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Volume Nr. 27, 14. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
sofort meldet! — Mit welcher Sorgfalt Herren und Damen das 
jenige Costüm herauszufinden wissen, das sie besonders kleidet, 
und wie zufrieden sie alle lächeln, wenn man ihnen sagt, die 
orientalische oder italienische Tracht, das Antike oder Rococo- 
Costixm stehe ihnen vortrefflich! Und dennoch ist hei der Wahl 
der Masken-Costüme nur das wichtige Princip der Eitelkeit leitend, 
während bei unseren Voreltern hauptsächlich die Zwekmässigkeit 
und die ererbte Tradition maassgebend waren. — Von denjenigen 
Völkern, welche die malerische Tracht ihrer Almen am treuesten 
bewahrt haben, ist uns eins der interessantesten in dem Treptower 
»Kairo« nahegerückt. In Egypten ist durch die Vermischung 
der Rassen eine derartige Vielheit der Trachten entstanden, dass 
eine Strasse von Kairo ein lebendes Trachten-Museum vorstellt. 
Jeder Stand hat dort seine eigene Kleidung; das einzige 
Gemeinsame ist der orientalische Tarbüsch oder Fez, den 
auch viele Ausländer anlegen; aber neben dem Fez ist 
als Abzeichen der zurückgelegten Pilgerfahrt nach Mekka 
der gewundene, bunte Turban üblich. In die Toilette 
geheimnisse der vornehmen ägyptischen Damen einzudringen ist 
mit Lebensgefahr verbunden; mau weiss, wie streng ein orienta 
lischer Harem bewacht wird. Während der Toilette Besuche 
zu empfangen, wie es die Pariser Damen des vorigen 
Jahrhunderts pflegten, ist der Orientalin der besseren 
Stände ebenso verwehrt, wie das Betreten der Strasse in 
unverschleiertem Zustande; schon die Vorschriften des 
Propheten gebieten strengste Zucht und Sitte; und die türkische 
Hauspolizei wacht sorgsam über die Töchter des Islam; nur die 
Sudanesen- und Berberina-Frauen haben sich allmählich von diesem 
Zwang emancipirt. — Durch die freundlichen Mittheilungen des 
Herrn Theaterdirector Khouri, sowie der Orientkenner Schmidt und 
Weigelt ist es uns dennoch möglich geworden, unseren Lesern die 
Bestandtheile einer eleganten orientalischen Damentoilette zu schildern. 
Zur Wäsche gehören ein langes Spitzenhemd, das vorne 
von oben nach unten zu knöpfen ist, und ein kürzeres leinenes 
Wäschestück mit buntem seiden- und goldgestickten Be-atz. —- 
Nachdem die blumengestickteii seidenen Strümpfe oder kürzeren 
Socken angelegt sind, kommt das breite orientalische Beinkleid an 
die Reihe, das sich in letzter Zeit bei uns als Radiahr-Costüm für 
Damen einzubürgern beginnt. Ehe dieses Kleidungsstück an 
gelegt und zugeschnürt ist, hat es die Dimensionen eines massig 
grossen Teppichs; viele Meter der kostbarsten Seidenstoffe aus 
Syrien und Damaskus, des feinsten Tuches aus Alexandria stecken 
in den weiten Falten eines solchen Beinkleides. Ueber die Fässchen 
werden dann goldgestickte, spitze Pantoffeln,. über die Schultern 
kleine, den Brustschmuck freilassende seidene oder sammtene 
Westen, in der Art der spanischen Jäckchen, gezogen, und darüber 
wird nun je nach Laune und Geschmack der buntgemusterte 
türkische Seidenshawl geschlungen, in weiten Falten als Mantel 
oder als breiter Gürtel mit Schärpe. Die Fingernägel und Hand 
teller werden mit Hena rothgefärbt; Hals und Arme er 
halten prächtige Gold- und Silberzierraten, Perlen, Edelstein- 
schmuck, und endlich wird auf dem Haar der »Kurss«, 
der nationale Kopfputz, befestigt, den die Orientalinnen im und ausserm 
Haus tragen. Es ist das ein kleines, flaches Käppi, ähnlich dem 
Gere vis der Couleurstudenten, welches diese schief auf dem Kopfe 
tragen. Der »Kurss« ist aus legirtem Gold und Silber gefertigt, 
mit Steinen und Goldfiligran-Arbeit in Blumenmustern verziert, in 
der Mitte mit einem grossen ungeschliffenen Edelstein besetzt. 
— Alle Schmucksachen des Orientalen, deren er eine über 
grosse Zahl besitzt, sind in origineller Manier, in eigenartigen 
Arabesken geformt und erfordern ein eigenes Studium. Wenn die 
Frauen über die Strasse gehen, so legen sie den »Burko« oder 
Schleier über die untere Hälfte des Gesichtes, der mittels eines 
Stäbchens über der Nase an dem Kopftuch befestigt wird. 
Einfacher ist die Toilette der Frauen aus den arbeitenden 
Ständen. Die Fellach-Weiber bedecken sich blos mit einem 
langen, baumwollenen, indigoblauen Untergewande, über den Kopf 
schlagen sie ein schwarzes Kopftuch, an das sie einen gleichfalls 
schwarzen Gesichtsschleier befestigen. In Oberegypten dient statt des 
Hemdes ein grobwollener oder baumwollener, brauner, in 
malerische Falten gelegter Umwurf; weite Hosen sind seltener 
in Gebrauch, eher noch die gelegentlich auch von Männern 
benutzte blaucarirtc . Milaye«, ein weiter, dicht befranzter Sliawl. 
— Als Schmuck nehmen die Fellach-Frauen Schnüre von Glasperlen, 
Hand- und Fussringe aus Metall, Horn oder Glas; seltener flechten 
sie aufgereihte Goldmünzen in’s Haar. Der Gebrauch des für Europa 
abstossend wirkenden Nasenringes ist in dieser Kaste noch häufig, 
auch die Tättowirung des Gesichtes — meist mit drei Strichen über 
jede Wange — und das Blaufärben der Lippen. 
Ueber die Toilette der Männer können wir uns kurz 
fassen. Die malerische, türkisch-arabische Tracht besteht, wie bei 
den Frauen, aus kurzem Unter- und längerem Spitzenhemd. Die 
Pluderhose in weiten Falten, über den Schultern das gestickte 
offene Jäckchen oder die geschlossene Weste, ein breiter, seidener 
Gürtel, eine weitärmlige bunte Jacke und der lange, unten ge 
schlossene, auf der Brust offene Kaftan sind die verbreitetsten Kleidungs 
stücke. Unter dem Vicekönige Said Baseha (der Araber sagt Bascha statt 
Pascha) blieben dieselben auch für die Beamten und das Heer vor 
geschrieben. Zur Zeit hat der Beamte ein unkleidsames Costüm 
(»alla francha«) angelegt; die Truppen tragen Waffenrock und enge 
Beinkleider, wie an der hier weilenden Hofkapelle des Khedive 
Abbas Hilmi II. zu sehen ist. 
Der Fellach benutzt nur eine Filz- oder Baumwollenkappe 
(Libde, Takle), einen -— meist indigoblauen Baumwollenkittel und 
kurze, weite Hosen. Bei der Arbeit begnügt er sich auch wohl 
mit den letzteren allein oder mit einem um die Hüften ge 
schlagenen Zeuglappen. Als Ueberwurf dient ihm ein weites, 
wollenes, schwarzes oder streifiges, mantelähnliches Kleidungsstück 
(Djellabie, Surfe, Abbaje, Dyibbe oder Huram). Rothe oder gelbe 
Schuhe, sowie der Turban werden gewöhnlich nur an Feiertagen 
angelegt. 
Schliesslich sind noch die Beduinen zu erwähnen, welche 
über dem langen Hemd im Sommer einen weiten, faltigen Woll- 
rnantei mit Kapuze tragen, im Winter einen härenen, braunen Mantel. 
Sehr verbreitet ist auch die buntseidene, mit dem Kameelhaarstrick 
befestigte »Kefie«; quer über den Rücken hängt die reichbesetzte 
Flinte, im Gürtel stecken Dolche und Pistolen, reich eingelegt und 
mit Steinen besetzt; in einer rothen Ledertasche sind Pulver und 
Hülsen. 
Neben diesen Original-Costümen sind in Kairo dann noch 
alle denkbaren Vermischungen, auch die Trachten des europäischen 
Nordens zu Hause. Dr. Ludwig Abels. 
S 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.j 
Den Aufbau des menschlichen Nervensystems 
im Rahmen eines populairen Vortrages zu erläutern — diese Auf 
gabe hatte sich als Zweiter in der vorgesehenen langen Reihe Vor 
tragender der berühmte Lehrer der normalen Anatomie an der 
Berliner Universität, Geh. Medicinalrath Professor Dr. Waldeyer 
erwählt. 
Tausend fleissige Hände, begann der Gelehrte, haben sich ge 
regt, um mitzuschaffen an der Vollendung des grossartigen Werkes, 
inmitten dessen wir weilen. Nichts von dem hätte geschehen können, 
wenn nicht unser Körper einen Apparat in sich gehabt hätte, der 
alles, was wir thun, leitet, regiert und erwägt: das Nerven 
system. Die Nerven! Wer hat nicht schon von ihnen 
gehört, als Uebelthätem, sie selbst vielleicht als solche zu 
empfinden venneint, und er besitzt doch keine klare Vorstellung 
von dem, was das Nervensystem ist, wie es gebaut ist. Und doch 
ist es das System des menschlichen Körpers, von dem. alles 
Geschehen, alles Werden ausgeht. Von dem Augenblicke an, in 
welchem sein Walten aufhört, ist unser Körper nur noch eine tote 
Masse. 
In zwei grosse Abtheilungen zerfällt unser Nervenapparat: in 
das sogenannte animale (thierische) und das vegetative (pflanzliche), 
auch als sympathisches bezeichnete System. Schon die Namen 
deuten an, dass das animale die höheren, dem Thiere eigen 
thümlichen Functionen, wie willkürliche Bewegung und Sinnes- 
Wahrnehmungen, versieht, während dem vegetativen System die 
roheren Verrichtungen der Ernährung u. s. w., die auch der Pflanze 
zukommen, unterstellt sind. 
Das animale Nervensystem nun besteht aus einem centralen 
Theil von der Form einer Halbkugel, an welchem sich als Fort 
setzung ein langer Strang, im Wirbelkanal bis an dessen Ende
	        
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