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Volume Nr. 22, 9. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
Die Abende draussen versprechen überirdische Befriedigung. 
Nun werde ich sie mit Ottilien gemessen. Wäre sie blendend, 
käme es umgekehrt; sie bildete dann die elektrische Lampe, von 
Dämmerungs-Verehrern umschwärmt, und ich den Laternenpfahl 
dazu. Dafür dankt Wilhelmine jedoch ergebenst. 
Wenn ich nun auch noch nicht genau weiss, welches Ende 
der Ausstellung ich für meine Berichte anschneide, so weiss ich 
doch bereits, wohin ich die mir überantworteten Fremden führe 
und zunächst Erika, Onkel Fritzens Frau, um ihr das Schönste 
zu zeigen, das ich bis jetzt ausbaldowert habe und zwar, wie bei 
allen Forschungsreisen Mode ist, durch den Zufall. 
Wie es im Leben überhaupt ohne Zufall aussähe, durch den 
noch jedesmal das Weltbcwegenste erfunden wurde, wie z. B. der 
Theekessel, auf den sich die ganze Dampfmaschinenkraft stützt, 
oder der Telegraph durch Froschkeulen, obgleich mir dies nicht 
recht klar ist, weil man doch im Allgemeinen mit Padde das 
Nieseliche der Schöpfung bezeichnet. Auch steht nie dabei, wie es 
gemacht wurde und wie der eigentliche Kniff ist. Dies muss Ottilie 
glatt legen; sie bringt ja ihre Bücher mit 
Mein Zufall äusserte sich einfach, indem ich dem Baumeister 
Herrn Bauer begegne und ihn frage »Herrjeh! Sie hier?«, obgleich 
seine Anwesenheit auf dem Treptower Gelände eine Sache von 
grösster Natürlichkeit war. Aber Gespräche und Kegelpartieen 
werden meistens mit Pudeln eröffnet. Um den Eindruck zu über 
tünchen, frage ich weiter; »Mit welchem Pallast werden Sie uns 
überraschen? Es ist ja Vieles da, vor dem man Kopf stehen 
möchte ... wie Onkel Fritz sagt.« 
»Als wenn ich ihn reden hörte,« sagte der Baumeister, indem 
er mich lächelnd betrachtete, »Interessirt Sie mein Bau, treten Sie 
bitte näher.« 
Bei diesen Worten wies er auf das grosse Kaiserschiff. 
»Nanu?« entgegnete ich, »seit wann legen Sie sich auf Marine- 
Architektur?« — »In Berlin machen wir Alles. Freilich ist dies 
Schiff nur ein Modell, aber jedes Stück ist so gearbeitet, dass es 
nach der Ausstellung direct einem im Bau begriffenen Oceandampfer 
des Norddeutschen Lloyd eingefügt werden kann. In den Grössen 
verhältnissen und seiner Einrichtung ist es im Inneren wie im 
Aeusseren die getreue Wiedergabe der prachtvollen Riesendampfer 
Bremens und Hamburgs, auf denen die Engländer und Amerikaner 
lieber fahren als auf ihren eigenen.« 
»Ich bin ungemein für Schiffe« erwiderte ich, »Auf meiner 
Fahrt nach dem Orient hab ich sie kennen gelernt, englische, 
französische und auch die Dampfer des Oesterreichischen Lloyds, 
an die ich nicht mit Wohlgefallen zurückdenke, denn sie sind 
das undeutscheste, was Oesterreich liefert. In Port Said lag 
der Bremer Dampfer »Baicrn«, den wir besuchten. Sehen Sie 
Herr Baumeister, der schlug die anderen Schwimmanstalten 
gewaltig, aut denen ich das Mittelmcer durchgradelt hatte und 
wenn mich einmal wieder nach dem Süden und Osten gelüstet, 
dann nur auf unsern norddeutschen Fahrzeugen. Ich hab 
doch lieber deutsche Bretter unter meinen Füssen und die deut 
sche Flagge über meinem Haupte, als für mein Geld geduldet 
mang Fremden mit fremder Sprache, die nicht nöthig haben 
mir zu antworten, wenn sie mich nicht verstehen wollen. 
Diese Art nationaler Dicknäsigkeit hab ich kennen gelernt. Ich 
bin für eigene Schiffe. Und das Geld bleibt im Lande.« 
So sprechend traten wir ein. 
Der Kaiserdampfer ist nur die Vorderhälfte eines Ocean- 
dampfers, aber welch’ ein Kasten! Wenn so ein Schiff im Wasser 
sticht, wird man nicht gewahr, dass mehr weg ist als sichtbar 
bleibt. Hier aber bekommt man den Begriff von einem schwim 
menden Hause oder richtiger von einem Wasser-Hotel. 
Der vordere Theil ist als sog. nautisches Museum ausgestattet, 
mehr für Admirale und Capitaine und seefahrende Fachleute, die 
daran stossende Küche wendet sich dagegen an das Allgemein- 
verständniss. Denn essen wollen sie Alle, selbst die Gelehrtesten, 
die mitunter kiesetiger sind, als man ihnen zutraut. Ich kenne solche. 
Die Propertüt in der Küche sucht ihres Gleichen und dazu 
die kniffligen Vorkehrungen, dass nichts überläuft, wenn das Schiff 
auf hoher See schaukelt. Nachher liegen die Carmenaden in der 
Asche und es riecht nach verbranntem Fett, womit den Herrschaften 1 
in den Salons nicht gedient ist. wo die Möbel eine Pracht ent 
falte», dass man immer erst um Entschuldigung bittet, ehe man 
sich niederlässt. 
Die Treppen sind mit Teppichläufern, das Holzgetäfel auf das 
Zarteste geschnitzt und weiss lackirt, die blanken Messinggeländer 
sind kunstgewerblich höchst kostbar, aber doch nichts im Vergleich ? 
mit den Kaiserlichen Gemächern, die nicht bloss so heissen, f 
sondern es wirklich sind. 
Wenn der Kaiser die Ausstellung besucht, ist das Kaiserschiff j 
sein Absteigequartier. Das Torpedoboot legt sich an die Seite des | 
Kaiserschiffes, die Fallreptreppe wird heruntergelassen und die « 
Majestäten gehen an Bord, wo für den Kaiser ein Speisesaal, ein | 
Besprechungszimmer und ein Bauchgemach bereit stehen und für i 
die Kaiserin Zimmer und Salons, deren Deckengemälde von so 1 
lieblicher Schönheit sind, dass sie eine Weide für die verwöhntesten j 
Augen bilden. 
Wenn die Majestäten abwesend sind, kann man diese Herr« j 
lichkeiten betrachten, ebenso die vollkommen eingerichteten Kabinen \ 
erster und zweiter Klasse, den Damensalon, Speisesalon, Bauch« ! 
zimmer, Capitainskabine, Arztwohnung mit Apotheke, Lazaretli, j 
Badestuben und weiss dann, wie ein Personendampfer aussieht. 
Das heisst nur die Hälfte. 
Klettert man nun höher auf das Promenadendeck und noch 
höher, wo der Capitain steht, auf die Commandobrücke, dann ist 
das Schönste erreicht, was ich Erika zeigen will. 
Das Schiff ist ungefähr so hoch wie ein vierstöckiges Haus, i 
nicht zu knapp gemessen, und liegt auf dem Lande, wenn auch mit 
der Spitze in die Spree hineingebaut. Von hier oben nun hat man 
eine Aussicht, die nicht zu beschreiben ist. Nach Westen zu das 
grosse, weite Berlin, nach diesem Ende her mit den unzähligen 
Fabrikschornsteinen, die qualmen und rahmen, und wenn die Sonne 
scheint, blitzt es ab und zu goldigglänzend von einer Kuppel oder 
der Siegessäule oder was sonst auf blank gearbeitet ist. Nach 
Rechts, nach der Eierhäuschengegend und Sadowa ist grünes 
Gefilde mit Waldbegrenzung, eine echte Spreelandschaft. Bild 
schön für Einheimische und für Ausheimische, ein kleiner Wink, 
die Berliner Umgegend nicht blos zu lesen und zu höhnen, 
sondern zu betrachten und der Wahrheit die Ehre zu geben. 
Und nun erst die Spree. Die Südsee ist breiter, das gebe 
ich zu, und die Elbe auch und, wie klein die Schiffe sind, das 
misst man sofort durch Vergleiche mit dem Kaiserschiff ab, aber 
dies Leben, dies Gondeln, diese Rührigkeit zur Ausstellungszeit, 
das Alles ist die Märchenhaftigkeit der Wirklichkeit. Wenn die 
Blätter von den Bäumen fallen, schwindet auch dies lebendige Bild 
aus dem Leben der Gressstadt. Und kommt nie wieder. 
Deshalb soll und muss Erika hinauf auf die Commandobrücke 
des Kaiserschiffes und ich will nichts weiter betrachten als ihre 
lieben blauen Augen, die All dies Schöne auftrinken und leuchten 
wie Kinderaugen am Weihnachtsfest. Sie spricht dann nicht viel, 
weil ihre Seele sammelt, aber im Winter, nach Jahr und Tag, bei 
rechter Gelegenheit, langt sie davon an und hilft unserm Gedächtniss 
auf, bis wir wieder vor uns sehen, was uns Freude machte. Sie 
erzählt keine längere Feuilletons, o nein. Ein kleiner Satz, oft 
nur ein Wort und fertig ist die Laube, als sässe man darin und 
hörte die Nachtigall singen. Die kleine Wilhelmine muss natürlich 
mit. Heut zu Tage kann die früheste Jugend nicht genug zu sehen 
kriegen; cs ist mehr Wissen vorhanden, als das Leben lang ist. 
Onkel Fritz dagegen darf unter keinen Umständen mit hinauf. 
Wenn der dort oben steht und hat oben die Gegend ausgekundschaftet, 
er dann gerufen: »Herrjeh, ist das gegenüber nicht Stralau? Und < 
das links . . . das ist ja Tübbecke!« Und dann die Hände als 
Sprachrohr an den Mund und geschrieen: 
»Keilneer, einmal grünen Aal!« Nein, er bleibt irgendwo an 
einem nässlichen Orte; es giebt ja vorzügliche Weissen draussen. 
Ausserdem hänge ich ihm Ottilie an die Rockschösse. 
Wenn Sie nur erst da wäre. 
Sobald sie erscheint, beginnen die Sachlichkeiten; aber keinen 
Zwang, wenn ich bitten darf. 
Sonst streike ich. 
Ihre ganz ergebenste 
Wilhelmine Buchholz.
	        
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