Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Offieielte Ausstellungs - Nachrichten. 9
eine Weltausstellung erhalten oder ob aus der ganzen Sache gar-
nichts werden würde. Erst nachdem infolge der energischen
Arbeiten des Ausstellungs-Comite im vorigen Jahre ein endgiltiger
Beschluss gefasst war, konnten die Maschinenfabriken mit den Vor
arbeiten beginnen. Besondere, für die Ausstellung bestimmte
Maschinen konnten wegen der Kürze der Zeit nicht mehr her
gestellt werden, und man musste sich mit der Vorführung der grössten
gangbaren Sorten beschränken. G. Jacob.
Am Neuen See.
[Abdruck untersagt.]
Ein grünseidener Regenschirm weiblichen Formats und ein
dunkler Schirm männlichen Umfanges stiessen in der Wandelhalle,
die nach »Kairo« führt, dicht am Cafe Bauer auf einander.
»Verzeihen Sie!« entschuldigten sich Beide, dann setzte der
weibliche Schirm, der vom Cafe Bauer kam, seinen Weg ruhig
fort, der männliche blieb einen Moment stehen, als ob er sich vom
Schreck erholen müsste, sann eine Weile nach und kehrte auf
seiner Wanderung nach dem Cafe Bauer um.
Inzwischen war der kleine Schirm nur noch von Weitem
sichtbar, er eilte hastig dem Bahnhof zu Nur noch einmal sah
er sich um und überlegte, ob er die Halle verlassen, oder ob er
schnurstracks seinem Ziele zustreben solle. Er wendete sich links,
denn der himmelblaue »Neue See« zog ihn mit unwiderstehlicher
Gewalt. Darum trippelte er die Böschung hinunter und wandelte
nun zwischen" 1 den Lorberbäumen, die den See umsäumen.
Der veränderte Curs verlieh dem grossen Schirme Muth. Mit
grossen Schritten suchte er die Entfernung zwischen ihm und ihr auszu
gleichen. Jetzt war .er dicht an ihrer Seite Aber der kleine Schirm setzte
achtlos seinen Weg fort. Der grosse Schirm blieb fortan in der ehrfurchts
vollen Entfernung von drei'-Schritten hinter ihm, wie sein Schatten
ihm auf Schritt und Tritt folgend. Blieb der kleine Schirm stehen,
um eine der unzähligen Sehenswürdigkeiten mit Müsse zu betrachten,
sc hielt auch der grosse seine Schritte an und setzte sich nicht
eher in Bewegung, als bis es jener gethan.
Der kleine Schirm war diese Rücksicht wohl werth. Er be
schützte ein reizendes Menschenkind mit lockigem Haar, scharfge
schnittenem, aristokratischem Antlitz und den zierlichsten Händen
und Fässchen der Welt. Die Hände tadellos behandschuht, die Fässchen
in elegantester Fussbekleidung. Doch auch der grosse Schirm liess nichts
zu wünschen übrig; halb Gigerl, halb Gentlemen, wie sie auf den
Sportplätzen zu Hunderten ihr vielbeschäftigtes Dasein fristen.
»Hm!« sagte ich mir, »weshalb bei der Harmonie der Seelen
diese Schüchternheit? Warum verbeugt sich der schwarze Schirm nicht
vor dem grünen und stellt sich vor? Auf dem Parket thut das der
Wildfremdeste der Wildfremdesten ohne Gene, und hier die Nicht
beachtung dieser vortrefflichen Sitte ? Kann er dem kleineren Schirm
nicht sagen: »Mein gnädiges Fräulein, wozu vergeuden wir die
kostbare Zeit? Ich liebe die kleinen grünseidenen Schinne, doch
finde ich es viel angenehmer, anstatt uns athemlos zu laufen, die
wenigen Schritte zu riskiren und im Hauptrestaurant zu plaudern.«
Aber es scheint, als ob die junge Welt nicht mehr den Muth
besitzt, den ihre Väter besassen.
Der grosse Schirm legte den Weg rund um den »Neuen See«
im Schatten des grünseidenen stumm zurück. Nur einmal machte
er Miene, die kleine Hand zu erfassen, die ihn umspannte, als ihre
Besitzerin über einen unsichtbaren Draht gestolpert und im Begriffe
war, zu fallen. Doch da sah sie ihn so stolz und strafend an,
dass er purpurroth wurde und sich eiligst wieder in seine alte
Position begab.
Meines Erachtens noch immer kein Grund, die Hand nicht
festzuhalten und sich bei dieser Gelegenheit als Retter in Gefahr
vorzustellen.
Rasch eilte sie dem Ende des Neuen See’s zu. — Jetzt
wohin? — In die Gondel? — Ja, bei Gott! Der grüne Schirm
bestieg die Gondel.
Der Gondoliere sah den grossen Schirm am Ufer stehen. »Ah!
Signore! Steigen Sie ein!« rief er ihm zu.
»Avanti!« befahl mit scharfer Stimme der kleine Schürn.
Der Gondoliere machte ein süsssaures Gesicht und stiess vom
Ufer ab.
Resignirt blickte ihnen der grosse Schinn nach.
Da winkte ihm der College des Abfahrenden zu. Rasch er
fasste der Zurückgebliebene den Wink, sprang in die Gondel und
befahl, die erste Gondel einzuholen, indem er dem Führer reichen
Lohn fflr die forcirte Fahrt versprach.
Als Margot — so hiess der grüne Schirm — gewahrte, dass
Anatole — der grosse Schirm — ihnen folge, ermunterte sie ihren
Schiffer zu grösserer Eile. Doch das half Margot wenig. Anatoles
Schiffer war kräftiger als jener; in kurzer Zeit fuhren die beiden
Fahrzeuge Bord an Bord.
Ueber Margots klassisches Gesicht huschte ein selbstzufriedenes
Lächeln.
Der Wind erhob sich und leise Wellen kräuselten die Finthen
des Sees, immer stärker blies Boreas die Backen auf und immer
höher gingen die Wellen; das schlanke Fahrzeug hielt ihnen wacker
stand und zertheilte sie mit scharfem Kiel, dass der Schaum hoch
aufspritzte.
Margot war in ihrem Element, sie wiegte sich auf den Wellen
und traute dem wackeren Führer als einem wind- und wetterfesten
Piloten. Sie lehnte sich zurück in das Polster und schloss vor
Wohlbehagen die Augen. Da — ein plötzlicher Windstoss — und
der grüne Schinn lag in den Finthen. — Ein Schrei aus dem
Boote Anatoles -— ein ähnlicher Schrei aus Margots Gondel.
»Non! Non! Signore!« wehrte der Gondelführer dem zu Tode
erschrockenen Anatole, der sich dem Grünseidenen nachstürzen
wollte. Er gab ihm eine Stange in die Hand und wies ihn an,
den Verunglückten damit zu retten. Freudestrahlend entriss ihn
Anatole dem nassen Untergange
Ein niedlicher Schirm mit goldenem Griff, dem ein zierliches
Wappen ein gegraben war.
»Halten Sie!» befahl Margot.
Der Gondelführer schüttelte den Kopf. »Mitten auf dem
Wasser?«
»Nein!« verbesserte sie ihn, »an der nächsten Landungsstelle.«
»Rasch! rasch!« sagte Anatole zu seinem Führer. »Wir
müssen zuerst an Land sein.«
Und sie schossen an Margot vorbei wie ein Torpedoboot in
voller Fahrt.
Am Hauptrestaurant legten sie an. »Warten Sie hier!« sagte
Anatole, indem er den Gondelier fürstlich belohnte,
Auch Margot legte dort an.
»Signora befehlen?« fragte ihr Schiffer,
»Nein! Nein!« sagte sie. »Ich bin für heut befriedigt.«
Auf dem Podest stand Anatole. »Meine Gnädige!« empfing
er die Nachzüglerin, »der glücklich Gerettete,« und überreichte fin
den noch feuchten Grünseidenen.
Sie neigte unmerklich ihr dunkles Lockenhaupt und nalmi
den Flüchtling in Empfang. Alsdann schritt sie stolz an Anatole
vorüber, dem Innern des Lokales zu. An einem der geschütztesten
Tische nahm sie Platz, ihr gegenüber liess Anatole sich nieder,
einen Tisch von ihr entfernt. Sie ging an das Buffet, um dort
eigenhändig ihre Wünsche , zu verlautbaren.
Während sie dort zu keinem Entschlüsse kommen konnte,
erhob sich Anatole, näherte sich ihrem Platze und entfernte sich.
Endlich war Margot mit sich einig geworden und kehrte auf
ihren Platz zurück. Rasch nahm sie den lange behandelten Imbiss
ein, zahlte und erhob sich.
»Mein Schirm!« fuhr sie auf.
»Hier!« sagte dienstbeflissen der Kellner, indem er ihr den
grossen schwarzen präsentirte.
»Nicht doch!« lehnte sie ihn ab.
Nummer 386 suchte alle Stühle in der Nähe ab, kein zweiter
Schirm war zu finden. Der grünseidene mit dem goldenen Griff
und dem zierlichen Wappen blieb verschwunden,
»Er wird vertauscht sein«, meinte der Kellner.
»Dann wollen wir wenigstens diesen nehmen«, tröstete sich
Margot und spannte ihn probirend auf. Ganz oben am Ende des
Schirmes fiel ihr ein kleiner weisscr Papierstreifen auf. Sie be
mächtigte sich desselben. — >Aha! die Adresse seines Besitzers«,
lachte sie.
»Gott! Wie feig!« dachte ich bei mir; denn auch ich war
Margot gefolgt, um zu erfahren, wie sich heut zu Tage die Jugend
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