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Volume Nr. 25, 12. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Ausstellungs- Nachrichten. n 
ginnen wird, wohnten den Tag über insgesammt 1500 Aus 
stellungsbesucher bei. 
Ein Streiflicht auf den Verkehr am letzten Sonntag wirft 
auch die Benutzung der Stühle, die überall in den Gängen des 
Haupt - Ausstellungsparks aufgestellt sind. Man muss, um sich 
einen derartigen bequemen Sitz zu sichern, in einem 
der beiden Kioske am Haupteingange oder an der Coepenicker Land 
strasse oder auch bei den beaufsichtigenden Knaben ein Billet 
lösen, das bei Benutzung eines Stuhles für den ganzen Tag 15 
Pfennige, für den halben Tag 10 Pfennige kostet. An den beiden 
Stuhlkassen wurden am Sonntag 500 Mark vereinnahmt und von 
40 Jungen, die zur Beaufsichtigung der Stühle angestellt sind, hat 
jeder durchschnittlich 15 bis 30 Mark an Stuhlmiethe eingezogen. 
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Die Heimkehr aus der Gewerbe-Ausstellung 
am ersten schönen Sonntag bot infolge des nach vielen Tausenden 
zählenden Besuches ein ganz neuartiges, imposantes und dramatisch 
bewegtes Bild. — Als gegen acht Uhr Abends die Dunkelheit über 
den Biesenpark -— dem auch gestern noch die elektrische Be 
leuchtung zum Theil mangelte — hereinbrach, und zugleich 
schwere Gewitterwolken am westlichen Horizont emporstiegen und 
unter bedenklichem Wetterleuchten immer näher rückten, da 
machten sich die dichten Menschenmassen mit fluchtähnlicher Hast 
auf den Heimweg. Die Bahnsteige, Pferdebahn-Haltestellen, die 
Anlegebrücken der Spwedampfer waren von ungeduldig drängenden 
Menschen umlagert. 
Den Reiz der Neuheit hatte vor Allem die Heimfahrt 
auf der Spree. Zum ersten Male entwickelte sich das 
wunderbare, farbenprächtige Bild eines ununterbrochenen 
Dampfer - Corso, der von nun an zu den Sehenswürdig 
keiten der Stadt Berlin zählen wird. Wer diese Heimreise zu 
Wasser -mitgemacht hat, wird den überwältigenden Eindruck nie 
vergessen. 
Bei der Abfahrtstelle der »Stern«-Dampfer nächst der Alpen 
wiese wurde ein förmlicher Ansturm gegen das Kassenbäuschen 
unternommen; aber selbst von den Glücklichen, welche sich ein 
Billet eroberten, konnte nur ein kleiner Theil auf dem bereits mit 
starker Besetzung anlangenden Schiffe Platz finden; die übrigen 
mussten einen zweiten und dritten Dampfer abwarten. — Verdeck 
und Cajütenräume jedes Schiffes waren bis auf den letzten Platz 
gefüllt. 
Die Qual des Kampfes um einen Passagirplatz wurde jedoch 
durch die prachtvollen Eindrücke der Wasserreise reichlich belohnt. 
Aus dem dunklen Parke leuchteten blendend die elektrischen Licht 
kugeln der Wandelhalle und der Maschinenhäuser, die runden 
Fensterchen des Kaiserschiffes; am rechten Ufer grüssten die hell 
erleuchteten, von einer singenden und lachenden Menge erfüllten, 
mit Fähnchen, Guirlanden und Lampions geschmückten Wirthshaus 
gärten von Stralau, zu denen die schattenhaften Umrisse der alten 
Kirche einen seltsam confrastirenden Hintergrund bilden; grosse 
und kleine Schiffe, alle schwerbeladen, grüne und rothe Signal 
lampen am Vordertheil, ziehen lautlos vorüber, und all das 
spiegelt sich in dem breiten Strom, auf dessen Wellen es blinkt 
und zittert wie von Millionen hin und hergeworfener Goldmünzen 
und Juwelen. 
Der. grosse Verkehr wickelt sich ordnungsmässig und ohne 
Störung ab; ruhig gleiten die Schiffe aneinander vorüber und durch 
die Brückenbögen hindurch; nur die von Zeit zu Zeit ertönenden 
Glockensignale, der weithin vernehmbare Trompetenton des ausge 
lassenen Dampfes, die auf den Iundungsbrücken wachenden Posten 
der Strompolizei und der geheimnisvoll wie das Schiff des fliegenden 
Holländers zwischen den Schiffskolossen hindurchschiessende Polizei 
dampfer mit der aufgehissten Polizeiflagge deuten darauf hin, dass 
emsige Arbeiterhände, sowie wachsame Schutzorgane all’ dieses 
Leben in Scene setzen, leiten und beaufsichtigen. 
V 
Der Himmelfahrtstag fällt wie immer auf einen Donners 
tag. An diesem Wochentage hat die Ausstellung sonst den erhöhten 
Eintrittspreis von einer Mark. Mit Rücksicht auf den Feiertag ist 
der Eintrittspreis für den Himmelfahrtstag auf 50 Pfennige 
festgesetzt worden. 
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Betriebe in der Ausstellung. In der Metall-Industrie 
finden wir eine grössere Gold- und Silberschmiedewerkstatt, in 
welcher etwa 12 Personen beschäftigt sind, bei einem Juwelier in 
der gleichen Abtheilung arbeiten 3 Mann. Die Papier-Industrie zeigt 
eine Buchbinderwerkstatt und eine Geschäftsbücherfabrik in Thätig 
keit. Eine Strumpfwaareniäbrik hat einige Maschinen im Gange, 
die von Frauen bedient werden. Eine grosse Schuhfabrik hat zahl 
reiche Maschinen für Lederbearbeitung zum Zwecke der Schuli- 
und Stiefelfabrikation aufgestellt. Stickmaschinen und Nähmaschinen 
finden wir an verschiedenen Stellen thätig, auch eine Zuschneide 
maschine. All’ diese Betriebe befinden sich im Hauptgebäude, wäh 
rend die Cigarrenfabrikation in allen Stadien im Ausstellungsgebäude 
der Finna Loeser u. Wolfs von einer grösseren Anzahl gleichmässig 
gekleideter junger Mädchen, vorgeführt wird. 
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Mehr Wegweiser zur Ausstellung auf den 
Bahnstationen! Es ist eine bekannte Thatsache, dass man 
das Publikum nicht oft genug über gewisse Dinge aufklären und 
belehren kann und dass, namentlich wo es sich um grosse, compli- 
cirte Unternehmungen handelt, Alles aufgeboten werden muss, dem 
Begriffsvermögen der breiten Masse auf die einfachste und prak 
tischste Weise zu Hilfe zu kommen. Dies gilt ganz be 
sonders auch von unserer Gewerbe-Ausstellung, deren gewaltiger 
Mechanismus in seinen zahlreichen Details immer wieder der Er 
läuterung bedarf. Vor Allem aber kann das Publikum, und ganz 
besondere das auswärtige, unter dem sich Hunderttausende be 
finden, die gänzlich fremd in Berlin sind, verlangen, dass ihm in 
erster Reihe der Weg nach der Ausstellung so bequem wie 
. möglich anschaulich gemacht wird. Täglich hören wir auf den 
Stadtbahnhöfen die Frage: »Bitte, in welcher Richtung geht der 
Zug nach der Ausstellung?« Nun ist ja allerdings auf den 
kleinen Tafeln, die vor dem Abgang jedes Zuges aufgezogen werden, 
das Wort »Ausstellung« zu lesen, allein dies genügt nach unserer 
Ansicht weitaus nicht und wäre im Interesse des einheimischen 
und Fremdenpublikums dringend zu wünschen, dass an den Wänden 
sämmtlicher Bahnhöfe mächtige, weithin lesbare Schilder in 
genügender Anzahl angebracht würden, welche die Fahrrichtung 
nach der Ausstellung angeben. Da. die Inschriften auf Leinewand 
hergestellt werden können, stehen die Kosten der Herstellung ab 
solut in keinem Verhältniss zu den grossen Mehreinnahmen, die 
der Bahn durch den Ausstellungsverkehr von nah und fern zu 
Hiessen. 
9 
Sie dichtet. Ich habe mir oft gewünscht, den Mann zu 
sehen mit dem vernichtenden Blick, wie er da sass auf den Ruinen 
von Carthago, jetzt wünsch’ ich es nicht mehr. Dieses Schiller’sche 
Wort fällt Einem ein beim Anblick einer Wachsfigur im Schau 
kasten der »Goldenen 110« in der Gewerbe-Ausstellung, die zwar ein 
Weib darstellt, ein Weib, das dichtet, dichtet Tag für Tag. Da 
sitzt sie, den Blick sinnend auf ein weisses Blatt Papier geheftet, 
eine grosse Idee scheint ihr zu kommen, eine Idee, wie 
auf noch nicht dagewesene Art sich — 10 000 Ueberzieher, 
Paletots etc. besingen lassen, die in der »Goldenen 110« vorräthig 
sind. Sie trägt fast jeden Tag ein neues Kleid, schwarz kleidet 
sie am Besten, am Würdigsten für ihren schweren Beruf. Neben 
ihr steht King Bell in modernem, grauem Anzug, als sei er hinüber 
gekommen, um mit seinem Sohne Bismarck Bell von dqr Kolonial- 
Ausstellung in Wettbewerb zu treten, die Herzen der Berlinerinnen 
zu erobern, was bekanntlich nur mit einem Anzug aus der 
»Goldenen 110« geschehen kann. »Da ist sie, die grosse 
Unbekannte, wie reizend!« ruft ein Backfisch aus, die Besucher 
kritisiren und suchen das Alter der Dichterin festzustellen, eine 
bekanntlich sehr schwierige Sache bei Wachsfiguren. Ein Beamter 
aus der Provinz meint, das Dichten müsse doch anstrengen, er habe 
geglaubt, die Dame rechne ein Deficit nach; ein Musikus bemerkt, 
so sehe ein Weib aus, das einen Trauermarsch componire, es könne 
aber auch ein Hochzeitsmarsch sein. Nein, Freund, Ihr' irrt, was 
sind Märsche gegen die Lieder der »Goldenen 110!« 
9 
Ein Vermögen in der Nussschale. Die Haupt 
anziehung im grossen Industriegebäude ist im Grunde ge 
nommen ein kleines Ding, und man sieht daran, was die 
Illusion nicht alles macht. Es sind nicht die Borsig’schen Riesen-
	        
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