Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

8 Officielle Ausstellungs- Nachrichten.
digen das Gesammtbild, das hier von dem Wirken und der Be
schaffenheit eines Kindergartens geboten ist. Noch manche Vor-
urtheile herrschen in vielen -Kreisen gegen die Institution des
Kindergartens. Eine aufmerksame und gründliche Besichtigung
dieser lein-reichen Ausstellung wird dem Fröbel’scheu System gewiss
manchen neuen Freund gewinnen. E. Neisser.
Borsig’s Kraftmaschinen.
[Abdruck untersagt.)
Für das gesummte gewerbliche und industrielle Schaffen ist
die Hauptbedingung, gediegene, leistungsfähige Kraftmaschinen zum
Antrieb der verschiedenen Werkzeuge zur Verfügung zu haben.
Mit dem fortschreitenden Emporblühen der Industrie ist deshalb
das Entstehen und die weitere Ausbildung der dem Motorbau die
nenden Maschinenfabriken eng verbunden. Auch die Maschinen
halle des Haupt-Ausstellungsgebäudes legt hiervon ein beredtes
Zeugniss ab, und besonders ist es die weltbekannte Firma A. Borsig,
welche mit mehreren Kraftmaschinen vertreten ist.
Der Hauptplatz dieser Finna befindet sich am Ende der
Mittelhalle, die sich vom Kuppelraum aus hinzieht und bildet gleich
zeitig die Verbindung zwischen den beiden Haupttheilen der für den
Maschinenbau bestimmten Ausstellungsräume. Schon von Weitem
fallen einem die erheblichen Dimensionen der Ausstellungsobjecte
in's Auge und die blinkenden Theile der in Bewegung befindlichen
Maschinen. Kein gewaltiges Zischen oder Stössen kündet uns beim
Nähergehen an, dass wir uns vor einer in voller Bewegung laufen
den Kraftanlage befinden, nein, mit fast unheimlicher Geräusch
losigkeit arbeiten hier Schwungrad und Kolbenstange, um licht
über die im Park und in den Restaurants sich aufhaltende Menge
zu verbreiten.
An der rechten Seite des Platzes, wenn man von der Mittel
halle kommt, liegt eine Compound-Maschine von mittleren Dimen
sionen. Dieses System ist nicht mit einer Zwillingsmaschine zu
verwechseln, bei welcher beide Dampfcylinder besondere Dampf
zuführung haben und so in gewissem Sinne unabhängig, allerdings
mit einer gemeinsamen Kurbelwelle arbeiten. Man könnte also hierbei
ohne weiteres auch nur jede dieser beiden Maschinen allein laufen lassen.
Aeusserlich ist die Zwillingsmaschine auch für den Laien dadurch
leicht erkennbar, dass sich an jedem der beiden Dampfcylinder be
sondere Absperrventile für die Dampfzuleitung befinden. Bei den
Compound-Maschinen dagegen ist der zweite Dampfcylinder vom
ersten abhängig, indem der im ersten Cylinder schon zum Antrieb
verwendete Dampf vor dem Auspuff ins Freie den zweiten Cylinder
passirt. Hier übt er nochmals eine bestimmte, wenn auch hinter
der Ausnutzung im ersten Cylinder zurückbleibende Druckwirkung
mit auf die Kurbelwelle aus und trägt hierdurch wesentlich zur
Ueberwindung des sogenannten todten Punktes bei, bei welchem kn
Hauptcylinder eine effective Druckwirkung auf den Dampfkolben
nicht ausgeübt werden kann. Da der Dampf hier direct ohne
Zwischenventil aus dem ersten in den zweiten Cylinder gepufft wird
und so seine Wirkung ausübt, ist natürlich nur äusserlich ein
Absperrventil sichtbar. Eine angenehme Folge des Compound-Systems
ist das fast geräuschlose und sichere, gleichmässige Arbeiten der
Maschinen. Darum eignen sie sich vorzüglich zum Antrieb von Dynamo
maschinen, welche eine besonders gleichmässige Umdrehung auch bei
hoher Tourenzahl erfordern. Durch die vorerwähnte Maschine wird ein
von der elektrotechnischen Fabrik von Naglo gelieferter, zu Licht
zwecken dienender Dynamo von 2000 Volt, aber nur von geringer
Spannung in Betrieb gesetzt
Auf dem Platze links liegt eine eincylindrige Dampfmaschine
von geringeren Dimensionen, während die bereits erwähnte, rechts
liegende Compoundmaschine eine effective Kraftnutzung von 150
Pferdekräften besitzt. Hinter der kleineren, links liegenden Maschine
hat ein unscheinbarer Gasmotor seinen Platz gefunden, der
gleichfalls geeignet ist, das volle Interesse auf sich zu lenken.
Es ist nämlich eine ganz neue Construction, bei welcher
Schieber, Zahnräder, Sperräder oder Excenter vollkommen aus
geschlossen sind. Aus dieser höchst einfachen Bauart ergiebt sich
auch eine nur geringe Reparaturbedürftigkeit, ferner wird bei
geringem Gasverbrauch ein gleichmässiger, geräuschloser Gang erzielt.
Eine grosse Loeomotive für Güterzüge, Stettin 1903, nimmt
den Hintergrund ein. An diesem Erzeugnis« der Borsig’schen
Special-Abtheilung kann man so recht die sorgfältige Arbeit be
wundern, welche die Fabrik so berühmt gemacht hat. Daneben
finden wir noch eine kleinere, für Feldbahnen bestimmte Loeomotive,
welche in ihrer Art gleichfalls als Musterstück dienen kann.
Das Hauptinteresse aller Besucher zieht aber die im Mittelpunkt
des Platzes stehende Schiffsmaschine auf sich. Wuchtig ruhen die
beiden Compound-Dampfcylinder auf dem festen eisernen Gestell,
das trotz seiner bedeutenden Dimensionen doch keine unschönen
Linien aufweist. An der linken Seite führt von hinten
das Dampfzuleitungsrohr in den Hauptcylinder, regulirbar durch ein
mit Spindel versehenes, für den Maschinisten leicht zugängliches
Handrad. Hinten befindet sich weiter ein Aufgang nebst Laufsteg,
von dem aus die oberen Theile der ca. 4 m hohen Maschine zu
gänglich sind. Nach Oeffnung des Einlassventils tritt der Dampf
in den Hauptcylinder und setzt nun Kolben und Kolbenstange zum
Antrieb der Kurbelwelle in Bewegung, er passirt sodann den
zweiten, rechts liegenden Cylinder, übt hier seine Nebenwirkung
wie in dem Hauptcylinder, jedoch in erheblich schwächerem Maasse
aus und tritt sodann durch das Auspuffrohr in den hinten zu
ebener Erde befindlichen Condensationstopfi dessen Kolben direct
von der Kolbenstange des Compound-Kolbens in Bewegung gesetzt
wird. Es ist eine wahre Freude zu sehen, mit welcher Leichtig
keit, gleichsam spielend, die einzelnen Theile arbeiten, und man
sieht es der ganzen Maschinerie kaum an, dass sie eine Kraft
entwicklung von 400 Pferdekräften aufzuweisen hat.
An der rechten Seite ist die Dampfmaschine mit einem von
Siemens&Halske zur Beleuchtungsanlage gestellten Dynamo verkuppelt.
Die gewaltigen Dimensionen dieser Maschine lenken ebenfalls die all
gemeine Aufmerksamkeit auf sich. Deshalb sei hier nebenbei kurz
bemerkt, dass der Dynamo, das 15064te Stück dieser Grösse, mit
seinen 2000 Volt und 76 Ampere dazu dient, die hinteren Theile
des Parks am Hauptrestaurant mit ihren vielen Pavillons u. s. w.
mit Lichtstrom zu versehen.
Ausser diesen Maschinen hat die Firma Borsig noch einen
Theil der elektrischen Centrale, die sich an der Hinterseite der
rechten Maschinenhalle befindet, in Betrieb zu setzen. Zwei ge
waltige 400 pferdige Dampfmaschinen, solche wie sie am Haupt
platze stehen, fallen in der gesummten Anlage sofort in’s Auge.
Die eine befindet sich an dem kleinen Holzhäuschen, in dem die
eigentliche Schaltanlage angebracht ist, und ist hier ebenfalls direct
mit einem Beleuchtungs-Dynamo verkuppelt. Die zweite Dampf
maschine dieser Art steht am linken Seitengange und ist leicht
an dem aufgestellten Schilde erkennbar. Von ihr aus werden gleich
zeitig mittels Riemenübertragung zwei Dynamomaschinen der »Union«
in Betrieb gesetzt.
An dem rechten Seitengange befindet sich schliesslich noch
eine liegende Compound-Maschine besonderer Construction. Das
gewaltige Schwungrad ist in der Mitte; zur linken Seite liegt die
Hauptmaschine und rechts die Compound-Maschine mit dem kasten
förmigen CoHdensationstopf. Auffallend bei dieser Maschine ist das
Fehlen des Schieberventils, wie es bei den gewöhnlichen Maschinen
zu sehen ist. An dessen Stelle befinden sich an einer zweiten zur
Kurbelwelle rechtwinklig liegenden, durch Zahnradübertragung in
Bewegung gesetzten Welle je zwei Excenterscheiben. Von den
Letzteren aus werden durch Hebelübertragung und Federvorrichtung
die direct in die Dampfkammer führenden Dampfzuleitungen ab
wechselnd geöffnet. Hierdurch wird die Schieberventil-Vorrichtung
vollkommen ersetzt. Von dieser Maschine mit 160 Pferdekräften werden
ebenfalls zu Lichtzwecken dienende Dynamomaschinen getrieben.
Im Allgemeinen ist an den Ausstellungsgegenständen der
Firma Borsig ersichtlich, was die Berliner Maschinen-Industrie zu
leisten im Stande ist. Wenn auch nicht Maschinen mit äusser-
gewöhnlicher Kraftentwickelung, wie dies in früheren Weltausstellungen
der Fall war, zur Schau gestellt werden, so kann man doch vor
Allem die präcise Arbeit und das exacte Functioniren bewundern.
Immerhin muss die Ausstellung der Borsig’schen Fabrik als eine
hervorragende Leistung angesehen werden, obwohl die höchste
Kraftentwicklung nur auf 400 Pferdekräfte normirt ist. Man darf
dabei unter keinen Umstünden die unklaren Verhältnisse ausser
Acht lassen, welche dem ganzen Ausstellungsunternehmen voran
gingen. Wusste man doch lange Zeit überhaupt nicht, ob man
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