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Volume Nr. 23, 10. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Äusstellungs-Nachrichten. ll 
niederen, gewölbten Hausthore hinein und wirkten als ein 
freier, froher Künstlergruss aus der Gegenwart an die malerische, 
farbenfreudige Vergangenheit Nicht leicht war nach diesem fest 
lichen Einzuge die Auflösung des Gedränges und des Zuges. 
Da mussten die blumenumrankten Zweispänner und Vierspänner 
sorgfältig aus dem Gedränge herausgelenkt werden, da mussten 
die Kamele und die muntere Schaar der Esel geleitet werden, und 
manches drollige und komische Intermezzo belebte hierbei die 
heitere bunte Scene. Die Reiter hatten Noth, ihre Pferde zu zügeln; 
ein schmerzlicher, bedauernswerther Unfall, den schon vorher einen 
der Ihren betroffen hatte, mahnte zur Vorsicht. Pferde, Kamele 
Esel, waren dicht durcheinandergedrängt, trampelten und donnerten 
auf den beiden Holzböden der improvisirten Tanzstätten, und es 
war im Anfang schier halsbrecherisch, zwischen den Leiterwagen 
und den abziehenden Prunkwagen sich zu bewegen. Stolze Prunk 
equipagen aus der Zeit Ludwigs XIV-, altvaterische Kutscher 
und seltsame Fahrstücke wurden durcheinandergeschoben, aber 
glücklich löste sich allmählich das Gedränge auf, es wurde 
Raum und Licht, und nun konnten sich allmählich die ermüdeten 
Theilnehmer des Zuges zum heiteren Blüle in all die grossen 
und kleinen, behaglichen Kneiplokale und Bierstübchen 
Alt-Berlins um den Markt und die Kirche herum vertheilen. 
Man war froh, zu Trank und Nahrung zu kommen, denn 
der Zug durch die Stadt hatte viele ermüdet, die Damen meist 
nur mit leichten Sandalen und Tanzschuhen bekleidet, fühlten ihre 
Füsse und humpelten nur noch mühsam dahin. 
Der Prolog. 
Ein Lichtgebor'nor wandelt durch die Lande, 
Jung wie der Frühling schreitet er einher — 
Er schlägt der Menschen Herz in gold'ne Bande, 
Weit dehnt sein Reich sich über Land und Meer. 
Des Muthes Sohn, der stets aufs Neue wagr, 
Der Freude Kind, die nicht nach Schätzen fragt, 
Du schenk’ uns heute gütig Deine Gunst, 
Lichtbringer, hoher Genius der Kunst! 
In uns’ren Herzen ward es freundlich helle, 
Wir fühlen uns durchströmt von frischer Kraft, — 
Es kam der Lenz, der muntere Geselle, 
Der Zaub rer, der aus Dörnen Rosen schafft. 
Mit gutem Recht ist er uns beigegeben — 
Der Künstler, dessen Werk die Welt beglückt, 
Der aus dem todten Stoffe schafft das Leben, 
Und Wald und Feld mit bunten Blumen schmückt. 
Und nun, es klingt der Schall der Lustgesänge, 
Der uns erfrischend durch die Seele weht — 
Und gerne hören wir die heisren Klänge, 
Wo manch’ ein schönes Paar zum Tanze geht. - 
Der Kranz liegt auf den zopfgedrehten Haaren, 
Und aus den Augen blitzt der Sonne Schein. . , . 
Noch lebt bei uns, wie vor zweihundert Jahren, 
Die schöne Kunst, von Herzen froh zu sein! 
So lasst Euch denn mit frohen 'Worten grossen, 
Die Ihr zu diesem Fest gekommen seid — 
Verwandelte auf leichtbeschwingten Füssen 
Aus fernem Dämmer die vergangne Zeit. 
Wir aber schritten freudig ihr entgegen, ’ 
Wie stets der Mensch sich am Vergangnen freut — 
So wandelte in rüstigem Bewegen 
Zum traulich schönen Gestern sich das Heut’i 
O lasst uns fröhlich sein zur guten Stunde — 
Auen hier sind Götter! Thut die Herzen auf! 
Den Becher, der sich bietet, führt zum Munde — 
Denn schnell enteilt der Zeiten wilder Lauf. 
Wer jung im Herzen, bleibt im Alter jung — 
D rum, auch Ihr Alten, trinkt den süssen Trunk! 
Ob jung, ob alt — hier gilt es völlig gleich . . . 
Hier ist der Freude, ist der Jugend Reich! 
Paul Warnke, 
Leben und Treiben in Alt-Berlin. 
Im Anfang hatte die Ermüdung der Zugtheilnehmer 
eine gewisse Abspannung in den Gesichtern verrathen, man 
sass ziemlich ruhig, schmausend, trinkend und erwartungsvoll, 
der Dinge harrend, die da kommen sollten, umher; bald aber, 
nachdem man sich erfrischt hatte, begann neues Lehen. Man 
wanderte in Paaren, in Gruppen auf dem Platze und in den 
engen, lauschigen Seitengassen einher. Da kamen, nachdem nun 
der Zug sich aufgelöst hatte und die Einzelnen aus der Blasse 
heraus sich in ihrer Eigenart präsentireh konnten, stolze Alt- 
Germanen mit zottigen Hosen und Hornhelmen neben zarten 
Griechinnen einhergewandert. Da schritt eine stolze Brunhilde am 
Arme eines Magisters aus dem achtzehnten Jahrhundert Türkinnen 
in seidenen Schuhen und Knöchelbeinkleidern bewegten sich 
neben stolzen Ritterfräuleins mit Gürteln um's geraffte 
Gewand. Leibhaftige weisse Engel mit weissen, grossen 
Flügeln am Rücken wandelten unter Gottes freiem 
Himmel umher, als seien sie eben auf der Himmelsleiter 
heruntergestiegen in dieses irdische Jammerthal. Eine muntere 
Jungfrau sass auf dem Esel und trabte durch die Menge, musste 
wohl auch einmal unfreiwillig absteigen, denn die Esel verleugnen 
selbst in Alt-Berlin nicht ihre unberechenbare Bocksnatur, die einem 
geistreichen Einfall zu Liebe, den nur der Verstand eines Esels 
selbst zu beurtheilen im Stande ist, mit philosophischer Gelassenheit 
die schönsten Frauen auf den Sand setzen, um ihren eigenen Ge 
danken nachzuhängen. Indianer wallten neben Altholländischen 
Malern einher, römische Senatoren neben venetianischen Grossen, 
was van Dyk und Rubens, was Giorziano und Tintoretto, 
was Holbein oder Dürer, was Phidias oder die Künstler, die antike 
Barbarinnen gebildet, was Rembrandt oder Ope und Watteau, 
Godowinski oder Veronese, Mantegua oder sonst einer der Maler 
und Bildhauer aller Zeiten jemals in schöne Costüme und Farben 
gesteckt von schönem und kräftigem Menschenfleisch, das Alles 
umschwirrt und umfängt die fröhlichen Sinne. Es ist eines der 
vollendetsten Costümdufeheinander, das man jemals sah, gewesen; 
denn nicht nur Berlin und seine Gostümgarderohen, auch München, 
Dresden und andere Städte haben das Beste und zum Theil Kost 
barste an vergangenen Trachten hergegeben, und man muss sagen, dass 
die Berliner und Berlinerinnen sich gar artig in all diesem weit 
erborgten Glanze ausnalimen. Eines freilich gab auch zu vielen 
drolligen Beobachtungen Anlass: Die meisten Damen fühlten sich 
gar nicht recht heimisch in ihren Gewändern und Costümen. Man 
sah es den Meisten an, dass sie nicht recht wussten, wie man solch 
einen Brunhildenpanzer trägt und wie man einen Burgfrauenrock 
zu raffen hat; gar nicht umzugehen wussten sie vollends mit den 
griechischen Gewändern und den steifen Reifröcken oder Kragenkleidern 
anderer Zeiten. Verlegen irrten die Händchen auf den Kleidern umher, 
unsicher und schleppend war der Gang der Meisten, eckig und 
schief hielten sie sich und, was im hellen, erleuchteten Saal 
schon hingeht, das war unter freiem Himmel einigermaassen 
Verlegenheitssache, nämlich das Neigen und Verbeugen und alle 
die Bewegungen der Grazie. Denn wer konnte sagen, wie bei dieser 
oder jener Wendung die Aermei fallen würden, und wer konnte 
voraussehen, ob man sich nicht, bei den langen, vorfallenden 
Röcken uralter Ahnfrauen auf den Rocksaum treten würde? 
Ja, das sind, Leiden und Freuden eines Costümfestes ttir die 
Damen zumal, wenn es im märkischen Sande Alt-Berlins statt 
findet! Die Männer wussten sich schon ganz anders zu tragen: 
das waren ja meist schmucke Maleijünglinge, die ganz genau aus 
van Dyk und Rubens wussten, wie man den holländischen Cylinder 
abnimmt und mit Grandezza eine spanische Verbeugung im 
»Mäntelchen von Seide« macht. Die Buntheit der Bilder steigerte 
sich, als sehr bald der Tanz ans dem Holzboden des Marktes 
begann, wo eifrige Musikanten die Fässchen zu taktmässiger Be 
wegung reizten. Leicht war’s nicht zu tanzen; denn die modernen Walzer 
tänze, die unsere Vorfahren nicht kannten, sind auf einen glatten Parkett 
boden berechnet, nicht aber auf die ungeglätteten; sandigen Tischler 
bretter eines solchen Volkstanzplatzes. Es wurde daher schon mehr 
gehopst, als getanzt, denn die Schuhe blieben auf der Rauhheit des 
Holzes hängen und drohten oft zu reissen. Aber lustig war die 
Hopserei, bunt und fröhlich wirbelte man durcheinander. Unter 
dessen wurde allmählich ein Seiltänzergerüst auf dem Podium auf 
geschlagen, und wagehalsige Gaukler zauberten die Zeiten, da Alt- 
Berlin und Alt-Nürnberg dergleichen sahen, wieder herauf. An 
einer anderen Stelle sah man die »Holland’sche Schilderer-Gild« 
auf offenem Platze Musik machen; ein leibhaftiger Bär, am 
Nasenringe geführt, erschien auf dem Plane und unterhielt 
durch seine wohlgelungene Dressur selbst die furchtsamsten unter 
den Damen, denn bei näherer Betrachtung stellte sich sehr bald 
heraus, dass der Bär lediglich ein zur alten Bärenschaft zurück 
versetzter Zweihänder aus der Gattung der Pinselschwänzc war.
	        
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