Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officieüe Äussteüungs-Nachrichten. 9
über ein Mittagessen dünken, bei dem es nichts giebt als Schell
fisch und Kartoffeln, thun dem Fisch, mehr aber noch sich selbst
schweres Unrecht. Wir, die wir an unserer friesischen Heimaths-
küste oft drei bis viermal wöchentlich Fische assen, wir wissen ihn
zu schätzen, und wer die Küstenfischer kennt, wird uns zugeben,
dass die Leute körperlich ganz tüchtige Leute sind.
Dem Schellfisch gleich an Wohlgeschmack steht die
Scholle. Während der Schellfisch hauptsächlich ein Koch
fisch ist, wird die Scholle gebraten und giebt so ein
äusserst delieates Gericht. Weniger bekannt sind der
Knurrhahn, der Kochen, der auf allen holländischen Fisch
märkten zu den begehrtesten Artikeln gehört, der Seehecht, ein
Verwandter der Kabliau, und der Heilbutt, der Kiese unter den
Plattfischen. Mehr bekannt ist der Dorsch oder, wie der jüngere
Dorsch genannt wird, der Kabliau. Er ist ein Kochfisch und
sehr wohlschmeckend und zart.
Alle diese Fische werden in der Fischkosthalle täglich
frisch vor den Augen des Publikums zubereitet und zum ungefähren
Selbstkostenpreis abgegeben. Um den Aufenthalt dort noch an
genehmer zu machen, wird eine Militair-Kapelle täglich in der Halle
mehrere Stunden spielen. Augenblicklich lässt dort die Kapelle
unserer »blauen dun gen s« der II. Matrosen - Division, unter
Leitung des bekannten Dirigenten J. Pott, ihre melodischen
.Weisen ertönen. Es ist das dieselbe Kapelle, die den
Kaiser auf der Reise nach Italien begleitete und die mit so jubeln
der Begeisterung überall, wo sie in Italien öffentlich spielte —
es geschah das zum Besten des »Rothen Kreuzes« für die Afrika-
verwundeten — aufgenommen wurde. Auch hier haben ihre echt
künstlerischen Leistungen der Kapelle schon in früheren Jahren
viele anhängliche Freunde geschaffen.
Mit dem heutigen Sonnabend ist die Fischkosthalle ofßciell
dem Verkehr übergeben. Möge das grosse Interesse, das die be
rufenen Kreise den Bestrebungen des Deutschen Seefischerei-
Verein entgegenbringen, durch diese praktische Demonstration
eine neue und nachhaltige Förderung erhalten!
Karstensen.
Ein Gang durch das Central-Verwaltungs-Gebäurie
der Ausstellung.
[Abdruck untersagt ]
»Arbeit ist des Bürgers Zierde — Segen ist der Mühe Preis!«
Dieses Wort des Dichters prangt an dem Hauptportal unserer
Ausstellung, das gleichzeitig den Eingang zu dem Central-Verwaltungs
gebäude derselben bildet. Und wenn es sich auch diesmal, wie so
oft schon, bewahrheitet, wenn hier Segen der Mühe Preis wird,
dann darf den Schöpfern des Riesenwerkes und ihrer Mitarbeiter
schaar nicht bange um den Erfolg sein. Denn die Arbeit war und
ist noch heute eine gewaltige. Die Insassen des Verwaltungs
gebäudes wissen eine Geschichte davon zu erzählen, was es heisst,
eine Berliner Ausstellung zu schaffen.
Es ist kein besonders auffallendes Gebäude. Viele halten es
für einen einfachen Durchgang. Und doch ist es das Herz des
Grossen und Schönen, das da weithin leuchtend und funkelnd vor
uns liegt. Von ihm aus geht der kräftige, allesbelebende Puls
schlag des Ausstellungswerkes, die treibende Blutwelle des Ganzen.
Treten wir, nachdem wir uns durch die dichte Schaar, die
den Eingang allzeit umlagert, Platz gemacht haben, ein und begehen
uns auf einen ebenso unterhaltenden, wie belehrenden Rundgang.
»Betriebs-Inspection« lautet die Aufschrift der ersten Thür
und, sobald wir diese überschritten haben, erhalten wir gleich einen
kleinen Begriff von dem Arbeitsfeld, das in diesem Hause
bebaut wird. Herr Betriebs - Inspector Huster führt auf
diesem Gebiet das schneidige Commando und als seine Adjutanten
fungiren die Herren v. Keller und Leitloff. Sie sind es, die
die ganze Kartenausgabe und deren Kontrole leiten und wenn man
erfährt, dass etwa 20 verschiedene Arten von Karten zur Vertheilung
gelangen, dass täglich viele Hunderte von Bestellungen, Gesuchen, Be
schwerden, Reclamationen einlaufen und prompt erledigt werden,
dann wird man begreifen, dass dies schon der Arbeitsfülle genügend
ist. Allein diesen Beamten untersteht auch die Feuer-Versicherung
der Ausstellungsgegenstände und die Ausfertigung der betreffenden
Einlieferungsscheine, das Fundbureau mit seinen zahlreichen, münd
lich und schriftlich zu erledigenden Anfragen, endlich aber noch
die Vorbereitungsarbeiten für die Lotterie, für welche allein
100 000 Gewinne anzukaufen und einzutragen sind. Dass Herr
Iluster, der all dies in letzter Instanz zu entscheiden und zu
begutachten hat, nicht einen Augenblick zur Ruhe kommen kann,
bedarf wohl keiner besonderen Betonung.
Ebenfalls im Parterre befanden sich bis gestern die jetzt
in das Chemiegebäude verlegten Bureaux der Architekten
Griesebach, Schmitz und Hoffackcr. Was sie. seit die
Idee unserer Ausstellung greifbare Gestalt gewann, geleistet haben,
ist bekannt; immer und immer wieder muss aber die Arbeits
kraft des letzteren Künstlers besondere gerühmt werden. Trotz seiner
Verpflichtungen als Vorsitzender des Kunstgewerbe - Vereins und
seiner Arbeiten in der Landes-Ausstellung widmete er sich den
grossen Werk mit einem Feuereifer und emer persönlichen Hin
gäbe, die nicht hoch genug gepriesen werden kann. All sein
reiches Wissen und Können stellte er in den Dienst dieser Sache
und, wer Gelegenheit hatte, das umfassende Walten des immer
liebenswürdigen Künstlers auf dem Bauterrain zu beobachten,
wird einen Begriff davon bekommen haben, bis zu welchem
Grade die körperliche und geistige Spannkraft des Menschen
dehnbar ist. Als Vertreter der Architekten fungirt gegenwärtig
Herr Schönknecht, dem auch heute noch ein reiches Arbeitsfeld
zubemessen ist.
Wir gelangen nun in das Bureau der Elektrotechniker,
denen jetzt gerade noch die Lösung einer der umfassendsten und
schwersten Aufgaben obliegt, und von da znm Propaganda-Bureau,
dessen erster Leiter Herr Bacharach ein Arbeitsgebiet beherrscht, da?
die dauernd angestrengteste Thätigkeit in Anspruch nimmt —
eine Thätigkeit, deren Erfolg für das Prosperiren dei
Ausstellung von einschneidendster Bedeutung ist. Von diesem
Bureau aus wurden unter Anderem hunterttausendc von Plaeaten
nach allen Weltgegenden verschickt und ist der Geschäftsbetrieb
desselben jedenfalls bis zum Schluss, der Ausstellung einer der
regsten und umfassendsten.
Das auch im Erdgeschoss liegende Bureau der Platz-
Inspection ist das Departement des Heren Corvetten-Capitain a. D.
Heyn. Ihm untersteht der ganze Kontrol-, Sicherheits- und
Nachtwachdienst der Ausstellung. Hatte er früher seine Mannschaft
auf dem verhältnissmässig beschränkten Baum eines Schiffes vereinigt, so
ist sie jetzt auf dem kolossalen Ausstellungstcrrain verstreut, denn
er commandirt die Aufseher, Portiers und Nachtwächter, eine Schaar
die 150 Mann stark, von ihm in strammer Zucht gehalten wird
Verlassen wir die Parterreräume, in denen eine fast be
ängstigende Thätigkeit, ein stetes Kommen und Gehen herrscht und
begeben wir uns eine Treppe hoch. Hier befindet sich zunächst
das Bureau der Ingenieure, die geistige Werkstätte der Herren
Kühnemann jun., dem das Maschinenwesen und die Gasanlagen
sowie des Ober-Ingenieurs Heren Gesten, dem alle Wasseranlagen
(Fontainen, Cascaden, Wasserfälle etc.) unterstellt sind. Als seine in
geniöseste Arbeit darf die Enteisenungs-Anlage bezeichnet werden,
die dazu dient, dem Wasser im Fischereigebäude den Eisengehalt
zu entziehen und so das Fortkommen von Lebewesen in demselben
zu ermöglichen.
In der Hauptkasse waltet der Kassencurator Herr Lcmcke,
ein Kassenbeamter und Vertrauensmann ersten Ranges. Wir beneiden
ihn um die Summen, die durch seine Hand gingen und noch täglich
gehen — ihn lassen sie jedenfalls kalt, denn er wirft mit den
Tausenden mit einer Gleichgiltigkeit um sich, die beweist, dass ihm
die lieblichen, vielbegehrten grauen Scheine längst schon alte, ver
traute Bekannte sind. Unterstützt wird er von dem tüchtigen
Kassenhuchhalter Herrn Gallinek.
Auch die nebenliegende Buchhalterei ist ein interessanter
Arbeitsraum, freilich am wenigsten berührt vom Lärm des Tages
Hier prüft der Hauptbuchhalter Herr Günther unter Anderem auch
alle einlaufenden Baurechnungen, eine Arbeit, die zu den schwierigsten
und zeitraubenden gehört. Reger Verkehr herrscht in den Räumen
der Geschäftsstelle, in denen Here Sieloff als Bureauchef eines
Amtes waltet. Er nimmt die ganze Correspondcnz und die täglichen
Eingänge zählen nach vielen Hunderten — in Empfang und vertheilt
sie an die verschiedenen Ressorts; durch seine Hand gehen alle
Anträge wegen Beschickung der Ausstellung, Beschwerden und
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