Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle ÄussteKungs - Nachrichten.

renommirten Gartenlokals eifrige Bewunderer finden. Dicht dabei
liegt das grosse Sachse’sclie Wellenbad, aus dem wir das monotone
Geräusch der Wellenmaschine vernehmen. Am anderen Ufer
der Bucht dehnt sich der früher durch seinen Reichthum an
Pennbrüdern ausgezeichnete Schlesische Busch aus; jetzt haben diese
Bassermann’schen Gestalten dem mächtig vordringenden Weltstadt
getriebe Platz gemacht und sich mehr nach den Gefilden von Rix-
dorf hinübergewandt. Ueberhaupt, wer seit einigen Jahren nicht
mehr in diese Gegend gekommen ist, wird sich kaum noch zurecht
finden, so rapide ist hier ein neuer Stadttheil aus dem Boden ge
wachsen. Die Villenbesitzer, welche auf dem hier beginnenden
Treptower Gebiet sich am Spreeufer angebaut haben, um von dem
nervenzerrüttenden Grossstadtleben in feierlicher Stille und frischer
Luft sich zu erholen, werden es jetzt in dieser Beziehung wohl
bei dem frommen Wunsche bewenden lassen müssen; denn die
idyllische Ruhe des Treptower Parks ist, für diesen Sommer wenig
stens, unwiderruflich dahin, und auch von »Grossstadtluft« weht der
Wind ihnen von den benachbarten Fabriken etc. mehr, als sie wollen,
unter die Nase.
Doch wir sind nahe am Ziel. Schon passirt der Dampfer die
mächtige, jetzt auf das Doppelte verbreiterte Eisenbahnbrücke, über
welche die Züge des Südrings den Verkehr nach der Ausstellung
vermitteln; und da erheben sich auch schon die in der Sonne
leuchtenden Metalldächer der Riesenbauten. Vorbei geht es an
dem Städtischen Pflasterstein-Depot, wir werfen noch einen Blick
auf das zu unserer Linken sich längs der Spree erstreckende, alte
Fischerdorf Stralau mit seiner romantisch gelegenen Dorfkirche,' und
rüsten uns dann zum Aussteigen. Die Maschine giebt Contredampf,
der Schiffsjunge schlägt den Enterhaken in das Pfahlwerk der An
legestelle, der Uebergangssteg. fällt auf unseren Dampfer nieder und
wir betreten den Nordpark der Berliner Gewerbe-Ausstellung.
Geht es dann Abends wieder auf demselben Wege heim, so
bietet sich uns ein völlig neues, eigenartiges, märchenschönes Bild.
Die Ufer des Stromes erstrahlen im hellen Schein des elektrischen
Bogenlichtes, an uns vorüber huschen, Backbord und Steuerbord
erleuchtet, die dunklen Körper anderer Schiffe, Musik tönt aus den
Ufergärten, in der Ferne schimmert eine farbige Sternen weit, das
Lichtermeer des Bahnkörpers; gleich feurigen Schlangen winden
sich die Stadtbahnzüge vorwärts, aus den Schornsteinen der Gas-
Anstalten schlägt die Funkenlohe empor, über die Brücken wälzt
sich in unablässigem Wogen und Treiben der Verkehr der Gross
stadt — ein Bild von gewaltiger Wirkung, das sich dem Gedächt-
niss dessen, der es einmal erfasst hat, unauslöschlich einprägen muss.
Arthur Süssmann.
Auf dem Thurme des Hauptgebäudes. Im rechten
Thurme des Hauptindustriegebäudes, wo die Pulsometer für den
Fontainenbetrieb aufgestellt sind, führt eine Treppe zur Höhe. Ein
Aufstieg zur Kuppel des Thurmes gehört zu den interessan
testen Genüssen der Ausstellung, ist aber dem Publikum
nicht gestattet. Auf schwankender Holztreppe steigt man empor.
Das Eisengerippe des Baues, umhüllt von dem Drahtnetz, welches
den Kalkputz trägt, ist deutlich sichtbar. Von Zeit zu Zeit fällt
das Licht und saust der Wind durch die Turmluken, die
einen Ausblick in weite Ferne bieten: Sonnenschein,
blauer Himmel und ein kleines Landschaftsbild, in bläulichen
Duft gehüllt. Die grosse Galerie, welche die beiden Thürme
verbindet, ist erreicht, der Sturm umbraust den Neugierigen und
will durchaus die Kopfbedeckung zum Spielball seiner Laune
machen — also Hut fest! — Wie ein herrlicher Lustgarten mit
Pavillons, Lusttempeln, und. sauberen Wegen liegt die Aus
stellung vor uns. Jenseits des Sees erhebt sich, ein getreuer
Eckehardt, gehüllt in schneeigen Mantel, der Wasserthurm, und
an seinem Fuss breiten sich die Terrassen aus. von deren Musik
pavillons lustige Weisen bis zu uns' heraustönen. Auf dem See
fahren Gondeln, Kähne, Motorbote hin und her, an den
Ufern, in den Alleeen sieht man das Gewimmel der Menge
in hellfarbigen Sommertoiletten, ein buntes Durcheinander,
das in seinem beständigen Wechsel der Gruppen den Be
schauer aus der Höhe ganz eigenartig anmuthet. Aus dem Grün
der Bäume tauchen die Umrisse, die Spitzen und Wimpel, di»
Essen, Kuppeln und Thürme der Ausstellungsbauten auf, recht*
die Thurmfacade des Gebäudes für Unterricht und Wohlfahrt,
links der hellfarbige, vornehme Pavillon des »Lokal-Anzeiger»
weiter drüben der Spandauer Thurm von Alt-Berlin, zu dessen
Steinmassen die schlanken Minarets von Kairo in scharfem Contrast
stehen. Nördlich werden das Marineschiff und das Nutzholzhaus
sichtbar, dazwischen ragt der Eisenthurm von der elektrischen
Thunnbahn im Vergnügungspark in die Lüste. Die Spree, welche
das Nordgelände bespült, ist verdeckt durch das Laub. Von der
Galerie führen Thüren zu dem inneren Rundbalcon der grossen Kuppel,
auf welchem die Sänger während der Eröffnungsfeier standen. Das
Kuppelgemälde verliert auch beim Anblick aus nächster Nähe nichts
von seiner grossartigen Wirkung. Die Schaar der goldigen Engel,
welche die Brüstung schmückt, ist jedoch von rückwärts so unschuldig
weiss, wie es einer Engelschaar eigentlich zukommt, und sie schwebt
auf sehr luftigen Stützen von Stuck und Holz, so dass man un
willkürlich einen Schritt zurücktritt, um den etwaigen Herabflug der
Engelchen nicht mitmachen zu müssen. An der Rückwand der
Kuppel, von unten nicht sichtbar, sind grosse Bogenlampen in
Abständen von je fünf Metern angebracht, welche bei Be
leuchtung ein magisches Licht auf das Kuppelbild werfen werden.
Weiter geht es die schmale Holztreppe hinauf bis zur Thurmgalerie,
die etwa 45 Meter über dem Erdboden liegt. Das Panorama von
hier aus zeigt ausser den Herrlichkeiten der Ausstellung, den
Thürmen und Bauwerken von Berlin in graunebeliger Feme
Coepenick, Rummelsburg und die Vororte, die sich rings um das
Koloss der Weltstadt gruppiren. In noch grössere Ferne verliert
sich der Blick, wenn man aus den Fenstern der Thurmspitze, zu der
eine eiserne Wendeltreppe führt, hinausschaut. Am Tage bei hellem
Sonnenglanz ist das Bild überwältigend schön, aber noch grandioser
dürfte das Rundgemälde am Abend sein, wenn Berlin im Lichter
glanz erstrahlt und eine Festbeleuchtung die Ausstellung in ein
blitzendes Zaubergewand hüllt.
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In der Kolonial-Ausstellung wurden gestern, Dienstag
Nachmittag, die Vertreter der Presse durch den Herrn Grafen
Schweinitz geführt und insfruirt. Die verschiedenen Neger
gruppen aus Togo, Kamerun, die Massai, Suaheli boten ihr
Bestes im Wettrudern, Tanzen, Singen und Musiciren. Ebenso
wurden eingehend sämmtliche Gebäude besichtigt und die Aus
stellungsobjecte erklärt. Ueber die Sehenswürdigkeiten der Kolonial-
Ausstelhuig unterrichten wir unsere Leser durch den Leitartikel
unserer heutigen Nummer.
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Das Interesse für den Pavillon des „Berliner
Lokal-Anzeiger“ nimmt täglich zu und dringt bereits in Schichten,
in denen es sich kaum vermuthen lässt. Gestern besuchten Damen
des Harems aus dem Vergnügungspark die Gewerbe-Ausstellung;
sie waren aber nicht eher zubewegen, die Rückreise in dieHeimath
mit ihrem Cicerone anzutreten, als bis sie die »grosse Maschine«
gesehen hatten. Mit ihren schwarzen Gluthaugen, die das Einzige
sind, was bei den echten Araberinnen vom Gesicht zu sehen ist,
staunten sie das in voller Thätigkeit befindliche Räderwerk wie ein
Weltwunder an, zunächst in stummer Bewunderung, dann aber
liessen sie ihren Gedanken freien Lauf und zollten namentlich
dem »Auswerfer« ihre lebhafteste Anerkennung. Auch dem Setzer
saal statteten sie ihren Besuch ab und auch hier zeigten sie er
staunliches Interesse an der Arbeit, — Unseren Pavillon besuchten
am gestrigen Dienstag u. A.: Graf und Gräfin Königsmark, die Ge
mahlin des Oberstallmeisters Grafen Wedel, Generallieutenant
Freiherr von Dincklage mit Gemahlin, der bekannte Schriftsteller
Generalmajor von Dine klage, GeneralHerwarth vonBittenfcld mit
Gemahlin, der Regierungspräsident von Horn aus Danzig, der Com
mandeur des erstenGardc-Fcldartillcrie-Rcgiments von Sluytcrma nn,
der Commandant der türkischen Torpedo-Flotte, Capitän zur See
Halil Bcv. der türkische Militair-Attache, Oberst Sami Bey. Um
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