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Periodical volume Nr. 24, 11. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 7 
Die Berliner Lampen-Industrie. 
Von Dr. Karl Tliicss. 
[Abdruck antersatrtl 
Eine Schilderung der Geschichte und des Zustandes der Berliner 
Lampenindustrie bildet eins der glänzendsten Ruhmesblätter in der 
Berliner Gewerbegeschichte. Denn auf diesem Gebiet ist durch Ge 
schick und Thatkraft deutscher Handwerker eine glänzende Fabri 
kation in Berlin entstanden, die nicht nur in Deutschland die fremde 
Coneurrenz geschlagen, sondern in allen fünf Welttheilen ihr die 
Spitze geboten hat, und die Berlin zum Mittelpunkt der Lampeti- 
fäbrikation für die ganze Welt gemacht hat. 
Die alte, sehr einfache Art voj Lampen, die wir jetzt nur 
noch aus Museen und Raritätensammlungen kennen, hat sich vom 
Alterthum bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts behauptet. 
Erst als Argand 1780 die Lampe mit doppeltem Luftzug erfand, 
war durch diesen grossen Fortschritt der Uebergang der Lumpen- 
herstellung vom Handwerk auf den Grossbetrieb und eine durch 
schlagende Vermehrung und Verbesserung der Production ermöglicht. 
In der Schweiz und in Frankreich bildete sich die Lampenitdustri» 
zuerst aus, mit den Mittelpunkten Genf und Paris. In Paris er 
reichte sie in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts eine höh* tech 
nische und kunstgewerbliche Vollendung. Hierhin «änderten auch 
die jungen deutschen Handwerkssöhne, um die Industrie kennen zu 
lernen und sie später in ihre Heimath zu überführen. 
In Paria trafen sich zwei schlesische Klempnergesellen, Wild 
und Wessel, die dort zusammen in Lampenfabriken arbeiteten, dann 
nach Berlin gingen und in den kleinstsn Verhältnissen eine eigene 
Lampenfabrik einrichteten. Durch technische Fortschritte und künst 
lerischen Geschmack erzielten sie einen durchschlagenden Erfolg. 
Von Jahr zu Jahr konnten sie ihren Betrieb vergrößern, der oft 
trotz der glänzendsten Preisanerbietungen die Menge der Bestellungen 
nicht zu bewältigen vermochte. In jener Zeit drang die Verwen 
dung des Petroleums für Beleuchtungszwecke siegreich vor. In der 
Construction der Petroleumbrenner hatte jene Berliner Fabrik eine 
glückliche Hand. Alsbald fand das Beispiel der Fabrik von Wild 
& Wessel Nachfolge. Eine ganze Reihe anderer Fabriken folgte nach. 
Bereits in den 60er Jahren wurden Berliner Lampentheile massen 
haft nach dem übrigen Deutschland und nach dem Ausland verkauft. 
Berlin überflügelte die Pariser Lampenindustrie weit, es wurde der 
Hauptproductionsort für Lampen und Lampentheile für die ganze 
Welt und ist es bis heute auch geblieben. In den südlichen 
Strassen der inneren Stadt, in dem durch die Prinzen- und die 
Ritterstrasse durchschnittenen Viertel, finden wir heut oft Haus bei 
Haus die Lampenfabriken. 
Das Jahr 1875 bedeutet einen Höhepunkt der Lampenindustrie. 
Die Aeltesten der Kaufmannschaft schätzen den Werth der Berliner 
Jahresproduction aui 12 bis 14 Millionen Mark. Der Absatz findet 
zum kleinsten Theil in Berlin, in grossen Mengen aber sowohl auf 
dem deutschen wie dem ausländischen Markte statt. Russland hat 
Unmengen von Berliner Lampen aufgenommen, wenngleich die Zoll 
verhältnisse den Absatz sehr erschwert haben. Eine grosse Berliner 
Firma darf weite Strecken Russlands als inre Domain- betrachten, 
auf der sie ein enges Netz von ständigen Absatzbeziehungen unter 
hält. Ebenso sind im Norden die skandinavischen Reiche, im Süd 
osten Oesterreich-Ungarn und die Balkanstaaten ständige Abnehmer 
für Berliner Lampen. Selbst nach Frankreich werden deutsche 
Lampen verkauft, und namentlich gehen auch die Pariser Lampen 
oft mit Berliner Brennern auf den auswärtigen Markt hinaus. Die 
englische Coneurrenz wird von Berlin mit Leichtigkeit ertragen, und 
nur die rücksichtslosen Anstrengungen der Nordamerikaner, den 
heimischen Markt dem heimischen Fabrikat za sichern, haben uns 
einen früher lohnenden Markt ziemlich entzogen. Dagegen Tnd 
7.. B. Südamerika, Ostindien und China noch jetzt als gute Märkte 
für Berlin genannt. Ein amtlicher Jahresbericht über Handel und 
Industrie von Berlin konnte selbstbewusst behaupten: »Es lässt sich 
annehmen, dass, abgesehen von Nordamerika, sonst kein Platz von 
einigen Tausend Einwohnern auf dem Erdbälle zu finden sein dürfte, 
wo nicht Berliner Lampen anzutreffen sind.« 
Schwerer als der Wettbewerb der ausländischen Industrie, die 
sich nur mit wenigen Wiener, Pariser und englischen Lampen von 
eigenthümlicher Kunstarbeit auf dem hiesigen Markt zu behaupten 
vermag, ist die Coneurrenz anderer deutscher Orte zu ertragen. 
Diese haben von Berlin in ähnlicher Weise gelernt, wie Berlin 
seinerzeit vom Ausland. In Deutschland sind Fabriken >,< Sachsen. 
Thüringen und vor Allem grosse westfälische Fabriken beachtcns* 
werthe und gefährliche Mitbewerber geworden. Die Letzteren drohten 
einige Zeit lang selbst Berlin mit billigen Brennern zu iber 
schwemmen; doch ist diese Coneurrenz im eigenen Haus durch das 
Entstehen billiger Berliner Specialbetriebe wieder zurückgedrängt 
worden. 
Die Berliner Lampen-Industrie beschäftigt in etwa 100 Be 
trieben an 4000 Arbeiter. Ihr > Jahrcspr •duction hat gegenwärtig 
e'nen Werth von 15 Millionen Mark. 1 ie Menge der Producte ist 
gegen früher noch sehr erheblich gewachsen. Weil aber der Preis 
cp» einzelnen Lampen ständig heruntergeht, so ist der Werth dei 
gesammtea Production nicht entsprechend gewachsen. Reichlich zwe 
Drittel der Production fällt auf ausgesprochene Großbetriebe, da; 
letzt# Drittel au» Mittelbetriebe. Technisch sind alle Betriebe durch 
aus fobrikmässig eingerichtet. Sie greifen in ihrer Technik und in 
der Beschäftigung verschiedenartiger Arbeiter weit über das Gebiet 
eine* Handwerks hinaus. Historisch gehören sie zum Zunftgebiet 
der Klempner, die älteren Betriebe sind auch fast sämmtlich aus 
ihr hervorgegangen. Die älterer Inhaber sind meist gelernte 
Klempner und ralten sich äusserlich aus alter Gewohnheit wob! 
auch noch zur Innung- Innerlich habet sie nur noch wenig Zu 
sammenhang mit diesem Handwerk. Sie beschäftigen ausser 
Klempnern »ueh Gürtler, Giesser, Schlosser, Metalldrücker und 
Dreher, Lackirer u. s. w. Hauptsächlich aber sprechen jetzt in 
diesem Betriebs auch kaufmännische Fähigkeiten mit, and daher 
"treten mehr und mehr Kaufleute an die Spitze der Fabriken. In 
den Untersuchungen über die Lage des deutschen Handwerks, dem 
grossen vom Verein für Socialpolitik herausgegebenen Sammelwerk, 
habe ich bei Behandlung der Berliner Klempner die Lampen- 
Industrie als eins der Gebiete nachweisen können, die dem hand 
werksmäßigen Betrieb am meisten entfremdet sind. 
Die scharfe Coneurrenz spornt die Berliner Lampenindustrie 
zu immer neuen und immer glänzenderen Anstrengungen an. Sie 
erfordert eine Jahr für Jahr verbesserte technische Ausrüstung, 
immer neue Muster und Specialitäten, eine feinsinnige und rasche 
Anpassung an alle Wandlungen des Geschmacks und der Kaufkraft, 
ein unaufhörliches Jagen nach neuen Absatzwegen, ein stetes Risico 
heim Ankauf der im Preise schwankenden Rohproducte. Der Ab 
satz hat sich auf die Herbstmonate concentrirt, sodass neun Monate 
lang Capital und Arbeit eingesetzt werden müssen, während es zui 
Zeit von dem Lernen der Moden, von dem Geschick der Model 
leure u. s. w. abhängt, ob dieser Aufwand durch einen entsprechenden 
Absatz im letzten Vierteljahr gelohnt wird. So muss in dies« 
Branche alle Fähigkeit und Gewandtheit, deren der Grossbetrieb 
fähig ist, aufgeboten werden, um den Absatzmarkt möglichst unge 
schmälert im Kamp! zu behaupten. 
Am schwierigsten ist die Lage der Lampenindustrie, unter de» 
man herkömmlicherweise nur die Herstellung von Petroleumlampen 
versteht, neuerdings durch den Wettbewerb anderer Beleuchtung-- 
arten geworden. Für die Herstellung von Gas- und elektrischen 
Anlagen sind Gross- und Riesenbetriebe entstanden; diese ringen 
gerade in den letzten Jahren in erbittertstem Kampf, der mit immer 
neuen technischen Fortschritten und mit fortwäh' , «i 'on Preisherab 
setzungen geführt wird, um die Vorherrschaft oder um die Allein 
herrschaft im Absatz. Dadurch wird in das ganze Beleuchtungs 
gewerbe unaufhörlich und immer von neuem Beunruhigung und Un 
sicherheit hineingetragen. Es wird gänzlich unmöglich, die Absatz- 
und Preisverhältnisse im voraus zu berechnen. Dadurch kommt iu 
die ganze Branche eine stark^ Unsicherheit. 
Auch die Lampenindustrie nimmt an dem meurrenzkamps 
der technisch überlegenen jüngeren Mitbewerber (Gas und Elektricität) 
mit ungeschwächter Kraft Antheil. Die Brenner werden ständig 
verbessert, die »explosionssicheren« und »gänzlich explosionssicherent 
Lampen hergestellt. Vor allem aber wird auf die kunstgewerbliche 
Ausgestaltung der Lampen, die Dnrchdrückung neuer Moden Werth 
gelegt. Die Formen le; Lampenfusses, die hierzu verwandten Ma 
terialien wechseln immerfort. An Stelle der Blumen traten die 
Urnen, an ihre Stelle die Säulen und die auf dem Fusshoden 
stehenden Gestelle als Lampenfüsse, das Zink wird vom Glas. da» 
Glas vom Schmiedeeisen und so fort als Material verdrängt.
	        
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