Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
Ueberfahren. Auf der Treptower Cliaussee wurde am
Mittwoch ein Kellner übergefahren, der sich in eifrigem Gespräch mit
einer Dame befand und dem Strassendamm den Rücken kehrte.
Die Räder gingen dem Kellner über die Oberschenkel. Der Ueber-
fahrene war indess im Stande, ohne weitere Beschwerlichkeit nach
Hause zu gehen.
Ein kleiner Brand entstand im Maschinenhaus von
Mertens & Cie. Mittwoch Abend und wurde von der Feuerwehr
rasch gelöscht.
a) In der Ausstellung.
Alle Vergnügungsstätten waren gestern fröhlich
belebt, auch sie standen gestern unter dem Zeichen der Sonne,
welche die architektonischen und künstlerischen Vorzüge, die
freudige Grundstimmung und die natürlichen Reize aller
der Orte, in denen die Freude und Lustigkeit zu Hause
sein soll, hoffnungsfroh beleuchtete. Die gestrige Stimmung in Alt-
Berlin passte so ganz und gar zu seiner gemüthlichen, an
heimelnden Architektur, sie zeigte, dass dieses hervorgezauberte
Stück Vergangenheit die Stätte sein wird, an der sich
ganz besonders unsere guten, bürgerlichen Kreise wohl fühlen
werden. Auf dem grossen Marktplatz fand das harmlos lustige
Treiben seinen Höhepunkt, in den vor den einzelnen Lokalen ange
bauten Vorgärten sass hier Jung und Alt, verzapfte hin und
wieder einen kleinen Ulk, und liess seine etwas niuth-
willige, aber stets gutmüthige Laune an den Seil-
Tänzern aus, die, wie in der alten Zeit, welche
auch gut gewesen sein soll, auf freiem Platze in spindlerbedürftigen
Tricots und nicht ganz hoftheatermässigen Postumen ihre Künste
zum Besten gaben, für diese zwar ein wenig zum Besten gehalten,
aber dafür desto reichlicher durch Silberlinge entschädigt wurden.
Gestern war Alt-Berlin zum ersten Male ganz echt, gestern
passten die Bilder, die von den Neu-Berlinern gestellt wurden,
ganz und gar in den künstlich antiken Rahmen hinein.
Im Lande der Sonne, in Kairo, woselbst an den düsteren,
regnerischen Tagen sich Tausende Wärme und Sonnenschein zu
suggeriren versuchten, ging es gestern seltsamer Weise weniger
lebhaft zu. Der blaue Himmel blickte auf ein von Europäern
entvölkertes Kairo nieder, es schien, als ob die Berliner
von ihrer Sonne sich an den heimischen Stätten wollten
beleuchten lassen; als jedoch die Schatten der Nacht die
Strahlen der Sonne verdrängt hatten, da wurde es in der egyptischen
Wunderstadt, die über ihre eigenen, elektrischen Abendsonnen verfügt,
lebendig, da begann auch hier ein lustiges, nicht ganz imorientalisches
Treiben, erhielt dieses seltsam schöne Städtebild sein buntes, fesselndes,
Lehen und Character in sich bergendes Colorit. Auch auf das
Leben zu Wasser übte die Sonne ihren Einfluss aus, die Marine-
Schauspiele konnten von offenem Deck aus bewundert werden
und die Gondoliere, die über sich einen venetianischen
Himmel ausgebreitet sahen, mit echten Fahrgästen herumgondeln
und wiederholt Versuche machen, den elektrischen Motor
booten ein Paroli zu bieten. Das Alpenpanorama mit
seiner echten und künstlerischen Natur, mit seinen zierlichen,
luftigen, kecken Bauten, deren eigenartigen Charakter erst ein
Stückchen freundlicher Himmel zur Geltung bringen kann, die
Stätte, in der Kunst und Natur sich geschwisterlich vereint haben,
lag gestern da wie ein anmuthender Ausschnitt aus einem
reizvollen Stück Gebirgsnatur. Unsere Kolonialschwärmer werden
ihre Freude gehabt haben an dem lebhaften Interesse, das man
der in ihrer naturalistischen Eigenart einzigen deutschen Kolonial-
Ausstellung entgegenbrachte und auch der Vergnügungs
park, der die Schauwunder des Occident und Orient in sich
birgt, empfing gestern den Beweis, dass er trotz alleden sich
durchringen und auf die breiten Massen eine grosse Anziehungs
kraft ausüben wird. Schippanowski, Hagenbeck, arabisches
Labyrinth und all’ die anderen grossen und kleinen Sehenswürdigkeiten,
die für den oberflächlichen Besucher nur unterhaltend, für den
aufmerksameren Beobachter jedoch auch belehrend sind, fanden ein
dankbares Publikum. Etwas, wie eine Hausse-Stimmung bemächtigte
sich gestern der zaghaften Vergnügungspächter, das bange Zagen
wich allmählich dem frohen Hoffen, und das hat mit ihren Strahlen
die leuchtende Sonne gethan. Alfred Holzbock.
V
Italien in Alt-Berlin. Auf dem Podium der »Rothen
Rose-, so heisst die gastliche Stätte, an der Italien in Alt-Berlin
zu Hause ist, sitzen, bunt und malerisch costümirt, sechs Damen,
ebenso viel Herren und ein Knabe. Guitarren, Mandolinen und
Tambourins erklingen zum lebhaften, lauten Gesänge, Soli und Chöre
wechseln ah, begleitet von leichten, graziösen Nationaltänzen.
Das Publikum ist ganz bei der Sache, Da erklingt draussen
Musik, der Festzug naht, die Vorstellung wird jäh unterbrochen,
Zuhörer und Künstler eilen hinaus, um den bunten Zug zu sehen.
Nachdem er passirt, füllt sich wieder der Raum. Die Kellner, in
hellbraunen Wamsen mit lichtblauer Verbrämung, blauen Kniehosen
und schwarzen Strümpfen angethan, walten wieder ihres Amtes.
Ein Italiener präsentirte ein langes, krummes, 'schwarzes Ding, eine
vaterländische Virginia; sie wurde angezündet und hatte für den Raucher
dank seiner kräftigen Constitution nur einen leichten Ohnmachtsanfall zur
Folge. Lustig geht es bei unseren Dreibundsgenossen in Alt-Berlin zu.
Das Publikum begleitet Spiel und; Gesang durch sanftes Taktschlagen
mit dem rechten Fuss und wiegende Körperbewegungen; von Zeit zu
Zeit kommt eine schöne, hin und wieder auch eine weniger schöne
Neapolitanerin in den Zuschauerraum und lässt sich ihr Tambourin
mit Silber- und Nickel-Münzen anfüllen. Pausen giebt cs bei den
sleissigen Künstlern fast garnicht; das Publikum wechselt rasch in
der »Rothen Rose«, es kommt und geht, denn Alt-Berlin will studirt
sein, und es giebt noch viel zu sehen und zu hören in den alter
tümlichen Bauten, in denen es an moderner Lustigkeit nicht fehlt
V
Das Bauern-Museum in Alt-Berlin. 0 Ihr glück
lichen Vorfahren, die Ihr diese Quelle des Humors, des unver
fälschten Witzes, der echten Berliner Natürlichkeit und Ursprüng
lichkeit Euer eigen nanntet! Wer einmal eine Stunde in diesen
Räumen verlebt, wer Kenntniss genommen hat von den Raritäten
und Sehenswürdigkeiten der darin befindlichen Sammlungen, wer
den Wirth dieser eigenartigsten Bierquelle, dieses unübertreffliche
Original aller Gastwirthe in und um Alt - und Neu - Berlin,
kennen gelernt hat, der wird zugehen müssen, dass die Gabe des
Humors noch nicht ausgestorben ist in unserer materiellen Zeit.
Das haben in diesen Tagen auch viele hervorragende Persönlich
keiten kennen gelernt, die in Alt-Berlin geweilt und nicht unterlassen
haben, in die »Katakomben desBauern-Museums« hinabzusteigen. Einer
der ersten hohen Gäste war der Oberpräsident von Westpreussen,
der frühere Minister Herr von Gossler. Zahlreiche hohe Ministerial-
beamte und Officierc, Gelehrte und Künstler gehören zu den täglichen
Gästen, ein Blick in das Fremdenbuch zeigt uns die Namen des
Grafen Schönborn, der Herren von Schleinitz, von Wedel],
von Bülow, des Herrn von Boetticher, des Sohnes des Vice-
Präsidenten des Staatsministeriums und vieler anderer Mitglieder der
hohen Aristokratie. Mit Allen verkehrt Herr Max Kaufmann, der
Begründer und Besitzer dieser Specialität der altberliner Bierhäuser,
in gemüthlichster Weise. Ehrbaren Gästen, die er noch nicht
kennt, überreicht er seine Visitenkarte, laut deren man den viel
seitigen Herrn kennen lernt als »Second Lieutenant im Branden
burgischen Kürassier-Regiment No. 6, Wirklichen vortragenden
Rath und Director des Berliner Bauern-Museums, ausserordentlichen
Professor der unentdeckten Wissenschaften, Verwahrer und Beschützer
der Katakomben, Ritter pp.« Vor jedem Eintretenden, den er mit
irgend einer verwandschaftlichen Bezeichnung, wie »lieber Neffe«,
»theurer Onkel«, »bester Schwager« oder — wenn cs eine Dame
ist — als »süsses Cousinchen«, »verehrte Frau Schwiegermama«
begrüsst, zieht er als galanter Wirth seinen breitrandigen »Wallen-
steiner«, aber andererseits wirft er auch eigenhändig Gäste hinaus,
um draussen mit gemüthlichem Lächeln und trcudeutschem Hände
druck die etwa falsch aufgefasste Gewohnheit wieder gut zu machen.
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