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Volume Nr. 27, 14. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Qfficielle Äussteslungs- Nachrichten. 
der Schöpfung so sehr gefährlich wird, in der Regel die 
festesten Grundsätze über den Haufen wirft und das ganze 
schön entworfene Programm vernichtet. Bevor die Damen ihr 
Pensum nicht gewissenhaft absolvirt und das Programm 
vollständig erschöpft haben, gönnen sie sich keine Neben 
beschäftigung, am allerwenigsten eine Erfrischung, deren Ingredienticn 
Bier oder Cognac heissen; nicht einmal eine Tasse Kaffee oder 
Caeao nehmen sie zu sich. Sind sie vom Sehen in den Sälen 
müde, erfrischen sie sich an der Mailuft, sind sie vom Gehen ab 
gespannt, so suchen sie einsame Stätten auf) wo sie sicher sind, 
dass kein Kellner nach ihren Wünschen fragt. Sie haben ja auch 
keinen Wunsch, nur das Bedürfniss der Röhe; sie kennen keinen 
Durst, als den Wissensdurst, keinen anderen Hunger, als den 
Heisshunger, sich zu belehren. 
Wer diese Matadorinnen des heisshungrigen Wissensdurstes den 
Blaustrümpfen beizählen oder sie in eine Kategorie stellen wollte mit 
den wohlbekannten Typen englischer Herkunft, welche nach dem Führer 
die Sehenswürdigkeiten im Fluge ablaufen, der thäte den Damen 
bitteres Unrecht. Dem Engländer gedachten Schlages fehlt jeglicher 
Humor, geht jede Poesie ab; unsere »Ausstellungsfeeen« sprudeln über 
von Geist, sie haben das Herz auf dem rechten Flecke, wissen das 
Schöne zu würdigen, kennen unsere Klassiker wie das Vaterunser, 
ergehen sich in den köstlichsten Bemerkungen über das Geschaute, 
die von herzerquickendem Humor zeugen und von attischem Witze. 
Einer solchen Schaar zu folgen ist ein Vergnügen. Denn Damen sehen 
mit ganz anderen Augen die Dinge und Menschen an wie wir Männer, 
die wir gewöhnt sind, Principien zu reiten und schablonenmässig 
zu sehen und zu denken. Niemals wird aus dem Munde einer 
solchen Dame ein so herzlos-schiefes Urtheil kommen, wie wir Männer 
deren an einem einzigen Tage zu Dutzenden fällen, und lautet selbst 
das Urtheil abfällig, so ist es doch immer gemildert durch die Grazie, 
die dem weiblichen Herzen angeboren ist. Trotzdem wird es nie ober 
flächlich sein, denn die Lehre, dass das Weib unfreieren Denkens 
sei, ist- eine Irrlehre. Sie hat sich niemals als stichhaltig erwiesen, 
vielmehr als sehr fadenscheinig Wer sich davon tagtäglich über- 
cugen will, dass sie fadenscheinig ist, der schliesse sich heimlich 
an solchen Trupp von Ausstellungsfeeen an. Er wird schon nach 
wenigen Stunden anderer Meinung sein. 
S 
Wie mannichfach das Hammerplacat als Vorwurf 
für Berliner Industrie-Erzeugnisse dient, zeigt ein Gang durch das 
Hauptgebäude der Gewerbe-Ausstellung. Gleich am Eingang zur 
Haupthalle finden wir den Hammer im linken Säulenknauf des 
schönen, kunstvoll gearbeiteten, monumentalen Brunnens. Die 
Gold- und Silberarbeiter verwenden ihn für Busennadeln, Broschen, 
Berloques und Manschettenknöpfe, die Lampen-Industrie als 
Lampenfuss, vernickelt und verkupfert. Wir finden ihn ferner als 
Etiquette für Cigarren und Cigaretten, auf Cigarrenbündchen, 
auf Briefbogen, Couverts, Cartons und Geschäfts-Empfehlungen. 
Bei der Kurzwaarenbranche erscheint das Hammerplacat oder 
Theile desselben als Manschettenknopf (Gold auf blauer 
Email), als Briefbeschwerer (in Bronze oder vernickelt), 
die hammerbewehrte Hand, stehend auf Glas-, Marmor- oder ge 
schliffener Steinplatte, als Albumdeckel oder auf Mappen in Seide 
gestickt, mit braunem Lederrahmen und Geldern am eü! en, aut einer 
Zeitungsmappe wappenförmig mit violetter Plüscheinfassung und 
Goldornamenten, den blauen Grund bildet Rips, der untere Theil 
ist aus hellem Stoff gestanzt, bestickt und bemalt. In Relief 
prangt der Hammer in Gold auf Weiss auf Cigarren-, Cigaretten 
taschen und Portemonnaies, dann findet man ihn nochmals aus Metall als 
Menuständer, vernickelt oder vergoldet, auf Glas oder geschliffenem 
Stein, und als Briefbeschwerer auf derselben Unterlage, aber liegend, 
schliesslich auch in der Abtheilung für Kunststickerei als Banner in 
Seide gestickt, genau nach dem Original in Zeichnung und Farben. 
Hiermit ist aber seine Verwendbarkeit und seine Anwendung für 
die Ausstellung keineswegs erschöpft. In den Zufahrtstrassen ist 
das Hammerplacat mit Glück als effectvolles ; Decorationsstück, um 
geben von Laubgewinden, an Häuserfronten verwendet und wirkt 
hier sehr gut, wenn es in gewissen, nicht zu weiten Abständen 
wiederkehrt. Viele Kaufleute haben es auch zum Mittelpunkt 
ihrer Schaufenster-Ausstattung gemacht. Damen benutzen es zur 
Herstellung von Wandtellern, indem sie die Hammerschildchen der 
Cigarrenbänder in Verbindung mit Reclamemarken und den Aus 
stellungsmarken der Packetpost aufkleben und durch gemalte 
Arabesken u. s. w. die entstehenden Zwischenräume ausfüllen. 
o 
Vier unserer deutschen Brüder aus Kamerun 
statteten gestern (Mittwoch) Abend dem Pavillon des »Berliner Lo 
kal-Anzeiger« einen Besuch ab. Mit regem Interesse und unter 
heftigen Gesticulationen nahmen sie die verschiedenen Einrichtungen 
in Augenschein und namentlich die Rotationsmaschinen erregten die 
laute Bewunderung der schwarzen Brüder. Am meisten schien 
sie das Numerirwerk der Maschinen zu fesseln, da sie immer 
wieder mit den Fingern auf dasselbe wiesen. Nur mit Mühe 
konnte der Begleiter die Neger veranlassen, mit ihm in die Kolm 
nial-Ausstellung zurückzukehren. 
N 
Auf der Unfall-Station wurden gestern zwölf Fälle be 
handelt, darunter ein schwerer, Diphtherie an einem jungen Mädchen 
aus Alt-Berlin, dasselbe wurde im Desinfectionswageu nach Berlin 
gebracht. Die anderen Fälle waren meist Schnitt- und Quetsch 
wunden. In der Sanitätswache waren es 18 leichte und zwei 
ernstere Fälle, die zur Behandlung kamen. 
V 
Aus dem Amtsbureau Treptow. Nachdem sich bei 
der Untersuchung herausgestellt hat, dass den Führer des elektrischen 
Wagens, durch den am Sonntag die 67-jährige Frau Malis mit 
tödtlichem Ausgang in der Coepenicker Landstrasse überfahren wurde, 
kein Verschulden trifft, wurde nunmehr die Beerdigung der Leiche 
gestattet. 
s? 
Die Feuerwehr wurde gestern zu Schippanowski in den 
Vergnügungspark gerufen, wo ein unbedeutender Brand entstanden 
war, der sogleich gelöscht wurde. Ebenso wurde ein etwas grösserer 
Scheunenbrand an der Coepenicker Chaussee, zu welchem mit der 
Dampfspritze ausgerückt wurde, lokalisirt, auch die Coepenicker 
Feuerwehr war zur Stelle und setzte die Löscharbeit fort. Die 
Nacht zum 13. war falscher Alarm, im Hauptgebäude war die 
Scheibe eines Feuermelders eingedrückt worden, von einem Brande 
jedoch nichts zu bemerken. 
a) In der Ausstellung’. 
Trachten-Studien in Kairo. 
(Abdruck verboten.) 
Man kann oftmals beobachten, dass der Nord-Europäer, der Nord- 
Amerikaner — kurz alle »Träger dei modernen Cultur« dicNase rümpfen, 
wenn sich Jemand in auffallender Toilette zeigt, und wer in dem Haupt- 
Gebäude unserer Gewerbe-Ausstellung die Aeusserungen des Publikums 
vorder »historischen Trachten-Ausstellung« belauscht, kanndieErfahrung 
machen, dass auch die eigenen Voreltern mitihren charakteristischen Moden 
vor der Verspottung der modernen Enkel im Grabe nicht sicher 
sind. Es ist eben selten eines Menschen Gehirn so selbstthätig, 
sich von den »Massenideen« zu befreien, und wer sich — wie 
z. B. Zschokke’s »Narr des neunzehnten Jahrhunderts« von der 
Conventionellen Kleidung emancipiren würde, statt des eintönigen 
Schwarz des Salonanzuges eine bunte Farbe wählen oder statt der 
sinnlosen Schwalbenschwänze des Fracks eine hübschere Tracht ein 
zuführen wagen wollte, der würde unvermeidlich ein Narr genannt 
werden. Aber trotzdem sich der Grossstädter in seiner modernen Tracht 
so über allen Zweifel vornehm dünkt, äussert er seine kleinliche 
Eitelkeit in den unbedeutendsten Details, in der Fagon des Hemd 
kragens, in der Breite des Rockaufschlages, in dem Faltenwurf der 
Hosen, von den Geheimnissen der Damentoilette, des engeren oder 
weiteren Aermels, des umgelegten oder Stehkragens, der längeren 
oder kürzeren Jackentaille ganz zu schweigen. 
Aber wenn ein Maskenfest die Fesseln der Couvenienz ab 
zustreifen erlaubt — wie sich der individuelle Geschmack dann
	        
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