Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Äusstellungs - Nachrichten
7
Die Deutsche Kolonial-Aussteüung.
[Abdruck untersagt.]
Es giebt Ausstellungen, die dein Besucher unerwartete Ueber-
rascbu.ngen bereiten. Eine grosse Ausstellung, von langer Hand
vorbereitet und nur allmäblig fortschreitend, birgt in sich keine
Geheimnisse. Man weiss vorher ganz genau, was sie bieten wird,
und der Besucher erwartet die Dinge zu sehen, die ihm schon
lange vorher versprochen worden sind.
Manchmal aber passirt es, dass die Wirklichkeit denn doch
anders ist wie das Bild, das man sich in der Vorstellung nach den
Berichten construirt hat. Der Besucher steht vor Dingen, die er
vorher überhaupt noch nicht gesehen hat, vor Bildern, die ihm
völlig neu sind, die auf ihn den Eindruck der absoluten Originalität
hervorbringen. — Das ist die Ueberraschung, an sich ein ganz
besonderes Vergnügen, das man selbst auf grossen Ausstellungen
nur selten geniesst.
Und das Vergnügen einer unerwarteten Ueberraschung bereitet
den allermeisten Besuchern die Deutsche Kolonial-Ausstellung.
Was hat man nicht alles in den letzten zehn Jahren von den
Kolonieen gelesen! Der Abonnent jeder Zeitung weiss, wie es in
den Kolonieen aussieht, ihm sind West-, Ost- und Südafrika und
die Kolonialwelt in der Südsee ebenso vertraut, wie seine eigene
deutsche Ileimath. Denn was . seine eigene Zeitung ihm
nicht erzählt und geschildert hat, das fand er in illustrirten Zeit
schriften und in zahlreichen, brillant illustrirten Büchern der Männer,
die Land und Leute aus eigener Anschauung und eigenen Er
lebnissen geschildert haben.
Dieser erfahrene Leser gehe nur hin in die deutsche Kolonial-
Ausstellung — er wird seine Ueberraschung erleben.
Welch ein sonderbares Bild bietet sich, wenn man die Aus
stellung an der Südseite des Karpfenteiches betritt! Der Europäer,
der die tropischen Zonen noch nicht besucht hat, ist urplötzlich
in eine andere, durchaus fremdartige Welt versetzt. Keine
Illustration, keine noch so lebhafte Schilderung bietet nur annähernd
einen Begriff von dem Bilde der realen Wirklichkeit, das sich hier
vor den Augen entrollt. Wir haben in Berlin schön Vieles ge
sehen, zahllose »wilde« Truppen, Vertreter exotischer Völkerschaften
brachten Nachbildungen der Wohnungen, der Geräthe und der
sonstigen Einrichtungen ihrer Ileimath mit. Aber keine dieser
Truppen vermochte es, uns ein Stück einer uns fremden Welt so
vorzuführen, dass wir auch die Anschauung von dieser fremden
Welt erhalten, dass wir gleichsam mitten in das Land, das tausende
Meilen entfernt liegt, hineinversetzt werden.
Aber in den Moment, da wir den Fuss in die Kolonial-Aus-
stellung setzen, befinden wir uns plötzlich mitten in einer anderen
Welt. Die Bilder, die von dem gewaltigen, lebendigen Kaleidoskop
— der Gewerbe-Ausstellung — mit solcher Macht, mit so starker
Eindringlichkeit auf uns einstürmten, werden wie mit einem Schlage
verwischt. Dort das moderne Leben in seiner ganzen Pracht und
Vielgestaltigkeit, die moderne Civilisation, die Technik mit ihren
raffinirtesten Producteu, und hier die Urcultur, die uns viele Jahr
tausende in die rohe Zeit der ersten Entwicklungsstadien der
Menschheit zurückversetzt.
Nur das erste Haus, dass wir beim Eintritt sehen, verbindet
uns noch mit der Cultur und bildet gleichsam die Vermittelung
mit der uncivilisirten Welt. Es ist eine Buschfactorei, ein Holzhaus
auf Pfählen stehend mit einem Verkaufsraum, in dem der Factorist
seine Waaren aufstapelt, und einem einfachen Sehlafraum.
Aber schon wenige Schritte weiter sehen wir eine fremde
Welt vor uns. Viereckige, niedrige Hütten rechts und links, die
Dächer spitz zulaufend und gleich den Wänden aus Palmblättern
zusammengesetzt, die von einem Gerüst von Palmrippen zusammen
gehalten werden—dassind die Wohnungen unserer schwarzen Menschen
brüder in Kamerun, denn wir befinden uns in einem Dorfe der Dualla.
Man muss diese Hütten in natura gesehen haben, wenn man einen
richtigen Begriff vom Leben der Westafrikaner erhalten will, denn
eine Beschreibung, eine Illustration giebt nur eine sehr schwache
Vorstellung. Welche Bedürfnislosigkeit, welche Primitivität des
Baustils! In einem solchen Raume möchte nicht der ärmste Mann
in Europa leben.
Und doch sind diese kunstlos hergestellten Wohnungen
noch nicht die ärgsten. Schon wenige Schritte weiter
- sehen wir • ein - ganz anderes und durchaus eigenartiges
Bild. Kleine, armselige Hütten aus einem Gerüst von
Bambus mit Wänden aus grob geflochtenen Matten und hochge-
giebelten, spitz zulaufenden Dächern aus Palmblättern stehen
hoch auf Pfählen. Das Ganze ist gerade gut genug, um vor den
‘ Unbilden der tropischen Gewitter und vor dem Ueberfall wilder
Thiere Schutz zu bieten — aber auch weiter nichts. Die Hütten
stehen in Ausführung und Comfort — wenn es überhaupt gestattet
ist, dieses Wort anzuwenden — weit hinter den einfachen Bau
werken der Dualla-Neger zurück; es sind, die Hütten der
Papuas auf Neu-Guinea. Mehr als jede Schilderung geben
diese Wohnstätten ein Bild von dem tiefen Stande der
Cultur,- in dem die Bewohner des Kaiser Wilhelm-Landes leben.
Nur zwei Bauten verrathen grössere Sorgfalt der Ausführung
und einen Versuch zur künstlerischen Gestaltung. Da ist zunächst
das auspfählen stehende »Heilige Haus« mit einem sonderbar geformten
Dach, das mit zwei grossen, spitz zulaufenden Flügeln vorspringt und mit
grellen Bemalungen geschmückt ist. Und eigenartig wie dieser
Bau ist das »Versammlungshaus«, dessen langgestrecktes Dach
gleichfalls in zwei riesigen Giebeln ausgeht, welche die fein ge
flochtenen, bemalten Matten der Seitenwände hoch überragen. Dass
aber , auch die in der Cultur tiefstehenden Naturmenschen des
Kaiser Wilhelm-Archipels das Bedürfniss zu künstlerischer Be
thätigung empfinden, seilen wir an den sorgfältig geschnitzten und
mit grellen Farben bemalten Idolen, die viele Reisende für Götzen
bilder halten.
Doch noch bleibt uns auf unserer Wanderung ein interessantes
Stück fremder Welt vorbehalten. Haben wir die letzte Hütte der
Papuas hinter uns gelassen, so stehen wir plötzlich vor einem
festungsartigen Bau, vor einem Bollwerk, das hoch oben von einem
starken Pallisadenzaun umkrönt wird. Und es ist in der That eine
Festung, eine »Boma«, wie man sie in Ost-Afrika bei den kriegerischen
Stämmen häufig findet, wie sie der berüchtigte Buschiri zu seiner
Vertheidigung errichtet hatte. Schiessscharten in den dicken
Wänden, Schützengräben im Innern und andere Details zeugen für
das strategische Geschick der kriegslustigen Ostafrikaner. Und noch
charakteristischer sind hinter den Mauern dieses Bollwerkes die
»Temben«, die uns den Bau der Dörfer in manchen ostafrikanischen
Gegenden vorführen. Bollwerk und Temben bilden gewissermaassen ein
Ganzes, da die Temben an vielen Stellen zum Schutz gegen Feinde mit
schwer zu erstürmenden Festungen und Pallisaden umgeben sind.
Noch zahlreiche interessante Dinge fesseln unseren Blick,
wenn wir die Temben verlassen. Aber wir schlagen die Richtung
ein, die uns eine Tafel mit der Inschrift »Nach der Stadt Zansibar«
weist, durchschreiten eine Parkallee und gehen über eine hohe
Holzbrücke,, deren Kopf wie ein Festungsthurm ausgestaltet ist.
Welch ein Bild! Weissschimmernd entfaltet sich eine orientalische
Stadt vor uns, mit den viereckigen, massigen, dächerlosen Bauten,
mit Moscheen und Kiosks — für Europäer, die den Orient noch
nicht gesellen, ein Bild, wie aus den Schilderungen von Tausend
uud einer Nacht.
Es folgt allerdings bald eine kleine Enttäuschung. Diese
schönen Bauten und Moscheen erweisen sich beim Nähertreten ge-
wissermaassen als Attrapen. Wir finden in ihrem Innern weder
ehrwürdige, hmgbärtige Moslemin noch vermummte oder schön
geschmückte, weibliche Gestalten eines wohlbewahrten und geheimiüss-
vollen Harems. Die Moscheen, die Wohnhäuser sind vielmehr
grosse Ausstellungshallen, in denen sich vor uns die ganze Cultur
der tropischen Welt, die Natur mit allen ihren Productcn, mit dem,
was der Boden freiwillig schenkt, mit dem Leben in Wald uud
Flur aus Ost und West und Süd in grossartiger Weise enthüllt.
Da sehen wir die Kolonialhalle angefüllt mit Producteu der
Kolonieen, mit allerlei Pflanzen, mit riesigen Elfenbeinzähnen aus
Afrika, mit den neuesten Plantagenproducten: Kaffee, Cacao, Tabak,
Gummi, Pajmkernen, Mineralien u. s. w., kurz mit all den sehr zahl
reichen Dingen, die aus Afrika und der Südsee nach Europa zur Ver
arbeitung gebracht werden. Dann betreten wir die in Form einer
Moschee gehaltene »Wissenschaftliche Halle«, und in geradezu über
wältigender Weise drängt sieb unserem Auge die gewaltige Summe dessen
auf, was die Forschung über jene fernen Länder erfahren uud in den
letzten Jahren gesammelt hat. Du sehen wir die Thier weit der
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