Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officieife Ausstellungs - Nachrichten.
Die Süsswasser-Fischerei auf der Ausstellung.
[Abdruck untersagt.]
Noch vor vierzehn Tagen sah man vielleicht in keinem Theile
des weiten Ausstellusgsgeländes mit so sorgenvoller Miene drein
wie in den damals noch öden Gängen des mittleren Fischerei-
gebäudes. Alles schien in Frage zu stehen: die Pumpen wollten
nicht recht gehen, die Aquarien wollten das Wasser nicht halten
und überschwemmten den Boden mit ihrem eben erhaltenen Inhalt,
und als nun gar noch reichlicher Kegen kam, da sah es im Hof
und in den Räumen wirklich wenig feierlich aus. Heute kann die
Binnenfischerei auf ihr Heim mit Stolz zeigen als auf ein wohl
geordnetes und gestilltes Schmuckkästchen, das an Vollständigkeit
des Inhalts wie an Schönheit des Aussehens hinter keiner Abtheilung
der Ausstellung zurückbleibt.
Wir wollen nun heute nur einen Ueberblick über diese ebenso
schone wie lehrreiche Ausstellung gewinnen, wie er etwa von einem
Besucher beim ersten Gange durch diese Räume gewonnen werden
kann, wenn er sich nur darüber orientiren möchte, was überhaupt
dort zu sehen ist.
Wir betreten den niedrigen Mittelbau, der von den beiden
grossen und hohen Flügen der Nahrungsmittel- und der Seefischerei-
Ausstellung flankirt wird, von Süden her und gelangen sogleich in einen
Raum, welcher von der Finna 0. Ziegenspeck allein in Besitz genommen
ist. Die Firma ist eine Specialität auf dem Gebiete der Angelfischerei,
und in der That sind dort von Angelruthen alle Sorten und Grössen
um den zierlichen, mittleren Glasschrank gruppirt, von der einfachen
Haselstrauchgerte für eine halbe Mark bis zu den schönsten, sechs
kantigen Bambusruthen, welche bisher nur in England durch eine
complicirte Fabrikation gearbeitet und mit Preisen bis zu 120,
und 130 Mark bezahlt wurden. Dort sieht man ferner alle Arten und
Qualitäten von Schnüren und Leinen; dann kommen die Schwimmer
und die Angelhaken in schier unzähligen Formen und Variationen;
dann das sogenannte Vorfach, an dem der Haken befestigt wird
und das aus Dannseiten, am besten aus dem Darm von Seiden-
würmern bestellt; endlich die endlose Zahl verschiedener Köder in
Form von Fischen, Insecten etc. In der einen Ecke des übrigens
mit Netzen und Reusen geschmackvoll gezierten Raumes stellt ein
niedliches Modell, das die Fischerei von Lachsen in allen Arten
illustrirt: der Fang mit Reusen, dann der mit der Angel vom Boote
und vom Lande aus.
Unmittelbar neben dem Haupteingange führen rechts und links
Thüren zu zwei kleinen Nebenräumen, welche den stärker intercssirten
und mehr zur Vertiefung geneigten Besucher zweifellos zur mehr
fachen Wiederkehr veranlassen werden. In dem rechten Seiten-
zimmer befindet sich eine grosse Sammlung von Präparaten, an denen
man die äussere und innere Gestalt, sowie die Anatomie unserer
hauptsächlichsten Süsswasserfische studiren kann. Die meisten
Objecte stellt die biologische Station des deutschen Fischerei-
Vereins in Friedrichshagen am Müggelsee zur Schau, Einiges auch
das Naturhistorische Museum zu Hamburg. Für das grössere
Publikum wird liier zweifellos die Collection der verschiedenen
Sorten von Fischnahrung die Hauptanziehung bilden, über deren
Inhalt es sich durch die Lecture der den vielen Gläsern
angeklebten Etiquetten bequem informiren kann. Da finden
sich: Rogen von Schellfisch und anderen Seefischen, getrocknete
Zandereier, gekochte und getrocknete Schellfischeier, todte Lachs-
eier, Schellfisehmehl (getrocknetes und zermahlenes Schellfischfleisch),
Norwegisches Fischmehl, Garneelenmehl, SticlilingsBiehl, entfettetes
Häringsmehl, getrocknete und entfettete Fischleber, getrocknetes und
pulverisirtes Fleisch (Fleisehmehl), peptonisirtes Fleisch, getrocknete
Rübenschnitzel, getrocknetes Fliegenmehl, getrocknete Biertreber,
Roggenmehl, feuchte Grieben, Weisskäse (speciell für Forellen mit
Fleisehmehl gemischt), getrocknete Daphnien (winzige Kruster) etc.
In dem entsprechenden Seitenraume links vom Eingänge hat
hauptsächlich die reiche Ausstellung von Präparaten, Zeichnungen,
Photographiern! etc. von Dr. Emil Walter Platz gefunden, welche sich
auf Untersuchungen in den weiten, berühmten Fischerei-Anlagen
des Fürstenthums Trachenberg in Schlesien bezieht. Eine besondere
Sorgfalt ist auf die Darstellungen des sogenannten Süsswasser- (oder
Teich-) Plankton verwandt; als Plankton bezeichnet man diejenige Menge
organischer Substanzen (mikroskopische Thiere und Pflanzen), welche auf
der Oberfläche des Wassers und im Wasser des Meeres wie der
Teiche und Seeen umhertreibt und das wesentliche natürliche
Nahrungsmaterial der Fische ausmacht. Wir lernen liier an einer
langen Reihe von Mikrophotographieen (Photographieen von mikro
skopischen Präparaten), stark vergrößerten Zeichnungen und endlich
zahlreichen Präparaten selbst die Zusammensetzung des Teich-Plankton
keimen und sehen die eigenthümlichen Formen der Infusorien
(Gcisselthierehen, die sich durch Schläge einer oder mehrerer
Geisselfäden bewegen), der Rudertliicvclien, der winzigen Krebse,
der zierlichen Algen. An der einen Wand des Zimmers hat noch
die Fischzuchtanstalt Selzenhof bei Freiburg i. Br. eine Sonder-
Ausstellung ausgerichtet, welche sich lediglich auf die Forelle
bezieht. Dort zeigt eine Reihe von Gläschen die Entwickelung der
Bachforelle von dem befruchteten Ei, neben dem auch angebrütete und
abgestorbene Eier stehen, zu dem eben ausgeschlüpften Fischlein, dem
sechs Wochen alten Thierehen und dann der einjährigen, zweijährigen
und dreijährige Forelle an. In der Mitte steht ein hohes Glas mit
einer grossen »Rheinforelle«, welche in Oberstein bei Säckingcn
gefangen wurde, daneben ein Bastard von Bachforelle und Lachs.
Auf der anderen Seite daneben ist die Anatomie der Forelle
an Präparaten des Gehirns, des Magens (z.Th. mit gefressenen Fischclici:
darin) und- der übrigen Eingeweide vor Augen geführt; ferner das
lebende Futter der Forellen: Kruster, Eintagsfliegen und Larvei
der sogenannten Köcherjungfern oder Frühlingsflicgen, die in sclbs
zusammengeklebten Röhrchen leben und sieh in diesen auch ver
puppen, soweit sie nicht vorher ihren Feinden zum Opfer fallen
An den Seiten stehen noch einige Feinde der Forelle: der niedliche
bunte Eisvogel, der majestätisch stolzircndc Fischreiher, die Wasser
amsei und die gefürchtete, erbarmungslos vcivclimle Fischotter.
Von diesen ersten Räumen wollen wir uns nun weiter in den
Gang begeben, in welchem die stattliche Zahl von (21) Aquarien
uns die Pfleglinge unserer Fischzüchter lebend vorführt, und zwar
wollen wir zunächst rechts den Gang zu Ende liinuntcrschrcitcn,
wo eine hübsche Decoration der Handlung Franz Kühn aus Netzen,
die mit Muscheln verziert sind und von Muscheln gehalten werden,
den Raum abschließt. Und nun wollen wir der Reihe nach in die
meist drei oder vier getheilten Wasserbecken hineinblicken, vor
denen sieb stets eine grössere Zahl von Schaulustigen unter häufigen
Ausrufen der Bewunderung und unter Abgabe von mehr oder minder
sachverständigem oder auch ganz unverständigem Gutachten herum
drängt. In dem ersten Becken sehen wir bereits die meisten der
Süßwasserfische zusammen, welche auf dein Markte und auf der
Tafel am häufigsten sind: Barsch, Hecht, Zander, Aal, Blei oder
Brasse, die Karausche, den Schlei mit seinem breitmäuligen, alten
Gesicht und den Wels. Neben den grossen Welsen erregt
besonders ein von W. Schnitze ausgestellter, riesiger Hecht
die kritische Bewunderung der Hausfrauen. 0. Bieter
stellt ein- und zweisommrige Karpfen aus. Das zweite Bassin hat
die Kaiserliche Fischzucht-Anstalt Umfingen im Eisass in Besitz
genommen, auf der einen Hälfte für den schönen, in der Anstalt
seiht erzeugten Elsass-Saibling, zur anderen Hälfte für prächtige,
junge Spiegelkarpfen. In dem dritten Becken sind neben den ge
wöhnlichen, schon genannten Fischen noch der Orfe (oder Aland)
und die Plötze untergebracht ; daneben ein eigener Raum für flinke,
junge Ansehen von Bill Müller in Erfurt; daneben Forellen und
Bachsaiblinge aus der Forcllenzuclit des Grafen v. Haugwitz in
Rogan (Obersclilcsicn). Das ganze nächste Aquarium besetzte
C. Arens in Cleysingen bei Ellrich am Harz, wo besonders die
Kreuzungen zwischen verschiedenen Salmoniden (Bachforelle mit
Seeforelle, Meerforelle mit Baehsaibling) und prächtige Exemplare
von Regenbogenforellen auffallen. Im fünften Becken bat
v. Dcrscliau in Seewiese bei Gemündcn verschiedene Karpfen-
Varietäten (Spiegel-, Leder-, Franken-Karpfen) sowie Forellen
(darunter besonders die Loch-levcn-Forelle) und Ansehen eingesetzt.
Das sechste Becken, rechts vom Eingänge hat die Forellcnzucht
von Langburkersdorf (v. Stieglitz) mit cinsoinmrigcn Forellen be
völkert, während zweisommrige Exemplare noch weiterhin im achten
Bassin zu finden sind. Links vom Eingänge sehen wir zunächst
auch Forellen, und zwar ein- und zweisommrige Bach- und Regen
bogen-Forellen nebst Baehsaiblingcn. Rudolf Linke in Tharandt
stellt ebenfalls Forellen, Saiblinge und echte Lachse aus, ein-,
zwei- und dreisommrige Exemplare getrennt. Das neunte Bassin
ist infolge eines Unfalles noch leer; im zehnten Becken fallen vor
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