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Volume Nr. 27, 14. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

10 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
tönige Melodie summend, durch die Schaaren der Besucher. In der 
Arena war gerade die Vorstellung zu Ende, aber rasch wurde auf den 
Wink des Herrn Möller der Umzug wiederholt, und die Prinzessin 
lachte herzlich über die komischen Intermezzi und die drolligen 
Gestalten des Zuges. Mit warmen Lobeserhebungen äusserte sich die 
hohe Frau über die Pyramide von Gizeh und liess sich dann im Tempel 
von Ediü herumführen. Die Waffensammlung des Khedive erregte 
ihr besonderes Wohlgefallen, sie betrachtete fast alle Waffen sehr auf 
merksam, namentlich aber das Prachtschwert des egyptischen Herrschers. 
Auch die Gemäldesammlung wurde besucht, dann schritt die Prin 
zessin wieder dem Ausgang zu und verabschiedete sich hier von 
Herrn Director Möller, wobei sie nochmals erwähnte, dass ihr der 
Bundgang reiche Genüsse geboten und die Ausstellung ihr vor 
trefflich gefallen habe. Sie reichte Herrn Director Möller und 
Herrn Hustcr die Hand und fuhr alsdann mit ihrer Begleitung 
davon. 
V 
Der Adressbuch - Kampf beendet. Nach Verein 
barung mit dem Verleger unserer Zeitung, welcher bekanntlich auch 
das »Neue Adressbuch für Berlin und. seine Vororte herausgiebt, 
hat die Firma W. & 8. Locwenthal sich entschlossen, das in ihrem 
Verlage erscheinende »Berliner Adressbuch« eingehen zu lassen. 
Wir machen bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam, dass der 
umfangreiche, auch sämmtliche April-Umzüge enthaltende Nachtrag 
zu dem Scherl’schen Adressbuch im Laufe der nächsten Woche 
erscheinen und allen Käufern des Adressbuches gratis verabfolgt 
werden wird. Der Vorbestellpreis des Scherl’schen Adressbuches, 
welches also fortan das einzige Adressbuch für Berlin sein wird, 
bleibt nach wie vor 6 Mark; auf besonderen Wunsch wird dasselbe 
fortan auch in zwei Bänden zum Vorbestellpreise von 8 Mk. geliefert. 
» 
Die elektrische Rundbahn hat ihren Betrieb zeit 
weilig wieder eingestellt. Unter den Ausstellern und Ausstellungs 
gästen cirknliren über die Gründe der Betriebsstörung allerlei Ge 
rüchte. Nach den Einen sollte von den Unternehmern dieses wich 
tigen Verkehrsmittels ein fremdes Patent verletzt worden sein und 
die Gegenpartei die Einstellung des Betriebes im Processwege er 
stritten haben. — Dieses Gerücht hat gar keine thatsächliche 
.Unterlage. Die Firma Gebr. Naglo ist selbst die einzige Vertreterin 
einer patentirten Bleisicherung elektrischer Bahnleitungen für die 
amerikanischen Besitzer des Patentes. Im Ucbrigen hatten die 
Unternehmer im Bau der Geleise, in Anlage der Leitungen, in 
Wagen und deren Motoren, sowie in Betriebsmaschinen bereits 
erprobte Systeme benutzt, die durch keine Patente geschützt 
sind. Weiter hiess es, die Drahtleitungen sollten gerissen 
sein. Es mag dies Gerücht wohl dadurch entstanden sein, 
dass am Sonntag ein Dampfzuleitungsrohr platzte und dieser Vorfall 
die zeitweilige Einstellung des Betriebes zur Folge hatte, bis der 
kleine Schaden wieder beseitigt war. Ferner wurde behauptet, die 
Polizei habe Einspruch gegen den Betrieb erhoben, weil eine 
schadhafte Leitung das Holzwerk einer Brücke in Brand gesetzt 
habe. In Bezug auf diese Nachricht haben wir Folgendes erfahren: 
Die Polizei hat bereits am letzten Freitag den ganzen Betrieb ab 
genommen und nichts zu tadeln gefunden. Die Postbehörde ver 
langte seiner Zeit von den Betriebs-Unternehmern eine Sicherung 
gegen herabfallende Telephondrähte. Wenn diese nämlich reissen und 
auf die Stromleitung der . Bahn fallen, so kann der auf 
den Telephondrath übergeleitete Starkstrom für den Eisenbahn 
betrieb, wie das schon anderwärts vorgekommen ist, in der 
Telephonstation ein starkes Schadenfeuer hervorrufen. Man brachte 
deshalb an den Stellen, wo Telephondrähte über der Leitung für die 
Bahn liegen, über dieser letzteren Drahtsicherungen an, welche 
die etwa reissenden Telephondrähte abfangen und vor der Berührung 
mit der Stromleitung schützen sollen. Ein derartige Drahtsicherung 
riss am Sonntag Nachmittag, als die Wagen der elektrischen Bund- 
bahn in voller Fahrt und stark besetzt waren. Die sprühenden 
Funken, die jedoch nicht den geringsten Schaden anzurichten ver 
mochten, setzten die Fahrgäste in grossen Schrecken und es wäre 
ohne die beruhigende Erklärung des Vorfalles von Seiten eines 
Betriebsingenieurs vielleicht zu 'einer Panik gekommen. 
Für die Betriebseinstellung ist der thatsächliche Grund der, 
dass der von dem Elektricitäts-Syndikat zu liefernde Betriebsstrom 
vorläufig noch nicht vorhanden ist. Bis jetzt wurde die Stromkraft 
von den Maschinen der Fabrik von Gebr. Naglo, die an der 
Coepenicker Landstrasse neben Kairo liegt, geliefert. Die dazu 
nöthigen Dynamos müssen jedoch in den nächsten Tagen nach der 
Betriebsstation am Vergnügungspark geschafft werden, und wird 
vorher ihre völlige Brauchbarkeit gründlich ausprobirt. Andere 
vorhandene Maschinen braucht die betreffende Fabrik für den 
eigenen Betrieb. Die Dampfmaschinen und die Dynamos für den 
nothwendigen Strom, welche die Firma A. Borsig stellt, sind in 
der Maschinenhalle bereits montirt und der volle Betrieb der Bahn 
ist daher stündlich zu erwarten. 
S 
Von der Mastvieh- zur Gewerbe-Ausstellung 
— das war gestern (Mittwoch) die Parole vieler Tausender, die 
gern zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen« wollten. Wohl 
noch nie seit dem Bestehen der Bingbahnstation »Central-Viehhof« 
hatte die kleine, mit peinlichster Gewissenhaftigkeit alle Bequemlich 
keit verschmähende Haltestelle solchen Verkehr aufzuweisen, wie am 
gestrigen Tage, an welchem viele Hunderte von Damen und Herren, 
namentlich vom Lande, die Fahrt nach Treptow unternahmen. Da 
sah man die Landwirthe und die wohlbeleibten Vieh-Commissionaire, 
Berliner Schlächtermeister und andere ständige Besucher des 
Berliner Viehmarkts, alle auf der Fahrt zwischen Mastvieh- und 
Gewerbe-Ausstellung. Auf dem Viehhof war »Elitetag«, denn das 
Eintrittsgeld betrug Vormittags 3 Mark, am Nachmittag 1 Mark, 
und da es doch ein «angerissener Vormittag« war, was kam es 
darauf an, den Best im Mittelpunkt des Berliner Lebensvoll 1896, in 
der Gewerbe-Ausstellung zu verbringen! Die Fahrtdorthin durch blühende 
Baumgruppen und über lachende Wiesen, vorüber an den Blumenbeeten 
von Boxhagen und den grossen industriellen Etablissements an der 
Oberspree bietet des Interessanten so viel, dass immer neue Ein 
drücke dem empfänglichen Beobachter sich einprägen. Die Fahr 
karten des kleinen Bahnhofes reichten kaum aus, um allen Forde 
rungen des Publikums zu genügen, und bis zum späten Nachmittag 
herrschte ununterbrochen der regste Verkehr zwischen beiden Aus 
stellungs-Stationen. 
S 
Eine Trauung im Glaskasten. Ein vielumlagertes 
Ausstelluugsobject befindet sich in der Abtheilung für Bekleidungs 
industrie. Hier sieht man eine Gruppe Wachsfiguren in einem 
grossen Glasbehälter, die eine kirchliche Trauung darstellt. Sie übt 
auf die Damenwelt eine gewaltige Anziehung aus, während die 
Herren sich rasch vorbeizudrücken suchen. Sinnenden Auges und 
sehnenden Herzens weilt liier manche Schöne ganz vertieft in 
den Anblick, der die Verwirklichung der geheimsten Wünsche dar 
stellt. Manche verheirathete Dame fasst ihren Gatten fester am Arm, 
drückt diesen bedeutungsvoll oder sucht vorwurfsvollen Blickes 
seinem Auge zu begegnen. Der Mann ist da in rechter Verlegen 
heit; hat er einen Katalog oder einen Schnurrbart, so mag es noch 
angehen, rauchen darf er hier nicht, kurz er kann sich gar nicht 
beschäftigen, nur stillhalten und Interesse heucheln ist die einzige 
praktische Lösung. Wer dann mit der holden Gattin Costüme 
bewundern oder, noch besser, kaufen kann, dem wird Alles ver 
geben; ist das nicht angängig, so führe man von hier aus seine 
Gattin in eine Conditorci. 
Zu den interessantesten Erscheinungen unter den 
Ausstellungsbesuchern gehört das Auftreten von Damen ohne männ 
lichen Schutz, respective Führung. Stets über die Zahl der Grazien 
hinaus, doch niemals in der Zahl der Musen begegnen sie dem 
Ausstellungs-Wanderer mindestens alle zehn Minuten; immer in 
lebhafter Unterhaltung, öfters auch im angeregtesten Wortwechsel, 
überlassen sich diese kleinen Gesellschaften nicht etwa dem Zufall, 
im Gegentheil, die weibliche Natur ist weit vorsichtiger und be 
rechnender, als die der Männer, und in Folge dessen Schliessen sic 
sich nur an den amtlichen Führer an, den die > Einführen» <, die 
Doycnnc, krampfhaft in der Linken hält, und schöpfen aus ihm die 
nöthige Dircction für ihre Kreuz- und Querzüge, deren Inteusivitüt eine 
bei weitem grössere ist, alsdiemännliclie. Letzteres aus zweierlei Gründen: 
zunächst wollen die Damen »auf die Kosten kommen«, d. h. für 
ihr Eintrittsgeld möglichst Alles in einem Athem sehen; sodann 
aber machen sic keine Station im »nassen Viereck<, das den Herren
	        
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