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Periodical volume Nr. 6, 7. März 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
durch Worte zwar seiner Theilnahme, aber auch seinen Zweifeln 
Ausdruck zu verleihen, 
„Wirst man sehen, was draußen in Treptow los ist", war 
am letzten Sonntag die Parole der Berliner. Die Sonne 
leuchtete, r ie an einem hoffnungsfrohen Frühlingstag, und lockte 
hinaus in's Freie, als lebten wir nicht in der Zeit der Winter- 
stürme, sondern in den Tagen des Wonnemonds, da Alles hin 
pilgert zu den von der Natur geschaffenen und geweihten Statten. 
Zu Fuß und zn Wagen zogen sic hinaus nach dem Ort, 
an dein bisher die Natur geherrscht hatte und nunmehr ein Reich 
errichtet wird, in dem die Schaffenskraft des Menschen regieren 
soll. Weder die Stadtbahn noch die Ringbahn, weder die Omni 
busse noch die Pferdebahnen konnten den Bcrkehr bewältigen, und 
namentlich in den Nachmittagsstunden, da die Meisten heimkehren 
wollten, war der Andrang geradezu beängstigend. Die Perrons 
waren gedrängt voll, die Wagen der abgehenden Züge wurden 
l förmlich erstürmt, die einzelnen Coupcctheilc waren so überfüllt, 
u daß man glauben konnte, heute sei nicht Februar, hier nicht 
l, Treptow, sondern heute sei Juli, hier Wannsec oder Schlachtensee, 
und alle die Tausende kehrten von einer gemüthlichen Landpartie 
zurück und ließen sich nun, eingepfercht in der üblichen Weise, 
per Bahn befördern. Der letzte Sonntag war eine bezeichnende 
Probe auf das Exempel, er deutete an, wie sich einst der Verkehr 
nach und von Treptow gestalten wird, und welch' eine bedeut 
same und verantwortungsvolle Aufgabe für die Bewältigung des 
Masscnvcrkchrs ganz besonders unseren Bahnbehörden zufällt. 
Ein fröhliches, bewegtes Bild entrollte sich auf dem Aus 
stellungsterrain. lieber Balken und Sandhaufen, durch Dick und 
Dünn wurde muthvoll geklettert, ja selbst vornehm gekleidete 
Damen scheuten sich nicht, die eleganten Röckchcn etwas zu heben 
und mit ihren zierlichen Füßchen durch Lehm und Morast zu 
waten. Das Gros der Besucher bestand hauptsächlich ans Ge 
werbetreibenden, lluteruchincrn und Handwerkern, die mit der 
Ausstellung irgendwie in Verbindung stehen und sich die 
Erlaubniß verschafft hatten, auch ihre Angehörigen und 
Freunde mitzubringen. Von erhöhter Stelle, von irgend 
einem Gerüst aus versuchten sie die ganze Herrlichkeit zu 
überschauen und blickten hin und tvicder mit einer leisen 
Schadenfreude und einem gewissen Selbstbewußtsein hinaus zu 
den Zchntanscndcn, die extra niuios weiten mußten, in das 
Innere nicht eindrängen dursten und nur aus weiter Ferne die 
Wunder ahnen konnten, deren Spuren nach außen hin sichtbar 
wurden. In den Cantincn herrschte ein Verkehr, der da bewies, 
daß, wenn cs sich um Hunger und Durst handelt, alle Menschen 
gleich sind. In den schmucklosen Zimnicru der lcichtgefügtcn 
Holzbudcn saßen sie da an dem von feinem Tuch in ihren Reizen 
verhüllten Tischen, die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer, die 
großen Fabrikanten und die kleinen Handwerker, die Damen in 
eleganten und die Franc» in schlichten Kleidern: die Weiße 
moussirte, als ob sie Ehampagncr wäre, nnd der ff. Cognac 
ä 20 Pfg. das Glas schmeckte so, als ob er aus einer mit drei 
Kreuzen gekennzeichneten Hcnnessh-Flaschc käme. Und die 
Stimmung war fröhlicher und ungcztvungcner als bei einem Diner 
mit elf Gängen und elf Weinsortcu, und unsere Damen und Herren 
tranken mit Behagen den Cognac des kleinen Mannes und die 
schäumende Weiße des echten Berliners. Man nahm 
keine Serviette und kein Blatt vor den Mund, man >var lustig 
und gemüthlich, man vergaß alle Standes- und Gelddiffcrenzen, 
mau fühlte sich harmonisch verbunden durch einen Gedanken und 
einen Wunsch. Die Ausstellung beherrschte Alle, ihr galt das 
Interesse, das Alles vereinte. Aus dem Gesehenen zog man 
Schlüsse auf das Fertige, ans der Gegenwart entwarf man das 
Bild der Zukunft. Mau war erfreut über den rapiden Fort 
schritt der Arbeiten, welche durch die Energie und Umsicht der 
Leiter und durch das überaus günstige Wetter in glücklichster 
Weise gefördert tvurden, man war erstaunt über die entstehende 
Wunderwclt, für die bereits der vorletzte Schöpfungstag ange 
brochen zu sein schien. Der imposante Charakter des Haupt 
gebäudes, das schließlich Kern nnd Wesen der Ausstellung in 
sich birgt, erscheint bereits als abgeschlossen, und auch die anderen 
zur eigentlichen Ausstellunq gehörigen Bauten, wie z. B. die 
grünbedachten Gebäude der Fischerei-Ausstellung, sind schon so 
ivcit vorgeschritten, daß an ihrer rechtzeitigen Vollendung nicht zu 
zweifeln ist. Alt-Berlin gewährt bereits einen interessanten Blick 
in die Vergangenheit, rind Kairo mit seinen breiten Palästen und 
schlanken Minarets zeigt jetzt schon in architektonischer Hinsicht 
die fesselnde Eigenart des Orients. Der Berliner hat vor der 
mit Intelligenz gepaarten Arbeit einen ungeheuren Respect, darum 
vergaß er hier an den Stätten, an denen Arbeit und Intelligenz 
sich zum Ruhme Berlins vereinen, seinen Skepticismus, war er 
ganz Antheilnahmc für das, was bisher geschaffen und geleistet 
wurde, was er sehen nnd bewundern konnte. 
Wie der liebevolle Beobachter am Keimen und Sprossen 
einer Blume seine reine Freude findet, so haben all' die Tausende, 
die am Sonntag das Werden der Ausstellung staunend beob 
achteten, das Werdende mit hingebendem Interesse, mit aufrichtiger 
Genugthuung verfolgt. Der Tag, der in seiner Milde und Klar 
heit wie ein Ausschnitt des sonnigen Frühlings erschien, war so 
recht dazu angethan, um frohe Hoffnungen nnd warme Wünsche 
zu wecken. Hoffnuugsfrvh verließen die Massen die Stätten, an 
denen sich in nicht allzu ferner Zeit tausendfältiges Leben 
entfalten, das große Werk in seiner Reife nnd Vollendung aus 
breiten wird. Alles schied, beseelt von der festen Zuversicht, daß 
hier durch rastlosen Fleiß, durch dcw»ndcrnswerthe Energie nicht 
allein etwas Macht- und Kraftvolles geschaffen wird, sondern 
auch, daß die Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896, diese mächtige 
Größe, die Höflichkeit aller Großen innehalten nnd — ein Unicum 
der modernen Ausstellungsgeschichte — pünklich am 1. Mai fertig 
dastehen wird. 
Die Gaspreife für die Attsstellmig. 
Am Donnerstag Abend hat sich die Berliner Stadt. 
vcrordnetcn-Versammlung mit der Berliner Gewerbe-Aus 
stellung beschäftigt, da der Stadtverordnete Herbig folgenden 
dringlichen Antrag gestellt hatte: „Die Versammlung ersucht 
den Magistrat um Auskunft darüber, ob ihm bekannt ist, daß der 
geschüstsführende Ausschuß der Gewerbe-Ausstellung Gas zum 
Preise von 15 bczw. 20 Psg. pro Kubikmeter an die Aussteller 
ablassen will, obgleich ihm der Bezug des Gases seitens der 
Stadt zu einem Einheitspreise von 10 Pfg. pro Kubikmeter 
bewilligt worden ist." 
Stadtv H e r b i g: Es sei von dem geschäftssührenden Ausschüsse 
der Ausstellung an die Consumenten ein Circular erlassen worden, daß 
das Leuchtgas 20 Pfennige, dasjenige zu technischen Zwecken 
15 Pfennige pro Kubikmeter kosten solle. Die Versammlung habe doch 
in dem Glauben den Einheitspreis von 10 Pfennige pro Kubikmeter 
festgesetzt, daß die Aussteller den Vortheil an dieser Vergünstigung 
haben sollen; man könne es nicht dulden, daß der geschästssührende 
Ausschuß nun eine derartige Erhöhung des Gaspreises fordere, um 
dadurch die Kosten der Rohrleitung bis zur Ausstellung herauszuschlagen. 
Stadtrath Ramsla » erwähnt hierzu, daß der Magistrat natür 
lich nichts dagegen thun könne, wen» der geschäftsführende Ausschuß 
den Gaspreis für seine Abnehmer erhöhe. Es sei unter der Berück 
sichtigung, daß die Anlage, die schon »ach einem halben Jahre nutzlos 
werde, 116 000 Mark koste, von den Gemeindebehörden der billige Ein 
heitspreis von lOPfg. pro Kubikmeter bewilligt worden. Es sei nun zuerst 
Absicht des Ausschusses gewesen, die Aussteller je nach der Quantität 
des Gasverbrauches zu den Unkosten der Anlage heranzuziehen; da 
dies aber große Unzufriedenheit erregt habe, sei mau jetzt dazu ge 
kommen, die Unkosten durch einen geringen Preisaufschlag einbringen 
zn wollen. Der Magistrat wolle und könne sich in einer derartigen 
Sache nicht zum Schiedsrichter auswerfen, wie dies ja in anderen 
Fällen genügend von der Versammlung betont worden sei. (Beifall.) 
Stadtv. Hugo Sachs meint, die Ausführungen des Stadtv. 
Herbig seien unzutreffend, denn der Ausschuß wäre auch in dem Falle, 
daß der Einheitspreis nicht auf 10 Pfennige erniedrigt worden wäre, 
genöthigt gewesen, einen Aufschlag von mindestens 5 Pf. pro Kubik 
meter zu nehmen; es würde dann eben das Gas 21 resp. 25 Pf. für 
die "Aussteller gekostet haben. Von den 90 bis 05 Consumenten hätten 
sich 85 mit den Bedingungen einverstanden erklärt, sodaß nur ein 
geringer Theil Unzufriedener vorhanden sei. Es lasse sich bei einem 
Verbrauch von 100 Kubikmetern Gas zur Beleuchtung und 600 Kubik 
metern zu Jndustriezwecken pro Stunde leicht herausrechnen, daß dem 
Ausschüsse trotz der Erhöhung des Gaspreises immer noch 34 000 Mk. 
Unkosten für die Rohrlegung verbleiben. 
Stadtv. Herbig meint, der Stadtv. Hugo Sachs sei als Mitglied 
des Vorstandes der Berliner Gewerbe-Ausstellung nicht die geeignete
	        
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