Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs-Nachsichtern n
Natur ist, so lässt er sich doch gerne belehren. Freilich dauert
es manchmal etwas lange, bis er Vernunft annimmt, aber
schliesslich nimmt er sie doch an. Und hoffentlich thut er es auch in
dem Fall, zu dessen Erörterung uns gewisse Scenen veranlassen,
die sich am Abend des ersten Ausstellunsrssonntags auf dem Stadt-
und 11 ingbahnhof Treptow abspielten, als das Gros der Ausstellungs-
besucher daselbst die Heimfahrt antrat. Wieder herrschte, so oft
ein Zug einlief, das so oft gerügte, wilde Drängen und Jagen
nach einem Platz, wieder regnete es Püffe und Kippenstösse in
Masse und abgerissene Kockschösse und heruntergetretene Damen
kleider waren in dem Chaos der „Platzstreiter- keine Seltenheit.
Weshalb? möchten wir fragen. All , die heimkehren wollten,
wurden heinibefördert und werden auch künftig heimbefördert
werden, und es wird weniger der Kraft der Ellbogen als einer
genügenden Dosis von Vernunft und Geduld bedürfen, um allen
FUhrlichkeiten dieser kleinen „Rückreise“ zu entgehen. Und kommt
es denn, wenn man schon viele Stunden dem so lohnenden Besuch
der Ausstellung gewidmet hat, wirklich auf eine halbe Stunde mehr
oder weniger an? Wer zu einer bestimmten Zeit nach Hause
kommen muss, fasse doch die Eventualität des Wartenmüssens
ruf dem Bahnhof in's Auge und verlasse das Ansstellungsterrain
dementsprechend früher. Jedenfalls wird er besser daran thun,
als sich unter die Masse der Unvernünftigen zu drängen und mit
Gefahr eines Rippenbruches oder Preisgebung seiner Garderobe
einen Platz im Coupee zu erkämpfen. Selbstverständlich,gilt dieser
wohlgemeinte Rath auch allen denjenigen, welche die Stadtbahn zur
Fahrt nach der Ausstellung benutzen: für sie liegt erst recht kein
Grund vor, sich um jeden Preis ihren Sitz im Coupee zu er
streiten.“
V
Noch nicht dagewesen! Berlin ist Weltstadt. Wer’g
noch nicht wusste, der merkt’s jetzt. Neulich war ich bei Meyer’s
zum Souper. Ich wartete vergebens darauf, dass meiiie holde
Nachbarin zur Rechten, ein Goldfisch und so schwarz wie die Nacht,
mich fragen würde, ob ich schon in der Ausstellung gewesen
wäre. Und als ich die Huldin zur Linken, eine hübsche Blondine,
aber arm wie eine sogenannte Kirchenmaus — die es gar nicht
giebt — in der Verzweiflung um ein Gesprächsthema, selber darnach
fragte, rümpfte sie das wunderliebliche Stumpfnäschen. Sie behandelte
mich fernerhin nur. noch als Provinzialen. Der richtige Berliner
lässt sich eben nicht imponiren, am wenigsten von den sogenannten .
»Mehl-Kutschen«. Oder ist es Powertee, dass diese herrlichen Gefährte
verschmäht werden? Zwei Reichsmark für eine Fünfzehnpfennigfahrt ist
selbst dem Hauseigenthümer, der als grosses E im Ädresskalender
stellt, »een bisken zu,happig«. , Doch genug! Der weltstädtische
Berliner ist nun einmal ebenso wie der Weltstädter des alten Rom;
(Nec nomen sit omen!) er hat das nil admirari mit der Muttermilch
oder vielleicht auch mit der verdünnten Kuhmilch eingesogen. Er
hält es für chik, noch nicht dagewesen zu sein, denn nur
das Nochnichtdagewesene hat in seinen Augen irgend welchen
sittlichen Werth, trotzdem Ben Akiba’s Wort, dass alles schon da
gewesen sei, auch liier einmal wieder zutrifft. Als Ausrede gilt:
Die Ausstellung sei ja noch nicht fertig. 0, meine Gnädigste!
Wenn Sie wüssten, wie viel und vielleicht auch wie Viele dort,
jetzt schon fertig sind, Ihre jungen Augen würden noch einmal
so gross werden wie sie es jetzt, schon sind. Also geniren Sie sich
nicht! Kommen Sie so bald wie möglich und sehen Sie sich an,
was Sie so bald nicht wieder sehen werden.
Die Aufstellung des Riesenfernrohrs, an dessen
überaus schwieriger Montage, seitdem alle Bestandtheile des hoch
interessanten Instrumentes nun eingetroffen sind, mit verstärkten
Kräften gearbeitet wird, kann trotzdem erst in ca. 14 Tagen
vollendet werden und wird dasselbe nun bestimmt am ersten Pfingst-
tage dem Publikum zugänglich werden,
V
Eine Sonderausstellung, die das Interesse unserer
Hausfrauen in hohem Maasse in Anspruch nimmt, ist die Mi Ich-
kost hallo gegenüber dem Hohenzollernschiff der Marineschauspiele.
Sie ist ein eeht volkstümliches Unternehmen, welches ungeteilte .
Anerkennung findet: Hier: sitzen die Gäste vor ihrer heissen oder
kalten Mild), auch Buttermilch und gemessen zu ihrem Brod Butter
und Käse, die vor ihren Augen bereitet werden. . An der Kasse
kann man Bons ä 10 Pfennige -lösen und erhält dafür am Buffet,
was: man wünscht, sodass man sich für 40 Pfennige durch das
Gesammtprogramm hindurchessen kann. Bedienstete, weibliche An
gestellte holen sich des'Morgens in allerlei Gelassen hier die Milch
zym Frühstück, aber.auch viele Herren haben den Muth, dem alten
Vorurteil, Milch ziemt sich nicht für Männer, kühn zu trotzen
und ihren Bart in die weisse Flüssigkeit zu tauchen. Heil ihnen!
Selbst Matrosen, denen man allgemein nachsagt, dass ihnen Rum
lieber sei als Bier, sitzen hier traulich im Kreise bei ihrer Milch,
und man wird nicht mit Unrecht vermuthen, dass sie sich hier
würdig zum Steuermanns- oder Lootsenberuf vorbereiten. Im
hinteren Theil des freundlichen, hellen Gebäudes ist ein Motor
aufgestelt, der eine Reihe von Maschinen für Milchbearbeitung,
Butter- und Käsebereitung bewegt. Apparate aller Art zur Prüfung
des Gehaltes der Milchsorten, zur Sterilisirung etc. sind auf den
Tischen zur Besichtigung aufgestellt. Vielen Frauen wird es Freude
machen, ihr Männchen hierherzusenden oder es zu begleiten, um
fernab vom sündhaften Treiben im nassen Viereck oder in den
Kneipen Alt-Berlins bei der Milch Erholung und Stärkung zu
finden; denn: »Milch trankst Du in erster Stund’, trink sie, bleibst
Du gesund!«
Der Besuch der Kolonial-Ausstellung hat sich in
den letzten Tagen derart gesteigert, dass Freitags fünf neue Kassen
aufgestellt werden mussten; die Tänze der Wilden finden vielen
Beifall, und das Wort des Kaisers: »Die Kolonial-Ausstellung wird
eine Haupt-Anziehungskraft der Berliner Ausstellung werden« erfüllt
sich also sehr rasch.
V !
Von der Binnen - Fischerei. Ein anziehendes und
interessantes Bild bietet die Ausstellung der Binnen-Fiseherei, die
durch 25 Aussteller aus allen Theilen Deutschlands, wie auch
durch grössere Berliner Fisch-Handlungen vertreten ist
Wir sehen in den zahlreichen Bassins nicht nur die bekannten
Fischarten unserer einheimischen Seeen und Flüsse, sondern auch
zahlreiche Fische, welche erst in neuester Zeit in unsere Gewässer
eingeführt sind.
Auch die sogenannte künstliche Fischzucht ist trotzt der vor
gerückten Jahreszeit sehr reichhaltig vertreten. Wir finden da
eben befruchtete Forelleneier; ferner solche, in welchen das jung«
Fischlein bereits deutlich mit blossem Auge zu erkennen ist,
sowie aucli junge gerade ausgeschlüpite Forellen und Lachse,
die völlig entwickelt sind. Der von allen Feinschmeckern so hoch
geschätzte Krebs ist in zahlreichen Exemplaren vertreten, und der be
kannte Krebshändlev Herr A. Micha liefert mit seiner Ausstellung
ein sehr anschauliches Bild der Entwickelung und des Wachs
thums der Krebse Unsere heutigen Fischhändler und Fischzüchtei
kennen jetzt eigentlich gar keine Schwierigkeiten des Transportes
mehr, auch die empfindlichsten Fischarten wissen sie auf die
weitesten Entfernungen hin zu transportiren. So führt Herr Hof
lieferant Lindenberg prachtvoll gefärbte Saiblinge des Fuschl-Sees
aus dem Salzkammergut und Sterlets aus Russland in zahlreicher,
Exemplaren vor. Die Fischzucht-Anstalt zu Bienenbüttel in Hannover
hat die so äusserst empfindlichen Nordsee-Sphnäpel gebracht; die
Kaiserliche Fischzucht-Anstalt bei Hüningen im Eisass sogar selbst
gezüchtete Blaufelchen des Bodensees. Als ein wahrer Triumph
der Versandkunst präsentirt sieh die von Herrn Bill Müller aus
Erfurt eingeführte stattliche Anzahl zarter Aeschen, die in völlig
unverletztem Zustande zu sehen sind.
Von bekannten Fisehsovten finden wir den Karpfen in seinen
wichtigsten Rassen vertreten. Die grösseren Fischzuchtanstalten
haben nicht nur unsere einheimische Bachforelle in zahlreichen
grösseren und kleineren Exemplaren berbeigebracht, sondern auch die
Kalifornische Regenbogenforelle, den amerikanischen Bachsaibling, die so
äusserst farbenprächtige Kreuzung des amerikanischen mit dem
europäischen Saibling, welche der erste Züchter, Director Haack-
Hüningen, Eisass - Saibling benannt hat. Die v. d. Borne’sche.
Fischerei-Verwaltung und andere Fischzüeliter lieferten die eben
falls aus Amerika eingeführten Forcllenlaehse, erstere ausserdem
Sgliwarzbarsche, Steinbarsche, Sonnenfische und Zwergwelse, sammt
lieh Fische, welche den meisten Besuchern wohl völlig unbekannt
sein dürften. ■
10 000 junge Aale aus der Mündung des Arno bei Pisa
füllen ein stattliches Zimmer-Aquarium; in zwei anderen Aquarien
sehen wir, welche Grösse die Aale nach einem oder zwei Jahren
erreicht haben. .
In einem kleinen . Eissehrank hat der Director der Kaiserlichen
Fischzucht-Anstalt bei Hüningen 'gegen. 30 000 Lachs- und eben
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