Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 9
Mitte mehrere Gasflammen brennen, während um dieselben herum
Gelegenheit zum Aufstellen der Plätteisen, im Inneren aber zum
Erhitzen der Plättbolzen vorhanden ist. Diese Apparate sind be
sonders empfehlenswert!,, da in ihnen nicht nur ein Verschlacken
des Bolzens, sondern auch das Beschmutzen der Plättwäsche vermie
den wird, welche beiden Uebelstände beim Kohlenfeuer ganz unver
meidlich sind. G. Jacob.
Zu Dampfer nach der Ausstellung.
[Abdruck untersagt ]
»Ein Vergnügen eig’ner Art ist doch eine Wasserfahrt!« —
Dies Wort, und nicht etwa ironisch gemeint, ist so recht aus dem
Herzen des Berliners gesprochen. Man braucht nur einmal den
Ansturm miterlebt zu haben, der an einem schönen Sommernach
mittag auf die Dampferstationen stattfindet, braucht nur die An
zahl von Fahrzeugen aller Art gesehen zu haben, welche an solchen
Tagen die Berlin umgebenden Wasserflächen bevölkern, um einen
Begriff von der Vorliebe des doch als » Landratte geborenen
Spree-Atheners für diesen Sport zu erhalten. Da durchfurchen,
gleichmässig in schönem Tact die »Riemen« einsenkend, Ruder-
sportler pfeilschnell die Bahn in ihren langen, schmalen Booten,
‘gondeln die schwerfälligen Schiffchen der Bootsverleiher umher,
sausen Kutter und Segelyachten vor dem Winde, rauschen Dampfer
jeder Grösse, von dem mächtigen Vergnügungsdampfer bis zu dem
kleinen, wenige Personen fassenden Petroleummoto, vorwärts;
draussen vor dem Start, wo keine Brücken den Strom mehr über
spannen, richten auch die plumpen Zillen den Mast und setzen die
riesigen Segel auf; und zwischen allen diesen Fahrzeugen rast
blitzschnell der flinke, kleine Polizeidampfer, die heilige Hennandad
zu Wasser darstellend, einher, auf Ordnung in diesem bunten
Durcheinander haltend.
Doch eine solche Wasserfahrt lohnt sich auch, denn die Ufer
der Spree und Havel mit ihren Nachbarseeen bieten dem Auge so
manchen idyllischen Punkt. Das ist auch der Grund, weshalb
der Berliner für eine Dampferfahrt so sehr schwärmt und es nicht
vorzieht, stets andere Verkehrsmittel, wie die Eisenbahn, zu be
nutzen, welche ihn meistens in dem dritten bis vierten Theil der
Zeit seinem Ausflugsorte zuführen. Freilich heisst es hier Geduld
haben, bis erst der Dampfer in die schönen Gegenden, wo' nicht
mehr Fabriken den Fluss umsäumen und man sich der freien
Gottesnatur freuen kann, ohne durch einen qualmenden Schornstein
aus aller Poesie gerissen zu werden, gelangt.
Und doch entbehrt eine Wasserfahrt innerhalb des Stadt
bezirks nicht jeden Reizes. Wer Verständniss hegt für den emsig
vibrirenden Pulsschlag des gewerkthätigen Schaffens und Treibens
der Riesenstadt, wer Interesse daran findet, eine der Hauptverkehrs
adern nicht nur Berlins, sondern ganz Korddeutschlands kennen
zu lernen, wer nicht ausschliesslich für das Ornamentale und
Prunkvoll -Vornehme Sinn hat, sondern auch für die Stätten des
harten Kampfes ura’s Dasein, der wird auch an einer solchen Fahrt
Gefallen finden. So wird eine Dampferfahrt nach Treptow,
so wenig dieser Theil der Spree dem Naturfreund bietet,
durch ihre ganze Scenerie dem Fremden eine kleine Vor
bereitung für das Studium dessen sein, als dessen vor
geschobenster Posten sich die Ausstellung erhebt, des
Berliner Gewerbefleisses.
• Doch ich lade den Leser selbst ein, mich im Geiste auf einer
solchen Wasserpartie zu begleiten; wird er auch sicher nichts von
der Romantik eines Rheinfalls vorfinden, so wird er dafür doch
auch ganz sicher von einem »Reinfall« verschont bleiben, denn zur
Vermeidung von Unfällen sind des zu erwartenden starken Verkehrs
wegen die umfassendsten strompolizeilichen Vorsichtsmaassregeln ge
troffen worden!
Zwischen Waisen- und Jannowitzbrücke haben die seit Pro-
damirung der Ausstellung wie Pilze aus dem Boden geschossenen
Dampfergesellschaften, welche in liebevollem Wetteifer für die Be
förderung des Publikums, der sich ja nebenbei auch ganz gut
rentiren dürfte, mit einander concurriren, ihr Hauptquartier auf
geschlagen. Wir besteigen eines der zur Abfahrt bereit daliegenden
Schiffe, und haben noch Müsse, uns etwas umzuschauen. Dort,
stromabwärts, liegt dicht vor uns Alt-Berlin, und zwar das echte,
nicht jenes von Künstlers Gnaden wiedererstandene da draussen auf
der Ausstellung, dem wir zueilen werden. In der Ferne erheben
sich der Rathhausthurm, die Schlosskuppel, die schlanke, gothische
Petrikirche und die burgartigen Neubauten des Mühlendammes. Wie
ganz anders sah es noch vor einigen Jahren auf dem knappen Raum
zwischen Waisen-, Stralauer- und Jannowitzbrüke aus! An Stelle
der jetzigen gewaltigen, architektonisch schönen Brückenbauter
elende Holzbauten, unter der Stralauer Brücke hielten die Ruder
boote, gegenüber mündete der durch seine Gerüche berüchtigte
grüne Graben, ein aus Latten gezimmertes kleines Rondel be
zeichnete die Dampferanlegestelle! Doch die Schiffsglocke läutet,
die Fahrt beginnt, und wir nehmen Abschied von dem alten
Berlin. Unter der Jannowitzbrücke geht es hindurch, zu unserer
Linken brausen die Züge der Stadtbahn und des Fernverkehrs den
Viaduct entlang, der hier in die Spree gebaut ist; an der Michael-
Kirchbrücke verlässt uns die Bahn, Holzplätze und Ziegellager
treten an ihre Stelle. Zur Rechten erheben sich stolze Paläste der
Arbeit, die Dampfmühlen mit ihren mehlbestäubten Ladeplätzen,
der Victoriaspeicher, jüngst erst Stätte eines grossen Brandes, die
Velvetfabrik, die gleichfalls vor einer Anzahl von Jahren den Ausgangs
punkt eines Riesenfeuers bildete, das Königliche Proviantamt, das
seine Nähe schon von weitem durch den angenehmen Geruch des
frischen Brodes bemerkbar macht; auf der anderen Seite des
Flusses sehen wir die mächtigen, durch ihre Zinnen kleinen Cita
dellen ähnlichen Thürme einer städtischen Gasanstalt, schwarze
Kohlenberge lagern hier in ungeheurer Ausdehnung und verleihen
im Verein mit den qualmenden Schloten dem ganzen Stadttheil
ein äusserst düsteres Aussehen. Nur hin und wieder bringen ein
Baum, die Anlagen eines kleinen Ufergartens oder eine Kirche
Abwechselung hinein. Wir nähern, uns jetzt der alten Eisen
bahnbrücke, so benannt, weil liier des Nachts die mit Kohlen
beladenen Klingelzüge vom Schlesischen Bahnhöfe durch die
Eisenbahn-, Skalitzer-, Gitsehinerstrasse, welche die dort ge
legenen Gasanstalten mit Material versehen, über die Spree
setzen. Hier liegt die Kaserne der Gardepioniere, welche wir in
n.ien eisernen Pontons auf dem Strome herumrudern sehen, und
nicht weit davon die alte von Pfuel’sche Schwimmanstalt, so
manchem Schüler und so manchem strammen Gardisten als
eine Stätte bekannt, wo ihm durch die als Schwimmlehrer
fungirenden Unterofficiere mit ebensoviel Kunst wie sanftem Nach
druck das Schwimmen beigebracht worden ist. Auch hier reiht
sich wieder Fabrik an Fabrik, Lagerstätte an Lagerstätte, Schorn
stein an Schornstein. Reges Leben herrscht allerorten; am Ufer
sind grosse Schleppkähne verankert, durch Windevorrichtungen aller
Art oder durch Arbeiter mit Karren wird ihre Fracht ans Land
befördert. Surren und Schnurren des Räder- und Riemenwerkes,
Hämmern und Pochen, das Aecbzen der Sägen und Feilen bilden
zusammen ein eigenthümliches Concert. Lange Strassenzüge ziehen
dem Fluss parallel, nirgends jedoch an ihn herantretend: zur
Rechten die Köpenickerstrasse, zur Linken läuft die Mühlenstrasse,
auf der im buntesten Wirrwarr Holz- und Kohlenplätze, Mieth-
kasemen, Fabriken und elende, alte Buden sich zu einem sonder
baren Chaos vereinigen, so dass man nicht gerade den Eindruck
empfängt: Hier lasst uns Hütten bauen. Dieser ganzen Gegend
längs der Spree ist übrigens bereits der Stempel der Ausstellung
aufgedrückt. Ueberall an den Häusern, wo nur eine freistehende
Mauer existirt, hat man in Erwartung der Völkerwanderung, welche
die Ausstellung veranlassen wird, Reclamebilder in den buntesten
Farben erstehen lassen.
Doch wir nähern uns der neuen Oberbaumbrücke, der grössten
Brücke Berlins. Von vier mächtigen Obelisken wird sie gekrönt,
über sie hinweg führen die schöngeformten Schwibbögen der
elektrischen Hochbahn. Jetzt erweitert sich der Strom bedeutend;
die ganze Scenerie beginnt ein mehr ländliches Aussehen zu ge
winnen, und sind die Fabriken am Ufer auch noch immer zahl
reich, so findet das Auge doch schon hin und wieder einen
Ruhepunkt in dem frischen Grün einer Anlage. Dazwischen
tauchen zu beiden Seiten die freundlichen, aus Holz gezimmerten
und mit mannichfachem Schnitzwerk verzierten Bootshäuser der
Berliner Ruder-Vereine auf. Bald ist das allen Berlinern wohl-
bekannte Cafe Alsen erreicht; die kleine hier von der Spree
gebildete Bucht ist der .Sammelpunkt zahlreicher Segelboote,
deren flinke Manöver in den Bier- und Kaffeegästen des alt-
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