Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

8 Officielle Ausstellungs - Nachrichten.
Eine hoch entwickelte Technik des Absatzes kommt «>inr».
Wenig ander« Branchen wird es geben, wo die Annoncen, die ge
druckten, In Biid und Schrift glänzend ausgestatteten Kataloge, die
directer, gedruckten Offerten und I'lacate, die Ausstellungen und
Musterläger eine so grosse Bolle spielen. Diese Künste werden
sicherlich in hohem Maasse auch bei der Berliner Ausstellung zur
Anwendung gelangen, und der Besucher wird reichlich Gelegenheit
haben, das darin entfaltete Geschick zu bewundern.
Die I ainpen-Industrie ist von allergrösster Culturbedeutung
geworden. Sie hat die gewaltigen Aufgaben, die iht in den letzten
fünfzig Jahren gestellt waren, mit grossem Geschick vollständig ge
löst. Sie hat für den rascher und intensiver lebenden, arbeitenden und
geniessenden Menschen der Gegenwart, den Werth der langen
Abend- und Nachtstunden verdoppelt. Und Berlin als Vorort und
Bahnbrecher dieser Industrie hat einen wesentlichen Theil an
diesem Verdienst. Das Eindringen des Petroleums an Stelle der
früher üblichen theureren Brennöle hat viel dazu beigetragen. Dies
stellt sich jetzt um das vier- bis fünffache billiger als das vordem
übliche Büböl. In den letzten fünfzig Jahren ist das Lichtbedürf
niss einer mittleren Bürgerfamilie nach den höchst interessanten
historischen Studien der Denen Wild und Wessel über das ge
rammte Beleuchtungsvvesen das fünf- bis sechsfache geworden. Und
die Lampen-Industrie hat es ermöglicht, dies Bedürfniss immer
Billiger zu befriedigen. Obschon die Löhne der Arbeiter in dieser
Industrie in vierzig Jabreu um das zwei- bis dreifache hinauf
gegangen sind, ist der Preis der Arbeitseinheit gefallen, weil durch
technische Verbesserungen und die erworbene Geschicklichkeit ihre
Leistungen auf das fünffache gestiegen sind. So war es möglich,
dass, da ausserdem das Material stets billiger geworden ist, die
Herstellungskosten der Petroleumlampe auf ein Drittel der ur
sprünglichen Höhe herabgegangen sind. Dabei sind sie in gleichem
Maasse immer besser und geschmackvoller geworden. Ich will das
letztere nicht näher ausführen, und warten, bis eine Schilderung
der ausgestellten Lampen möglich ist. Ich fürchte, dass sonst die
Darbietungen der Ausstellung meine bereits vor Jahresfrist ge
sammelte Anschauung schon wieder überholt haben.
Die Unfallstation
auf der Berliner Gewerbe - Ausstellung.
(Abdruck untersugtl
Dem von dem neu errichteten Haupt-Stadtbahnhof die Aus
stellung betretenden Besucher wird unmittelbar nach dem
Passiren des langen Verbinduugs-Viaductes ein solides, in schmucken
Formen sich erhebendes Gebäude zu seiner Rechten nicht ent
gehen, auf dessen Dache das rothe Kreuz auf weissem Felde schon
von weitem errathen lässt, dass es in den Dienst des Samariterthums
gestellt ist. Es ist die Unfallstation der Ausstellung, welche,
gleich der Sanitätswache, die sich im entgegengesetzten Winkel des
riesigen Terrain befindet, die wichtige Aufgabe erfüllen soll, hier,
wo an vielen Tagen eine Menge von der Einwohnerzahl einer
deutschen Mittelstadt das Gelände des Treptower Parkes
bevölkert, Hilfe zu spenden, wo man immer des Arztes
bedarf. Nach dem Entwürfe des Herrn Dr. Frank von Raths
maurermeister Rohmer erbaut entspricht die Station, deren
Schöpfung die Berliner Bevölkerung der Initiative der Directoren
der Brauerei- und Mälzerei-Berufsgenossenschaft, der Herren Schle
singer und Knoblauch verdankt, einer der zahlreichen, über die
ganze Reichshauptstadt vertheilten Haupt-Unfallstationen.
So ansprechend wie in ihrem Aeusseren, so gediegen und
vollkommen, in jeder Beziehung den Errungenschaften der modernen
Hygiene entsprechend in ihrem Innern, verdient diese Stätte der
Charitas geradezu als musterbildlich für alle derartigen Ein
richtungen bezeichnet zu werden und lohnt wohl der eingehenden
Besichtigung für den Arzt nicht minder, wie für den gebildeten Laien.
Schon beim Eintritt in den kleinen Vorraum fällt uns ein
Umstand auf: überall grösste Einfachheit, nackte, blendendw r eiss
getünchte Wände, auf denen kein Stäubchen haftet, keinerlei un-
nöthige Ecken, Winkel, Schnörkel, Verzierungen; keine Portieren,
keine Polstermöbel, nur glatte, hölzerne Stühle mit eiserner Lehne
erblicken wir. Und dieser Mangel an Eleganz beruht nicht etwa
auf Sparsamkeitsrücksichten. Was in einem Raume, der zum Auf
enthalte für Kranke und Verwundete, der zu Operationen bestimmt
ist, zu viel ist, das ist, so lautet eine der Hauptichren der aseptischen
Schule, vom Uebel; jeder Vorhang, jeder Zierrath, kurz, jeder über
flüssige Hausrath bildet einen Schlupfwinkel für die Bakterien,
jene allerkleinsten Lebewesen, auf deren Bekämpfung und Fem-
haltung der Chirurg sein ganzes Streben setzt. Dieselbe Einfach
heit der Ausstattung treffen wir auch in dem kleinen Zimmer
des wachthabenden Arztes, welcher mit der grössten
Bereitwilligkeit es selbst übernimmt, uns die Einrichtung desselben
zu erläutern. An der Wand ein Stundenplan lehrt uns, dass die
. Aerzte sämmtlicherzehn Berliner Unfallstationen sich abwechselndan dem
Dienste auf dem Ausstellungsgelände betheiligen, derart, dass stets
ein Arzt anwesend- ist. Dem Jünger Aeskulap’s steht eine geprüfte
Krankenschwester des Vaterländischen Frauenvereins (Oberin Frh
Vorwerk), sowie ein erfahrener Wärter zur Seite. Die Leitung der
ganzen Station und die Aufsicht über das Hilfspersonal liegt in den
Händen des dirigirenden Arztes der I. Berliner Unfallstation
Dr. Bode. Auch mit einem Telephon ist das Aerztezimmer ver
sehen, welches eine rasche Benachrichtigung der Station von allen
Theilen der Ausstellung aus und eine Verbindung mit den Wachen
in der Stadt ermöglicht.
Doch wir wenden uns jetzt zu dem im hinteren Theil des
Gebäudes gelegenen Verbandzimmer, in welchem der die Station
. Aufsuchende die erste Hilfe empfängt. Es ist ein wahres Schmuck
kästchen in seiner Art, so dass man beim Verweilen in demselben
wahrhaftig garnicht daran denkt, dass alle diese schönen Dinge,
die wir hier aufgestapelt sehen, bei ihrer Anwendung keineswegs
so angenehme Empfindungen hervorrufen würden. Da ist zunächst
der marmorne Waschtisch zur Desinfeetion für die Hände des
Arztes; ein Tritt mit dem Fusse auf einen Metallknopf in dem mit
Terrazzo ausgekleideten Fussboden genügt, um kaltes, ein anderer, um
warmes Wasser dem Halme entquellen zu lassen; eine äusserst praktische
Einrichtung, da der Arzt auf diese Weise nicht nöthig hat, seine
Hände mit irgend welchen Theilen des Waschapparates in Be
rührung zu bringen. Ein kleiner Instrumenten- und Arzneischrank
enthält allerlei interessante Dinge: da ist der weltbekannte Mi-
graine-Stift, die Panacee für schwachnervige Damen, die das an
strengende Inaugenscheinnelimen der Ausstellung mit dem ge-
fürelitetsten aller kleinen Uebel btissen müssen. Hitzige, in
allzugrosse Aufregung gerathene Gemüther finden hier in einer
Flasche mit der Inschrift »Brausendes Bromsalz« ein beruhigendes
Dämpfungsmittel. Ferner verschiedene Apparate zur Entfernung
von Fremdkörpern aus Körperstellen, wohin sie nicht gehören, wie
Nase, Ohren etc. Doch auch alle Instrumente, die der Arzt für
ernstere, grössere Eingriffe braucht, finden sich hier; auch die
Chloroformmaske fehlt nicht. Selbstverständlich sehen wir auch
in diesem dem ersten Verbände gewidmeten Zimmer Naht- und
Verbandmaterial in grossen Posten lagen,. Für grössere Operationen
indess ist ein besonderes Operationszimmer vorhanden, welches gleichfalls
vieles Sehenswerthe birgt. Ein Operationstisch neuester Construction,
ein Schrank mit Desinficientien, zwei weitere für Instrumente,
Näh- und Verbandmaterial, ein doppelter, aus schwarzem Marmor
gefertigter Waschtisch, ein Kasten für Expeditionszwecke, das ist
der hauptsächlichste Inhalt des mit fäulnisswidriger Ripolinfarbe
gestrichenen Raumes.
Auch über ein Krankenzimmer mit zwei Betten verfügt die
Station; für frische Luft in demselben ist durch Glasjalousieen an
den Obertheilen mehrerer Fenster gesorgt; sicher functionirende
Thürschliesser verhindern das Entstehen eines für die Kranken
schädlichen Zuges; Sonnen- und Wetter-Rouleaux aus Holz
drahtgeflecht, welche den Vorzug haben, dass sie, vom Winde
hin- und herbewegt, kein Geräusch verursachen, bekleiden die
Fenster. Eine Einrichtung in diesem Zimmer erscheint noch
besonders bemerkenswert!,: ein selbstthätiger, elektrischer
Temperatur-Alarmapparat; sowie die Luft in dem Kranken
raume sich auf mehr als 20° C. erwärmt, tritt automatisch eine
im Flur angebrachte Läntevo, richtn,,g in Thätigkeit, welche sich,
und dann gleichfalls automatisch, nicht eher beruhigt, als bis die
Zimmertemperatur wieder heruntergegangen ist.
Zum Schluss besichtige» wir noch das bequem und elegant
zugleich eingerichtete Badezimmer, und werden alsdann
in das mit der Station verbundene Stall- und Remisen*
gebäude für das Krankentransportwesen geführt, welches
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