Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Offizielle Aussteliungs- Nachrichten. 7
fVr Die Fröbel’schen Jugendspiele.
[Abdruck untersagt]
Keiner hat die Kindesseele so tief ergründet wie Meister Fröbel.
Er hat die Geisteskräfte, die Empfindungswelt unserer Kleinen mit
dem scharfen Blick des Forschers und mit dem warmen Gemüth
eines feinfühligen, edlen und hochherzigen Mannes beobachtet und
zur Grundlage seines Erziehungsystems gemacht. Als Seelenforscher
des Kindes ist er unerreicht und seine Methode, die ersten Keime
des sich bildenden Charakters und Gemüths durch das Licht der
Erziehung und Bildung einer gedeihlichen Entwicklung entgegen
zuführen, wird noch bis in die unabsehbare Zukunft die Grundlage
der Pädagogik bilden.
Der Berliner Verein für Volkserziehung hat in einem Saale
des Gebäudes für Unterricht und Wohlfahrt eine Ausstellung
Fröbel'scher Jugendspiele arrangirt, welche die beste Gelegenheit
bietet, sich über die Fröbel'sehe Methode die weitestgehende
Aufklärung zu holen. Fröbel hat den Nachahmungstrieb
des Kindes seiner Pädagogik zu Grunde gelegt. Das Kind
sieht die ernste Beschäftigung der Erwachsenen, es sieht die
Schöpfungen der Natur, die todten Gebilde und die Lebewesen,
und sucht nun alles im Spiel nachzuahmen. An diesen Nach
ahmungstrieb schliesst sich nun die Pädagogik Fröbels an. Seine
erste Spielgabe, die er dem Kinde widmet, ist der Ball. Jeder der
fünf Bälle hängt an einer Schnur und hat eincFarbe, die dem Farbenspiel
des Begeubogens entspricht. Der letzte und grösste Ball trägt
sämmtliche Farben des Regenbogens; wird dieser Ball in rasche
Drehung versetzt, so zeigt die gesummte Farbenmischung bekannt
lich nichts als das Weiss, wodurch dem Kinde schon im Spiel
einer der wichtigsten Grundsätze der Farbenlehre erläutert wird.
Der Ball in Buhe, in rascher Bewegung und im Farbenspiel lässt
schon die methodische Gruppirung des Frühe]'sehen Spiels
in mathematische oder Erkenntniss-Form (Kugelgestalt), in Lebens-
Bewegung des Balls) und in Schönheits - Formen (Farben
spiel) genau erkennen. Die zweite Spielgabe besteht aus Würfel,
Kugel und Walze; der Würfel als Verbindung von Fläche,
gerader Linie und Körper, die Kugel und als Verbindung;
von Kugel und Würfel — die Walze. An diesen drei
Körpern, in Bewegung und Rahe, muss die Kindergärtnerin
in der Empfindlings- und Gemüthswelt des Kindes, angepassten
Plaudereien wieder die drei Fröbel’schen Gruppen zur Geltung
bringen. Je nach der geistigen Entwicklung des Kindes beginnt
nun, zumeist schon im Alter von drei Jahren, das Spiel mit dem
Baukasten, der ersten Bau- oder der dritten Spielgabe. Der Bau
kasten besteht in seiner einfachsten Art aus einem in acht
kleinere Würfel zerlegbaren, grossen Würfel, an dem schon
die Theilbarkeit der Körper (mathematische Form) die Zu
sammensetzung zu anderen, der täglichen Umgebung entlehnten
Gegenständen (Lebens-Form) und zu allerlei Sternen u. s. w.
(Schönheits-Form) geübt wird. An diesen ersten Baukasten reihen
sich drei andere, bei denen im kindlichen Spiel schon die spätere
Bruchrechnung, Theilbarkeit in Hälften, Viertel, Achtel u. s. w. vor
bereitet wird. Die letzte dieser Baugaben besteht aus 18 Längen
täfelchen, 6 längs getheilten Täfelchen oder Säulen und 12 breit
getheilten Längentäfelehen, die zusammengelegt wieder den Würfel
bilden. Zur Darstellung der Vereinigung von Körper und Linie
dienen als siebente Spielgabe die Verschränkstäbchen, die zu mathe
matischen Figuren, zu Lebensformen, Häusern, Kaffeemühlen n. s. w.
und zu Sternen gegliedert werden. Daran schliesst sich das Spiel mit
Drahtringen und das mit Bing und Stäbchen, aus denen
allerlei mathematische, Lebens- und Schönheits-Bilder zu legen sind.
Eine den Kindern sehr angenehme Beschäftigung, die gleichzeitig
der Kindergärtnerin Gelegenheit giebt, beim Erzählen von Märchen
' und kleinen Geschichten aus dem Leben, die Beobachtungsgabe der
Schüler zu stärken, ihr Gemüth zu bilden und den Keim späterer
gewerblicher Tüchtigkeit zu legen, ist das Spiel mit dem angefeuchteten
hellen Wollfaden, der in allerlei Formen auf einem dunklen Unter
grund zurecht gezogen wird. Die höchste Stufe dieser Spielgabe
ist schon der Anfang des gewerblichen Zeichnens und der so
genannten Kurbelarbeit.
Für die Pflege des Farben-, Formen- und Schönheitsinns ist
eine höhere Spielart, das Legen von Sternchen, Muscheln, Samen
und Papierblättchen von grossem Werth. Wer in der Ausstellung
die ausgestellten Proben dieses Arbeitspiels sieht, wird leicht be
greifen, wie anregend gerade diese Beschäftigung für das Kind ist
und wie hier die ersten Anfänge von Zeichen-, Mal- und Modellir-
talent zu suchen sind. Die Kindergärtnerin hat das Märchen vom
Rothkäppchen erzählt und die Kleinen formen nun, den Geist
noch erfüllt von den Bildern der lieblichen Erzählung, aus den
Steinehen und Muscheln, aus Samen und Blumen, das Haus, den
Wald u. s. w. nach und bilden unbewusst die Hand, den Sinn für die
spätere Ausübung einer Kunst oder eines Handwerks. Das Ausstechen
.vorgezeichneter Bilder auf dem Papier mit einer feinen Nadel wird
von Schulhygienikern sehr angefeindet. Professor Hermann Cohn,
der sich durch seine. Forschungen auf dem Gebiete der Schul
hygiene einen Namen gemacht hat, behauptet, dass durch der
artige Arbeiten im Kindergarten das Sehvermögen unnöthig
angestrengt und geschwächt werde. Das Bedenken des
Arztes mag gerechtfertigt sein, und diese Spielaufgabe kann
ohne Scrupel aus dem Lehrplan entfernt werden, zumal sie durch
eine andere ersetzt wird, welcher der gerügte Nachtheil für die
Augen der Kinder weniger anhaftet. Es ist dies das Ausnahen
vorgezeichneter Bilder mit bunten Fäden, das gleichzeitig eine Vor
stufe für das Zeichnen im Kindergarten ist. Die Kinder haben
die senkrechten Linien einer sehr breiten und daher das Auge
nicht übermässig anstrengenden Lineatur (dem sogenannten Fröbel’schen
Netz) zu mathematischen Figuren, Bildern aus dem Leben und zu
Linienornamenten zu verbinden und nachzuziehen, was ihnen
erfährungsgemäss grosses Vergnügen bereitet, wenn es auch Anfangs
bei der Unsicherheit der kleinen Hände einige Schwierigkeiten
bereitet. Nach den Figuren aus geraden weiden solche aus
gebogenen Linien gebildet, die, von sehr geschickten Kindern oder
Kindergärtnerinnen mit bunter Kreide oder Tusche ausgefüllt, oft
ein recht freundliches Bild bieten.
Eine sehr hübsche und nützliche Spielgabe ist das Aus
schneiden aus zusammengelegten Papierquadraten, wodurch je nach
der Faltung reich gegliederte Sterne entstehen, die, auf dunkles
Papier geklebt und durch die ausgeschnittenen Theile noch ergänzt,
mitunter an gewerbliche Kunstarbeiten heranreichen. Hervorragende
Geschicklichkeit von Kindern und Kindergärtnerinnen zeigt das
Flechtspiel, das in seinen Anfängen bi« in’s graue Alterthum zurück
reicht, als das Fadengeflecht der Vorläufer der Weberei war.
Im Kindergarten werden senkrecht oder schräg eingeschnittene
bunte Blätter mit schmalen, farbigen Papierstreifen durchzogen, so
dass recht hübsche Muster entstehen. Unter den Papierarbeiteu
ist auch das Papierfalten zu erwähnen. Aus einem Papierquadrat
entstehen je nach der Weise des Zusammenlegens mathematische
Figuren: Dreieck, Quadrat, Sechseck u. s. w. oder Lebensformen
wie: Jacke, Vogel, Schiff, Stiefel und Schönheitsformen: Steine,
Taschen, Mappen, Kästchen. Diese Papierarbeiten geben in prakti
schen und kunstvollen Zusammenstellungen von Flocht- und Falte
werk, wie in verschiedenen Proben zu sehen, dem Buchbinder das
Material für manche geschmackvolle Pappsachen. Für die Bethäti
gung kindlichen Triebes alles, was das Auge ringsum erschaut, im Spiel
nachzubilden, ist der weiche Thon das geeignetste Mittel und die Thon-
arbeitsstunden sind bei den kleinen Kindergartenschülern ganz besonders
beliebt. Auch das Modelliren wird systematisch nach den Spiel
gruppen betrieben. Bald ist aus dem Thonteig eine Kugel, ein
Würfel, dann w ieder ein Apfel, ein Baum, ein Nest oder ein Stern,
eine einfache Arabeske, eine Borde u. s. w. lierzustellen, je nach
dem das von der Kindergärtnerin erzählte Märchen, die Fabel oder
das Lebensbild den Geist der Kleinen anregte. Sehr anstellig
zeigen sich die Kinder bei den Arbeiten aus Erbsen und Stäbchen.
Die Stäbchen verbildlichen die Linien, die Erbsen die Punkte, und
die verschiedenen Gebilde, die so entstehen, reihen sich wieder in
die Fröbel’schen Spielgruppen ein und bilden theilweise die erste
Einführung in die Lehre von der Perspective.
In Kästen und Schränken sowie auf Tafeln sind die Spiel
arbeiten, nach Stufen und Gruppen geordnet, ausgestellt. Daneben
findet man auch allerlei Weihnachtsschmuck, der im Kindergarten
angefertigt wird, und eine Darstellung von Rothkäppchen aus Thon-
und Papparbeiten, welche der Geschicklichkeit der kleinen Künstler
und der Lehrthätigkcit der Damen das ehrendste Zeugniss
ausstellt. Eine reichhaltige Bibliothek belehrt über Zweck
und Ziel des Kindergartens, und Spiel- wie Schulbänke vcrvollstän-
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.