Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

lö Officieile Ausstellung-Nachrichten.
wurde mit grossem Danke angenommen. Sie hörten aufmerksam
zu, selbst die Kleine, auch ein englischer Rothkopf, trat still mit
heran; nur der alte Herr blieb wie in den folgenden Stunden in
gleichgiltiger Gelassenheit. Die intelligente Dame forderte mich
auf, ein wenig mit ihnen weiter zu wandern und ein Restaurant
zu besuchen. Dabei fiel mir sehr auf, dass die Fragen und Be
merkungen derselben sich unaufhörlich gegen den jungen Haus
lehrer wendeten; dass sie wie unwillkürlich ihn bei jeder Gelegen
heit ansah, ohne freilich äusserlich sich etwas zu vergeben. Ich
schied von den Leuten mit dem Eindruck, als wäre es nicht
gerade ein angenehmes Gefühl, sich in die Stelle dieses
würdigen Ehemannes zu versetzen, und mit dem Gedanken: das
kann einen gefährlichen Roman abgeben oder stellt schon den An
fang vor!
Nun sah ich diese beiden Gestalten hier vor mir; ohne
Zweifel, das war der junge Hauslehrer, zu einem stattlichen Herrn
entwickelt, und die Dame hielt ihn untergefasst wie ihren Gatten.
Meine Neugierde wurde aufs Höchste gespannt. Ich folgte dem
Paare, das nach einiger Zeit eine Restauration betrat und sich da
selbst niederliess, worauf der Herr sich einige Zeit entfernte.
Das kam mir gelegen. Ich trat an den Tisch heran mit den
Worten: »Gnädige Frau, nehmen sie mir meine Dreistigkeit nicht
übel, aber ich hoffe, Ihnen kein ganz Fremder zu sein, wenn mich
nicht alles täuscht. Darf ich mir eine Frage erlauben: Waren
sie auf der Pariser Weltausstellung von 1867?« — »Jawohl, mein
Herr, und daher kennen wir uns?« — Sie nickte lebhaft und
machte eine Geberde, die zum Sitzen aufforderte. Nun blickte sie
mich an, als ob sie ihrem Gedächtniss aufhelfen wollte. »Das ist
lange, lange her und wir waren damals noch jung, vorläufig fällt
mir ihr Gesicht noch nicht ein, aber wir wollen nachdenken.«
»Erlauben Sie, dass ich Ihnen zu Hilfe komme! Entsinnen
Sie sich vielleicht einer Maschine, die damals aufgestellt war und
schon dem Zwecke diente, durch Drehung elektrisches Licht hervor
zuzaubern?«
»0 ja, richtig, richtig«, rief sie sehr lebhaft, »das weiss ich
noch ganz genau, es war so wunderbar, so unverständlich; heute
glaubt jeder das zu verstehen, wo es kaum hoch eine andere gross
artige Beleuchtung giebt, aber damals muss es schrecklich schwer
gewesen sein, denn selbst unser Hauslehrer wusste nichts Richtiges
anzugeben. Endlich kam da ein deutscher Herr, ja ich entsinne
mich nun ganz genau, der erklärte uns Alles.«
Ich stutzte sehr über diese Erwähnung des Hauslehrers, er-,
widerte aber ganz unbefangen: »Dieser Deutsche war ich!«
0 welch interessantes Wiedersehen«, rief sie lebhaft und reichte
mir die Hand. Da wird sich auch gewiss mein Mann freuen, der
wohl gleich zurückkommen wird.«
»Der Herr mit schwarzem Schnurrbart, welcher« — sagte
ich etwas stockend.
»Ja, welchen Sie vielleicht auch noch von damals im Gedächtniss
haben; damals aber war er noch der Herr Hauslehrer und heute
ist er der gestrenge Herr Ehegemahl.«
»Schon lange?« fuhr es mir unwillkürlich heraus.
»0 ja, schon recht lange. Freilich, nach jener Ausstellungs
zeit dauerte es natürlich noch eine Weile.«
»Natürlich,« murmelte ich durch die Zähne, die Naivetät dieser
Person fing an, mir fürchterlich zu werden.
»Da waren doch noch ganz bedeutende Schwierigkeiten«, fuhr
sie fort, »wenn auch mein kleines Herz— ganz im Vertrauen ge
beichtet — nicht so gänzlich frei von allerlei unerlaubten Ge
danken war.«
Dabei lachte sie beinah. Es entstand eine kleine Pause.
»Ich kann mir ungefähr ein Bild von den Schwierigkeiten
machen«, sagte ich, um nicht stumm dazusitzen.
»Ja wir haben doch manche Noth ausgestanden, als unsere
Heizen schon lange einander heimlich angehörten. Sie wissen ja,
die Rücksicht auf die Leute .... Besonders ist da immer, wie
in allen Romanen — der böse Dritte, der im Wege steht.«
Ich sah sie ganz starr an, aber sic fuhr unverblüfft fort:
»Wir hatten die grösste Noth, den los zu werden, ganz beson
ders bei der eigenthümlichen Stellung meines jetzigen Mannes. Man
hielt im Anfang jede Annäherung solcherlei Art zwischen mir und
dem Hauslehrer für höchst unschicklich, er musste sogar aus dem
Hause fort zu unserem beiderseitigen Schmerze, denn es gab ein
grosses Aufsehen, und der Dritte glaubte nun freies Feld zu haben.
Aber Sie wissen, die Liebe überwindet Alles, und endlich ver
schwand der Dritte, auf Nimmerwiedersehen "— dafür habe ich
gesorgt — —.«
Ich sah sie noch starrer an als vorher.
»Ja das glauben Sie wohl nicht,« meinte sie lächelnd, »aber
mein Mann wird es Ihnen gleich sagen, was ich für ein Starrkopf
bin, der hat es mir mit seiner grossen Candidatenweisheit schon
oft erklärt, als ich noch der Wildfang von elf Jahren war, den
Sie ja damals selbst kennen gelernt haben -—.«
»Also Sie waren — Sie waren —« stammelte ich, entsetzt
über den Verdacht, den ich da gegen dies gute Wesen gehegt
hatte — »natürlich Sie waren ja damals schon ein kleines Eben
bild Ihrer Mutter —.»
Die Dame sah mich recht verwundert an.
»Ich wollte sagen,« fuhr ich fort, »auch Ihre Frau Mutter ist
mir damals aufgefallen durch die Lebhaftigkeit, ihres ganzen Wesens.“
Fast hätte ich meine schauderhaften Gedanken verrathen; ich hatte
Mühe, mich herauszureden.
In diesem Augenblicke kam der grosse Herr auf den Tisch
zu. In wenigen Worten war die Situation erklärt: »Das ist mein
damaliger gestrenger Erzieher und der meines Bruders -—.«
»Und jetzt der sehr zum Gehorsam erzogene artige Gatte,«
sagte der Herr lächelnd.
»Und Ihre Eltern?« fragte ich. »Leben beide noch, aber
machen keine Reise mehr.« — Flehentlich bat ich im Innern der
guten Mutier meinen fürchterlichen Argwohn ab!
Der Besuch der Ausstellung am Sonntag war ein
ausserordentlich grosser. Die genauen Zahlen lassen sich noch
nicht feststellen, da die Abrechnungen mit der Eisenbahn und
der Dampfschifffahrt, die ebenfalls Eintrittsbillets verkaufen,
noch nicht erfolgt sind. An den Kassen der Ausstellung
wurden 60,000 Billets verkauft, die ungefähre Schätzung aller
zahlenden Besucher schwankt zwischen 100,000 und 120,000Personen.
Die Strassen von Alt-Berlin waren den ganzen Tag über belebt,
und haben 28 000 Personen die historischen Stätten am Karpfen
teich aufgesucht. Das Alpenpanorama, das immer noch unter dem
Mangel an elektrischem Strom für den Betrieb der Hochbahn zu leiden
hat, hatte trotzdem ein recht günstiges Kassenergebniss, da etwa
3000 Personen die Herrlichkeiten des Zillerthals in Augenschein
nahmen. Der Andrang zu den Tischen der »Volksernährung« hat ein
nationalökonomisches Interesse. Es kann mit einiger Genugthuung
constatirt werden, dass hier am Sonntag 30 000 Personen gespeist
wurden. Um 7 Uhr aber wurde die Kasse zeitweise geschlossen,
weil die Speisekessel neu gefüllt werden mussten.
Im Märinepanorama ergötzten sich etwa 8000 Personen an
den Uebungen der kleinen Flotte und das Kaiserschiff wurde von
4100 Personen besichtigt. In der Kolonialausstellung hatte man allen
Grund, mit dem Verkehr am ersten schönen Sonntag sehr zufrieden zu
sein. Auch hier fehlte noch das lang ersehnte elektrische Licht, doch
half man sich mit etwa 600 bunten Lampions, mit denen die Gänge
und Strassen der Zanzibarstadt bis 10 Uhr Abends erleuchtet wurden.
Es war ein Besuch von 15 000 Personen zu verzeichnen
Kairo hatte einen Fremdenzufluss von 15,300 Personen, die mit
unverhohlener Bewunderung die Bauten und Strassen durchwanderten.
Im Vergnügungspark sind die Aussteller mit dem Besuch sehr zu
frieden gewesen. Die Weltmusik von Schippanowski hatte einen Zuspruch
von ca. 20,000 Gästen. Genau lässt sich die Zahl nicht feststellen,
da nur stundenweise ein Entree bezahlt wurde. Die Menagerie
und den Circus von Hagenbeck besuchten 2000 Personen. Im
Hippodrom wird die Menge der sämmtlichen Zuschauer und Reiter
auf 18—20 000 Personen geschätzt und der Füllung des Fessel
ballons, der am Donnerstag wahrscheinlich seine Auffahrten bc-
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.