Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

8 Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
wurden so viele Nachahmungen dieses Originals geschaffen, dass
die Erfindung fast vollständig ruhte. In der letzten Zeit nun hat
sieh die Phantasie der Erfinder endlich wieder geregt und die
Industrie bringt jetzt eine Reihe von mechanischen Spielwaaren,
von denen manche wegen ihrer geistreichen Construction wirklich
Bewunderung verdienen Viele dieser Sächelchen sind direct
Producte des Zeitalters der Naturwissenschaften, denn sie konnten
nur auf Grund genauer Kenntniss der physikalischen Gesetze con-
struirt werden. Zu diesem wirklich interessanten Spielzeug gehören
z. B. die Wasserkreisel, die in’s Wasser gestellt, eine kleine
Fontaine bilden, ferner die Schleuderkreisel, die nach Art
der fliegenden Schrauben zur Decke emporgeschleudert, den
überraschenden Anblick bieten, dass sie sich auf der Zimmerdecke
ebenso bewegen, wie die gewöhnlichen Kreisel auf dem Fussboden;
dann das Lampencarrousel, das, auf den Cylinder der brennenden
Lampe gestellt, sich durch die Einwirkung der Wärme zu
bewegen beginnt u. s. w.
Bei einfacheren Spielwaaren, bei denen die Grundformen fest
stehen, giebt sich das Bestreben kund, theils durch feine, gefällige
Ausführung, theils durch auffallende Grössenverhältnisse den Eindruck
der Neuheit hervorzubringen. So sehen wir z. B. die bekannte
Kinderpistole, zu der die sogenannten »Knallbriefe« verwendet
werden, fast bis zur Grösse einer Flinte ausgestaltet. Diese Kinder
waffen — die, nebenbei bemerkt, zu den billigen Spielwaaren ge
hören — sehen sehr hübsch aus und sind für ihren Zweck sogar
mit grosser Sorgfalt und bestem Geschmack hergestellt. Daran schliesst
sich ein Spielzeug, welches weit in die Zeit vor Erfindung der
Streichhölzer zurückversetzt: ein Feuerzeug mit Stahl, Feuerzeug
und Lunte, ausgeführt mit den Mitteln der modernen raffinirtenTechnik.
Manches Neue und Interessante ist auf dem Gebiete der Be
schäftigungsspiele vorhanden. Dem sehr geistreich ausgetüftelten
»Fachwerk-Baukasten« Schliessen sich andere Beschäftigungsspiele
an, u. A. die Mal- und Tapisseriesachen, die mit ihren Vorlagen eine
regelrechte Schule der Vorbildung des Kunst- und Farbensinnes der
Kinder bilden.
Alles in Allem ist die Ausstellung der Spielwaaren zwar klein,
aber interessant und belehrend, denn in ihrer Gesammtheit bietet sie
eine treffliche Uebersicht über die besten Leistungen der deutschen
Spielwaaren-Industrie. Gerhard Stein.
Die Eröffnung der Fischkosthalle des „Deutschen
Seefischerei-Vereins.“
[Abdruck untersagt.]
Ueberaus zahlreich sind die Vereine und Veranstaltungen, die
in der Hebung der Volkswohlfahrt ihren Zweck suchen, und seit
zwei Jahrzehnten ist auf dem Gebiete der Hygiene und der Volks
bildung wirklich Hervorragendes geleistet. Der wichtigsten Frage,
der Nahrungsmittelfrage, haben andere Vereine sich zugewendet,
und von diesen Vereinen ist der »Deutsche Seefischerei-
Verein« in seinen Erfolgen und in seiner Verbreitung der vor
nehmste.
Der »Deutsche Seefischerei-Verein« stellt es sich im
Wesentlichen zur Aufgabe, einestheils die Hochseefischerei, die von
Deutschland aus noch lange nicht in dem Maasse betrieben wird,
wie in national-ökonomischer Hinsicht wünschenswcrth ist, zu heben,
und andererseits dem Consum von Seefischen im Inlande neue
Wege zu eröffnen. Wir wollen uns heute hier darauf beschränken,
über seine Thätigkeit auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung
zu berichten, soweit sie sich darum dreht, dem grösseren Publikum
zu zeigen, wie sehr empfehlenswert!! in jeder Beziehung der See
fisch als Nahrungsmittel ist.
Mit schönen und ausführlichen Statistiken über den Nährwerth
der Seefische, mit anschaulichen Tabellen über den Proteingehalt
der verschiedenen Arten ist da wenig zu erreichen. Das grosse
Publikum liest diese Berechnungen kaum, uud von denen, die sie
lesen, sind sich die Wenigsten klar darüber, was sie gelesen. Das
ist dem »Deutschen Seefischerei-Verein« nicht neu, und deshalb
hat er den praktischsten Weg gewählt, um dem Binnenlande, das
wenig oder nichts von Seefischen versteht, zu zeigen, wie vorthcil-
haft und wohlschmeckend die Fischnahrung ist. Der Verein hat
nämlich auf der Ausstellung ein Restaurant eingerichtet, in dem
täglich die verschiedensten Arten von Seefischen zubereitet und zu
denkbar billigstem Preise — 30 bis 40 Pfennige eine vernünftige
Portion — verabreicht werden. Der Verein selbst verfolgt keine
commerciellen Interessen.
Diese Fisckkosthalle liegt im Nordpark an der Spree neben
dem Fischereigebäude. Es ist ein luftiger Zeltbau, der etwa fünf
hundert Personen Platz bietet und mit mächtigen Netzen, — »trawls«
oder »Kurre« nennt sie der Fachmann, — Booten und Schiffsmodellen
in geschmackvoller Weise dccorirt-- ist. An der Nordseite fesseln
den Beschauer zwei grosse Gemälde, das eine die sorgfältige bild
liche Darstellung des neuen Fischereihafens in Altona, das andere
ein überraschend lebensvolles Diorama der Hochseefischerei. Letzteres
Gemälde, das Händler und Rheder aus vereinten Mitteln von den
bekannten Düsseldorfer Marinemalern Carl Becker und Gustav
Wendling anfertigen liessen, zeigt einen Fischdampfer in voller
Thätigkeit. Der Beschauer sieht den Dampfer von einem schiffs-
artigen Bau, der die Illusion erweckt, als ob man den Fischer
von einem vorbeifahrenden Dampfer bei seiner Thätigkeit beobachte.
In der Mitte der Halle ist eine ganz besonders »geschmack
volle« Ausstellung, nämlich von geräuchertem Störfleisch, Aal, Lachs,
Sprotten und dergleichen Herrlichkeiten mehr. Da haben Erzeug
nisse der E ekernförder Fischereien einen Platz gefunden und
stolz prangt über ihrem Aufbau der. Spruch:
„Sonst licet dat Kieler Sprotten, Kappeier Buckeln,
„Uns liiddc Stadt ktinn wahrlieh nicks dorför,
„De Tiid is hen! In Dütsehland und veel wider
„Sünd weltbekannt nu Sprotten un ook Eckernför.
»Frisia non cantat«, wer das noch bezweifelte, dem hat der
Barde, der zu diesem Hymnus auf die Eckemförder Sprotten so
gewaltig in seine Leyer geglissen hat, hierüber Gewissheit gegeben.
Aber wenn Friedland nicht singt, so räuchert es doch, und ein
gutgeräucherter Sprott, wenn er nicht allzu allein auftritt, ist immer
noch besser, als ein ganzer Band Gedichte —- Eckemförder
natürlich.
Ja, die Eckemförder Sprott sind gut, und wir sahen einen
braven Bürger fast Thränen vergiessen, weil er wegen übergrosser
Sattigkeit nicht mehr davon vertilgen konnte; aber neben den ge
räucherten und marinirten Fischen sind es doch hauptsächlich die
frischen Seefische, die unser Interesse beanspruchen.
Der »Deutsche Seefischerei-Verein«, der überdies oft
mit dem »Deutschen Fischerei-Verein« verwechselt wird, hat
nun zur täglichen Beschaffung von frischen Seefischen
wirklich bedeutende und anerkennenswerthe Vorkehrungen ge
troffen. In den vier grossen Hauptausgangshäfen für Hoch
seefischerei, nämlich in Hamburg, Altona, Geestemünde
und Bremerhaven haben sich Comites gebildet für täglichen An
kauf. Beeidigte Auctionatoren beschaffen das nothwendige Quantum
und in vier besonders für die Berliner Gewerbe-Ausstellung
gebauten Kühlwagen werden die Fische in grösster Schnelligkeit
nach hier geschafft.
Diese Kühlwagen, alle vier nach verschiedenen Systemen ge
baut, sollen hierbei auf ihre praktische Brauchbarkeit geprüft werden
um dann, je nach dem sie sich bewähren, stetig für die Zufuhr
von frischen Seefischen nach Berlin benutzt zu werden'. Das
Ministerium für öffentliche Arbeiten, zu dessen Rayon die Eisen
bahnen gehören, hat sich dieser wichtigen Frage in anerkennens
wert!! wohlwollender Weise gegenübergestellt, und das ist von hervor
ragender Bedeutung für die deutsche Hochseefischerei, deren Er
zeugnisse ohne eine schnelle Beförderung werthlos sind. Ganz be
sonders ist dies dem Eifer des »Seefischerei-Verein«, insbeson
dere seines Vorsitzenden, des Königlichen Klosterkammer
präsidenten Dr. Herwig und des unermüdlichen Dr. Ehren
baum, der ganz in seinem »Fischerei-Verein« aufgeht, zu
verdanken.
Von den Seefischen, die infolge ihres hohen Nährwerths, ihrer
ausserordentlichen Billigkeit und ihres wirklich vorzüglichen Ge
schmackes den ersten Platz einnehmen, ist der bekannteste der
Schellfisch. In Hamburg, Bremen und in anderen Seestädten
ist er schon längst ein unentbehrlicher Bestandtheil der wöchent
lichen Tischkarte geworden. Der Aermste ebenso wie der Reichste
wissen ihn wohl zu schätzen und Hunderttausend«; von Centnem
werden jährlich an Schellfisch eonsumirt. Die Leute im Inlande,
die Fisch nur als Vorgericht kennen und sich ziemlich erhaben
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