Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officselle Äusstellungs- Nachrichten. 13
Ueberhaupt gehört dieses Original -zu den glücklichsten Menschen,
denen man nichts übel nehmen kann. Ob er einen soeben reit
seiner Dame eintretenden, eleganten Herrn als > Baron von Hammer-
stein« und dessen Begleiterin als »Frl. Flora Gass« den anwesenden
Gästen vorstellt, ob er einer Gesellschaft von Officieren in Civil
zuruft: 3Meine Herren, Sie haben genug getrunken, machen Sie,
dass Sie raus kommen •, ob er neueintretende Gäste mit der ver
blüffenden Frage empfängt: »Giebt's denn keine andere Kneipe in
ganz Berlin, dass Alle in's Bauern-Museum kommen müssen?«
oder ob er andere Gespräche mit seinen Gästen führt, man lacht,
man freut sich der Urwüchsigkeit seines Wesens. Als Erklärer
seines Museums geniesst Herr Kaufmann ganz besonderen
Ruf. Mit langem Stock bewaffnet, geht er zeigend und er
läuternd von einem Gegenstand zum andern durch das ganze
Lokal. Man muss ihn sehen und hören, wenn er als -neueste
Photographie mit den Röntgen-Strahlen < einen Todtenkopf zeigt,
wenn er einen Menschenfresser von der Glanzwichsinsel bei Perle
berg vorführt, oder ein »Fläschchen mit egyptiseher Finsternisse,
einen »Vogelbauer von Heinrich dem Vogler«, -ein Paar Ballschuhe
aus dem Nachlass der Eidrinka-, dem »Besen, mit welchem die
Jungfrau von Orleans nie wieder kehren wird«, einen »eigenhändigen
Tintenklex Alexander des Kleinen von Serbien * und hundert
andere ähnliche Gegenstände zeigt und erklärt. So jagt hier —
man kann die abgebrauchte Phrase einmal wörtlich nsinnen — ein
Witz den andern, und wenn wirklich mal der Herr Museumsdirector
schwänzt, dann tritt sein Ober-Famulus an seine Stelle und in
seine Fusstapfen. Hier fühlt sich Jeder wohl und heimisch, der
Spass versteht und Spässe lieht, der das glückliche Talent besitzt,
für eine kurze Spanne Zeit des Lebens Sorgen zu vergessen und
einzig und allein die gute Laune und den Frohsinn walten zu
lassen. K.
V
Der Festzug der Künstler wird, begleitet von drei
Cavallerie- und einem Infanterie-Musikcorps, am Sonnabend Mittag
1 Uhr in der Ausstellung eintreffen. Nach zweistündiger Rast
beginnt alsdann um drei Uhr das Fest in Alt-Berlin. Ein ge
meinsamer Rundgang durch seine Strassen leitet es ein. Auf dem
Marktplatz wird Fräulein Poppe in einem Prolog die Gekommenen
begrüssen. Sodann zwangloses Tafeln in den verschiedenen Wirth
schaften Alt-Berlins. Auf offenem Markte werden am Spiess Rehe
gebraten, die ein Jagdzug eingebracht. Nach der Tafel geht im
Theater das »Ringelstechen •< in Scene, worauf die Tombola in
Thätigkeit tritt. Nach der Verloosung beginnt der Ball. Um 10 Uhr
Abends wird dann auf dem Karpfenteich die phantastische Wasser-
pantomime beginnen, nach deren Schluss ein nach Bücklin gestelltes
lebendes Bild das Fest beenden wird.
Wintergarten des Gewerbe-Ausetellungs-Hotel
hörnt sich etwas langatbmig eine neue Specialiiätenbühne, die der.
Direetor des National-Theathers Herr Max Samst, in dem Aus-
stellungs-Hötel an der Treptower Chaussee eröffnet hat. Ein
grosses, freundliches Lokal, eine hübsche Bühne und, was die
Hauptsache, ein sehr gutes Ensemble sind die Vorzüge des neuen
Unternehmens. Man giebt zwei nette Einakter, in denen die
bekannte temperamentvolle Soubrette Frl. Jenny Schmidt erfolg
reich wirkt, während vor und nach den Stücken Specialitäten auf
treten, die gut, thoihveise vorzüglich sind. AIs »Star« bewährt
-ich der sogenannte Dynamitmensch Mr. Hüll, der Mann mit dem
eisernen Kopf, der bereits früher im Panoptikum Aufsehen erregte
und selbst von Professor Virehow als Phänomen erklärt wurde.
Aus dem grossen Personal seien noch die Gymnastiker freies
Greffieb, die Costümsoubrcttc Margot Eiberg, die Duettistinnen
Geschwister Tilly und die Humoristen Maikowski und Mitteil
hervorgehoben. Da auch die Leistungen des Restaurants dem Ge
schmack des Publikum entsprechen, ist der Besuch dieses -sommer
lichem Wintergartens ein recht lohnender.
Die Vorstellungen des American-Theaters im
Vergnügungspark der Berliner Gewerbe - Aus
stellung werden am Sonnabend, !). Mai, bei voller elektrischer
Beleuchtung Nachmittags 0 Uhr beginnen.
V
Der Riesen-Fesselballon wird seine erste Auffahrt am
nächsten Sonntag vornehmen, nachdem am Sonnabend die üblichen
Probefahrten vorgenommen werden. Zur Zeit ist der Ballon zur
Hälfte gefüllt. Die Schwierigkeiten, welche sich anfangs der Füllung
entgegenstellten, sind jetzt überwunden. Der Ballon wird nur bis zu eines
Höhe von 400 m hoch steigen, dennoch dürfte diese Höhe unsere
höchsten Berliner TImnnspitzen bei Weitem übertreffen. Die höchsten
Berliner Thürme sind bekanntlich die der Kaiser Wilbelm-
Gedächtnisskirclie (113 in) und der Petrithurm (107 m). Der
Ballon, dessen Tragfähigkeit bis auf 200 Centner gesteigert wurde,
kaun eventuell mit 35 Personen aufsteigen. Der Korb hat ein
Gewicht von 10 Centnern. Zur Füllung werden 300 Sandsäcke
im Gewicht von je 35—40 Kilo verwendet. Die polizeiliche Ab
nahme erfolgt Sonnabend.
V
Der Arbeite-Ausschuss der Deutsches Kolonial-
Ausstellung hat Herrn und Frau Ollendorf, die sich um die
Förderung dieser interessanten Sonderausstellung ein grosses Verdienst
erworben haben, mit kunstvoller Handmalerei gezierte Ehrenkarten
überreichen lassen.
b) In Berlin.
Oie Jubiläums-Ausstellung.
i.
[Abdruck untersagt.}
Während im Park zu Treptow die Berliner Industrie und dir
Gewerbe ein Ehrenjahr feiern, hat auch die bildende Kunst der
Reichshauptstadt aus Anlass des zweihundertjährigen Bestehens der]
Akademie eine Jubel-Ausstellung veranstaltet. Auch sie soll Zeugnis^
ablegen, was Berlin als schaffende Kunststadt an sieb und als
Sammelpunkt deutscher Interessen vermag. Die Besucher Berlins w erden
gleichermaassen der Gewerbe-Ausstellung wie der Kunst-Ausstellung ihre
Aufmerksamkeit widmen; weist doch auch innerlich immer das Eine
auf das Andere hin. Aus dem Handwerk, aus dem Gewerbe ist
die Kunst hervorgegangen, und der Streit ums «Handwerk in
der Kunst« war zu keiner Zeit lebendiger als gerade jetzt. Und
wie viele Gewerbe verdanken umgekehrt ihr Blühen, ihre Fähig
keit, im allgemeinen Wettbewerb zu bestehen, dem Einfluss eines
künstlerischen Geschmackes, der ihre nützlichen Werke vor anderen
heraushebt, das Auge und den Sinn erfreut und befriedigt! Im
Gefühle dieses innersten Zusammenhanges der Kräfte und der
Interessen soll auch die Gemälde-Ausstellung im Parke am Lehrter
Bahnhof an dieser Stelle eingehender gewürdigt werden. Es werden
sich mancherlei Gesichtspunkte ergeben, welche das Zusammen
wirken der Kunst mit den Gewerben und lndustrieeu zu nutz
bringender Betrachtung werthen.
England, Amerika, Russland, Italien und Frankreich, die
skandinavischen Länder, Holland und Belgien, Spanien und Portugal
haben neben den deutschen Kunststädten ihre Kunstwerke nach
Berlin gesendet. Eine grosse Musterung des europäischen Kunst
schaffens ist ermöglicht; die Juroren der einzelnen Ländcrgrnjipch
haben nach ihren dermaligen Anschauungen das ausgewählt, was
die Kunst ihrer Länder zu repräsentiren am Besten geeignet er
scheint. .Schon ein rascher Ueberbliek ergiebt, dass hierbei einheit
liche Gesichtspunkte für die ganze Ausstellung nicht walten
konnten. Wir finden in Berlin für diejenigen Werke, welche
man gewissermaassen als die eigentlich repräsentativen ant
bevorzugte Stellen gehängt hat, einen anderen Geschmack
maassgebend, wir schon andere Kunstbestrebungen augenblick
lich am Steuer, als z. B. in England und Frankreich. Die
eine höchst auffällige Thatsache aber ergiebt diese Ausstellung,
dass die eigentlich impressionistischen Schöpfungen last in allen
Ländern, wenn nicht verschwunden, so doch in eine,verschwindende
Minderheit gedrängt sind. Auch in deutschen Kunststädten,
wie München u. s. w., überwiegen die Werke der festeren
Hand und des forme» bewussteren Sehens. Eine Ausnahme
davon macht Berlin. Hier scheint das Impressionistische
gerade seinen .Sieg zu feiern und sich ein Denkmal errichtet zu
haben. Anderweit ist der Kampf bereits ausgesuchten; cs ist das
Schicksal Berlins, dass cs in Kunstsaclien immer seine Entwickelung
mehr in nachträglicher Weise genommen hat, —• wir reden vm>
der Malerei, nicht von der Plastik — und auch diesmal scheint
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