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Volume Nr. 24, 11. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Officieile Ausstellung« - Nachrichten. 
hopp-Radfahrer, von Miss und Mr. Langslow, Schwester Kremo’s lind in 
erster Reihe der Mlle. Flo-Berthy, einer ausgezeichneten Chansonnette. 
Das Orchester leistet unter Kapellmeister Häser’s Direktion sehr 
Tüchtiges. 
V 
Für den Wölfert’schen „Fessel-Ballon“ zeigte 
sich beim gestrigen Sonntags-Publikum lebhaftes Interesse ; allerdings 
kündigte das Tafelchen über dem Kassenschalter nur an: »Zur 
Füllung 10 Pf.« Der Aufstieg erfolgt erst an einem späteren Tage. 
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Die Beleuchtung am Neuen See gewährt einen 
feenhaften Anblick. Die Ufer werden von 56 Bogenlampen, 
die an reichgezierten Trägern hängen, und vier Bogenlampen, 
welche die Greifen an den beiden Obelisken in ihren 
Schnäbeln tragen, taghell .erleuchtet. • Das Silberlicht spiegelt 
sich zauberisch wieder in der zitternden Wässerfluth, über 
welche die .Gondeln und Boote langsam dahingleiten. Auch das Ver 
waltungsgebäude strahlt nunmehr in vollem Lichtglanz. Die Thurm 
blumen , die vorderen mit farbigen Malereien ausgefüllten Nischen sind von 
einem Kranz von Glühlämpchen umgeben, welche ganz besonders 
di« wundervolle Architektur scharf und malerisch hervortreten lassen, 
b) In Berlin. 
Hinter den Coulissen des Olympia-Theaters. 
von S. Koehler. 
[Abdruck untersagt.] 
In einigen: Tagen wird in der Magazin-Strasse das anlässlich 
der Ausstellung neu erbaute Olympia-Theater eröffnet. Von all' 
den grossen Unternehmungen, die in Verbindung mit der Aus 
stellung in Berlin in’s Leben gerufen wurden, dürfte das von Lon 
don nach Berlin verpflanzte Olympia-Theater vielleicht am kostspie- 
jgsten, aber auch am glänzendsten sein. Eine Beschreibung, wie es 
hinter den Coulissen dieses Londoner Instituts zugeht, dürfte auch 
für die bevorstehenden Berliner Aufführungen maassgebend sein. 
Wir befanden uns bereits 14 Tage in London, als wir, der 
Einladung Mr. Kiralfy's folgend, die Olympia in London aufsuchten, 
um einen Blick in den »Orient« zu thun. Gleich beim Eintritt 
welch’ ein Contrast! Draussen die neblige Atmosphäre eines echten 
Londoner Tages, hier drinnen- leuchtende, bunte Pracht. Programm- 
händler in prächtigem Gelb, Thürhüter in Scharlach und Gold, 
glänzend schwarze Neger, stolze Araber in blatten Gewändern, 
bronzefarbene Türken und liebliche Griechinnen begegneten dem 
entzückten Auge und versetzten uns in ein Märchen aus Tausend 
und eine Nacht. : ' - 
Die Strassen des Orients mit ihrem wechselvollen Oowoge, 
ihrem Lärm" und' Getöse nahmen uns auf, schlanke Palmen wiegten 
sich graziös ' im Sonnenschein, und mit Teppichen reich behängene 
Gondeln glitten unter den unzähligen ‘Brücken dahin. Doch ohne 
Rast und ohne Ruh’ ging’s dem voransehreitenden Führer 
nach, treppauf, treppab, über lange, schmale Corridore, durch 
»Verbotene Thüren« und »Private Eingänge«, bis wir in 
dem Raum hinter der grossen Bühne angelangt waren. An 
der einen Wand befanden sich zahlreiche Fächer und Kästen, an 
gefüllt mit allen nur erdenklichen Requisiten, mit Schwertern, 
Schilden, Helmen u. s. w. Die andere Wand wurde durch die 
Rückseite der Bühne gebildet. Hier trafen wir Mr. Bolossy Kiralfy 
und seinen' Regisseur Mr. Martin Haiden. Aber bevor ersterer 
noch Zeit hatte, uns zu begrüssen, wurde er bereits wieder ab 
gerufen und verschwand ebenso schnell und plötzlich, wie er 
gekommen war, während der Regisseur es in liebenswürdigster Weise 
übernahm, uns die Details des grossen Unternehmens zu zeigen 
und zu erklären. 
Wir betraten eine schmale, durch ein Geländer geschützte 
Galerie an der Seite des Maschinensaales; hier rasselte, schnurrte 
und surrte es in ohrenbetäubender Weise; von hier ans wurde das 
ganze Gebäude mit elektrischem Licht versehen, und von hier aus 
bewerkstelligte man auch die meisten scenischen Verwandlungen. 
Wir sahen von unserem Standpunkte aus auf ein schier unentwirr 
bares Chaos von Seilen, Drähten und Schnüren hinab. 
Nächst dem Maschinenraum suchten wir die Waffensammlung, 
auf, die allein drei Räume in Anspruch nahm ; denn jeder Helm, 
jeder Harnisch hier war wirklich echt und widerstand auch dem 
energischsten Anprall. Weiter ging’s vorüber an afrikanischen 
Fetischbildern in urwüchsiger Hässlichkeit, vorbei an Flaggen. ' 
Lanzen, Speeren und Blumen-Guirlanden. Zu jeder Seite eines I 
schmalen Steges lagen Barken und Boote, des Augenblicks harrend. | 
in welchem man ihrer Mitwirkung in der imposanten Vorstellung 
bedurfte. 
Stundenlang waren wir bereits in dem grossen Gebäude um-1 
hergewandert, und noch hatten wir ausser einem Zimmermann hier | 
in der Welt der Coulissen keine einzige lebende Seele angetroffen,! 
trotzdem die Vorstellung schon in einer halben Stunde beginnen ] 
sollte, da es bereits 2 Uhr war. Kein Lärm, kein Getöse deutete | 
an, dass ganz in unserer Nähe sich über 500 Menschen costümirten. 3 
Wir vernahmen in dem grossen Corridor, an dessen Seiten die Gar- > 
deroben der 500 Damen lagen, wohl ein kleines Summen, weiter! 
aber auch nichts. Neben diesem Corridor befand sich ein riesiges | 
Buffet mit Erfrischungen aller Art, damit die Schauspieler nicht i 
gezwungen sind, während der Vorstellung diesen Theil des Hauses \ 
zu verlassen und dadurch Unregelmässigkeiten herbeizuführen. 
Strenge Pünktlichkeit und grosse Ordnung sind überhaupt der erste 
Grundsatz im Orient«. Jede Verspätung, jedes Versehen wird vom 
Director oder Regisseur sofort bemerkt und gerügt, und nur auf 
’ diese Weise wurde das geschlossene und einheitliche Zusammen 
arbeiten der 2500 Mitwirkenden * erreicht. Vom König und der 
Königin bis hinunter zum niedrigsten Lampenputzer und Gelegen- 
heitsarbeiter musste jeder Angestellte sich an präcises Kommen und 
Gehen gewöhnen. 
Um 2 1 /, Uhr erreichten wir die Bühne wieder, ich erhielt 
einen Platz hinter den Coulissen, und zwar so, dass ich Bühne und 
Zuschauerraum zugleich übersehen konnte. Au der Wand hinter 
mir befanden sich zahlreiche elektrische Glockenzüge und tele 
phonische Apparate, damit Mr. Haiden, dessen Platz während der 
Aufführung hier war, von hier aus nach allen Theilen des Hauses* 
sprechen konnte, sowohl zum Eingang als auch nach den Garde 
roben und zum Maschinenraum. , Die grosse Uhr über den Appä- - 
raten zeigte 2 Uhr 17 Minuten, als der Regisseur zwei elektrische 
Glocken ertönen liess, und alsbald kamen lange Reihen schwer 
bewaffneter Krieger in glänzenden Rüstungen und Hunderte duftig' 
gekleideter Mädchen, die ohne Lärm, ohne Verwirrung, aber auch 
ohne irgend ein Commandowort ans der Bühne Aufstellung nahmen: : 
Dann berührte Mr. Haiden eine dritte Glocke, und der Vorhang: 
rauschte empor. Scharf beobachtend stand der Regisseur auf seinem : 
Platze, und seinem Falkenauge entging kein Vorgang auf der un- - 
gefuhr 450 Qnadratfuss grossen Bühne. Plötzlich nahm er von •• 
einem Haken ein orientalisches Gewand, legte es an, setzte einen (■ 
, Turban auf und befand sich, ehe ich jniy das; iiocäi Alles aufklären;} 
könnte, bereits auf der anderen Seite der Bühne, wo irgend etwas'- 
seine Anwesenheit nothwendig machte; 
Die gleich darauf folgende Verwandlung der Bühne durfte ich i 
mir ebenfalls an Ort und Stelle ansehen. Hinter den Coulissen ’ 
standen schon ein halbes Dutzend Elephanten bereit und vertrieben 
. sich die Zeit damit, mit dem Rüssel den Kopfputz ihrer Führer 
zu bearbeiten; sie waren bereits gerüstet und trugen mit Speer 
werfern besetzte Zelte. Wir hatten kaum noch Zeit genug, schnell 
auf die Seite zu treten, da der Raum sich ausserdem hoch mit 
feurigen Rossen füllte, die, unruhig stampfend und schnaubend, das 
Zeichen zum Angriff erwarteten. Die Reiter, die sämmtlich ohne 
Sattel auf den prächtigen Rennern sassen, hatten Muhe, sie vom 
voreiligen Ansturm zurückzuhalten.' Während wir, um den Pferden 
auszuweichen, den Dickhäutern etwas zu nähe kamen, entführte 
einer derselben mir meinen Shawl und hatte ihn bereits zerrissen, 
bevor wir ihn noch wieder fassen konnten. Da gab Mr. Haiden das Zeichen 
zum Angriff, und die Renner sausten dahin. Athemlos sah ich 
ihnen nach, denn ich glaubte nicht anders, als sie müssten über 
die Rampe hinübersetzen. Aber ein Ruck am Zügel, und die 
Thiere standen unbeweglich. 
So sah es hinter den Coulissen aus. Die Wunder vor den 
Coulissen wird den Berlinern das in der Alexanderstrasse errichtete 
Riesen-Olympia-Theater offenbaren, das demnächst seine Pforten öffnet.
	        
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