Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officieüe Ausstellungs - Nachrichten.
7
Persönlichkeit, um den Ausschuß zu vertheidigen uno so eigene Inter
essen zu vertreten.
Stadtv. Hugo Sachs erklärt, er sei nicht Mitglied des Vorstandes.
Wenn Jemand aber Jnteressenpolitik in dieser Sache betreibe, so sei
des gerade der Stadtv. Herbig, welcher auf der Aus-
gellung Gas - Beleuchtungs-, H e i z- und Koch-Apparate
ausstelle und sich für deren Betrieb billiges Gas be
schaffen wolle, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, welche Kosten
dem Arbeitsausschuß durch die Anlage der Gasleitung entstehen.
Stadtv. Dinse erklärt, daß er das Verfahren des Ausschusses
von dem unparteiischen Standpunkte aus, den er als der Ausstellung
Fernstehender einnehme, weoer correct noch normal noch gerecht nennen
könne. Der Einheitspreis von 10 Pfennig sei von den städtischen Be
hörden im Interesse der Aussteller festgesetzt worden und nicht, um dem
Ausschüsse eine Handelswaare zu liefern, durch deren theueren Verkauf
andere Kosten gedeckt werden könnten. Hätte man ein derartiges Ver
fahren vorhersehen können, so würde sicherlich nicht die Vergünstigung
des geringen Gaspreises durch die städtischen Behörden festgestellt wor
den sein. Die Miethe würde von den Ausstellern nicht für ein Stück
Grund und Boden, sondern für ein Stück Ausstellungsterrain bezahlt,
und dazu gehöre sachgemäß, daß die Möglichkeit der Beleuchtung vor
handen sei. Es sei allerdings Sache der Aussteller selbst, sich mit dem
geschäftsführendenAusschusse über dieAngelegenheitzu einigen, er müsse aber
dabei bleiben, daß er das Verfahren des Ausschusses für unschön und
nicht correct halte.
Stadtv. Bogtherr: Die Beleuchtungsfrage scheine für den ge-
schäftsführendenAusschuß das Ei des Columbus zu sein. Er hoffe, daß
die in der Versammlung stattgehabte Erörterung den Ausschuß veran
lassen werde, von einem Unrecht, für das auch er die Gaspreiserhöhung
Halle, abzulassen.
Stadtv. Hugo Sachs protestirt nochmals nachdrücklich dagegen,
daß der Ausschuß eine Art Schachergeschäft mit dem Gase treiben
wolle. Dieser Borwurf scheitere schon an der einfachen Erwägung,
daß, wenn dem Ausschüsse der billige Einheitspreis nicht zugestanden
worden wäre, die Aussteller 20 resp. 25 Pf. pro Cubikmeter bezahlen
müßten. Der Ausschuß nehnie die Gesammtinteressen des großen
Werkes wahr, welchem Tausende von Gewerbetreibenden begeistert ihre
Zustimmung gegeben haben, und es sei nicht angängig, den Ausschuß
nun in solcher Weise in Mißcredit zu bringen.
Stadtv. Bo rt m a n n ist der Ansicht, die Festsetzung des Ein
heitspreises sei in der Absicht geschehen, um den Ausstellern billiges
Gas zu liefern.
Stadtv. Dr. Schwalbe bemerkt, daß viele Mitglieder der Ver
sammlung nicht der Meinung gewesen seien, die Normirung des Ein
heitspreises auf 10 Pfennig solle dahin führen, daß auch , den Aus
stellern das Gas zu demselben Preise geliefert werden solle. Man
habe eben nur die Ausstellung überhaupt fördern wollen. (Sehr richtig!)
Die Antwort des Magistratscommissars auf die Anfrage sei durchaus
sachgemäß gewesen.
Weitere Redner haben sich nicht gemeldet; der Antrag ist hierdurch
erledigt.
Wir haben dem vorstehenden Bericht über die Stadt-
verordneten-Sitzüng nichts weiter hinzuzufügen, als daß es jedem
einsichtigen und praktisch denkenden Menschen klar sein muß, daß
der Arbeits-Ausschuß nicht nur ein Recht,, sondern auch den
Garantiefondszcichnern gegenüber die Pflicht hat, die Kosten,
welche ihm die Einrichtung der Gaszuleitung verursacht, wenig
stens theilwcise wieder einzubringen. Diese Kosten betragen
78 000 Mark, und kaum mehr als die Hülste zieht der Arbeits-
Ausschuß von den Consumenten wieder ein. Mehr kann man
wohl billig von ihm nicht verlangen. Daß aber die gerechteste
Art und Weise, die Consumenten an den Unkosten zu betheiligen,
die ist, einen Aufschlag auf den Preis des zu liefernden Gases
zu machen, ist selbstverständlich.
Die Speeial-Arisstellmig Kairo.
Die Architekten sind in manchen Fällen doch recht bencidcns-
werthe Leute! Sic können ihre Ideale, ihre Träume und Lieb-
lingsidccn verwirklichen und, zu Gebäuden verkörpert, an die
Straße stellen, so daß jeder Vorübergehende ihre Werke bewun
dern muß!
Der bekannte Stadtverordnete und Baumeister Wohlg emuth
suchte seit einer Reihe von Jahren aus Gesundheitsrücksichten
Egypten ans und erwärmte sich hier für den orientalischen Bau
stil, wie er gerade in Kairo und Umgehung zur Geltung kommt.
Manche Skizze entstand auf diesen Reisen, manches Blatt wurde
gezeichnet, öas als Erinnerung in der Mappe lag und wohl
kaum dazu bestimmt war, jemals als Bauwerk verwirklicht zu
werden. Da kommt die Berliner Gewerbe-Ausstellung von 1896
und mit ihr die Gelegenheit, eine exotische Stadt als Schaustück aufzu
bauen. Am Stammtisch, unter den Freunden und Bekannten des Bau
meisters entsteht der Gedanke an die Errichtung einer recht
interessanten Ausstellung, in einer halben Stunde ist das nöthige
Actiencapital gezeichnet, die Gesellschaft Kairo ist begründet. Der
allen Egyptcnfahrern wohlbekannte, auch in Berlin als Importeur
von „wilden Völkern" geschätzte Direktor Möller ist sofort bereit,
das Unternehmen zu unterstützen, indem er für die zweibeinige
und vierbeinige Staffage, für Araber, Biiffel und Kameele sorgt.
Er reist sofort mit Baumeister Wohlgemuth nach Egypten ab.
Hier ist cs leicht, den Vicekönig, der seine Erziehung bekannt
lich in Wien genossen und auch Berlin gesehen hat, für das
Unternehmen zu intcrcssiren. Der Khedive begeistert sich geradezu
für den Aufbau von Kairo in Berlin und sichert seine vollste
Unterstützung den beiden Leitern des Unternehmens zu.
Wir haben diese „Intimitäten" der Gründung der Special-
Ausstellung Kairo absichtlich angeführt, damit der Leser den
richtigen Begriff von dem originellen Unternehmen und die Ueber-,
zeugung bekommt, daß cs sich hier nicht nur um ein „Geschäft",
sondern allen. Ernstes auch um ein gutes Stück Idealismus und
künstlerischcrSchaffcnsfreudigkcit handelt. An diese Momente muß
man denken, tvill man der Special-Ausstellung Kairo, will man
ihrem genialen Architekten gerecht werden.
ES hat ihm allerdings nicht an Mitarbeitern gefehlt, die
mit einer unbestreitbaren Begeisterung auf seine Ideen eingegangen
sind, und von denen wir nur den Mann, der in Kairo selbst mit
ebenso viel Liebe zur Sache wie Geschicklichkeit die Zeichnungen
für die einzelnen Gebäulichkeiten angefertigt und eine Menge von
Detailskizzcn geschaffen hat, den bekannten Zeichner und Maler
Lehmann, sowie die beiden Hilfsarchitekten, die Bauführer Rosen
wald und Busse, nennen wollen.
Die Ausführung des Werkes ist eine würdige, cs sind nicht
gemalte Coulissen, sondern solide, practicable Gebäude aufgeführt,
die aus Holzgebälk errichtet und von außen mit Cementplatten
verkleidet sind.
Kairo liegt südlich von der Coepenicker Landstraße, durch diese
von der eigentlichen Ausstellung getrennt, gehört aber doch zur
Ausstellung. So ist tagsüber der Eintritt in Kairo nur gestattet,
tvenn der Besucher außer dem Kairo-Billet auch noch ein Aus-
stcllungs-Billet vorweisen kan», und erst nach 7 Uhr Abends ist
der Zugang auf ein einfaches Kairo-Billet gestattet.
Betreten wir jetzt den Bauplatz, dessen Gebäulichkeiten niit den
schlanken Minarets und den gefälligen Kuppeln weithin sichtbar
sind, an der Nordwestecke, so kommen wir zu einem cgyptischcn
Tempel, dessen Eingang von zwei gewaltigen Pylonen flankirt
wird. Dieser Tcnipcl hat in seinem Inneren. einen Hof, durch
den man in ein Diorama: „Die Gräber der Khalifen" ge
langt. Der Sänlengang, der den Tempclhof umgicbt,
wird die Waffcnsammlnug des Khedive aufnehinen, welche dieser
zur Ausstellung nach Berlin schickt. Neben dem großen Tempel
steht ein kleinerer Grabtempel, in welchem eine Druckerei unter
gebracht wird. Gehen wir an der Ostscite von Kairo weiter, so
treffen wir ans „ein Stück Nil" mit der typischen cgyptischcn
Vorrichtung zum Wasserschöpfcu; weiter nach Süden zu gelangt
nian zu den Ställen für die 100 Kameele und Büffel, sowie zu
Kaserne und Stallung der viceköniglichen „Garde-Kameelreiter".
Der Khedive sendet nämlich eine Schwadron dieser eigenartigen
Truppe nach Berlin, damit sie die Polizei unter den 500 Arabern
(Männern, Weibern, Kindern) ausübt, die zur Belebung des
Unternehmens von Director Möller in dem wirklichen
Kairo engagirt werden. Da auch bei diesem Engagement
der Khedive durch seine Beamten Hilfe leisten läßt,
geht dasselbe sehr gut von statten. Unter den Arabern hat sich
auch die Nachricht verbreitet, sie kämen in ein Land, wo cs zwar
sehr kalt sei und wo zeitweise so starker Regen falle, daß man
die Sonne nicht sehe, dafür aber gäbe es bei den Ungläubigen
auch „Backschisch" (Trinkgeld, Geschenk) in Hülle lind Fülle. Da
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