Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
wendig, mit einer Uebersicht über die Lage und den Umfang des
Berliner Gewerbes die Betrachtung zu beginnen.
Als im Jahre 1882 der Fürst Bismarck zum ersten Mal
ein umfassendes Bild über die gcsamintcn modernen Bernfs-
und Gcwcrbeverhältnisse im Deutschen Reich schassen ließ, da
stellte cs sich klar heraus, daß Berlin unter ■ allen deutschen
Großstädten nicht nur absolut die meisten. Gewerbetreibenden
hatte, sondern daß auch von je 100 Selbstständigen in Berlin
mehr ans die Industrie entfielen als in den anderen Städten;
nur Nürnberg konnte in letzterer Beziehung mit Berlin wctt-
eifern. Und die Bedeutung der Industrie ist noch stetig im Zu
nehmen. Bon je 100 wirthschaftlich Selbstständigen in Berlin
waren, im Jahre 1882 51, 1885 schon 52 und 1890 gar 53
in der Industrie beschäftigt Die übrigen vertheilen sich
auf den Handel, den Staatsdienst, die freien Berufe.. Mäßig-
gänger und Pflastertreter giebt cs im Vergleich zur Einwohner
zahl nirgendwo so wenig wie in Berlin. Wie viel in Berlin
gearbeitet wird, ergicbt' sich schon daraus, daß über die .Hälfte
der ganzen Bevölkerung in Berlin in einem Berufe thätig ist;
nur die kleinere Hälfte sind Angehörige, die von den Anderen er
nährt werden, während im ganzen Reich das Verhältniß das
Umgekehrte ist.
In der ganzen Berliner Industrie ist setzt mehr als der
dritte Theil einer Million Menschen thätig. Um eine so
ungeheure Zahl anschaulich zu machen, brauchen wir schon ein
etwas gewaltsames Beispiel. Denken wir uns, ein moderner
Städte-Erbauer wollte in Deutschland ein zweites, Berlin eben
bürtiges Industrie-Centrum schaffen und wollte dazu die nächst
größten Industrie-Orte zusammenlegen. Er nimmt als Mittelpunkt
die große Industriestadt Magdeburg und baut die gewerb-
slcißigcn Städte Hannover und Düsseldorf daran. Aber
damit hat er kaum ein Drittel im Vergleich zu Berlin. Er
muß also im Westen die Schwesterstädte Elberfeld und Barmen,
Dortmund, und Krefeld abbrechen und an der Elbe wieder
ausbauen; vom Küstenland nimmt er Altona, ans
beiden Sachsen Chemnitz und Halle, aus Bayern Nürn
berg. Mit dieser Zusammenstellung ist die volle Ein
wohnerzahl Berlins noch nicht ganz erreicht*); ganz
außer Betracht geblieben sind aber auch noch die große
Einwohnerzahl und die beständig wachsende Industrie der Ber
liner Vororte.
Wenn nun Berlin mit Vororten ebenso viel Industrie hat
wie die Hauptplätze des ganzen Reiches zusammengenommen,
dann wird es begreiflich, daß eine Berliner Ausstellung im ganzen
Lande als Reichssache, als jeden Deutschen unmittelbar berüh
rende Angelegenheit empfunden wird. Aber auch im Auslande
ist das Interesse verständlich. Denn auch von allen W c l t -
städtcn ist Berlin am meisten durch seine Industrie ausge
zeichnet; London und New-Aork sind die größten Handelsstädte
der Welt, die Industrie von England und Amerika ist dagegen
in Plätzen zweiten Ranges stärker vertreten. Paris und Peters
burg sind in Ländern, die stark zur Centralisirung neigen, die
Mittelpunkte der gesammten Verwaltung und des ganzen geistigen
Lebens. In Paris und Rom wirkt der lebhafte Fremdenverkehr
wesentlich mit, diesen Städten ein specielles Gepräge zu geben.
Die Industrie hat auch in ihren Ländern andere Centren. Wien
hat zwar ein zahlreiches Kleingewerbe, das jetzt selbst die poli
tische Herrschaft der Stadt an sich genommen hat. Aber in der
eisernen Energie des Schaffens und in den Erfolgen erreicht auch
die Stadt der Phäakcn Berlin bei Weitem nicht.
*) Wir gebe» zur Konirolc nachfolgend die Einwohnerzahlen der zum
Vergleich herangezogene» Städte »ach den v o r l ü n fi g c n Ergebnissen
der Volkszählung vom I. December 1893:
Magdeburg . 214 447 Einwohner.
.Hannover'. . 209 II6 „
Düsseldorf . 175 681 „
Elberfeld . . 199 359 „
Barmen . . 126 502 .
Krefeld ... 107 266
Mona . . . 148 811
Cheinnitz . . 160 243 „
Halle . . . 116 207 „
Nürnberg . . 160 920 „
Dortmund . 111 276 „
1 669 828 Einwohner.
Berlin hatte nach derselben Volkszählung 1 676 352 Einwohner
Die Redaction.
Das ist cs also, was der Berliner Gewerbe-Ausstellung
ihre weltumspannende Bedeutung giebt, daß die „Hauptstadt
der Arbeit" die Ausstellung veranstaltet. Für das Aussehen
und die Einzelwürdignng der Ausstellung ist es nun ebenso
nothwendig, zu sehen, was der Gegenstand der Berliner
Arbeit ist, welche Branchen in Berlin vorzugsweise betrieben
werden. Die Eintheilnng unserer Gewerbe geht bekanntlich nicht
nach einem einheitlichen Princip vor und kann cs auch nicht.
Sie unterscheidet die Gewerbe zum Theil nach der Substanz, die
sie benutzen (Holz-, Eisen-, Leder-Industrie), zum Theil dagegen
nach den Bedürfnissen, die sie befriedigen (Nahrungsmittel-,
Bekleidnngs-Jndnstrie, Baugewerbe). Das erste Eintheilungs-
. Princip ist nothwendig bei Halbfabrikaten, bei denen der Zweck
der Waare oft noch nicht feststeht; das zweite bei fertigen Prv-
dncten, bei denen mehrere Grundstoffe (Holz, Eisen, Leder) ver
einigt sind, Auch ohne die Ergebnisse der Statistik zu kennen,
wird jeder Fremde, der die Berliner Export-Verhältnisse etwas
kennt, ohne Weiteres annehmen, daß zwei Bernfsgruppen, die
Metallindustrie und die Bekleidungsindustrie (Confcction) in Berlin
am stärksten vertreten sind. Und er hat Recht.
In der Metallindustrie arbeiten in Berlin über 40000 Ge
werbetreibende, davon kommen — ein glänzendes Zeugniß für die
hausvätcrischc Sorgsamkeit und Wohlhabenheit der Berliner —
allein 18 000 Mann aus die Schlosserei und Geldschrank
fabrikation. Nicht weniger als 2200 Leute sind damit be
schäftigt, das Bedürfniß der Großstadt nach Gold- und Silbcr-
schmnck zu befriedigen. 5000 Menschen besorgen die Schmiede-
Arbeiten, und ebenso viel versorgen die Stadt mit Blechwaaren
(die namentlich bei Redacteuren und Versammlungsbesnchcrn weit
verbreitete Ansicht, daß die Zahl der „Blechfabrikanten" in Berlin
eine weit größere sei, findet in der Berufsstatistik keine Be
stätigung).
Zn den 40 000 Metallarbeitern treten alsdann noch
14 000 Maschinenbauer und Instrumentenmacher, die mit jenen
eng zusammenhängen.
Zur BckleidnngsJndnstric gehören noch weit mehr Ge-
werbtreibcndc, ein Heer von 110000 Menschen. Unter ihnen
treten besonders die 19000 Schneider und die 15000 Schuh
macher hervor, von weiblichen Arbeitern besonders an 40000
Näherinnen, und neben ihnen sind noch fast 14000 Schneide
rinnen ausgeführt. Demnächst gehören noch 3500 Putzmache
rinnen und 8000 Wäscherinnen und Plätterinnen in diese Industrie.
Fast alle hier genannten Gewerbe arbeiten außer für den großen
Berliner Bedarf auch hervorragend für den deutschen und den
ausländischen Absatz.
Großen .Absatz im Jnlande hat noch die Berliner Tischlerei,
die 25000 Leute ernährt. Sic bildet innerhalb der Berliner
Industrie der Holz- und Schnitzstvffe mit 38000 Arbeitern die
hauptsächlichste Gruppe; neben ihr sind noch die 0000 Drechsler
und die 3000 Lackircr und Vergolder hervorzuheben. Die ver
schiedenen kleineren Jndustrieen der Papier- und der Lederbranche
beschäftigen im Ganzen 10000 Menschen; unter ihnen tritt kein
Gewerbe besonders hervor; am meisten bildet noch die Cartonnagen
fabrikation mit fast 2000 Leuten einen für Berlin charakteristi
schen Betrieb.
Innerhalb des allgemeinen glänzenden Fvrtschreitens der
Berliner Entwickelung giebt es auch einen sehr dunklen Punkt.
Während sonst sämmtliche Berliner Gewerbe mit dem Wachs
thum der Stadt Fortschritte machen, geht die Textilindustrie
fortdauernd zurück. Ihr gehören in Berlin nur noch 9000
Leute an, darunter noch nicht 4000 Weber. Die Concurrenz
der armen Webergegendcn in Schlesien und Sachsen vermag
Berlin mit seinen geordneteren Arbeitsverhältnissen und mit
seinen gesteigerten Lebensbedürfnissen nicht auf die Dauer zu
ertragen. Die Löhne sind in dieser Branche vielfach bis an
die äußerste Grenze der Existenzmöglichkeit gesunken, und des
halb ist cs wenig zu bedauern, wenn bei so unhaltbare» Zu
ständen diese Industrie ganz aus Berlin heransverlegt wird.
Auch in den Berliner Vororten, die seit jeher eine alte Weber-
bevölkerung haben, Rixdorf und Nowawes, ist die Textil-
Jndnstrie in ähnlicher Nothlagc. Besonders in Rixdorf thut
sich die Noth der Arbeiter von Zeit zu Zeit in verzweifelten
Lohnkümpfcn kund.
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