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Volume Nr. 29, 16. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 13 
der Wyngaert noch sein Bedauern darüber aus, dass im Drange 
der Geschäfte eine der wichtigsten Innungen, diejenige der Schlächter, 
mit einer Einladung zu dieser Versammlung resp. zur Theilnahme 
an diesem Fest nicht bedacht worden sei, was unter entsprechender 
Entschuldigung nachgeholt werden solle. 
9 
Im Hörsaale des Chemie-Gebäudes eröffnete am 
Montag um 6 Uhr Abends Professor Dr. 0. N. Witt die Reihe 
der von uns angekündigten wissenschaftlichen Vorträge mit einer 
äusserst belehrenden Abhandlung über »die Industrie des Glases«. 
Der Vortragende fand bei dem zahlreich erschienenen Publikum, 
das sich aus den besten Elementen, und in erster Reihe aus 
Männern des Wissens zusammensetzte, aufmerksames Interesse. 
Wir werden auf den Vortrag selbst und die ihn begleitenden 
wissenschaftlichen Demonstrationen morgen noch des Näheren 
zurückkommen. 
9 
Ein Wenden- und Jagdzug stellte sieh am Montag 
gegen sechs Uhr Abends den Besuchern von Alt-Berlin mit 
Horridoh, Gekläffe und Geheule vor. Die Geschichte war gut an 
geordnet und, wenn auch das mitwirkende Ochsengespann seine 
darstellerische Aufgabe noch nicht so recht begriffen hatte, das 
breitspurige Rind wird sich allmählich an die Statistenrollen gewöhnen 
müssen. Jubelnde, mit Maien ausgerüstete Dorfjugend tanzte dem 
heimkehrenden Beutezuge voran; ihr folgten die »hübscheren 
Kinder« in gestreiftem Pelzwamms, mit geflochtenem Wenden- 
zöpflein und in fleischfarbenen Tricots, die mehr, als 
sie vielleicht durften, verriethen. Die hinter ihnen daher 
trabenden Wendenkrieger hätten einem beinahe Angst machen 
können, wenn der lärmende Zug am Abende durch die 
Gassen Alt-Berlins getobt wäre, nicht bei Sonnenlicht, das so 
mitleidlos all’ diese Perrücken- und Attrapenherrlichkeit blossteilt. 
Auf Stangen wurden scheussliche Thierkopfe dahergeschleppt, und 
die Musik dazu machte eine starke Kapelle, ebenfalls im Costüm 
der alten Wenden mit Bärenwamms und Bärenmützen und ans 
Bärensoeken. Jetzt nahte der schon erwähnte Ochsenwagen, 
dessen Ränder Jagdtrophäen schmückten. Auf ihnen hockten 
arme Opfer der wilden Bezwinger — blonde Germaninnen 
in Gemeinschaft ebenfalls aufgegriffener, christlicher Priester und 
Missionare. Ueber sie schwang ein finsterer Wende die er 
barmungslose Geissei. Jetzt naht seine Hoheit der Fürst aller Wenden 
mit der erlauchten hohen Gemahlin, letztere ebenfalls im Brusthavnisch 
und auf weissem Zelter, das Gefolge, Wendenritter im Schuppen- 
panzer, ebenfalls hoch zu Boss; und dann wiederum bedauernswertlie 
Germanen, die zu Vieren an die Kette und zur grösseren Sicherheit 
an einen schweren Balken geschmiedet, bei dieser Hitze durch ganz 
Alt-Berlin gebeugten Hauptes zogen. Ein zierlicher, zweirädriger Karren j 
mit dem erlegten Hochwild folgte; an den Geweihen der Hirsche ! 
baumelten Fasanen, dann kläffende Meute, ein strammer, zerlumpter j 
Kerl mit einem rachedurstigen Bären, der nach links und rechts, j 
ungeduldige wilde Sprünge in das erschrocken zurückweichende 
Publikum machte; schliesslich eine Schaar vor Freude trunkener 
Wendenkrieger, denen gar zu sehr an das Faust- und Gretchen- 
alter erinnernde Blumenmädchen nachtrippelten, als allerletzte eine 
hochgewachsene, greise, überlegen lächelnde Kartenlegerin aus der 
Wendenzeit. 
9 
Das orientalische Theater in Kairo hat für diese 
Woche das Drama »Anthara, der tapfere Held« auf das 
Repertoire gesetzt. Speciell für den arabischen Geschmack ist dieses 
Stück viel charakteristischer, als das vorher aufgeführte. Anthara 
ist eine historische Persönlichkeit, er ist der tapferste und 
stärkste Held, den die arabische Sage nennt, etwa wie der 
deutsche Siegfried, der griechische Achilles; die einfache 
Fabel, wie Anthara als Lohn für die Ueberwindung eines 
feindlichen Araberthums die Hand des geliebten Mädchens erhält, 
| erinnert lebhaft an Siegfrieds Werbung um Kriemhild; auch 
[einzelne Details, die Vasallenstellung Anthara’s zum Könige, dann 
[die Verzauberung der Braut, die in Zauberschlaf versenkt wird 
[und in diesem Zustande für Jeden unnahbar Ist, erinnern an die 
[Nibelungensage, besonders das letztgenannte Motiv an die Brünhilde- 
Dornröschen-Mythe. 
Die einfache Fabel ist sehr naiv in drei Auszügen behandelt, 
von denen der erste den König und die Edlen in Berathung zeigt 
und mit der Kunde von der Verzauberung des Mädchens schliesst. 
Der zweite bringt die Entzauberung, den Einfall des feindlichen 
Stamms mit einer köstlichen Episode, einer Werbung des feind 
lichen Königssohns um Anthara’s Braut, und endlich den Klage 
gesang der zurückgebliebenen Frauen. Im dritten Aufzug treffen 
feindliche Parteien auf einander, Anthara siegt und feiert Hochzeit. 
— Aus diesem Vorgang lässt sich sehrhübsch beobachten, welche Lebeus- 
momente den Araber am meisten beschäftigen und deshalb auch in 
ihrer Bühnenwiedergabe interessiren: Es sind das zunächst kriegerische 
Actionen, dann Liebeswerben und endlich die Fest- und die Trauer- 
Acte mit Freuden- und Klagegesängen. Mit denselben Ele 
menten arbeitete auch die dramatische Kunst des sech 
zehnten Jahrhunderts. Interessant ist, dass sich der Verfasser 
des » Anthara« als unbedeutender Schauspieler auf der Bühne befindet — 
also auch ein bemerkenswerther Parallelismus mit den Zuständen der 
europäischen Bühne zur Zeit der Wanderkomödianten — man.' 
erinnert sich unwillkürlich an Shakespeare. 
Bei der Darstellung zeigt es sich, dass die arabischen 
Mimen in der Deutlichkeit der Aussprache noch nicht schi- 
weit vorgeschritten sind; es würde sich vielleicht für schülerio.se 
deutsche Dedamations- und Schauspiellehrer empfehlen, unter 
den Arabern als bahnbrechende Reorganisatoren zu wirken. 
In recht sympathischer Weise lösten die Darsteller des Anthara 
und der Braut ihre Aufgaben. Von unwiderstehlicher Komik ist 
die Episodenfigur eines Schnelläufers, der wiederholt als Bete auf 
tritt und seine Beweglichkeit dadurch markirt, dass er immerfort, 
auch beim Sprechen oder in unbeschäftigten Augenblicken von einem 
Bein aufs andere hüpft. Dr. A. 
9 
Im Theater Neu-Berlin und dem American- 
Theater hat die leichtgeschürzte Chantant - Muse in unserem 
Vergnügungspark zwei reizende Heimstätten gefunden. Der 
grössere dieser beiden Musentempel ist das Theater Neu-Berlin, 
ein Kolossalbau, der in leichter gefälliger Gliederung emporsteigend, 
in geschmackvollster Weise decorirf, sich dem Auge präsentirt und 
in seinem weiten Parterreraum über 1700 Sitzplätze enthält. Die 
selben vertheilen sich auf 40 bequeme Logen, Parquetfanteuils, 
numerirte und unnumerirte Plätze im Preise von 3 Mark bis 50 Pfennig 
herab, so dass Jedem Gelegenheit geboten ist, nach dem Rundgang in 
der Ausstellung hei den wirklich guten Leistungen dev Gesellschaft, 
die aus den verschiedenartigsten Specialitäten besteht, der Erholung 
zu pflegen. Die Direetion Stern he im hat für die Dauer der 
Ausstellung mit etwa 300 Künstlern Verträge abgeschlossen; es ist 
also nicht anzunehmen, dass es den Besuchern von Neu-Berlin 
an Abwechslung fehlen wird. — Auch das von Herrn Aug. Reiff 
geleitete American-Theater ist mit grossem Geschmack im 
maurischen Stil erbaut und ausgestattet. Es fasst etwa 900 
Personen,, hat ebenfalls eine Anzahl sehr hübscher Logen und be 
quemer Fauteuilsitze und macht einen durchaus vornehmen Ein 
druck, der noch wesentlich durch den reizenden Blumenschmuck 
des Plafond gehoben wird. Das Künstler-Ensemble, in dessen Mittel 
punkt der »urkomische« Bendix stellt, ist mit gutem Geschmack 
gewählt und wird von Zeit zu Zeit neu ergänzt werden. Die 
Bühnen beider Theater sind sehr geräumig und gestatten in ihrer 
hübschen, decorativen Ausstattung auch die Aufführung von Sing 
spielen und Operetten, die ja von beiden Directionen geplant ist. 
o 
Beim grossen Topf. »Mutter, det wär so wat for Deinen 
nächsten Kaffeeklatsch! meinte Schulze der 1523 te, als er von der 
Galerie herab mit seiner Gattin in die unergründliche Tiefe des 
»Grössten Topfes der Welt«, der im Vergnügungs-Park seine Auf 
stellung gefunden hat, hinabblickte, und schlagfertig erwiderte seine 
bessere Hälfte: »Wenn Du mir den nöthigen Kaffee und de passende 
Milde dazu besorgst, wirst de oocli ingeladen!« Das dürfte Herrn 
Schulze freilich etwas schwer fallen, denn das thönerne Ungeheuer, 
zu dem 30 Centner Material verarbeitet wurden, das eine Höhe 
von 2,75 Meter und einen Umfang von 5,39 Meter hat, fasst die 
Kleinigkeit von 5260 Liter — ein Quantum, in dem man ohne 
Schwierigkeit Ross und Reiter nicht nur tränken, sondern auch 
ertränken kann. Das »Riesen-Deppchen , an dem Meister L. Meyei 
fünf Woclmn arbeitete, ist aus freier Hand auf der Drehscheibe
	        
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