Path:
Volume Nr. 9, 28. März 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

14 Officielie Äusstelltfngs - Nachrichten, 
gefertigt — jedenfalls eine.Leistung der Berliner Industrie,'vor der 
selbst der grösste Bunzlauer Topfktinstler den Hut ziehen muss. 
9 
Ungarn in Alt - .Berlin. »Esterhazy - Keller, das ist 
etwas!« ruft ein österreiehiseher Bundesbruder auf dem Molkenmarkt aus, 
»schaun wir hinein«. Er durschreitet einen weissgetünchten Raum, 
an dessen Wänden alte Bilder ungarischer Freiheitshelden und 
Könige, Darstellungen aus der Geschichte des Magnatenreiches, 
buntbemalte Steingut-Teller, geschnitzte Holzflaschen verschiedener 
Grösse, wie sie die Hirten auf derPussta tragen, hängen. In einer 
Weinlaube des Nebenraumes lässt er sich nieder, sfudirt die Speise 
karte, auf welcher . selbstredend alle mit Gulasch, Paprika und 
Szegedin in Verbindung stehenden culinarischen Genüsse die Haupt 
rolle spielen. Ein Pusstenkind mit rabenschwarzem Haar, voll 
busig und gluthäugig, bringt ihm eine Flasche dunkelrothen Vöslauer. Die 
Kellnerin, aus der Gegend von Fünfkirehen, sitzt am offenen Fenster, vor 
lein der Flieder duftet ; sie denkt an die ferne Heimath, es will ihr nimmer • 
gefallen en dein nordischen Berlin, die Leute sind alle so kühl, und 
mit den Berliner Kellnerinnen wird sie es wohl nicht aufnehmen können, 
sie, das einfache Dorfkind. Es dunkelt! Der Gast leert Glas um 
Glas; wie schön war es, als er an der Seite des Freundes das 
schöne Ungarland durchzog, keine Czarda;auslassend, in der klagende, 
oder wilde Zigeunermüsik ertönte und solides Schuh werk be m 
Nationälfanz die Tenneir stampfte ; dort trat ihm auch einst ein schönes, 
schwarzlöckiges Uhgärmädchen entgegen, das ihr Herz dem »Schwöb« 
schenkte. Aber sie afft ihn. Eine schlanke Maid tritt in den 
Kaum; er springt auf, weit öffnet er dies Armes »Jlkä!« Aber die 
Antwort reisst ihn aus allen Himmeln: »Na, oller Knopp, bei 
Ihnen ist woll ’ne Schraube locker geworden?« Oller Knopp? — 
Das ist. bitter! Freilich erscheinen die Silberfäden im Haar immer 
häufiger, und die Bartspitzen senken sich melancholisch an den 
Mundwinkeln; aber muss man das gerade in’s Gesicht gesagt be 
kommen und dazu von einer Patricierstochter aus Alt-Berlin? 
O lilea, o Ungarn! Bossom teremtete! Eljen Hungaria! 
Bald hat er seine fröhliche Stimmung wieder gewonnen, die 
Oymbalschlägerin klopft ihre lustigen Weisen herunter, ungarische 
Frauenaugen, ungarische Düfte reissen ihn aus seinen Träumen, 
und im Esterhazy-Keller sitzt er da gemüthlich und lustig bei einer 
Flasch’ voll Reben. 
b) In Berlin. - /.. - 
Die Jubiläums-Ausstellung. 
[Abdnifck untersagt.] 
II. 
Unter den Berliner Impressionisten erregen Skarbina, Friedrich 
Stahl und Dettmann das lebhafteste Interesse;—Das Vollendetste: 
und Liebenswürdigste an Sonnen- und Glanzmalerei, .das nicht nur , 
Experiment; geblieben, sondern zugleich absichtslose Schönheit des 
Motiv und der Erscheinung geworden. ist, verdankt man L. Dett- 
mann’s unermüdlichem Pinsel, »Lehensfrühling« heisst.ein. Baum- 
blüthenbild,-'wo wir auf bunter Wiese ein kleines Mädchen nach 
Blumen suchen . sehen. Sein Schutzengelchen, von einem duftigen 
Sonnenstrahle getroffen, der auf beide Gestalten herabströmt, neigt 
sich über das Kind. Ringsumher im Grase sitzen andere 
kleine 1 Engelchen in bunten Gewändern und suchen und, 
sammeln Maassliebchen und Himmelsschlüssel. Obstbäume im 
weissen Blüthenkleide begrenzen den . Hintergrund. Vortreff 
lich ist es dem Künstler gelungen, den Frühlingssonnendunst, 
in dem die lieblichen, zart charakterisirten Figürchen kauern und 
gehen, malerisch wiederzugeben; es gehört'zum zartesten und feinsten 
Plein-air, das wir kennen: Fabelhaft leuchtend ist der Sonnenstrahl, 
wie er auf das Füsschen des Kindes fällt. Das Problem, die Kirsch 
blüthe und Obstblüthe selbst ganz glaubhaft .wiederzugeben, ist freilich 
auch hier noch nicht gelungen. Seit einigen Jahren bemühen sich nicht 
nur Dettmann, sondern auch andere Künstler, die weisse Baumblüthe mit 
den Mitteln des Impressionismus wiederzugeben. Merkwürdigerweise, 
trotzdem man gelernt hat, nach anderer Richtung auf diesem Wege eine 
ganz fabelhafte Leuchtkraft zu erzielen, sind noch alle bisher an 
dem Problem der Kirschblüthe gesclieitert. Im Vergleich mit der 
Natur wirkt das, was die Maler bisher hierin geleistet, immer grau, 
schmutzig, trocken. Die wunderbare, durchscheinende Alabaster- 
farbe der Baumblüthe, der Schmelz dieser Transparenz, die marmorne 
Bestimmtheit des Formen Charakters am einzelnen-Blüthenzweige 
und zugleich die volle, verklärte Luftigkeit, mit der so ein blühender 
Kirschenbaum vom Himmel losgeht, ist noch immer nicht von den 
Malern erreicht. Die Betrachtung ist augenblicklich zeitgemäss, da 
alle Bäume in Blüthe stellen. Das Dettmann’sche Frühlingsbild 
bleibt indessen eines der entzückendsten Zeugnisse für die Poesie eines 
Impressionismus, der nicht mehr Studie ist, sondern zur schöpfe 
rischen Verwendung gelangt. Das Gleiche gilt von einem anderen 
Märehenbilde des Künstlers »Die Prinzessin und der verschlafene 
Schweinehirt«, wo die appetitlichsten Märchenferkel im sonnigen 
Walde gar ausdrucksvoll ihr Fleisch in Luft und Licht nräsentiren. 
Einer extremen Eindrucksmalerei hat sich Friedrich Stahl mit seinem 
grossen »Blumenfest in Paris« gewidmet. Dieses virtuos gemalte, 
grosstädtisch elegante, etwas kokette Bild verräth ein ausserordent 
liches Können und beherrscht seinen Saal. Nur einen Ausschnitt aus 
dem Pariser Blumencorso giebt der Künstler. ErmöchtedasVorüberrollen, 
; Vorüberbewegen einer Dame im lilienumrankten Wagen schildern, 
er möchte Luft und Luftbewegung, Glanz und Reflex des Lichtes 
darin, er möchte womöglich die Umdrehung der Räder, das Flirren 
und Schimmern der bewegten Kleider, der Spitzen, der gebauschten 
Kleidfalten und das Yorübefschwirren des aufgewirbelten SandesWieder 
geben. Ein - grösser Aufwand- von sehr modernem Können und 
eine erstaunliche Leuchtkraft! 1 Das malerische'Meisterstück sind'die 
Lilienranken, wo am meisten die Transparenz des Blumenstoffes 
wiederzugeben geglückt und am meisten vermieden ist, .den -Schein 
der Bewegung'' 'seihst zu malen. Dehn - dies Letztere, wie' 
Wir es zum Beispiel an dem Kleide der Dame im Mittel 
punkte sehen, Ist nur ein Boscozauberkünststück, das auf einem 
optisch-logischen ' Fehler beruht. Der Maler malt nur eineu 
Augenblick, schon nach dem Sonnenstände und Schatten stände der 
Wirklichkeit, und gerade dieser Augenblick erscheint im Ruhe 
stand der Bewegungstheile. Wer die auf der Netzhaut sich ver 
mischenden Nachbilder der Bewegungstheile vermischt-wiederzugeben 
versucht, wie der Stahl’sche Impressionismus, der verwechselt zwei 
Arten der Impression, zwei verschiedene Gesichtspunkte. Stahl’ 
hat diesen vollen optischen und logischen Widerspruch versucht, zu 
geben ; bei allem glänzenden Können wird dies Bild alle Beschauer 
zugleich anziehen und doch befremden. Der Augenblickseinc>zuclc; 
eines wehenden Kleides ist ein ganz anderer, als den Stahl hier 
giebt, denn Stahl malt drei Augenblicke übereinander weg. 
Wie interessant ist dieser Fehler! Und wie stark bei alledem das 
Können des Malers! Wölfgang Kirehbach. 
5 • 
Die Lustspielkräfte des „Lessing-Theater“ 
haben soeben am »Stadt-Theater in Bremen« ein kurzes Ensemble- 
Gastspiel absolvirt, das von ungewöhnlich grossen Erfolgen durch’ 
Publikum und Kritik begleitet war.- Zur Aufführung gelangte nur: : 
i »Comtesse Guekerl« und Roberto Bracco’s Lustspiel »Untreu«, in 
weichem Jenny Gross die Rolfe der Gräfin Clara Sangiorgi spielte.' 
In der gleichen Besetzung wird diese Komödie'Mitte September rü 
de» .ständigen . Spielplah des »Lessing-Theater« wieder aufgenommen- 
werden. - 
V : ; . , i % 
Director Richard Schultz beabsichtigt, bereits am 
20 Juni d. J. das »Central-Theater« mit der »Tollen Nacht« 
wieder zu eröffnen, um den Besuchern der Gewerbe-Ausstellung 
Gelegenheit zu geben, eine echte Berliner Localposse zu. sehen. 
A. W. Nein, verehrtes Fräulein, auf das Gebiet wollen wir uns 
lieber nicht begeben, denn sonst konnte man uns die Frage stellen, 
ob wir Kaffee bei Bauer, Sarotti etc. oder Choeolade bei Hildebrand 
vorziehen. Wenn Sie wüssten, wie sehr wir in Anspruch genommen 
sind, würden Sie etwas rücksichtsvoller sein. 
J. L. Die von Ihnen gemachte Bemerkung entspricht der That- 
sächlichkeit: die Blumenverkäuferinnen trugen am Donnerstag fast 
alle das kleidsame weisse Costiim vom Eröffnungstage. Ob dieser 
Umstand mit dein Elite-Tag zusammenhängt, wissen wir nicht, vielleicht 
fragen Sie einmal eine der jungen Damen.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.