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Volume Nr. 23, 10. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 9 
der Ausstellung belegenen Theil der Treptower Chaussee und einen 
Hauptweg, der von der Chaussee bis zum Fischerei-Gebäude führt. 
5 
In das „goldene Euch“ der Stadt Berlin haben 
sich am gestrigen Sonnabend als Besucher eingetragen: 
Prinz Heinrich von Preussen. 
Charlotte, Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen, Prinzessin 
von Preussen. 
Max, Prinz von Baden. 
Das die Ausstellung besuchende Publikum betheiligt sich an 
den Eintragungen in das Buch sehr lebhaft. 
V 
Ein 'Wettrudern auf dem Karpfenteich hielten gestern 
(Sonnabend) die Schwarzen in langen, mit je vier Personen bemannten, 
buntbemalten Kanoes unter lautem Geschrei ab. Viele Personen 
liessen sich von Alt-Berlin nach der Arabertembe übersetzen. 
o 
In der Sanitäts-Wache wurden wieder 25 jugendliche 
Stuhlvenniether wegen Hautentzündung an den Ohren (Sonnenbrand) 
behandelt; zwei leichte Halsentzündungen kamen vor. Ein Arbeiter 
stürzte aus dem Fenster und erlitt zwei Kopfwunden. 
V 
In Brand gerieth ein Portierhaus in Alt-Berlin dadurch, 
dass TeFphondrähte mit der Lichtleitung in Berührung kamen. 
Das Feuer wurde jedoch rasch gelöscht. 
V 
Taschendieb stahl. Während des gestrigen Gedränges 
im Ausstellungspark aus Anlass des Künstler-Festzuges wurde einem 
hier zu Besuch weilenden Herrn aus Elberfeld eine silberne Taschen 
uhr mit gleicher Kette und Siegesthaler gestohlen. 
a) In der Ausstellung. 
Das Kiinstlerfest. 
[Abdruck untersagt.J 
Die Aufstellung des Festzug-es. 
Zum ersten Male hat Berlin den Beginn eines echten Künstler- 
festes in seinen eigenen Mauern erblickt. Zum ersten Male hat 
die gesammte Reichshauptstadt — und wer war heute nicht unter 
wegs — das junge und jüngste Künstlervolk in seiner 
Fertigkeit der Nachahmungen unverfäschter historischer Costümirungeu 
und im Uranfang seiner übersprudelnden Laune kennen 
geleimt. Den heutigen Festzug durch Berlin verdankt 
man aber wiederum nur der Ausstellung, allerdings 
auch — und der Chronist darf nicht lügen — dem Umstande, dass der 
Gedenktag des 200jährigen Bestehens der akademischen Hochschule für 
die bildende Künste einen rauschenden, ötfentlichen Abschluss finden 
sollte. Und die gesammte Bevölkerung der Reichshauptstadt so 
wohl im vornehmen Stadtviertel des Thiergartens, wie in den bürger 
lichen Quartieren des Südostens hatte das richtige Verständniss 
für einen derartigen Aufzug Man gedenkt unwillkürlich der Zeit, 
in der man vergebens versuchte, einen Berliner Garneval zu schaffen, 
der zu einem Fest des Pöbels ausartete. Für Maskenscherze 
hatte man vor fünfzehn Jahren noch kein Verständniss. Die 
historischen Aufzüge bei einzelnen hervorragenden Gelegenheiten 
brachen Bahn, und gestern zeigte es sich, dass man in Berlin wahrhaft 
reichsstädtisch', wahrhaft kosmopolitisch zu denken begonnen hat. 
Der Humor der jungen Künstler, wirksam unterstützt durch die 
Pracht- und Echtheit der Gewandungen, die fröhliche, liebreizende 
Laune der am Zuge theilnehmenden jungen Künstlerinnen und 
Damen der guten Gesellschaft schaffte Wunder; der Zug wurde 
überall mit ehrlicher, offener Fröhlichkeit begrüsst, die Ausfälle der 
Künstlerlaune wurden willig und verständnisvoll entgegengenommen. 
Wer es indessen gewagt hat, gestern früh in die heiligen 
Hallen des Kroll’schcn Etablissements zu dringen, der allerdings 
sah und erlebte noch mehr. Hier entfaltete sich schon von der 
siebenten Morgenstunde an ein fröhliches Getümmel; hier hosen 
sich in dem bunten Durcheinander der verschiedenartigsten Costüme 
und Typen, in der Hast der letzten Anordnungen und Gruppirungen 
entzückende Genrebilder, werth — einzeln festgehalten und 
verewigt zu werden. Das Schönste war die Unbefangen 
heit der Theilnehmer am Zuge; kein Coulissenfieber. 
ein sofortiges Hineinfinden in Costüm, Rolle und Zeit 
neben flottestem Humor und einem demokratischen Zuge der 
Gleichberechtigung im Dasein eines jungen Künstlers. Der König 
ging mit dem Bettler, der Byzantiner mit dem Scholasten, und 
selbst Kurfürstin Sophie Charlotte sass bei einem Glase Bier und 
einem Schinkenbrod mit einer jungen alten Griechin und einem 
Grenadier aus der Zeit Friedrich HL, um sich zum gemeinsamen 
Zuge durch Berlin nach der entfernten Ausstellung zu stärken. 
Der Traiteur des Kroll’schen Etablissements wird sich viele solcher 
Aufzüge eines Künstlerfestes wünschen. 
Gegen zehn Uhr erschallte das Hornsignal, welches die Theil 
nehmer am Zuge einlud, sich gefälligst auf ihre Plätze vor dem 
Etablissement und zu ihren Gruppen zu begeben. Das schöne 
Bild verhältnissmässiger Buhe bekam nun plötzlich Leben. Unter 
den warmen Strahlen einer unvergleichlichen Maisonne wirbelten 
die glitzernden Brocat- und Sammetstoffe, Mousselin und bunt 
farbige Shawls wie im Kaleidoskop blitzartig durcheinander. Sie 
prallten ab von der Helmzier und den Wehrgehängen germanischer 
Krieger und Schildjungfrauen; sie entlockten regenbogenfarbene 
Funken den Edelsteinen, welche die Turbane der indischen 
Fürsten und ihrer schönen Sklavinnen zierten. Doch ehe sich 
dieser entfesselte Strom der flotten Künstlerjugend aus dem im 
Frühlingskleide prangenden Kroll’schen Garten ergoss, bot auch 
das Bondell bis zur Siegessäule so manches fesselnde und lustige 
Bildlein dar. In langen Reihen ständen die Cavalleriepferde mit ihren 
Mannschaften, die den Künstlern für diese Gelegenheit von unseren 
Beiter - Regimentern in liebenswürdigster Weise zur Verfügung 
gestellt worden waren. Dicht am Eingänge hielten die Prunkkarren 
und Hofkutschen; weiter drüben vor dem Generalstabsgebäude die 
Bauernwagen, noch ledig ihrer süssen Lasten. Zwischen durch 
tummelten sattelfeste Künstler und Künstlerinnen ihre Rosse und mächtige 
Rollwagen wurden vollgepfropft'mit allerlei geheimnisvollen Packen 
und Packeten, die erst in dem zweiten Theile des Festes in Alt- 
Berlin zur Geltung kommen sollten; All’ die berittene Haute volee, 
die in den Morgenstunden die schattigen Reitwege des Thiergartens 
belebt, sammelte sich in der Sieges-Allee. Die Droschken der Zu 
schauer bildeten bereits eine geschlossene Phalanx. An der Kreuzung 
der Sieges-Allee mit der Charlottenburger Chaussee hielten ernst und 
würdig die dreiundzwanzig zwei- und vierspännigen, blumenumrankten 
Wagen, welche die Corporationen der fremden Akademieen mit 
ihren Bannern nach Treptow führen sollten; zugleich einige herr 
schaftliche Equipagen, die im Blmnenzuge mitfahren sollten, darunter 
ein allerliebstes Phaeton mit einem duftenden Blumendach und 
blumenumwundenen Radspeichen, geführt von einer Dame der 
Berliner vornehmen Gesellschaft. 
Der Zug durch die Stadt. 
In der Stadt selbst war bereits alles seit Stunden auf den 
Füssen. Stellenweise war der Verkehr für Fussgänger und Wagen 
geradezu gehemmt, und die Polizei hatte mit der Aufrechterhaltung 
der Ordnung genug Last und Arbeit. Es ist indessen, soviel wir 
wenigstens vernehmen konnten, alles gut und ohne Unfall abgelaufen. 
Die Häuser bis zum Dache hinauf besetzt, an jedem Fenster und 
auf jedem Baleon erwartungsvolle, fröhliche Gesiebter. Der Südosten bot 
angesichts dieser ungeheuren Menschenmenge, die noch anwuchs, als sich in 
der Mittagsstunde Schulen und Fabriken leerten, einen ganz be 
sonders festlichen Anblick dadurch, dass der Festschmuck von dem 
Eröffnungstage unserer Ausstellung allerorten noch am Platze be 
lassen worden war. Zu ihr hinaus rollten Equipagen, Droschken 
in endloser Reihe; Pferdebahnen, elektrische Trams und die 
Omnibusse waren geradezu überfüllt. Die Geduld der Zuschauer 
wurde auf eine ziemlich lange Pause gestellt, und als der Künstler 
zug endlich herrannahte, wurde der Eindruck leider dadurch be 
einträchtigt, dass zwischen seinen einzelnen Theilen grosse Lücken ent 
standen; auch hatte sich die im Programme vorgesehene Zugordnung stark 
verschoben, weil von Kroll aus die Gruppen, je nach ihrem schnelleren
	        
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