Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

14 Officielle Ausstellung^ - Nachrichten.
und Nacht vor sich geht, geschieht unter seinem stets wach
samen Auge. Das Ungethüm ist jetzt schon zu gut zwei Dritteln
reisefertig. Man liest bereits an seiner Wandung in Riesehbuch-
staben: »Ballon Continental, angefertigt von der Continental Caout-
chouc und Guttapercha Company Hannover«. Im Schuppen neben
dem Maschinenhause steht bereits vollständig fertig zum Anhängen
die grosse viereckige Gondel aus Korbgeflecht. Ihr Anstrich zeigt
die deutschen Farben, ihr Gewicht beträgt die Kleinigkeit von
16 Centnern; auch sie hat eine Aufschrift, nämlich: »Gondel des
Kiesen-Fessel-Ballons, Berliner Ge werbe-Ausstellung 1896«. Der Ballon
ist mit allen Apparaten für eine freie Fahrt ausgerüstet. Herr
Capitain Schräder empfing in den letzten Tagen wiederholt den
Besuch von Officieren der Huftschifier-Abtheilung, die sich mit
seinen, alle Sicherheiten bietenden Maassregeln nach jeder Richtung
hin zufrieden erklärten. Das ganze Unternehmen, dass einen
Capitalsaufwand von 200 000 Mark verlangt,' gehört Herrn Zedeli.
V
Die Bergfahrt in das Zillerthal, die mit dem Besuch
des Alpenpanorama verbunden ist, dürfte erst zwischen dem 15. und
17. Mai beginnen, da die elektrische Stromzuführung für die Bahn
noch immer nicht geregelt ist. Dies soll nun bis Mitte d. M. ge
schehen; da aber auch einige Tage für die Probefahrten nöthig sind,
wird vor nächstem Sonntag die Eröffnung der Bergfahrt kaum zu
erwarten sein.
- 9 c '
Der Hippodrom-Reiter. So beim Klange der Musik
da in Damen- und Herrengesellschaft herumzureiten, bestaunt von
den zahlreichen Zuschauern, die ringsumher zechen, kritisiren und
häufig auch lachen, das muss doch eih herrliches Vergnügen sein,
denkt ein Privatier aus der Provinz, das wird versucht; und der
Mann, der zu Hause nicht für eine Million auch nur den zahmsten
Ackergaul besteigen würde, schreitet entschlossen zur Kasse, um
für 50 Pfennige einen Bon zu erstehen. Der rothgekleidete Diener
hält ihm den Steigbügel, aber der Mann hat die Mähre nicht fest
gefasst und fällt auf der anderen Beite herunter; da er auf die
Füsse kommt, macht er die Uebung noch' 1 einmal, diesmal mit
Erfolg. Stolz sitzt er im Sattel, die Zügel straff anziehend. Im
Tacte der Musik beginnt das Traben, was dem Reiter nicht zu
gefallen scheint, er kommt gar nicht dazu, sich so recht im Sattel
einzurichten, und möchte doch so gerne eine gute Figur machen,
schön der Damen wegen; um die Gunst der Herren kümmert er sich
weniger; Es genirt ihn, dass die Hosen herausrutschen, immer
höher; die müssen herabgezogen werden, erst wieder in ihre Original
lage kommen. Es geht aber nicht, er verliert dabei den
Bügel, und bald darauf hat sich der Reiter vom Pferde
getrennt und ruht in den weichen Sägespänen. Da er hier nicht
weiter stören will, entfernt er sich find beneidet die Hübsche,
sanfte Blondine aus dem Theater Alt-Berlin, die- ihr Pferd so fest
und sicher im Zügel hat und so tadellos im Sattel sitzt. »Ich
habe einmal kein Glück auf lebendigen Pferden, jetzt werde ich
mein Glück auf dem Carrousel versuchen«, calculirt er. »Hier
geht es besser und ist es übrigens billiger.« Nachher aber wird
ihm so ängstlich zu Muthe, dass er sich schleunigst in eine Köst-
halle begiebt, um weiteren üblen Folgen -mit einem Bittern oder
einem Cognac vorzubeugen. Schön ist es aber doch im Ver
gnügungspark, namentlich gefällt ihm eine Verkäuferin im'Sect-
pavillön; der vierzigjährige Junggeselle beginnt in Berlin ganz
anders über die Frauen zu denken, wie daheim. Sect kann er
sich leisten, das erlauben ihm seine Mittel schon, das einzige
Mittel aber, beim Gegenstände seiner Sehnsucht länger zu weilen,
ist trinken, wobei »sie« ihn liebevoll unterstützt. Am anderen
Tage kann er sich beim besten Willen nicht darauf besinnen, wie
er in sein Hotel gekommen ist, und nimmt sich vor, heut im
Sectpavillon zu nachzufragen; ob er es dort erfahren wird!
b) In Berlin.
Eine Jubiläumsausstellung von Gegenständen
aus dem Gebiete des Impfwesens ist f aus Anlass
ler am 14. Mai, dieses Jahres stattfindenden Centennarfeier
ler Entdeckung des englischen Arztes Edward Jenner gestern
Mittag im Medicinischen Waarenhause, Friedrichstrasse 108,
eröffnet worden. An diesem Tage werden bekanntlich
100 Jähre vergangen sein, seitdem der berühmte Forscher
in seinem Heimathorte Gloücestershire einen achtjährigen
Knaben aus den durch Kuhpockenlymphe erzeugten Pocken
eines Milchmädchens impfte — die erste öffentliche, auf wissen
schaftliche Principien gestützte Vaccination. Von dem, was in
den nun verflossenen 100 Jahren in der Ausübung dieses
Schutzverfahrens gegen die Blattern an Instrumenten zur
Gewinnung der Lymphe, an Apparaten zu ihrer Reinigung,
Verarbeitung und Aufbewahrung erfunden worden ist,
bietet die Ausstellung eine recht reichhaltige Uebersicht,
für den Fachmann nicht minder interessant wie für den Laien. Sie
enthält ferner zahlreiche auf Jenner selbst bezügliche Gegenstände,
Photographieen, Schriften u. dergl. von hohem biographischem Werthe.
Die Impf literatur ist wohl am vollständigsten vertreten, dank der Ueber-
lassung bedeutender Sammlungen an die Ausstellung; hier sind die
Impfgegner fast noch besser weggekommen, als die Anhänger des
Verfahrens, so dass sich dieselben nicht über mangelnde Objectiyität
beklagen können. Was in Wort und Bild jemals gegen das Impfen
und den Impfzwang agitirt worden ist, ist hier auf langen Tafeln,
übersichtlich an einander gereiht, zu erblicken; besonders auffallend
durch die crasse Form der bildlichen Darstellung sind die Kampf
schriften aus den ersten Decennien des Jahrhunderts. Die Aus
stellung, deren Besuch unentgeltlich ist, wird bis Ende dieses
Monats geöffnet sein.
9
Desidere Pauwels, der bekannte holländische Tenor,
tritt diesen Donnerstag als Raoul im Königlichen Opernhause
auf. Der Sänger ist für . ein Engagement in Aussicht genommen
und wird nach erfolgreichem Gastspiel sich sogleich an das Studium
der deutschen Sprache machen. Den Raoul singt er noch in
holländischer Sprache.
9
Neues Opern-Theater (Kroll) heisst jetzt ofnciell die
von der königlichen Generalintendanz übernommene Bühne am
Königsplätz. Der Anfang der Vorstellungen ist auf 7 '/ 2 Uhr fest
gesetzt. Der Billetverkauf findet täglich .von 9—10 und 10'/,—1 Uhr
für alle angekündigten Vorstellungen im Königl. Schauspielhause
(Abendkassenschalter) statt.
9 ' . , '
Johann Strauss hat soeben aus Wien an Herrn Director
Jose Ferenczy ein Schreiben gelangen lassen, in welchem er seiner
Anerkennung über die vorzügliche Aufführung seiner Operette
»Waldmeister« im »Lessing-Theater« in folgenden Worten
Ausdruck giebt: »Sehr geehrter Herr Director! Ich bitte Sie,
meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank entgegenzunehmen
für die liebevolle Sorgfalt und Hingebung, mit der _ Sie mein Werk
dem verständnissvollen üiid wohlwollenden Berliner Publikum vor
geführt haben. Ich bitte;Sie auch, .meinen besten Dank der aus
gezeichneten Künstlerschaar auszüsprechen, die sich durch auf
opfernden Eifer so grosse Verdienste um die Darstellung erworben
hat. Die schönen Tage von Berlin werden mir immer unvergesslich
bleiben. Empfangen Sie die Versicherung meiner ausgezeichneten
Hochachtung, mit der ich bin Ihr aufrichtig ergebener Johänn
Strauss«.
9
In dem vieraktigen Lustspiel „Cornelius Voss“ von
Franz von Schönthan, das Freitag, 15. Mai, am Berliner
Theater zum ersten Male in Scene geht, wird sich Herr Georg
Droescher als Prinz Kurt von Schoeningen-Klausthal dem Berliner
Publikum zum ersten Male in einer grösseren Rolle vorstellen.
Geschäftliche Mittheilungen.
Mit den Norddeutschen Sängern ist in die bisher verödeten
Reichshallen wie durch Zauberschlag neues Leben eingezogen.
Allabendlich ist der weite Saal vollbesetzt, und am Sonntag mussten
Hunderte umkehren, ohne Einlass zu finden. Besonders ist es die
tolle Burleske „Alle fünf Barrisöhs“, welche enorme Zugkraft ausübt.
Die neu hinzugetretenen Mitglieder, Herr Fanther als kleiner Postillon
und Herr Fischer in seinen prächtigen Humoresken haben sich schnell
grosse Gunst erworben. Auch Küche und Keller finden unter der
steifen Leitung'grossen Beifall. Mit Eintritt günstigen Wetters finden
die. Vorstellungen im prachtvollen Gärten, wohl dem schönsten des
Centrums, statt.
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