Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

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Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 13
ertheilt von Leuten, die das verstehen mussten — von unseren
Urberlincm: »Wenn man naeli die Müllerstrasse naeli Reinicken
dorf hinausgeht, findet man das noch genau so! Nun ist es
zwar nicht ganz wahr, aber der Berliner nimmt es mit der chrono
logischen Ordnung nicht so ängstlich, und wenn er sagt Müllerstrasse
und Reinickendorf, so bedeutet das eben, dass dort noch das alte
Berlin stellenweise zu finden ist. Andere versuchten an Mauer
werk und Pforten durch Betasten und Beklopfen zu erproben, ob
das alte Berlin da wirklich aus eitel Mauerwerk gefertigt sei.
Die Inhaber der Krambuden allerdings hatten unter dieser
Befriedigung des Berlinerthums nicht wenig zu leiden. Nach
dem Modernen suchte kein Mensch, aber wo nur ein
versteckter Winkel eine altberlinische Rarität verhiess, da stand Alles
in dichten Gruppen beieinander und pietätvoll still ging es da zu,
als begegnete man einer längst begehrten Reliquie. Und wo ein
kühler Trunk gespendet wurde, da wurde der neue Berliner eben
falls dem Gefühle gerecht, dass der märkische Sand, der ja auch
in unserem Alt-Berlin nicht fehlen dunfe, wie zur Zeit der Alt
vorderen tüchtig begossen werden muss. Und wie ein Zug aus
alter Zeit wehte es hinein, als auf dem Markte die Akrobaten
stücklein begannen und wiederum wie ein lustiges Stücklein aus
moderner Zeit ertönte aus der »Rothen Rose« der unvermeidliche
»Funieoli Funicola!« Genug; Alt-Berlin hat am gestrigen Sonntag
»len schönsten seiner bisherigen Triumphe errungen, nämlich die
Volksgunst unserer Berliner.
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Die nächsten Novitäten des Theaters Alt-Berlin
werden Carl Rleibtreu’s »Die Wendentaufe sein, die ursprüng
lich den Cyclus eröffnen sollte, sowie Conrad Alberti’s: »Die schöne
Büsserin«. Die erste Aufführung der Werke soll in Gemeinschaft
mit dem »Märkischen Ringelstechen«, das auf dem Repertoire
bleibt, am Mittwoch stattfinden.
9
In Kairo ging es am gestrigen Sonntag genau so lebhaft,
wie in eilen übrigen Theilen der Ausstellung zu. Allen Schwarzen
glänzt« ... Vergnügen über den starken Zuspruch der Neugierigen von
ihren fettschimmernden Gesichtern; sie sammelten alle deutschen
Brocken zusammen, die sie während ihres hiesigen Aufenthalts be
reits gelernt, und wurden nicht müde, hiermit den Berlinern zu
imponiren. »Nicht zu glauben, was die Kerle selten gelernt haben«,
bemerkte ein Besucher und eia zweiter sagte nur »Kunststück«
und w ies damit auf das Bestreben der Schwarzen und Araber hin,
sieh namentlich die holde Berliner Weiblichkeit geneigt
zu machen. Man staunte ob der völligen Schwindelfreiheit
des sich unermüdlich wie ein Kreisel drehenden Derwisches,
aber das echteste orientalische Lehen wogte im Palmenwäldchen,
von wo aus die Freunde am Kameelritt und am Esel
galopp in ganzen Karawanen unter dem Gaudium des Sonntags-
Publikums zur Besichtigung der ägyptischen Wunderstadt aufbrachen.
Türkisch »Ali Baba, komm’, komm’« schrie unausgesetzt ein
blendend schöner Negerknabe im rothseidenen Kaftan vor der Thür
eines arabischen Cafe. Und der Berliner Ali Baba kam wirklich
in Mengen und Strömen, bis hinein in die tiefe Nacht, bis auf dem
Minaret das farbige Licht erlosch und Mensch und Thier sich zur
wohlverdienten Ruhe niederstrecken konnten.
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Der Vergnügungspark, dieses Schmerzenskind der
Ausstellung, hat gestern seinen ersten ungetrübten Freudentag
gehabt. Schmerzenskinder pflegen gewöhnlich, nachdem sie die
Kinderkrankheiten überwunden haben, sieh tüchtig und kräftig zu
entwickeln. Diese Entwicklung scheint auch der Vergnügungspark
durchzumachen und, wie der gestrige Tag lehrte, vielleicht sogar
schon überstanden zu haben. Die meisten Wesen brauchen, um
zu gedeihen, Lieht und abermals Licht. Dieses fehlte bisher dem
Vergnügungspark, aber seit gestern geniesst auch er die Segnungen
des Lichtes, das ihn allem Anschein nach einer gedeihlichen,
glücklichen Zukunft entgegenführen wird. An. den letzten
Abenden wurde dort ein theils sichtbarer, theils unsichtbarer
Kampf aufgeführt, ein Kampf zwischen Licht und Finsterniss,
allein trotzdem die Letztere Siegerin blieb, war das Schauspiel
nicht ohne gewissen Reiz, machte es einen eigenartigen
Eindruck in den einzelnen Etablissements, namentlich in der Welt-
musik, beim Scheine der auf der Bühne und auf den Tischen stehen
den Helios-Spiritus-Glüblichtlampen die schattenhaften Umrisse Hun
derter von Menschen beobachten zu können, die in nebelhaftem Dunke
sangen, spielten, tanzten und hörten. Seit gestern hat das Lieh
die Finsterniss verdrängt, und, was an dieser Stelle wiederhol
betont wurde, nämlich, dass der Vergnügungspark die Stätte seh
wird, an der sich die unteren Zehnmalhunderttausend von Berlii
am wohlsten fühlen werden, scheint in Erfüllung gehen zt
wollen. Der Berliner hat ja genug Gelegenheit, Sehaustellungei
und Specialitäten zu bewundern, welche dank der Unparteilichkeit
der betreffenden Unternehmer durchweg als allerersten Ranges be
zeichnet werden, allein Sehenswürdigkeiten von so glänzendem
Äeussern und so effectvollem Inhalt, wie sie im Vergnügungspark
sich endlos ausbreiten, dürften seihst den sogenannten Spree-Athenern
bisher unbekannt gewesen sein. Das lustige Anstaunen dei
einzelnen Schaustücke war so intensiv, dass es selbst durch einet
drohenden Witterungsumschlag keine Einbusse erleiden konnte.
Die Berliner wollten sich eben ä tont prix amusiren, und es wai
selbst für den kühleren Beobachter ein Vergnügen, an Lust und
Freud’ dieser Massen theilzunehmen. Hagenbeek, arabisches Labyrinth.
American-Theater undall’ die anderen grossen nnd kleinen, aber stets inter
essanten Sehenswürdigkeiten sind den Habitues, welche der Vergnügungs
park auch während seiner Leidenszeit gehabt hat, bereits be
kannt; sie fanden natürlich gestern ebenfalls ihr grosses und
dankbares Publikum, aber das Hauptinteresse wendete sich dem
»Theater Neu - Berlin« und Sehippanowski’s »Welt-Musik« zu,
jenen in großartigstem Stil angelegten Unternehmungen, die erst
gestern ihre eigentliche Premiere begehen konnten und an anderer
Stelle besprochen werden. Gestern hat sich der Vergnügungspark
als ein echtes und rechtes Sonntagskind gezeigt.
Alfred Holzbock.
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Der grosse Palast der Weltmusik mit der pompösen
Mittelkuppel und den langen, kraftvoll gegliederten Seitenflügeln ist
weithin sichtbar; auf dem freien, durch Drahtgitter abgeschlossenen
Platz vor der »Weltmusik« concertire» abwechselnd die bräunte
Wiener Schützenkapelle von Kopetzky und ein Corps italienischer
Soldaten (Bersaglieri) unter Leitung des Cavaliere Manni. So werden.
Aug, und Ohr des Ankömmlings schon von Ferne darüber belehrt,
wo sich dieses originelle »Museum für internationale Ohren weide«
— wie man es nennen könnte — befindet, welche der gründlichste
Kenner der Berliner Sonn- und Feiertagsbedürfnisse im Vergnü
gungspark erbaut hat. Der gewandte Unternehmer hat diesmal
nichts gespart, um sein Vergnügungspalais als würdiges Pendant
den prächtigen Industrie-Palästen an die Seite zu stellen.
Von musikalischen Nationen der Erde, d. h. nicht von denen,
welche musiciren, sondern deren Musik angenehm zu hören ist, sind acht,
durch vorzügliche Musiker- und Tänzer-Gesellschaften vertreten.
Und für jede, dieser' NätionaLMusiken ist durch Künstlerhand ein
geschmackvolles und passendes eigenes nationales Milie« geschaffen
worden, u. Ä. eine original - getreue ungarische Czurda
in der 30 schmucke Mädchen unter Leitung von Fräulein Erna, lauter
heißblütige Race-Ungarinnen im National-Costüm, die Aufwartung
machen, fernerhin der Hacker-Keller in Alt-Wien, woselbst eine
Wiener Damen-Kapelle unter Direction der Virtuosin Fr!. Anna
Frankl concertirt, dann eine oberbaeyrischc Gebirgsschenke, eine
Osteria am Strande von Neapel, mit einer Tranatella-Truppe ersten
Ranges, ein Saal des Moskauer Kreml, und eine Türkische Halle
mit Ausblick auf den Bosporus und Skutari. Bei all’ den Tausen
den, welche gestern die Weltmusik besuchten, erzielte diese ia
ihrer Art einzige Unternehmung einen glänzenden Erfolg.
9
Das Theater Neu-Berlin wurde am Sonntag Abend
eröffnet. Der mit Eleganz und Geschmack ausgestattete Saal, der
bei der ersten Vorstellung schon dicht gefüllt war, machte im Glanz
des elektrischen Lichts einen überaus freundlichen Eindruck und,
da der Blick auf die allerliebste Bühne von jedem Platz aus ein
absolut freier ist, dürfte sich das Publicum in dem neuen Hause
sehr wohl fühlen. Die Direction Sternheim hat cs verstanden,
ein Ensemble zusammenzustellen, welches den weitgehendsten
Ansprüchen an ein weltstädtisches Variete-Theater genügt. Wir be
halten uns vor, auf das Programm näher zurückzukommen und er
wähnen für heute nur die vortrefflichen Leistungen des Manuflötisten
Schindler, der Ghansomiette Frh Waldburg, der Familie Kremo, der Hipp-
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