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Volume Nr. 27, 14. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Officielle Äusstellungs - Nachrichten. 
verlaufend, ansehliesst: Gehirn und Rückenmark. Von beiden 
gehen Fäden aus, welche durch den ganzen Körper bis in dessen 
äusserste Schichten sich verbreiten: die Nerven; sie bilden, im 
Gegensatz zum Gehirn und Rückenmark, das peripherische Nerven 
system. 
Zwei wichtige Leistungen liegen dem animalen System ob: 
die der bewussten Empfindung und die der bewussten 
Thätigkeit. Jede bewusste Empfindung — das kann man als 
sichere Thatsache annehmen — kommt nur zu Stande durch das 
Gehirn, und auch hier nur an einer bestimmten Stelle, in der 
Hirnrinde, welche durch ihre Graufärbung von dem weissen 
Innentheile des Gehirns, dem Marke, unterschieden ist. Auch 
die bewusste Thätigkeit, die Muskelbewegung, hat ausschliesslich 
in der Rinde ihren Sitz. Das ganze Gehirn ist durch eine tiefe 
Mittelfurche in zwei Hälften getheilt, welche durch den sogenannten 
»Balken« miteinander verbunden sind; durch diese Verbindung 
ist die Möglichkeit gegeben, dass, wenn die eine Seite des Gehirns 
durch Geschwülste, Verletzungen etc. in einem nicht zu grossen 
Umfänge zerstört ist, die andere für sie eintreten kann. Sehr 
merkwürdig ist die Thatsache, dass alles, was von der linken 
Seite des Gehirns abhängig ist, auf der rechten Körperhälfte sein 
Feld hat, und umgekehrt. Will ich also z. B. mit dem rechten 
Finger den Tisch berühren, so geht der Antrieb dazu von der 
linken Grosshirnhälfte aus. Dem hintersten Abschnitt des Gehirns, 
dem Kleinhirn, liegt die besondere Aufgabe ob, das Gleichgewicht 
des Körpers zu erhalten. 
Der Weg der Leitung vom Centralapparat zu den Organen 
ist ein sehr eigenthümlicher. Kein einziger Muskel erhält seinen 
Befehl vom Gehirn resp. Rückenmark auf directem Wege; sondern, 
ähnlich der Einrichtung der Zwischenstationen in der Telegraphie, 
sind auch in den Leitungsdrähten des menschlichen Körpers, den 
Nerven, derartige Stationen vorhanden. Jeder Nerv besteht aus einer 
Kette von einzelnen Gliedern, welche miteinander verhakt sind: 
den Neuronen. Diese Neurone, von denen wir erst seit ganz 
kurzer Zeit wissen, sind die eigentlichen Bausteine des Nerven 
systems, aus welchen sich dasselbe zusammensetzt, wie ein Haus 
aus seinen Ziegeln. Vorstellen kann man sich diese Neurone als 
rundliche Körper von Sandkorngrösse, von denen Tausende der 
allerfeinsten Verzweigungen verschiedener Form sich verbreiten. 
Wie endigen, nun schliesslich diese Fäserchen im Körper? — 
Ob in Sinnesorganen, wie im Auge, in der Zunge, ob im Bewegungs- 
Apparate, den Muskeln, ob in den Absonderungs-Werkstätten der 
Drüsen, stets ist die feinste Endigung eine solche, dass die Faser 
sich in eine Anzahl baumförmiger, mit kleinen, knopfförmigen Ver 
dickungen abschliessender Verzweigungen auflöst: das sogenannte 
Endbäumchen. 
Die Schnelligkeit der Leitung eines Befehles vom Central 
organ zur Peripherie, oder umgekehrt einer Empfindung von der 
Peripherie zum Centralorgan, ist, mit der Geschwindigkeit der Fort 
pflanzung z. B. des Lichtes verglichen, keine bedeutende. Sie be 
trägt 30 m in der Sekunde, nach den Untersuchungen von 
Helmholtz. Bedenkt man jedoch die geringen Strecken, welche in 
unserem Körper überhaupt zurückzulegen sind, so ist erklärlich, 
dass uns Sinnesreizung und Empfindung, Impuls und Muskel 
arbeit in momentaner Aufeinanderfolge erscheinen. Was das 
für ein Agens ist, welches durch die Leitungsdrähte der i 
Nerven strömt, wissen wir nicht. Elektricität ist es nicht, ob 
wohl es manche Ähnlichkeit mit diesem Fluidum besitzt. 
Wie der elektrische Funke überspringt zwischen zwei Polen, so 
springt auch jenes unbekannte Fluidum zwischen je zwei Neuromen 
über und durcheilt so die lange Kette derselben bis an den Be 
stimmungsort. Denken wir uns nun, dass die Fortsätze dieser 
Neurome die Fähigkeit besitzen, sich auszustrecken und zusammen 
zurollen — und in der neuesten Zeit wird dies von mehreren 
Seiten behauptet — so bekommen wir einen Einblick in einen un 
endlich feinen Mechanismus. Wer hat nicht schon bemerkt, dass zu 
Zeiten sein Nervensystem besser, schneller functionirt, als zu anderen, 
wenn er übermüdet, unwohl oder überarbeitet ist. Wenn wir 
uns nun vorstellen, dass im Zustande der Frische unserer Nerven 
die Neurone durch Ausstrecken ihrer Fortsätze einander ge 
nähert, bei Erschöpfung derselben eingezogen und weiter von 
einander entfernt sind, so haben wir den Aufschluss für diese Er 
scheinung. Demi, wie der elektrische Funke, so springt das unseren 
Willen und unsere Empfindung übermittelnde Agens desto schwerer 
über, je weiter die Pole von einander abstehen. Das ist der erste, 
kleine Einblick in eine Wunderwelt, deren Pforten wir soeben erst 
im Begriff sind zu eröffnen. 8—nn. 
S 
Ein Probeblasen fand gestern vor dem Halbrund des 
Hauptgebäudes statt. Das Zusammenspiel verschiedener Musik- 
Kapellen, die ihre Pavillons am Neuen See haben, hat sich als so 
unangenehm und störend erwiesen, dass man die Musik-Kapellen 
vom Westende des Neuen See nach der Gegend des Cafe Bauer 
zu verlegen beabsichtigt. << 
S 
Das Erwachen von Alt-Berlin. Achtlos am frühen ( 
Morgen durch den Treptower Park bummelnd, um die frische Luft 
zu gemessen, gelangt man leicht durch ein Nebenthor, durch welches 
um diese Zeit Bier-Fuhrwerke ihren Weg zu nehmen pflegen, in 
die Strassen Alt-Berlins. Ist man in den Höfen auch beschäftigt 
mit Auf- und Abladen, auf Strassen und Plätzen herrscht tiefe 
Ruhe, die Stadt ist entvölkert, nur Tauben und Spatzen naschen 
in den gastlichen Vorgärten der alten Wirthshäuser die Biosamen, 
die gestern vom Tisch froher Menschen gefallen. Leise rauscht 
der Morgenwind in den Fahnen, den Laubgewinden und 
Ktibelpflanzen und hin und her schaukeln die Wirths- 
hausschilder und die ehrwürdigen Laternen. In den Gärtchen hört 
man Vogelgezwitscher und Amselschlag, nirgends vernimmt man 
Menschenstimmen oder Hundegebell. Laut hallen die Tritte beim 
Jassiren der Gerichtslaube, und die warme Morgensonne beleuchtet 
ein Bild tiefsten Friedens. Immer meint man, ein Fenster müsse 
sich öffnen und ein altes, freundliches Mütterlein oder ein lieblicher 
Mädchenkopf sichtbar werden. Schwerfällig tönt die Seigerglocke vom 
Rathhausthurm. Endlich trippeln ein paar halb altdeutsch, halb modern 
gekleidete Mamsells an, die in einer Wirthschaft verschwinden, dann 
kommen auch ein paar Männer mit müden, noch halbverschlafenen 
Gesichtern, ein Landsknecht taucht auf, bald mehrere, Kellnerinnen 
und Verkäuferinnen folgen, man grüsst hinüber und dankt herüber, 
erkundigt sich, wie das Geschäft am vorigen Tage gegangen, 
wechselt Scherzreden u. s. w. Robuste Gestalten erscheinen mit 
Besen und Wischtuch, um Alt-Berlin bei der Toilette zu 
helfen; die Strassen werden gesprengt, Laden um Laden 
öffnet sich, die Waaren werden abgestäubt und geordnet, die 
Decken auf die Möbel gelegt. Allmählich nahen auch die ersten 
Besucher, langsam durch die Strassen schlendernd, Architektur, 
Details und Aufschriften der Schilder studirend, Alt-Berlin ist aus 
tiefem Schlaf erwacht zu neuem Lehen. »Vielleicht ein Loos 
gefällig?« »Danke sehr.« »Kaufen Sie doch bitte einen Katalog,« 
klingt’s von rosigen Lippen. Wer kann widerstehen? Alt-Berlin 
wird gekauft und durchblättert. »0 Herr, sehen Sie doch die 
hübsche Rose, blos 50 Pfennige!« So geht es weiter, die Geschäfts« 
zeit hat wieder begonnen in Alt-Berlin. 
9 
Im Theater Alt - Berlin sind die Vorarbeiten für den 
zweiten Premieren-Abend endlich so weit gediehen, dass die Erst 
aufführungen von Carl Bleibtreirs »Wendentaufe« und Conrad 
Alberti’s »Die Büsserin« nunmehr endgiltig am Sonnabend statt 
finden sollen. 
o 
Ueber die erste grosse Illumination des Aus 
stellungs-Parkes, die bestimmt Sonnabend, 16. Mai, statt 
findet, sind wir in der Lage, die folgenden authentischen Details 
mitzutheilen: Die dreifache lTomenaden-Allec um den See wird 
mit 18000 opalfarbigen Gläsern erleuchtet. An den Ufereinfassungen 
werden zahlreiche, drei Meter hohe eiserne Pyramiden angebracht, die 
einen dreifachen, grünen Gläserkranz tragen, während die Verbindung 
zwischen diesen Pyramiden durch eine doppelte Kette von 
Gläsern hergestellt ist. Um den ganzen Neuen See herum werden 
auf der Bordkante 12 000 weisse Gläser angebracht und die beiden 
Wandelgänge von der Eisenbahn- resp. der Dampfschiffstation 
mittels 2500 blauen und gelben Gläsern erleuchtet. Auch die 
Rasenflächen und Blumenbeete vor dem Cafe Bauer erhalten einen 
reichen Lichtcrsclimuck, indem ca. 7 500 verschiedenfarbige Gläser 
daselbst angebracht worden. Die beiden Promenaden vom Coepc- 
nicker Landweg bezw. der Treptower Chaussee werden durch 
farbige Lampions, die beiden Brücken durch 1000 sclieibenhelle
	        
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