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Volume Nr. 24, 11. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle AussteHungs-Nachrichten. 9 
der technischen Leitung des Unternehmers Herrn Kopp 
•unterstellt ist In dem fast gänzlich geruchfreien Stall, 
der auch, ein »Musterstall- in seiner Ar* genannt werden kann, 
liegen zwei wohlgenährte, kräftige Grauschimmel auf der Streu; 
sie führen hier, bis jetzt wenigstens, ein recht behagliches und 
ruhiges Dasein. In der Remise stehen zwei Krankenwagen, einer 
nach Kopp’sehem, der andere nach Merke’schem Entwurf, beide 
höchst zweckmässig gebaut. Bei dem Letzteren wird der Kranke 
von hinten in den nac'> die Seite 11 zu öffnenden Wäger geschafft, 
die innen befindliche, herausnehmbare Trage ruht auf einem Ge 
stell, das jede Erschütterung nahezu aussckliesst; ein Hand 
griff genügt, um das Innere, sowie die Aussenlaterne mit elektri 
schem Lichte zu erhellen; eine 20 Meter lange Leitungsschnur 
gestattet auch das Transportiren einer Lichtquelle in dunkle Räume, 
Kellerwohnungen etc. Kutscher und Wärter sind beständig zu 
gegen, stets bereit, mit Pferd und Wagen, dessen Bespannung mit 
ausserordentlicher Schnelligkeit geschieht, an Ort und Stelle des 
Unfalls zu eilen. Ausserdem stehen hoch, für den Nothfall, ander 
weitige Beförderungsmittel, wie verschiedene Krankenträger, ein 
Honig’sches Krankentransport-Fahrrad zur Hand. 
Nicht vergessen dürfen wir zum Schluss die Thatsache zu er 
wähnen, dass zahlreiche Firmen beim Bau und der Einrichtung der 
Unfallstation sich betheiligt und die ihnen gefertigten Gegenstände 
zum grossen Theile unentgeltlich, zur. Verfügung gestellt haben. 
8—nn. 
Aussteilungsbriefe 
von Wilhelm ine Buchholz. 
III. 
Angriffspläne. 
[Abdruck untersagt ] 
Ich muss Sie auf das Entschiedenste bitten, nicht zu drängeln, 
Herr Redacteur, erstens weil meine Natur nicht dazu veranlagt ist, 
und zweitens weil es doch nichts nützt. Im Uebrigen bin ich 
bereit, nachzugeben, wie und wo ich nur kann. 
Sie verlangen endlich die versprochenen Ausstellungsberichte 
aus meiner sog. bewährten Feder und meinen, es wäre doch Stoff 
genügend vorhanden. Habe ich das vielleicht bestritten? Soweit mir 
bewusst niemals! — Also warum Vorwürfe? 
Gerade die stoffliche Ungeheurigkeit der Ausstellung ist ja die 
Ursache, weshalb ich noch nicht auf das Ganze gehen konnte, denn 
hier handelt es sich: womit anfangen und an welchem Ende? Und 
gerade die Theile, die sich zum Beginnen eignen, sind noch nicht 
fertig. Liegt diese Schuld etwa an mir? — Antworten Sie, wenn 
Sie können. 
Soll ich das Unterrichtswesen zuerst vornehmen? Was 
sagen denn die Damen, die mehr las Seidenkleider!ge vorziehen 
oder die Juwelenabtheilung? — Oder das chemische Gebäude? Ich 
habe mir ein Buch mit bunten AussteHungs-Ansichten gekauft, darin 
steht, das Dach dieses Gebäudes hat eine eigenthümlich gewellte 
Form: ein Rundbogen verläuft in einen scharfen Kamm, als An 
deutung gleichsam, lass der Bau der Wissenschaften, deren Pflege 
sich hier zeigt, immer höher und höh r steigen werde. — Wenn 
mau dies nicht wüsste, würde man dem Dache garnicht ansehen, 
was für nn kluges Dach ;s ist. Manche sagen, sic sähen es auch 
schon, ich iber sehe mir ;s noch nicht darin, obgleich ich wieder 
holt das Opernglas zur Hilfe nahm. 
Ich sprach mit TFr.'n Kriehberg darüber. Er meinte, 
»die Wissenschaft als Rundbogen gedacht, wäre sehr geist 
reich.- —- - Dann ii'uft ja die ganze Stadtbahn aber Wissen 
schaft weg - , entgegnefe ich. »blos, dass in den Stadtbahnbögen, 
soweit mir bekannt, keine eigentliche Gelehrsamkeit betrieben wird.« 
»Sie laufen auch nicht in scharfe Kämme aus,« bemerkte er, »darin 
liegt es. Der Kamm ist das Individuelle. Hätte man mich gefragt; 
ich hätte ihn dreifach so scharf construirt, wenn nicht noch schärfer, 
um die eminente Höhe der Wissenschaft iurch architektonische 
Lineamente auf das Allerschärfste zum Ausdruck zu bringen.* 
»Schade, dass Sie es nicht waren, Herr Kriehberg,* sagte ich, 
»Sie hätten es gewiss für Jedermann aus dem Volke fassbar hin 
gemauert.«. — »Das versteht sich,« stimmte er zu, und man sah 
ihm. an, er hätte es. 
Wenn nun ein Gebäude schon In seinem Aeusseren so viel 
Unverständliches birgt, wie wird v > dann erst drinnen sein, wc 
sie die gesammte Wissenschaft losgelassen haben? Ich fürchte, 
mit Frauen-Emancipation allein bewältigt man die innere Be 
deutung nicht, wenigstens nicht in einigen Rundgängen, und 
darum halte ich die Chemie mit den daran liängenden Gruppen 
als erstere nicht recht angriffieh. Vielleicht wimmele ich in 
meine späteren Berichte hin und wieder einen Atzen Che 
misches, aber zum Ausspiel ist es ; r -u riskant. Auch hoffe 
ich Beistand von Ottilie, denn die ist, wenn mich mein Ge 
dächtnis nicht täuscht, auf Sauerstoff, Spectralismus, Galvanistik 
und alle ruderen neueren Bildungsmittel examinirt worden. Aut 
die Art kommen wir brillant darüber weg. Es ist durchaus zweck 
los, seinen Kons zu verlieren, er findet sich immer wieder an. 
Wenn Ottilie nur erst käme. Beschreibe ich Sachen ohne sie. 
will sie natürlich hinterher sich auch harnn Vleliren, und cli ver 
säume die Zeit, neue Eindrücke aufzusaugen während der Wieder 
holung des bereits durch die Tinte gezogenen. Aber sie 
kann noch nicht, ihre Schneiderin hat sie auf das Sündhafteste 
vernachlässigt, indem sie zwischendurch ein Brautkleid baute 
Hatte das denn solche Eile? Ich kenne die Leute nicht und 
will auch keine Steine schleudern, aber den Vo wurf dei 
Rücksichtslosigkeit kann ich ihnen nicht ersparen; ihretwegen muss 
ich mich vorläufig mit Ottiliens Photographie behelfen. 
Sie sieht in Cabinetgrösse recht jugendlich aus, aber darüber 
kann ich erst urtheilen, wenn ich sic bei mir frühmorgens ohne 
Retouche sehe; dem' Taufscheine nach dürfte sie dem Photographen 
viele Mühe gemacht haben. Wenn es keine schwarze Tusche gäbe, 
wie Viele da. wohl ohne Augenbrauen durc i die Veit müssten! 
Meie Karl fand sie passabel. — »Mehr nicht, Karl?« — »Eher 
weniger.« —- »Karl, sie gehört zu meiner Verwandtschaft.« — »Sie 
ist Dir aber nicht im Geringsten ähnlich.« »Das wollt’ ich 
.mir ,uch ansgebeten haben. Nein, Kail, solche spitze Züge 
habe ich nie besessen, selbst nicht in den Heranwachqjähren; 
und die Augen reisst sie etwas gewaltsam gross.*« »Dafür 
zieht sic den Mund um so kleiner.« Ich »ermutho, sie kommt 
bedeutend anders an, sie aussieht« — »Bezweifle ich 
keinen Augenblick.« — »Karl, Gelehrte sind nie bildschön, also 
Gelehrtinnen erst recht nicht; das heisst ihre Talje ist nicht übel.« 
— »Zeig’ noch mal her das Bild.« — »Nein, Du hast genug 
gesehen, Ihr Männer gebt viel zu viel auf den Wuchs und be 
denkt nie, wie viel Fischbein dabei ist. In dieser Beziehung kann 
ich Professor Röntgen nicht hoch genug preisen; der sticht Euch 
endlich ein durchschauendes Licht auf, und er nennt es auct sehr 
richtig X-Strahlen, weil alle X-Beine dadurch ersichtlich werden.« 
— »Hat sie welche?« — »Wer?« — »Die Ottilie.« — »Karl, 
selbst als Scherz betrübt diese Frage mich tief. Ich habe übei 
Ottilien zu wachen, wie eine Mutter über dem Hühnchen aus 
dem Ei. . . »Schon mehr Henne,« lachte mein Kar! dazwischen. 
.— »Wer?« fuhr ich auf. »AVer ist die Henne?« —- 
»Nun, die Ottilie, lachte er weiter, »sie hat wirklich 
etwas hühnerhastes in ihrer Physiognomie«. — »Photographieeii 
treffen manchmal daneben,« wies ich ihn ab. »Ueber 
meine Verwandtschaft spectakeln erlaube ich nicht. 
Wäre Ottilie, was man unter schön versteht, hätte h sie hei 
den lieben Ihrigen gelassen oder nur auf flüchtigen Besuch gebeten. 
Meine beiden Töchter würden es krumm nehmen, obgleich sie ihre 
Männer längst haben, wenn plötzlich eine entfernte Cousine Auf 
merksamkeit in den Kreisen auf sich lenkt, die sie bis zum Jetzt 
punkt beherrschten, und wenn die Männer auch ehelich gut gezogen 
sind, wie leicht wird ein Wort, eine nuttige Höflichkeit oder eine 
unbedachte Aufmerksamkeit schief ausgedeutet und die Feuerwehr 
kann geholt werden. Ich sag: deshalb: Unschönheit hat so ihre 
Vortheile. 
Und wenn eine gelehrt dazu gilt und studirt habend, vor der 
rücken die Jünglinge aus, zumal solche, die das ihrige schon ver 
gessen, eh’ sic js lernten. Dagegen ernste Männer werfen sich' 
heran und es spriessen Gespräche ans, die den Geist erheben, ohne ' 
dass man Bange vor leichtsinnigen Anknüpfungen zu haben braucht 
und kann Worte von höherem Bewusstsein fällen lassen, oder un 
besorgt Musike hören, oder einen kleinen Nick machen, je nach 
den nächtlichen Wärmegraden und den Anstrengungen des Tages.
	        
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