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Volume Nr. 19, 6. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Aussteüungs- Nachrichten. 7 
Das Damenheim auf der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Ja, wirklich, meine Damen, Sie können es mir sicher glauben, 
er kommt — er kommt bestimmt oder vielmehr — er ist schon 
Der gefürchtete enge Aermel nämlich, dessen Erscheinen wie 
eine Wolke am Himmel der grossen Ungethüme, die sich Aermel 
nannten, schon öfter constatirt wurde, stets aber wieder, ohne be 
achtet zu werden, verschwand. 
Sie lächeln, meine Damen, Sie glauben es nicht? Sie werfen 
ein, dass man uns vor einigen Jahren auch die Crinoline 
prophezeite, und diese doch nicht erschienen ist! Nun, wenn auch 
ohne Reifen von Stahl, wie in den fünfziger Jahren, die weiten, 
stehenden Röcke sind doch gekommen, ob nun durch fibre chamois 
oder Stahlreifen gestützt, das ist doch schliesslich tonte meine 
ehosc. Und wenn Sie cs nicht glauben wollen, bitte, meine 
Damen, überzeugen Sie sich davon, dass die Tage der Herrschaft 
des weiten Aermcls gezählt sind, dass man zur Mode des ganz 
engen übergeht, nur, dass man dem, an die ungeheuren Falten 
gewöhnten Auge eine Concession macht, indem man oben auf der 
Schulter eine Art weiter Epaulette beibehält, welches sich jedoch 
sofort hoch über dem Ellenbogen verengert. Ueberzeugen Sie sich 
selbst im Damenheim der Gewerbe-Ausstellung, wo, wie Sie 
wissen, allwöchentlich das Allerneueste und Allermodernste, das Neueste 
und Modernste überholen wird. Die Herren werden der Mode der 
Aermel-Kolosse nicht nachtrauern; wenn man ihnen auch eine ge 
wisse Kleidsamkeit nicht absprechen konnte, so beengten sic doch 
so sehr, im Pferdebahn wagen im Theater; wenn man sich wandte, 
sticss man an den Aermel der Nachbarin, ja — auf die Geselligkeit 
hatte er Einfluss — man konnte in diesem vergangenen Winter 
oft sechs bis acht Personen weniger bei Tisch placiren, sonst hätte 
es geschehen können, dass die Köpfe der Herren wie über Wolken 
über den Aermel u der Damen schwebten. 
..y. Nun stehen wir im Damenheim vor dem Unglaublichen. 
Ein graues Etamineekleid ist es zunächst, bei welchem uns 
diese Neuerung auffällt, ein eigenartiges Gewebe, fast wie Sack 
leinwand anzuschauen, mit der köstlichsten, durchbrochenen Stickerei 
ausgestattet. Der Rock und die Taille sind zusammengearbeitet, 
der Rock zeigt tiefe Falten, die Taille ist ganz anschliessend und 
schlicht, beides mit jener entzückenden Stickerei garnirt. Der 
Aermel zeigt oben ganz an der Schulter die erwähnte faltige 
Epaulette, nun ganz eng auszulautend und sehr lang, fast über die 
Hälfte der Hand, fallend. Eine buntseidene Schärpe hebt den Ein 
druck dieses ebenso aparten wie schönen Costüms. 
Vielleicht hat jenes hellgraue Alpaccakostüm mehr Ihren 
Beifall? Es zeigt vorn in der Taille einen Einsatz von bunter 
Chineseide, begrenzt von einem Gilet aus gelblicher Spitzen-Sückerei 
mit Stahlflittern. 
Ueberhaupt das Damenheim und auch unten im Hauptgebäude 
die Ausstellung der Confection für Damen und für Kinder bietet 
gar reiche Augenweide, und das Interessante ist, dass man Vergleiche 
ziehen kann zwischen den Moden vergangener Zeiten, wie sie uns 
die historische Trachten - Ausstellung zeigt, und der heutigen. Vor 
allem sehen wir die Wandlung, die sich fortschreitend in der Hof- 
tracht vollzogen hat, von der bescheidenen rosa Sammetschleppe 
der Dame aus der Zeit der Königin Luise bis zu den beiden unten 
ausgestellten Hoftoiletten. Man weiss nicht, welcher die Palme ge 
bührt, der mit dem weissen Atlas-Untergewände, welches reich mit 
lila Blüthen und grünen Blättchen bestickt, unten herum mit 
echten schönen, weissen Straussfedern besetzt ist und darüber eine 
Schleppe von weissgrünem Sammet mit der köstlichsten Goldstickerei, 
ein Meisterwerk der Stickkunst, ebenfalls von weissen Straussfedern 
umsäumt, oder jener anderen von rosa Atlas, deren Untergewand 
reiche Stickerei in rosa Seide zeigt. Hier ist die von den Schultern 
herabfallende Schleppe von prachtvollstem rosa Damast, umsäumt 
von Zobel. Auch die ausgeschnittene Taille zeigt Zobelverbrämung. 
Sehr reichhaltig ist die Auswahl in Blousen, die fast durch 
weg die kostbarste und geschmackvollste Ausstattung zeigen, die 
man sich denken kann. 
Da ist vor Allem eine Blouse in weissem Crepe mit 
einer Auflage von schwarzen, echten Points sehr reizvoll, ebenso 
eine von mode-grünlich schillernder schwerer Seide mit alt 
italienischer Renaissance-Hand-Application u. s. w. Capes, Sorties 
sind in grossen Mengen vertreten; da ist besonders eigenartig ein 
»Corso-Kragen« von gemachten Veilchen, mit gelben Spitzen garnirt. 
Kostbare bunte und weisse Batistwäsche ist ebenso vorhanden, wie 
seidene Unterröcke in den buntesten Farbenstellungen mit ele 
gantem, reichem, Ausputz. Nach all’ der Farbenpracht ruht dann das 
Auge gern aus auf jenen schlichten Jacken-Costiimen, die ii. 
reicher Auswahl ausgestellt sind und sich mit Recht grösster Be 
liebtheit bei der Damenwelt erfreuen. Sie sind in allen Farben 
und Stoffen vertreten, in Loden oder englischem Stoff, grau-, grün-, 
mode-, bräunlich-, karirt und weiss und eigentlich ein Jeder hübsch 
und — — sehr preiswerte Auch die sportliebenden Damen finden 
in der Ausstellung Alles, was sie brauchen. Radfahrcostüme, eins 
in weiss, Jagd- und Reitcostüme ausgestellt. 
Schliesslich sei noch der Matinees gedacht, von denen einige 
in raffinirtester Eleganz erscheinen, so eines von gelber Seide mit 
gelbem Spitzenüberkleid, welches .->Goldelse« heisst, andere wieder 
schlicht in Wollstoff gehalten, viel Geschmack zeigen und vor den 
kostbaren seidenen den Vorzug haben, den Zweck, dem sie dienen 
sollen — nämlich bequem zu sein — besser zu erfüllen. 
N. Bandeis. 
Die Grossherzogin von Baden beehrte gestern 
(Sonnabend) Nachmittag gegen 2'/ 2 Uhr die Ausstellung mit ihrem 
Besuche. Die hohe Frau, welche in Begleitung ihrer Hofdame 
und ihres Kammerherrn war, fuhr vor dem Chemicgebäudo vor. 
wo ihr Herr Commercienrath Kühnemann in Kürze den Zweck 
des Baues erklärte. Dann wurde das Kaiserschiff in seinem 
Aeusseren besichtigt, worauf es an der Fischerei-Ansstellung vorüber 
nach dem Alpen-Panorama ging. Hier stieg die Grossherzogin aus 
und besichtigte das grossartige Rundbild. Mehrmals sprach sie zu ihrer 
Umgebung ihre Bewunderung für das Werk aus. Als sie aus dem 
Bergschloss heraustrat, hielten bereits die Wagen vor dem Portal. Man 
verweilte nun im Vorüberfahren bei der Ausstellung für Volksmassen- 
Ernährung, von wo aus alsdann der Gartenbau-Ausstellung ein 
Besuch abgestattet wurde. Hier geruhte der fürstliche Gast von 
unserem Vertreter einen Strauss von Marschall - Niel - Rosen 
anzunehmen. Die Grossherzogin bedankte sich mehrmals in sehr 
freundlicher Weise und erkundigte sich nach dem bisherigen Besuche 
der Ausstellung. Als unser Berichterstatter darauf erwiderte, dass 
der Besuch der Ausstellung in den letzten Tagen wenig zu wünschen übrig 
lasse, schien die hohe Frau sehr erfreut und verabschiedete sich noch 
mals, ihren Dank äussernd, von unserem Vertreter. Auch das Marineschiff 
wurde rasch vom Wagen aus in Augenschein genommen, worauf 
die Wagen nach dem Neuen See fuhren und an dessen Ufern 
hielten. Die Grossherzogin stieg aus und Herr Commercienrath 
Kühnemann machte sie auf die schöne Umgebung des Sees 
aufmerksam. Die nächste Station der Rundfahrt war Alt- 
Berlin, in welchem sich die Schaar der Künstler jubelnd um 
die Wagen drängten. Hier übernahm Herr Director Kaufmann 
die Führung, und die Grossherzogin reichte dem Beherrscher 
von Alt - Berlin zum Abschiede die Hand und äusserte in 
warmen Worten ihre Bewunderung für das Geschaffene. 
Nunmehr wünschte die Fürstin noch das Hauptgebäude in Augen 
schein zu nehmen. In der Kuppelhalle verweilte sie längere Zeit 
und schaute hinauf zu den Gemälden der grossen Kuppel, die ihr 
besonders zu gefallen schienen. Nachdem sie noch einen flüchtigen 
Gang durch die Mittelhalle gemacht hatte, bestieg die Fürstin 
wieder den Wagen. Beim Abschiede wünschte sie Herrn Commercien 
rath Kühnemann recht guten Erfolg der Ausstellung und versprach 
jii einiger Zeit wiederzukommen. 
V 
Prinz Heinrich von Preussen besuchte am Sonnabend 
Nachmittag in Begleitung der Prinzessin Charlotte von Meiningen 
und des Prinzen Max von Baden nebst Gefolge die Ausstellung. Dir
	        
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