zu
lüften. In der Gegend der Parkstrasse wird die Verbreiterung des
Fussweges zu Ende geführt und zu diesem Zwecke das Gestänge
der Telegraphenleitungen versetzt. Auch hier fehlt es nicht an
einem sein - provisorischen Restaurant, das die Inschrift trügt: »Zum
grossen Seidel und zur guten Weisse!« Prosit! Ein grosser Stand
platz für Fuhrwerk wird hier von einem Privat - Unternehmer er
richtet mit und ohne Schutzdächer und Trinkvorrichtungen für’s
liebe Vieh und mit Trinkgelegenheit für die durstige Menschheit.
Ueber den breiten Wassergraben sind Nothbrücken geschlagen. Gegen
über dem Vergnügungspark werden elektrische Bahn wagen durch die
Umzäunung befördert. Auf den Brücken zur Kolonial-Ausstellung und
zum Vergnügungspark stehen zahlreiche Ausstelluugsbesucher, die, zum
Theil mit Hilfe von Krimmsteehern und Operngläsern das Treiben
unter sich beobachten. Fortwährend duseln Träumer in den Ge
leisen der elektrischen Bahn herum und müssen durch energisches
Läuten zum Erwachen gebracht werden. Ein Herr, der hei der
Kolonial-Ausstellung einen Arbeiter etwas heftig anrief, er solle sich
aus dem Geleise scheereu, gerieht beim Vergnügungspark selbst
hinein und war sehr verwundert, das er gleichfalls »angerufen« wurde.
Missvergnügte Leute machen ihrem Aerger an den Haltestellen
Luft, sie sind wüthend, dass die elektrische Bahn immer gerade
dann besetzt ist, wenn sie mitfahren wollen. Bei der Stufenbalm ist
immer eine kleinere oder grössere Volksversammlung anwesend, die sich
die Brücke und die Wagen besehen; auch liier fehlt es nicht an solchen,
die ihre Mitmenschen unverlangt belehren, wobei die freiwilligen
Docenten oft Behauptungen aufstellen, das Einem die Haare zu Berge
stehen. Bei der elektrischen Bahn wiederholen sich immer die Versuche,
den Waggon während der Fahrt zu besteigen; selten nur gelingt
es Einem; jeder misslungene Versuch aber wird vom Publikum mit
schadentrohen Bemerkungen oder Gelächter begleitet, was natürlich
von dem Hinein- oder Herabgefallenen vollständig ignorirt wird.
Wenn die heisse Mittagssonne die Ausstellung und ihre Umgebung
bestrahlt, so kann man zahlreiche Pilger und Arbeiter in den
Strassengräben ruhen sehen, mit und ohne, d. h. mit und ohne
Branntwein. Garderobestücke, Handwerkszeug, Blechkannen etc.
liegen daneben oder auf den Steinhaufen, in der Kolonie hinter
Schippanowskis Welt-Restaurant sieht man fleissige Frauen bei der
Feld- und Gartenarbeit, indess weniger fleissige Männer mit der
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.