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Volume Nr. 22, 9. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Officieile Aussteüungs - Nachrichten. 
briefliche Anfragen, deren Zahl natürlich Legion ist, während der 
mündlichen, die von Herrn Siel off mit musterhafter Geduld und 
Ruhe beantwortet werden, nicht weniger sind. Er steht seinem 
Posten seit Verwirklichung der Ausstellungs-Idee, also seit 
Juni 1894, vor. 
Und nun kommen wir in die Räume des Arheits-Aus 
schusses, von wo die Feldherren dieser Beamtenarmee, die Herren 
Commercienrath Kühnemann, Landtagsabgeordneter Felisck 
und Geheimer Commercienrath Goldberger mit sicherem Blick 
und fester Hand das Ganze leiten. Was sollen wir noch zum Lobe 
der Männer sagen, die seit Jahren eine Arbeitslast tragen und eine 
Thätigkeit entwickeln, die geradezu bewunderungswürdig ist. Was 
haben sie nicht Alles durchgemacht, seit das kühne Project in die 
Oeftentlichkeit trat; welcher Energie bedurfte es, um die tausend 
fach auftauchenden Zweifel erfolgreich zu bekämpfen und endlich 
das Riesenunternehmen in Gang zu bringen! Die Entstehungs 
geschichte desselben ist noch in Aller Gedächtniss, und was hatten 
diese Männer zu kämpfen, die, nur erfüllt von rühmlichstem und 
wärmstem Lokalpatriotismus, sich voll und ganz einer Arbeit 
widmeten, die wahrhaft aufreibend war. Koch immer ist diese 
Arbeit eine kolossale und die vierzig Telephondrähte, die in den 
Sitzungssaal des Arbeits-Ausschusses laufen, wissen davon zu erzählen, 
was im Laufe des Tages Alles an die obersten Leiter unserer 
Gewerbe-Ausstellung herantritt. 
Heute freilich dürfen sie mit berechtigtem Stolz und voller 
Genugthuung auf ihr Werk blicken, das der Stadt Berlin zu 
höchstem Ruhme gereicht und den Namen der deutschen Haupt 
stadt wieder ehrenvollst in aller Welt erklingen lassen wird. Hat 
sie doch unter der Führung der Männer vom Arbeits-Ausschuss der 
Berliner Gewerbe-Ausstellung gezeigt, was sie auf dem Gebiet von 
Handel und Industrie leisten kann und welche rapiden Fortschritte 
sie auf diesem Gebiet gemacht hat, auf dem sie heute mit allen 
Nationen erfolgreich in friedlichen Wettkampf eintreten kann. 
Fritz Brentano. 
Die Berliner Giebelreclamen. 
Von Dr. Karl Thiess. 
[Abdruck untersagt ) 
Ein völlig neuer Enverbszweig, der dem Fremden sofort in 
die Augen springt, an den sich aber der Berliner auffallend schnell 
gewöhnt hat, ist in den letzten Jahren in Berlin entstanden: die 
Anbringung von Giebelreclamen. Vor noch nicht 10 Jahren, ich 
dächte im Jahre 1889, begann der »Berliner Lokal-Anzeiger«, eine 
Reihe von weithin sichtbaren Giebelwänden mit Abonnements- 
Einladungen in himmelblauer Farbe bemalen zu lassen. Aber diese 
Arbeit blieb nicht ungestört. Alle Gewohnheitsmenschen in Berlin 
zeterten über die Verletzung ihres Schönheitssinnes. Man rief nach 
Polizei, und diese erschien auch, um die eigenartige Reclame zu 
unterdrücken. Es wurde der Grundsatz aufgestellt, dass nur die in 
einem Hause wohnenden Geschäfte Reclame-Inschriften an dem Hause 
anbringen dürften. 
ln welcher Weise dieser polizeiliche Widerstand überwunden 
worden ist, weiss ich nicht. Jedenfalls aber hat er die Ent 
wicklung nicht aufgehalten. Schon in nächster Zeit konnte man 
von der Stadtbahn aus die Reclamen mehrerer Chocoladefabriken 
sehen. Dann aber ging die Entwicklung schnell voran. Die 
Branche der Schrift- und Schildermaler griff den neuen Erwerbs 
zweig aut und gestaltete ihn in ganz eigenartiger Weise aus. 
Anfangs hatten die Geschäfte, welche die Inschriften anbringen 
liessen, die Erlaubniss, die Wandfläche dazu zu benutzen, er 
worben und einen Maler für diese Arbeit angenommen. Bald aber 
begannen einzelne Firmen ihrerseits ganze freistehende Giebel- 
flächen zu diesem Zwecke zu miethen, und alsdann Bestellungen von 
Geschäften, Theile dieser Flächen für sie zu bemalen, aufzusuchen. 
In der kurzen Zeit ihres Bestehens Italien diese Geschäfte 
schon eine ziemliche Routine erworben. Bei jedem Strassendurch- 
brnch, bei jeder Erweiterung sind sie sofort bei der Hand, die 
frei werdenden kahlen Flächen zu miethen, d k dann bald in voller 
greller Farben- und Bilderpracht erglänzen. Hässliche, winklige 
Lücken, die durch den Abbruch zum Vorschein kommen, werden 
dnicli die Leclameünneu mit I einwand oder Blechflächen verdeckt , „ 
und geschlossen, so dass auch die Baumeister und Hausbesitzer 
mit dieser Wirksamkeit ganz zufrieden sein können. 
In dieser Branche giebt es etwa 3 bis 4 mittlere Geschäfte 
mit je 20 bis 30 Arbeitern, dazu mehrere kleinere mit durch 
schnittlich 8 bis 12 Arbeitern. Die Chefs sind nicht sämmtlich 
Maler. Es haben sich auch Fabrikanten von Glas- und Metall 
schildern dieses Erwerbszweiges bemächtigt und betreiben ihn mit 
Erfolg. Im Frühjahr 1894 hat man auch den Versuch gemacht, 
eine Actiengesellschaft für Giebelmalerei zu gründen. Der Zweck 
war augenscheinlich der, grössere Capitalien aufzubringen, um die 
passendsten Wandflächen allesammt sofort zu miethen und so 
gewissermaassen die ganze Branche zu monopolisiren. Doch ist die 
Gesellschaft wieder eingegangen, ohne seihst gearbeitet zu haben. 
Diese ganze Art der Reclame wird, nach ihrer eifrigen Benutzung 
zu Schliessen, von rührigen Geschäftsleuten als ein grosser Fortschritt an 
gesehen. Freilich birgt sie ein gewisses Risico in sielt. Man kann in 
Berlin öfter beobachten, dass, wenn eben eine freistehende Wand 
auf’s schönste bemalt worden ist, der Besitzer des Nachbargrund 
stücks urplötzlich Lust bekommt zu bauen, und mit seiner Brand 
mauer erbarmungslos die schönsten Gemälde zudeckt. Wer zwischen 
Lehrter Bahnhof und Friedrichstrasse ans der Stadtbahn fahren 
muss, der erinnert sich wohl der Wandfläche, wo eine lustige Ge 
sellschaft ein langes, langes Placat trug, auf dem Name und Firma 
des betreffenden Malers verzeichnet war. Bald nachdem das Bild fertig 
war, wuchs daneben ein Neubau aus der Erde, und jetzt sieht 
man nur noch die letzten der Träger, die ihren Gefährten in das 
dunkle Mauerloch nachzugehen scheinen. ' ■ ■ 
Das ist noch nicht die einzige Sorge der Unternehmer. Vielen 
Aerger machen ihnen auch die Eisenbahnbehörden. Gerade an den 
Eisenbahnen liegen oft geeignete Seiten- und Hinterwände, die gern 
für die Giebelreclamen benutzt werden. Doch bedarf es zur Anbringung 
der Gerüste, wenn diese über dem Bahnkörper schweben, behördlicher Er 
laubniss, und die Eisenbahnbehörden sehen sich in solchen Lagen 
bisweilen als die berufenen Wächter eines edleren Geschmacks an, 
und erlauben wohl zum Anstreichen, nicht aber zum Bemalen der 
Wände die Anbringung der Gerüste. Der Nachweis, dass das nicht 
ihres Amtes ist, macht dann erhebliche Schwierigkeiten. 
Aber solche kleinen Schwierigkeiten können den raschen Fort 
schritt der Branche nichts aulhalten. Sie bietet ein interessantes 
Beispiel, wie sich das moderne Bedürfniss nach RecLvme Bahn bricht. 
Sie bietet weiter auch ein für den Gewerbepolitiker bemerkens- 
werthes Bild. Während man sonst die nen entstehenden Betriebs 
zweige vielfach von vorn herein für Domainen des Grossbetriebs 
hält, sehen wir, dass diese Thätigkeit nicht vom Grossbetrieb, der 
auch im Malergewerbe schon recht ausgeprägt vorhanden ist, son 
dern vom handwerksmässigen Kleinbetrieb erschlossen ist, und dass 
die Handwerker sich durch Rührigkeit, Geschick und Kunstfertigkeit 
bis jetzt neben dem mehr capitalistischen, kaufmännischen Mittel 
betrieb behaupten. 
Der Betuch der Ausstellung war gestern (Freitag) sehr 
stark, cs war wohl der stärkste, den die Ausstellung seit ihrer 
Eröffnung zu verzeichnen hatte. Jedenfalls ist es sehr erfreulich, 
dass mit Beginn der guten Witterung die Zahl der Besucher so 
rasch zunimmt. 
V 
Der bevorstehende Sonntagsverkehr in der Aus 
stellung wird bei dem schönen Wetter natürlich auf der Stadtbahn 
einen ungeheuerlichen Andrang durch das Publikum herbeiführen. 
Wir geben daher der nachfolgenden, an uns gelangten Zuschrift Raum, 
deren Beachtung den Ausstellungsbcsuehern grossen Vortheil bringen 
würde: 
,,Ja, wenn Sie mir mit Vcrnunftgründen kommen!“ sagt der 
Berliner mit Vorliebe und das ist keine leere Redensart; denn, 
wenn der Spree-Athener auch im Allgemeinen eine streitbare
	        
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