Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
Eine reizvolle Idee verwirklichte sieh, als man zu einer Polonaise
durch Alt-Berlin antrat und das ganze, bunte Trachtenbild sich in
allen Verschlingungen, Gegen Wanderungen, Gegenmärschen mit wehen
den Baretten, flatternden Aermeln durch die Strassen des alten Städtchens
bewegte. Da wurde manche Hand im Stillen wohl auch feuriger gedrückt
und mancher Arm wärmer an das Herz gezogen. In den ein
zelnen Bierstuben aber, z. B. bei den Italienern, die ihre Couplets
und Gesänge zum Besten gaben, sah man manchen durstigen, zotti
gen Germanen einbrechen, auf der Methbank säuferischen Gelüsten
zu fröhnen. So ist der Nachmittag unter Tanz, Tombola und aller
hand Schabernack und Narrethei vergangen, denn auch der Harlekin
und der Narr mit der Pritsche fehlte nicht, und wer erst, nach
Shakespeare zu reden, ein trockener Narr gewesen war, dem
kam später sehr bald auch mit der nöthigen Feuchtig-
teit diejenige Feuchtigkeit-des Geistes, die mau »Humor« benamset.
Am Abend.
Erst um sieben Uhr begann im Theater Alt-Berlin die Vor
stellung, an der das Bild der dichtgedrängten Zuschauerschaft
mindestens ebenso interessant war, wie die Vorstellung selbst.
Denn wie in einem Kaleidoskop hatten sich die bunten Menschen
exemplare nun zu neuen Farben- und Perlenkränzen geordnet.
In der Stadt aber dauerte das Tanzen und Bewegen an. Mancher
zog sich in eine stille Ecke zurück, während die im Theater die
»schwere Noth« und das »Ringelstechen« sahen und Kunst und
Wirklichkeit sich allenthalben durcheinander mischte. Denn
im Theater spielten sie Alle diesmal doch »ohne Geige« mit. Und
als es Nacht geworden war, da krönte alle die bunten Eindrücke
das Feuerwerk und die Beleuchtung auf dem Karpfenteiche.
Böcklin’s zauberhaftes Gemälde »Die Insel der Seligen« erschien
mitten auf dem Wasser geisterhaft bleich beleuchtet, wie am dem
wundersamen Bilde des Meisters. Und im Schatten der Nacht,
beim Plätschern des dunklen Gewässers glaubte man die
Seligen nach der gespenstischen Insel hinüberfahren zu sehen.
Magisch beleuchtet erschienen die 1 fer mit dem Negerdorfe,
so dass der Geist sich plötzlich in’s ferne Afrika versetzt
glaubt. Glänzend und berückend blendete die Augen
die »Gondelfahrt der Agrippina von Bajal«; ein antikes Prachtbild,
welches den sprühenden Gluthenreiz der Zeiten des Nero und
der Agrippina selbst athmete. So fand das Fest einen glänzenden,
farbenprächtigen Abschluss, und alle Geister Mackart’s, Menzel’s
und Böcklin’s sind, wie es echten Malerjüngern ziemt, zur farbigen
Entfaltung bei Tage und bei Nacht gelangt. Zuletzt ergoss sich
der Strom in alle Theile des Ausstellungsparkes, in den Vergnügungs
park, um bis spät in die Nacht und zum Schlüsse sich dem stimmungs
vollen Leben der Festnacht zu weihen. — Ausgezeichnet gewesen ist
las Fest durch die Anwesenheit der Frau Grossherzogin von Baden
ind des Prinzen Heinrich, der längere Zeit auf dem Festplatze
er weilte und sich u. A. auch die Herren vom Festausschuss Paul
vVarnkc, Sommerfeld etc. vorstellen liess. Viele Künstler und
Meister, u. A. v. Werner, sah man auf dem Fest, auch die
Berliner Literatur und Schriftstellerwelt war vielfach zu bemerken
Berlin hat vom Wetter begünstigt, eines seiner schönsten Künstierfeste
gefeiert, und Deutschland hat dazu geholfen, denn es hatte Künstler und
Costüme dazu- entsendet, um die Reichshauptstadt verherrlichen zu
helfen.
V
Das Fest der GewerPe. Durch alle Reden und Trink
sprüche, welche in den letzten 'lagen zu Ehren unseres grossen
Werkes gehalten wurden, klang der Rahm der schaffenden Stände.
Freilich was sind Worte! Das, was dort draussen steht, das Er
gebnis jahrhundertlangen Ringens zäher Energie und intelligenten
Ströhens, spricht eine gewaltigere Sprache, eine trotzige, selbst-
tvusste.
uie Berliner Industrie ist nicht eine auf sattem Boden hervor
gereifte Frucht, sondern ein Erzeugnis des Willens. Ihr fehlte der
Reichthum Frankreichs, der Handel Englands und der Segen dauernden
Friedens. Ein dreissigjähriger Krieg, ein siebenjähriger Krieg und
siebenjährige Fremdherrschaft vernichteten hoffnungsvolle Triebe
und nahmen vom Lande die fruchtbar treibende Kraft. Nur Wille
und Schaffenskraft, Fleiss und Opfermuth waren das Capital, der
Reichthum unserer Väter. Heute haben wir’s leichter. Die idealen
Kräfte unserer Bahnbrecher haben sich in materielle Güter um
gesetzt, mit denen wir jetzt leichter den Kampf um’s Dasein führen
können. Dass aber die neue Generation der Erbschaft würdig ist,
das zeigt das grosse, schöne, jüngst erstandene Werk.
Diesem Gedanken wollte die Ausstellungsleitung Ausdruck
gehen, indem sie das Fest der Gewerke in’s Leben rief; dasselbe
soll am 4. Juni stattfinden, und alle Innungen, Vereine und Ge
werke sind aufgefordert worden, sich mitwirkend zu betheiligen.
Zunächst sind für Montag, den 11. Mai, von der Festcommission die
Delegirten der Gewerke zu einer Versammlung im Saale des Haupt
restaurants von Adlon und Dressei eingeladen worden, um über die
Einzelheiten des geplanten Festes gemeinsam zu berathen. Der Fest
zug der Vereine mit ihren prachtvollen Bannern und Emblemen soll,
theihveise costümirt, seinen Weg entsprechend der geschichtlichen Ent
wickelung, von »Alt-Berlin«, der Stätte einfachen Handwerks, nach
dem Haapt-Industriegebäude nehmen, wo die Errungenschaften der
Cultur unseres Jahrhunderts zur Schau stehen.
Bisher haben 2- bis 300 Delegirte ihr Erscheinen bei der Be
rathung zugesagt, sodass auf eine rege Betheiligung zu rechnen ist.
Wir haben in den Berliner Innungen und Gewerkvereinen recht
könnensfahige Corporafionen, und es wäre schön, wenn wir einmal
der Welt eine Volkskundgebung bieten könnten, welche, losgelöst
von allem Parteigetriebe, die heterogensten Elemente in sich vereint
zu einer Feier der Arbeit und des Fortschritts.
9
Die elektrische Beleuchtung fungirte gestern am
Neuen See und an den Hauptstellen des Parkes.
V
Das American-Theater des Herrn Reiff wurde, nach
dem die Beleuchtung im Vergnügungspark nun fertig gestellt ist,
am Sonnabend eröffnet. Das überaus hübsche, sehr geschmackvoll
decorirte Haus, das über 1000 Sitzplätze enthält, war sehr gut
besucht und fand das reichhaltige Programm lebhaften Beifall.
Unter dem sehr grossen und geschickt zusammengestellten Programm
heoen wir für beute ganz besonders die trefflichen Leistungen der
Damen Fritz! und Gasti, Wally Smollan, die Familie Derington
und vor allem Bendix der Urkomische, der natürlich auch hier
der Held des Abends ist, hervor.
b) In Berlin.
Olympia-Riesentheater. Gestern Vormittag hat die
behördliche Gebrauchsabnahme sämmtlicher Baulichkeiten dieses
Unternehmens stattgefunden. Die von Professor Lütkemeyer in
Coburg gemalten Decorationen zu dem Ausstattungsstück »The
Orient« - von Bolossy Kiralfy haben bei der stattgehabten Beleuch
tungsprobe eine grossartige Wirkung hervorgerufen; insbesondere
der »Byzantinische Palast« und »Old-England« mit den an den
Zuschauern vorbeigleitenden Prachtschiffen.
9
Im Berliner Theater wird heute Nachmittag um 1 / a 3 Uhr
SchilJer’s »Maria Stuart« wiederholt; Abends um l / 2 S Uhr geht
zum 75. Male Ernst von Wildenbruch’s »König Heinrich« in
Scene. »König Heinrich« wird in dieser Woche ferner wieder
holt: Montag, Dienstag, Donnerstag (Nachmittags nm '/„fl Uhr und
Abends nm i / 2 S Uhr), Sonnabend und Sonntag (Nachmittags um
Vs 3 Uhr).
Sonntags- u. Montags-Repertoire der Berliner Buhnen.
König!. Opernhaus: Sonntag: Kaisermarsch. Lohengrin. Montag:
Barbier von Sevilla. Puppenfee. — König!. Schauspielhaus:
Sonntag: Das rothe Kreuz. Lebende Bilder. 1812. Montag: Räuber.
(Weyrauther). — Deutsches Theater: Sonntag: Nachm.: Jugend.
Abends: Lumpaci-Vagabundus. Montag: Lumpaci-Vagabundus. —
Lessing-Theater: Sonntag: Waldmeister. Montag: Waldmeister.
— Berliner Theater: Sonntag: Nachm.: Maria Stuart. Abends:
König Heinrich. Montag: König Heinrich. — Residenz-Theater:
Sonntag: Fernands-Ehecontract. Montag: Fernands Ehecontract.—
Neues Theater: Sonntag: Tata-Toto. Montag: Tata-Toto.—
Schiller-Theater: Sonntag: Nachm.: Antigone, (Clara Meyer.)
Abends: Kinder der Excellenz. Montag: Das letzte Wort. — Aus
stellungs-Theater Alt-Berlin: Sonntag: Schwere Noth. Ringel
stechen. Montag: Schwere Noth. Ringelstechen. — Theater
U. d. Linden: Sonntag: Vogelhändler. Montag: Vogelhändler. —
Friedrich-Willi ein, städtisches Theater: Sonntag: Hunger
leider. Montag: Hungerleider. — Adolf Ernst-Theater; Sonntag:
Das flotte Berlin. Montag: Das flotte Berlin. — Belle-Alliance-
Theator: Sonntag: Nachm.: Maria Stuart. Abends: Reise um die
Erde. Montag; Reise um die Erde.—Alexander-platz-Theater:
Sonntag: Die kleinen Lämmer. Montag: Die kleinen Lämmer.
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