Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

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Officielle Äusstellungs-Nachrichten.
oder langsameren Zusammenfinden, in Bewegung gesetzt wurden.
Nichts dcstoweniger befriedigte der Gesammteindruck völlig die an
die jungen Hochschüler gestellten Ansprüche, entsprach er dem
Schönen und Kunstvollen, was sie uns verheissen hatten. Die
einzelnen Gruppen und einzelnen Figuren waren geradezu Muster-
leistungen der Costümirungs- und Verkleidungskunst.
Wir wollen an dieser Stelle nicht nochmals die Leser mit der
trockenen Aufzählung der einzelnen Gruppen und ihrer Bedeutungen
langweilen. Haben wir doch gestern das ausführliche Programm
des Zuges, wie des Festes überhaupt gebracht! Wir begnügen uns,
die charakteristischsten Momente desselben herauszugreifen. Der
Zug der fremden Corporationeu zählte dreiundzwanzig Vier- und
Zweispänner; die Insassen in höchstem Wichs mit den Corporations-
fahnen und Bannern, auf manchem Kutscherbock thronte der Corps
diener mit der Mütze in den Verbindungsfarben. Einzelne Ge
spanne waren mit ausserordentlichem Geschmack decorirt. Als erste
Gruppe kam nach langer Pause, geführt von Berliner Kathsherren
zu Pferde, in Begleitung des Kurbrandenburgischen Banners die Archi
tektur mit ihrem von sechs starken Pferden gezogenen Prunkwagen, der
neben architektonischen Modellen in Gips reizende Gruppen lebender
Plastiker beiderlei Geschlechts enthielt. Die alten Meistern der
Sculptur benahmen sich recht vergnügt und entfesselten im Publikum
heiteren Beifall. Nach einer dritten berittenen und costümirten
Musikkapelle aus einer grossen Schaar Kurbrandenburgischen Fuss
volkes sah man die Gruppe des historischen Zuges vorüberkommen,
entschieden die grossartigste und gelungenste, sowohl was den
eigentlichen Hofzug, die echte, schwerfällige Hotkutsche des
17. Jahrhunderts mit ihren sechs schweren Brabanterpfcrden und
die liebliche Kurfürstin Sophie Charlotte betraf, als auch die Gruppe
der berittenen Edelherren. Leider bot sich auch er nicht den Zu
schauern in geschlossener Folge. Zwischen Zünfte und Volk drängte
sich die Gruppe der Malerei mit ihrem Prunkwagen, auf welchem
die verkörperten Farben im Glanze frischer Jugendschöne erschim-
merten Dann der Zug der Kunstscholaren, ein humorvolles Bild
unverfälschter Künstlerlaune. Prächtig der Jagdzug mit der Meute.
Die Planwagen, mit frischen Mägdlein, die wandernden Musikanten,
die Marketenderinnen, der Strohwagen, auf dem sich faule Gesellen
wälzten, dazu die einzelnen Figuren, zum Beispiel die Narren, der
Kerl, dem das Stroh aus der Nase wuchs, mit einem dürren
Hunde, der wandernde Komödiant mit den grossen Filzparisern —
alles das war entzückend gestellt und erdacht. Reich war die
Gruppe der Jagdcavaliere in ihren grünsammetnen Wämmsern. Ein
einzelner, seelenvergnügter spanischer Caballero, auf dem Hinter-
theile eines Eseleins dahertrabend, erweckte schallende Heiterkeit.
Die Gruppe der Minnesänger zeichnete sich besonders durch die
Pracht der Costümirung aus. Ein buckliger König Lear war eine
gelungene Maske echter Komik. Es folgten noch die Gruppe der
Plastik und der Phantasie. Letztere mit ihren Gestalten aus 1001 Nacht
und den altdeutschen Sagen grosser von Wirkung. Ein würdiger
Abschluss des Ganzen war die Schaar germanischer Recken und
Schildjungfrauen zu Pferde; ein prächtiger Gegensatz der kraftvollen
zur farbenschimmernden, träumerischen Romantik des kaum vorüber
gezogenen Orients mit seiner Beigabe von Eseln und Dromedaren,
gelben Beduinen und schwarzäugigen Bajaderen und Favoritinnen.
Und im aufwirbelnden Staube der Strassen, hinter der wieder
zusammenstehenden Menschheit schwand alles dahin, wie ein Duft
gebilde im Traume der Nacht zcrflicsst.
Der Einzug in die Ausstellung.
Das Künstlerfest hat, trotzdem es sich in der Hauptsache in
den Strassen von Neu-Berlin und Alt-Berlin abspielte, seine
Physiognomie der ganzen Ausstellung aufgedrückt. Die jetzt mit
unserer Ausstellung permanent citirte Sonne versagte nicht, und
ihre Strahlen hatten, wie man zu sagen sich gewöhnt hat, bereits in
den Vormittagsstunden Tausende hinausgelockt. Von Mittag an
musste selbst die Haupthalle der Concurrcnz des Künstlerfestes
weichen, die fröhlichen Bilder der Kunst besiegten die ernsten
Wunder der Arbeit. Vereinsamt und still sah es in der Industrie-
halle aus; aber draussen im Park, da wogte es von erwartungs
vollen, schaulustigen Menschen. Jeder Platz, von dem aus der
Zug hätte übersehen werden können, wurde besetzt, aber
vielfach übersah man mehr die Plätze, als den Zug. Am Haupt
portal stauten sich Tausende an, hinten aber in den lauschigen,
nach Alt-Berlin führenden Alleen, durch welche die Fragmente 1
des Festzuges sich gemüthlich bewegten, hatten sich nur Wenige
aufgestellt, und diese Wenigen konnten es sich so bequem 1
machen, dass sie, unterstützt von den weissen Servietten der 3
Kellner, sogar die Fahnen des Humors hochschwingen konnten. 1
»Sag’ mal, Du oller Menzel, wat kriegst Du denn für die Stunde?« 1
lautete die bescheidene Anfrage eines Kellners — Kellner thun j
überhaupt Alles bescheiden — an einen Akademiker hoch zu Ross. 1
»Das kümmert Sic nichts, Sic verdienen aber eine heruntergehauen,«
war die stolze Antwort des Reiters. »Hoch Menzel, hoch die Kunst,«
rief eine Stimme aus dem Publikum, und lustig ertönten die Hochs,
wehten die Tücher und flatterten die Servietten der kunstbegeisterten
Kellner empor, die ihrem Collegen ob seiner Anfrage eine an
streichen wollten, aber nicht nach Malerart. Hier wurde
unseren Künstlern auch süsser Lohn zu Theil, und zwar in Gestalt
von Bonbons und anderen Lässigkeiten, die aus Sarotti’s Pavillon
flogen. — Der Zug bewegte sich durch das Hauptportal am Aus- j
Stellungsgebäude vorüber nach Alt-Berlin. Als die ersten Töne der \
Musikkapellen hörbar wurden, begann es in den Massen lebendig
zu werden, und als der Zug um J / 2 2 Uhr seinen Einzug hielt, be- :
grösste man ihn zwar laut und auch freudig, aber eine wirkliche
Humorstimmung, welche als eine der wichtigsten Bestandtheile eines
Künstlerfestzuges gilt, wollte, offen gesagt, nicht recht zum Durch
bruch kommen. Der Berliner Humor ist theils zu innerlich, mehr
aber noch zu skeptisch, um für momentane, der lebhaften Phantasie
und nicht der trockenen Wirklichkeit entspringende Wirkungen und
Situationen den rechten humorvollen, ungezwungenen Ton zu finden.
Auch die Theilnehmer des Zuges waren nicht in der Humorlaune; I
ein mehrstündiges Warten, Promeniren und Reiten kann selbst ]
einem Kunstakademiker etwas die Laune verderben.
Eine geniale Zerfahrenheit lockerte zwar etwas den Festzug, 1
dessen einzelne Theile alle halbe Stunde in den Ausstellungspark j
einliefen, und doch gewährte dieses in seinen Einzelheiten etwas
undisciplinirte Ganze einen eigenartigen Eindruck, der namentlich
mit den Naturschönheiten der Ausstellung in prächtiger Weise ;
harmonirte. Die blumengeschmückten Wagen, welche den Fest
zug eröffneten, passten so ganz und gar in die natürlichen
Reize der Ausstellung hinein; ihre Auffahrt ergab einen
Blumencorso, wie ihn Berlin in einem so wundervoll von der
Natur bevorzugten Rahmen selten gesehen hat. — Um */ s 3 Uhr
verliessen die letzten Nachzügler, ein Friedensengel, Arm in Arm
mit einem Landsknecht und einer Patricierstochter, liebend vereint ^
mit einem Bettelmönch, den Ausstellungspark, um in Alt-Berlin bei
einem fröhlichen, ungezwungenen Essen, bei dem die echte Künstler
laune schliesslich alle Strapazen besiegte, ihren ganzen jugendlichen
Humor wiederzufinden. Neben der Arbeit und dem Fleiss, die in
der Ausstellung zu Hause sind, haben gestern dort die Jugend
und die Kunst ihren Einzug gehalten.
Ankunft in Alt - Berlin.
Den Höhepunkt malerischer Wirkung erreichte das prächtige
Bild des Festzuges beim Einzuge in Alt-Berlin. Ueber die Brücke,
die den Seewinkel überspannt, unter dem alterthümlichen Thore und
von der Rückseite zog der Zug, die blumenumkränzten Wagen in
das idyllische Städtchen, um sich auf dem Markte zu sammeln.
Da Fräulein Poppe in der letzten 'Stunde unpässlich geworden war
und absagen musste, so kam eine Aenderung in das Bild insofern,
als der Dichter des Prologs, Paul Warneke, schon jetzt auf offenem
Markte seinen Begrüssungsspruch darbrachte. Fanfaren erschallten,
Reiter gruppirten sich, und auf einem Schimmel sitzend in schwarzem
Wamms und Hut sprach der Poet vom Pferde herab zu den dicht 0
gestauten Costümirten sein Gedicht. Die Worte des Eingangs hallten
weit über den Markt:
Ein Lichtgebor’ner wandelt durch die Lande,
Jung wie der Frühling schreitet er einher,
Er schlägt der Menschen Herz in gold’ne Bande,
Weit dehnt sein Reich sich über Land und Meer,
Des Muthes Sohn, der stets das Höchste wagt. —
Das reizvolle Räthsel, wer dieser Lichlgebornc sein mochte,
hielt diejenigen, die dem Redner näher standen, eine Weile
in wachem Interesse. Schwungvoll klangen die Worte im
Sonnenschein hinaus und hallten von den alten Giebeln und
Dächern, den Ziegelmauern des Marktes wieder, klangen in die
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