Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
inaschinen, es sind nicht die unscheinbaren Mannesmann röhren,
in denen sich so viel Menschenwitz verkörpert und
so viel Vermögen steckt, das, so hoffen wir richt,
ä fond perdu dahingegeben wurde, es ist nicht einmal
die historische Trachten - Ausstellung 1796—1896, obgleich
auch diese Ausrufe des Erstaunens über unsere ahnungslosen Vor
fahren zur Genüge hervorrufen; nein, es ist der Diamant für
100,000 Mark in der Friedländer’schen Vitrine. An diesen drängt
sich Kopf an Kopf heran mit hocherhobenen Brauen und mit auf
gerissenen Äugen. Jedes Gesicht ist ein Bild zum Malen
und, wenn Altmeister Menzel sich dieses Motives nicht be
mächtigen will, so ist es jüngeren Kräften dringend anzurathen, hier
einmal gegenüber dem Diamanten oder richtiger Brillanten auf ein
halbes Stündchen Posto zu fassen und die Mienen der Menschen
fest zu halten, die dies Vermögen in der Nussschale beaugenscheinigen.
Hunderttausend Mark für ein Stückchen kiystallisirter Kohle, so
gross wie ein Fingerhut, das ist allerdings etwas Staunenswerthes.
An der Seite dieses jungen Kohinoors befindet sich ein gelber
Diamant von Topasfarbe, der, obwohl er doppelt so gross ist wie
jener, doch nur 85 000 Mark kostet. Daraus ersieht man,
wie viel von der Qualität bei diesem kostbaren Material ab
hängt, d. h. von »Wasser« und Farbe. Nach der Regel von
Luiscotius multiplicirt man zur Ermittelung des Werthes eines
Steines die Anzahl der Karate mit sich selbst, und diese »Potenz«
dann mit dem Einheits- oder Qualitätswerthe. Da die Karatziffer bei
den ausgestellten Steinen angegeben ist und dieselben beeinträchtigende
Fehler (Excentricitäten, Trübungen u. s. w.) nicht aufweisen, so kann
man sich bei einiger' Geschicklichkeit im Wurzelausziehen (am besten
wäre also ein approbirter Zahnarzt zu Rathe zu ziehen) den Einheits
preis leicht berechnen, welchen die berühmte Finna jetzt dem Werth
der geschliffenen Waare zu Grunde legt. Dieser Preis schwankt.
Während das Karat im Jahre 1550 auf 350 Mk. geschätzt wurde,
galt es 1672 nur noch 180 Mk., ein Jahrhundert später wieder
300 Mk., 1865 sogar 450 Mk. Infolge der Entdeckung der
Kapfelder hat abermals eine weichende Tendenz Platz gegriffen. Der
Diamant vertreibt übrigens nach dem Glauben des Alterthums den
Wahnsinn. Sehr erklärlich, wer ein solches Kleinod sein eigen
nennt, hat es nicht nöthig, sich den Kopf zu zerbrechen. Und
dies soll meistens die Ursache der unangenehmen psychiatrischen
Erscheinung sein.
9
Von der Volksmassen-Ernährung'. Ueber dem
Theile des Gebäudes für Volks-Ernährung, welcher der Spree zu
gekehrt ist, befand bis gestern ein grosses Schild mit der Auf
schrift: »Vegetarische Abtheilung (unter Mitwirkung der Vegetarier-
Vereinigung)«. Da in Folge des unerwartet grossen Andranges von
Gästen zu den Küchen für Volks-Ernährung die Räumlichkeiten für
die Zubereitung von Gemüsen nach zwei verschiedenen Principien, dem
altgewohnten und vegetarischen, nicht mehr ausreichten, so musste
»der Noth gehorchend« die vegetarische Gemüsezubereitung -ein
gestellt werden. Die der vegetarischen Abtheilung bisher dienende
Küche wird von nun an als Kaffee küche verwendet werden, so dass
die grosse Küche im Centrum des Gebäudes nun ausschliesslich für das
Kochen von Fleischgerichten und Gemüsen benutzt werden kann.
In der Kaffeeküche werden übrigens die durch Vermittelung der
Vegetarier - Vereinigung aus Wien hierherberufenen, vegetarischen
Kochkünstlerinnen fortfahren, die den Gästen der »Volksernährung«
bereits liebgewordenen »Wiener Kuchen« und »Apfel-Strudel« mit
reiner Naturbutter zu backen.
9
In der Unfall-Station wurden gestern 29 leichtere
Fälle und drei schwere Fälle behandelt, darunter Quetschungen an
Arm und Schenkel. Um 4 Uhr wurde ein Arzt nebst Heilgehilfen
in das Maschinenbaus beim Theater Alt-Berlin gerufen. Hier war
einer älteren Frau ein centnerschweres Brett auf den Arm gefallen,
sie erlitt einen Unterarmbruch. Gegen Abend wurden ein Arbeiter
voii Siemens & Halske, dem ein Wagen auf den Fuss gefahren
war und diesen schwer verletzt hatte, sowie ein Bildhauer, der an
heftigen Krämpfen und darauffolgenden Ohnmachten litt, mittels
Krankenwagens nach dem Krankenhaus am Urban gebracht.
V
Die Sanitäts-Wache hatte 22 leichtere Falle zn be
handeln, dabei eine Coutusion am Ellenbogen bei einem Arbeiter
der Dampfwäseherei, der mit einem Arm in eine Transmission ge
rathen war.
a) In der Ausstellung.
Das Fest der Gewerke. Im grossen Festsaal des
Haupt-Restaurants hatten sich am Montag Nachmittag 5 Uhr, einer
Einladung der Fest-Commission der Gewerbe-Ausstellung folgend,
etwa 180 Delegirte der Berliner Innungen, selbstständigen Gewerke
und einzelner Vereine versammelt, um über die Betheiligung an dem
von der Fest-Commission für den 4. Juni geplanten, grossen
Fest der Gewerke zu berathen. Der Vorsitzende der Commission
Herr Jos. van den Wyngaert hiess die Anwesenden willkommen
und eonstatirte, dass ans die ergangene Einladung zu dieser Ver
sammlung sich 46 Innungen und 20 selbstständige Gewerke zui
Beschickung derselben bereit erklärt, vier Innungen aber und
zehn selbstständige Gewerke sich direct ablehnend verhalten hätten,
Redner glaubt also annehmen zu dürfen, dass die Idee dieses Festes
der Gewerke im Allgemeinen günstig begrifest werde; soll dasselbe
doch auch eine Ehrung für alle diejenigen sein, die das grosse
Werk geschaffen, und desshalb habe man von den geplanten vier
grossen Veranstaltungen, in dankbarer Anerkennung der Verdienste,
die sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer um das Zustandekommen
der Ausstellung erworben haben, den Gewerken das erste dieser
Feste gewidmet.
Das Project, das die Festcommission vorschlägt, besteht in
einem Festzug innerhalb der Ausstellung. Derselbe soll die
Zeit von 1696 und die Gegenwart repräsentiren, so dass also ein
Theil der Mitwirkenden costümirt zu erscheinen hätte. Die
betreffenden Kapellen stellt die Festcommission, die auch
bereits Verhandlungen bezüglich der Costümlieferung getroffen
hat. Die verschiedenen Innungen sollen mit ihren Fahnen, Bannern
und Emblemen einzeln in der Ausstellung aufziehen, wo sie sich
alsdann in Alt-Berlin, dem geeignetsten Platze, zu dem grossen
Festzuge ordnen. Man lege dieses Project einfach zur Begut
achtung vor, beabsicetige aber durchaus nicht einen Druck wegen
Annahme desselben auf die Anwesenden auszuüben.
Der Vorsitzende des Innun gs-Ausschusses Herr Beutel will zunächst
die financielle Seite der Angelegenheit geklärt wissen und betont,
dass seitens der Ausstellung die Kosten getragen werden müssten,
da die Innungen laut ihren Satzungen kein Geld für derlei Zwecke
verausgaben dürfen. Herr van den Wyngaert hebt nochmals hervor,
dass Schritte geschehen seien, auch die Costüme kostenlos für die
Theilnehmer zu beschaffen. Vor Allem handle es sich darum, zu
constatiren, ob die Anwesenden mit der Grundidee des Festes
einverstanden seien. Alles Weitere müsse einer zu wählenden
engeren Commission überlassen werden.
Die Abstimmung ergab die einstimmige Annahme des
seitens der Festcommission aufgestellten Projectes. Eine
längere, stellenweis sehr erregte Debatte entspann sich über
die Frage, wie die Commission gebildet werden solle, die gemein
sam mit der Festcommission der Ausstellung die weiteren Vor
bereitungen für das Fest leiten solle. Fast schien es,
als ob Innungen und selbstständige Gewerke hart auf
einander platzen wollten, aber den von echtem Bürgergeist
„durchwehten, zur Eintracht mahnenden Worten des Ober
meisters der Bäckerinnung Gemeinhardt und des Herrn
v. d. Wyngaert gelang es, die Verhandlungen wieder in friedliche
Bahnen zu lenken, so dass der Antrag einstimmig angenommen
wurde, laut welchem das gemeinsame Festcomitee sich aus den
Obermeistern der Innungen, den Vorständen der selbst
ständigen Gewerke und den Vorsitzenden der sich be
theiligenden Vereine und der Festcommission der Aus
stellung zusammensetzen solle. Selbstverständlich soll es diesem
grossen Comitee überlassen bleiben, aus seiner Mitte einen
engeren Festausschuss zu bilden. Schliesslich sprach Herr von
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