Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

8 Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
nun der Araber eine leidenschaftliche Vorliebe für „Backschisch"
hat, ist der Zudrang von Leuten, die sich im egyptischen Kairo für
das Berliner Kairo cngagiren lassen wollen, so groß, daß öfter
die Nilpferdpcitschc angewendet werden muß, nm Ordnung zu schaffen.
Die Araber, unter denen sich Derwische, Gaukler, Banchtänzeriimen,
Muezzins (Gcbetrnfer) befinden, verlassen nüt Weibern
und Kindern Egypten schon Anfang April in einem
besonderen Dampfer, der sie in directer Fahrt bis Hamburg
bringt. Hier ruht die Karawane einige Tage von den Stra
pazen der Seereise ans und kommt ungefähr vierzehn Tage vor
der Eröffnung der Ausstellung nach Treptow, um sich in dem
nordischen Kairo „einzuwohnen".
In der Siidwestecke des Bauplatzes werden Pyramiden er
richtet, an deren höchster, zwei Aufzüge zur Spitze cmporführen.
Bon der Höhe der Pyramiden wird man einen herrlichen Aus
blick nicht nur über Kairo, sondern auch über die ganze Gewerbe-
Ausstellung haben. Im Innern der Pyramiden findet man
Grabkammern mit Särgen und Mumien. Nach Osten hin schließt
sich an die Pyramiden die große, mit Tribünen umgebene Arena,
in welcher die Araber ihre Prodnctionen: lleberfall einer Karawane,
Hochzeitszng u. s. w. veranstalten werden. Noch weiter östlich
gelangt man zu der großen doppelthürmigcn Moschee, in welcher
für die Araber Gottesdienst gehalten werden wird. Bei dieser
Moschee beginnt die Bazar-Straße von Kairo, die sich
diagonal, wenn auch in mannichfaltigen Krümmungen von der
Südostecke bis zur Nordwestecke des Platzes erstreckt und die im
Nordwesten an der Kait-Bey-Moschee, mit dem herrlichen Minaret
endet. In dieser Bazar-Straße sind 70 Läden untergebracht, in
denen orientalische, in Berlin fabricirte Waaren verkauft werden,
in welcher aber auch echte Orientwaaren zu finden sind. Berlin liefert
sehr viel Waaren nach Egypten, die dort als „echt"
den Fremden verkauft werden, und mancher Berliner hat in
Egypten schon Waaren als „Landesprodnct" erworben, die er
in Berlin hätte bequemer, billiger und unverzollt kaufen können,
da sie hier fabricirt werden.
Die Gebäulichkeiten der Bazar-Straße, die architektonisch sehr
abwechslungsreich, mit Erkern und Vorbauten versehen sind,
qabcn meist echte, ans Egypten importirte „Muscharabiehs",
o. h. Holzgitter in den Fensteröffnungen, welche wohl gestatten,
ans dem Haremszimmer ans die Straße, aber nicht von der
Straße in das Zimmer zu sehen. Die mannichfachcn Mnster
dieser Holzgitter verlohnen allein ein besonderes Studium.
Die Ost- und Nordseite des Bauplatzes sind mit Gebäuden
besetzt, welche in ihrem Aeußeren meist nach Vorbildern in
Kairo copirt sind, und die als Arabisches Cafe, Restaurant,
Weinstuben eingerichtet werden. An der Südostecke befindet sich
noch ein Diorama, welches eine Nillandschaft darstellt.
Hunderte von Palmen werden ans dem Terrain von Kairo
aufgestellt, und cs ist sehr interessant, zu erfahren, in welcher
Weise diese Palmen auf dem Bauplätze selbst hergestellt wurden.
Von Egypten aus bezog man in ganzen Wagenladungen Palmcn-
wcdel, Palmenbast und Palmenrinde. Die Wedel wurden hier
grün gefärbt, da sie ihre ursprüngliche Farbe durch das Ein
trocknen verloren hatten und dann mittels Eisenbänder ans
Holzklötzen zu „Wipfeln" vereinigt. Dann wurden lange Tannen
stämme mit Bast und Rinde von Palmen umkleidet, auf die
Spitze des Stammes der fertige Wipfel gesetzt und so eine
überraschend schöne, naturgetreue Imitation ° der egyptischen
Palmen erreicht. Man geht jetzt daran, diese Palmen ans
dem Bauplatze aufzurichten.
Erwähnt mag noch werden, daß der Vicekönig von Egypten
zugesagt hat, wenn es ihm irgend möglich ist, zur Ausstellung
nach Berlin zu kommen und daß er seine große, vortrefflich ge
schulte Militairkapellc in der Ausstellung Kairo vierzehn Tage
lang concertiren lassen will. So werden das echte und das
imitirtc Egypten sich vereinigen, um den Besuchern der Berliner
Gewerbe-Ausstellung 1896 eine hochinteressante, großartige Sehens
würdigkeit zn bieten!
A. Oskar Klaussmann.
DieBerlirierMnsikittstrumettten-Jndttstrie
Von Carl Bactz.
Während in de» guten, alten Zeiten, ja, sagen wir getrost
bis zur Mitte dieses Jahrhunderts, die Musik und ihre
Pflege, soweit sie mindestens mit dem Besitze eines mehr oder-
weniger theueren Instruments verknüpft war, znm Privilegium
Wohlbegüterter gehörte, ist sie heute zum Gemeingut der
Menschheit geworden und bildet einen integrirenden und, man
möchte fast sagen, unumgänglichen Theil der Formen geselligen
Zusammenseins. Die Musik und ihr Cultus haben eine Heimstätte
in der Hütte, wie im Bürgerhanse und Palast gefunden, und
gerade unsere deutsche Nation ist es, die sowohl in der Er
findung und Interpretation musikalischer Gedanken und Ideen, als
auch in der Herstellung vorzüglicher Mnsikinstrnmente das Höchste
geleistet hat.
Hand in Hand mit dem Eindringen der edlen Tonkunst, die
Prof. Gcrvinns die „Sprache der Gefühle" nennt, in das
breitere Volksleben, ist zugleich die Entwickelung des Jnstrumentcn-
baucs vor sich gegangen, und die deutsche Reichshauptstadt spielt
in der Geschichte dieser Industrie eine große und bedeutende Rolle,
die am besten ihre volle Würdigung ans der diesjährigen Berliiier
Gewcrbe-AuSstcllnng finden wird.
Selbst zur Zeit, als noch die österreichische Hauptstadt
im Pianosorteban dominirte, also am Anfange des 19. Jahr
hunderts, regten sich schon in Norddcntschland die ersten
Keime znm Beginn einer späteren großen Industrie, und wenn
die damaligen Leistungen auch nur noch bescheidene waren, so ver
dienen sie doch immerhin Beachtung. Ans dem Jahre 1804
wird znm Beispiel berichtet, daß bei der Ausstellung der Knnst-
tverke der Königlichen Akademie der bildenden Künste und
mechanischer Wissenschaften auch bcachteiiswerthe Arbeiten Berliner
Instrumentenbauer sich befunden haben.
Es hatten damals ansgestellt: Herr I. Müller zwei anf-
rechtstehende Pianofortes auf zweierlei Art nach eigener Er
findung; Herr I. G. Conrad ein Fortepiano von Mahagoni
holz in ovaler Form, mit Bronze verziert, vom Contra E bis
znm viergestrichencn C; Herr F. Wilcke ein Pianoforte; Herr
G. Hofsmann ein Fortepiano in rundem Format, vom ContraF
bis znm viergestrichenen 0; die Herren Wagner und Evert ein
anfrcchtstehcndcs Fortepiano mit Marmor- und Alabaster-
verzierungen, in der Form eines Cylinders, mit einem Aufsatz,
worauf sich eine Achttage-Uhr befand, und ein Herr Schramm ein
Clavicr und ein anfrechtstehendes Fortepiano.
Zwei Jahre später, 1806, fand abermals eine Ansstellung
von der Königlichen Akademie der bildenden Künste und mecha
nischen Wissenschaften in den Sälen der Akademie statt, und als
Aussteller waren diesmal vertreten: Herr Schramm mit einem
Doppel-Fortepiano und zwei Claviaturcn nach eigener Idee; Herr-
Conrad mit einem Clavicr bis zum vier-gestrichenen 0; Herr-
Gr es mit einem dreichörigcn Fortepiano in Flügclfvrm und
einem in Clavicrform, beide mit alabasternen Verziernngen vom
Bildhauer Wolfs versehen; Herr Langenbach mit einem anf-
rechtstehenden Fortepiano in Cylinderform: Herr I. Müller
mit einem anfrechtstchenden Fortepiano in Form eines Möbels
und ein Fortepiano in Clavierformat; Herr Combe mit einem
Fortepiano, dessen innerer Ban sich durch einen ncnerfnndcncn
Mechanismus, sowie auch durch einen sehr angenehmen Ton und
sehr dauerhafte Einrichtung auszeichnete. Außerdem hatte ein
Herr Thielemann ausgestellt: Eine Lyra Guitarre und eine
Guitarre mit einer neuen mechanischen Vorrichtung, nach welcher
die Wirbel an den Seiten des Halses der Guitarre so angebracht
waren, das; sic mittels der Schraube ohne Ende das lkm-
drehen einer kleinen Welle bewirkten, um welche die Saite be
festigt war, wodurch der Vortheil entstand, das Instrument auf
das Leichteste und Genaueste, und zwar in der nämlichen Lage,
worin cs gespielt wurde, stimmen zn können.
Aus diesen beiden kleinen Berichten geht unzweifelhaft hervor,
daß unsere damaligen Instrumentenbauer entschieden unternehmende
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