Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
der Vortrags-Commission die Eröffnung des Saales mit einer Kode,
in welcher er die Anwesenden — fast durchgehend» Vertreter der
Wissenschaft und der Industrie — begrüsste und sie in dem neuen
Institut willkommen hiess.
Der Hörsaal selbst bringt einen ernsten, aber sehr freundlichen
Eindruck hervor. Er präsent!rt sich als eine grosse, gewölbte,
s&ulcngetragenc Halle, die am Tage vpn hohen Fenstern, am Abend
von zwei eleganten Bogenlampen, die auf schlanken Säulen ruhen,
beleuchtet wird. Den Bogenlampen Schliessen sich an ver
schiedenen Stellen des Saales Glühlichtlampen an. Sehr
praktisch sind die Sitze für das Publikum; sie steigen
im Halbkreise amphitheatralisch empor, so dass man von
jedem Sitze aus den Vortragenden und seine Umgebung sehen
kann. Hinter den Sitzen befindet sich der grosse Projections-
apparat. Nur wird die Einrichtung des Hörsaals noch einer kleinen
Ergänzung bedürfen. Die grossen Dimensionen des gewölbten
Raumes beeinträchtigen für manche Plätze die Akustik Das An
bringen von Vclaricn unter der Decke wird nicht allein dem Saal
zum Schmuck gereichen, sondern sich auch für die Redner und
Hörer als nützlich erweisen.
Es war jedenfalls ein sehr fesselnder Vortrag, mit dem der
grosse, die ganze Ausstellungszeit umfassende Cyklus eröffnet wurde.
-Die Industrie des Glases», über die Herr Professor Otto
N. Witt sprach, hat mit ihren vielfachen Erscheinungen für jeden
modernen Menschen Interesse. Ist sic doch eine der merkwürdigsten
und vielseitigsten Industrieen, die wir in unserem Zeitalter der
Technik besitzen und ohne die wir uns das Leben, den Comfort
und die Arbeit der Wissenschaft gar nicht mehr vorstellen können.
Sonderbarer Weise besitzt die Chemie keine treffende. Definition
für das Product, das wir »Glas« nennen. Was ist Glas? Eine
Zusammensetzung von Quarzsand, Soda und Kalkstein. Das ist es,
womit man den Begriff »Glas« bezeichnen kann. Aber das ist
noch keine Definition. Chemisch ist Glas ein Silicat, d. h. eine
Verbindung der Kieselsäure mit Basen; aber damit ist auch nicht viel
gesagt, denn nicht alle Silicate sind Glas.
Jedenfalls ist es ein höchst eigenartiges Product: mit ganz
charakteristischen Eigenschaften. Das Glas — das ja bekanntlich
schmelzbar ist — hat keinen bestimmten Schmelzpunkt. Es wird
allerdings flüssig, ohne dass sich recht bestimmen lässt, wann
und bei welchem Temperaturgrad es flüssig wird.
In flüssigem Zustande ist das Glas ungefähr wie Seifenwasser
und in diesem Zustande kann man es zu allen Gerathen formen.
Erreicht das Glas den festen Zustand, so offenbart es die merk
würdigsten Eigenschaften. Es ist widerstandsfähig gegen die
Temperaturen, und Wärme und Kälte scheinen nicht den geringsten
Einfluss auszuüben. Es ist aber auch widerstandsfähig gegen andere
Einflüsse, so auch gegen die stärksten Säuren, welche Metalle und
andere Stoffe angreifen. Und dies ist umso merkwürdiger, da
Glas eigentlich doch weiter nichts ist, als ein Salz und die Salze als
solche sonst keineswegs die Widerstandsfähigkeit des Glases besitzen.
Um aber diese Widerstandsfähigkeit zu erlangen, muss das
Glas gewissermaassen eine typische Zusammensetzung haben. Diese
besteht aus Kieselsäure und zwei verschiedenen Metallen und zwar
Natrium und Calcium oder Kalium und Blei. Je nach den
Metallen, die bei der Erzeugung des Glases Verwendung finden,
entstehen die verschiedenen Glasarten und auch die verschiedenen
Färbungen.
Eine weitere merkwürdige Eigenschaft des Glases besteht darin,
dass es nicht krystallisirt. Es bildet damit eine Ausnahme unter
den meisten chemischen Substanzen, die gleich den Mineralien der
Krystallisation unterworfen sind. Man glaubt die Ursache dieser
auffallenden Erscheinung in dem Unstande gefunden zu haben, dass
das Glas überschmolzen wird und die Moleküle der zähen, honig-
artigen Flüssigkeit keine Gelegenheit haben, sich zu krystallisireu.
Unter gewissen Umstünden kann das Glas doch krystallisiern, wenn
cs lange Zeit gewissen Einflüssen ausgesetzt wird. Dem bekannten
Physiker Reäumuf war cs gelungen, eine krystallisirte Glasartzu erzeugen,
die dem Porzellan sehr ähnlich wär und die man Porzellanglas
nannte. Krystallisation des Glases kann auch künstlich hervor
gerufen werden, wie es beim Frostglas der Fall ist. Das Glas
wird mit einer Leimschicht überzogen, und wenn diese, nachdem
sie getrocknet ist, mit einer gewissen Gewalt abgerissen wird, 1
zeigen sich in voller Klarheit Krystallisationen, die denen der Eis
blumen an den Fenster-scheiben ähnlich sehen.
Und weiter zeigt das Glas dermaassen die charakteristischen
Eigenschaften der Flüssigkeiten, dass es in geschmolzenem Zu
stande als eine Flüssigkeit bezeichnet werden kann. Zu diesen
Merkmalen gehört seine Oberflächenspannung. Sie tritt besonders zu
Tage bei Gegenständen, die sehr rasch abgekühlt worden sind, wie
bei den Glasthränen und ähnlichen Objecten. So gross
ist die Oberflächenspannung bei den zu rasch abgekühlten Gegen
ständen, dass sie sofort explosiv in Trümmer gehen, sobald die
Oberfläche an irgend einer beliebigen Stelle mit einer Nadel geritzt
und verletzt wird.
Aus diesem Grunde wird auch der Abkühlungsprocess beim
: Glase sehr verzögert Gewöhnliche Glasflaschen und Gläser werden
- acht bis zehn Stunden, Glas für Spiegelscheiben wochenlang, Gläser
für optische Linsen monatelang abgekühlt.
In diesem Process der Abkühlung und auch der Herstellung
eines von allen Unreinlichkeiten freien Glases hat die moderne
Industrie ihre grössten Triumphe gefeiert., Die modernen Oefen
zeigen ungemein sinnreiche Constructionen und Vorrichtungen, die
es ermöglichen, jene Kunstwerke aut den Markt zu bringen, die
ein Entzücken für das ästhetisch gebildete Auge sind.
Ein besonderer Fortschritt der Glas-Industrie war der Ueber-
- gang vom Formen durch das Blasen zum Pressen. Dieses Ver
fahren hat vor Allem die Billigkeit für sich, denn auch manche
feine Krystallgläser werden erst gepresst und dann vom Arbeiter
• mit der Hand geschliffen.
Die Blüthe der modernen Glastechnik aber zeigt sich in den
zahllosen Producten, welche theils ganz neu, in neuen Formen und
Gestaltungen geschaffen werden, theils die alten vorzüglichen Er
zeugnisse, deren Herstellungsart verloren gegangen ist — wie die
farbigen Gläser, die altvenetianischen Glasarbeiten etc. — wieder auf
leben lassen. Und den höchsten Triumph der mit der Wissenschaft
vereinigten Technik bildet jenes Glas, das im glastechnischen La
boratorium in Jena erzeugt wird. Da werden Combinationen von
optischen Linsen und Glassorten zum Gebrauch wissenschaftlicher
Zwecke hergestellt, von deren wunderbaren Eigenschaften sich die
Optiker früher nichts haben träumen lassen.
Der sehr fesselnde, durch zahlreiche Projeetion und durch
Vorführung interessanter Objecte erläuterte Vortrag fand lebhaften
Beifall.
V
Wahrzeichen und Inschriften in Alt-Berlin:
[Abdruck untersagt.]
Nicht nur Architektur und Malerei, sondern auch Dichtkunst
und Heraldik haben sich an dem Wiederaufbau der alten kur
fürstlichen Residenz an der Spree betheiligt, und wie die Schöpfungen
der erstgenannten beiden Künste die allgemeinste Bewunderung und
Anerkennung gefunden haben, so verdienen auch die anderen
Schöpfungen, die sich in Wahrzeichen und Inschriften offenbaren,
gebührende Beachtung.
Bezüglich der Wahrzeichen hat man freilich der Phantasie den
weitesten Spielraum gelassen, und von eigentlich historischen
Stücken, wie sie die Sammlung des Märkischen Provinzialmuseums
in ihren altberliner Herbergsschildern und Innungsemblemen auf
zuweisen bat, ist in Alt-Berlin nichts zu sehen.
Der Eigenart ihrer Branche entsprechend haben viele Geschäfts
leute ihre Wahrzeichen gestaltet. So kann der Besucher der
Apfelwein - Wirthschaft von der Georgenstrasse No. 7 von dem
Wirthe derselben mit Uhland sagen:
Ein goldner Apfel war sein Schild
An einem langen Aste.
Und von innen leuchtet den Vorübergehenden folgende Auf
forderung grüssend und mahnend entgegen:
Tretet ein in diese Räume,
Frankfurts Leibgetränk geweiht.
Rebenblut der Apfelbäume
Ist die grösste Seltenheit.
Ganz der Wirklichkeit vor zweihundert Jahren entsprechend,
sihd die Wahrzeichen der Tahakslädcn: zwei gekreuzt hängende
Tabakspfeifen aus weissem Ilion und ein lederner Tabaksbeutel.
Eine besondere Vorliebe für Thiere machte sich.; hei,,, der. Ans wähl
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